Lilos 24. Tag – Das Ende

Und wieder ist Mittwoch.. Traditionell die Abnahme des in der Vorwoche Erarbeiteten unter den strengen Blicken von Guan Shifu. Da so viele Leute heute gehen und gar nicht mehr an dem Vormittagstraining teilgenommen haben, hatte ich still gehofft, dass wir zur Feier des Tages und angesichts der Bruthitze vielleicht mal auf diese Maßnahme verzichten können. Aber nicht doch. Wie immer eröffnet Nat den Reigen, dann ruft Guan mich in den Ring. Diesmal sind es doch schon einige Bewegungen mehr als noch letzte Woche. Zu meiner eigenen Überraschung patze ich nicht, obwohl ich bei den extrem dynamischen Bewegungen ein paar Mal auf dem Gras rutsche. Beifälliges Nicken. Ist doch schon viel besser geworden – nur noch...es folgt eine Aufzählung von 8 oder 9 Punkten an denen ich unbedingt noch feilen muss. Dafür gibt es aber nur einen Stockschlag auf die Pfoten. Könnte schlimmer kommen. Allgemein ist der Meister heute äußerst milde gestimmt. Muss wohl das Wetter sein.

Nachdem ich mir einen ruhigen Nachmittag gegönnt habe, mache ich mich am Abend auf die Suche nach Gesellschaft. Die Akademie ist wie ausgestorben, die Gruppe der Älteren ist zu einer Vorführung nach Hunan abgereist und macht sich dort ein paar schöne Tage, wie mir berichtet wurde. Aber ich weiß ja, wo ich zuverlässig Leute finden kann. Bei den Händlerbuden am Zixiaogong ist eigentlich immer etwas los und auch heute höre ich schon von weitem Stimmen. Meine chinesischen Mitschüler feiern Abschied von Liu, einem sehr gepflegt auftretenden etwas älteren Herrn, der immerhin ein paar Brocken Englisch spricht und mit dem ich mich oft und gern unterhalte. Als ich um die Ecke biege, begrüßen sie mich freudig und laden mich in den Kreis ein. Nat und Igor sind auch da, so dass wieder einmal beste Voraussetzungen für fröhliche Missverständnisse sind. Ein besonderes persönliches Highlight, das mir den Abend versüßt, ist eine kurze Plauderei mit den Gastwirten. Sie wollen wissen, wie alt ich bin. Ich antworte wahrheitsgemäß, sie staunen, beide sind ein paar Jahre jünger als ich, sehen aber deutlich älter aus. Das ist mir schon mehrmals hier aufgefallen. Das Leben hier ist wirklich nicht leicht und das sieht man den Menschen auch an.
Da kommt Liu dazu und spricht mich an: da hätte es ein Missverständnis gegeben, die Leute hätten gesagt, ich wäre 44 und das könne ja wohl nicht sein. Dochdoch, bestätige ich, Neinnein insistiert er – triumphierend packe ich meinen Pass aus: da steht's! Liu kann es nicht fassen, behauptet, er habe mich auf zwischen 20 und 30 geschätzt. Da muss ich aber doch herzhaft lachen – Alter Charmeur! Aber gut tut es ja doch, mal nicht auf mein friedhofsblondes Haar angesprochen zu werden....

Am nächsten Tag mache ich mich noch ein letztes Mal auf zum Taizi Po, dem Tempel des Prinzen. Ich habe bei Aaron ein Gemälde gesehen, das mich begeistert hat und das möchte ich gerne kaufen. Annie, eine junge Chinesin, die vor ein paar Tagen zur Truppe gestoßen ist, und Michael begleiten mich. Ich finde das Bild tatsächlich und werde recht schnell handelseinig. Was natürlich bedeutet, dass ich wieder einmal zuviel bezahlt habe, dafür erwerbe ich den kostbaren Dao-Tee diesmal für 50 Yuan, ich glaube das ist bisher der niedrigste Preis, den ich bisher ausgehandelt habe. Bei der Rückkehr zur Akademie erwartet mich Guan bereits. Heute nachmittag 2 Stunden Einzelunterricht, weil ich heute Abend abreise. Prima. Genau das richtige bei dem Wetter.

Um 15.00 h treffen wir uns auf dem Hof. Die Luft kocht. Glücklicherweise erspart er mir das Aufwärmen, nur Vorführen. Ich laufe ein paarmal durch, dann geht es zur Sache – nun wird ziemlich schnell der kleine Unterschied zwischen der Einweisung von einem noch relativ unerfahrenen Junglehrer und einem Meister offenbar. Ich erkenne kaum etwas wieder von dem, was ich gelernt habe. So geschmeidig und kraftvoll kriegt Li Shifu das noch nicht hin. Von mir wollen wir gar nicht erst reden. Ich bewege Hände und Füße an der gleichen Stelle, das war es aber schon. Der Input, den Guan mir in der kurzen Zeit gibt, lässt mir fast den Schädel platzen. Er merkt mir meine Frustration an, lacht: bleib' nur immer mit dem Körper unten, nicht aus dem tiefen Stand hochkommen, achte auf die Haltung – der Rest wird schon. Wenn ermeint...Ich filme seine Bewegung sicherheitshalber ab, und hoffe, das ich das Gelernte zumindest soweit konservieren kann, dass Guan noch irgendetwas erkennt, wenn wir uns wieder sehen.

Nach dem Training führt Guan zwei neue Gäste zum Teetrinken ab, ich möchte verschwinden, um noch schnell zu duschen, gepackt habe ich auch noch nicht – nein, ich soll bitte den Tee zeremoniell für uns alle bereiten. Das ist zwar eine Ehre, aber erstens habe ich davon keine Ahnung und zweitens keine Zeit. Rührt natürlich niemand, geduldig weist Guan mich ein und als ich endlich den Gästen den Tee ordnungsgemäß eingeschenkt habe, entlässt er mich, als er meine Unruhe bemerkt. Nun passiert alles im Schweinsgalopp – Duschen, Essen, Packen, noch eine Extra-Kiste für Kraniche, die nach Wudang kommen, bereiten – es wird eine Punktlandung, als ich um 19.00 h unten in der Halle stehe um mich zu verabschieden. Fast alle sind da, sogar von den chinesischen Mitschülern. Ich bin gerührt. Li Shifu persönlich fährt mich zum Bahnhof. Als es mir endlich gelungen ist, ihn nach Hause zu schicken und nicht noch eine Stunde zu warten, bis mein Zug nach Wuhan kommt, habe ich viel Muße, mich gedanklich von diesem Ort zu trennen. Ich schaue mich um. Die Stadt putzt sich zwar wirklich heraus, allerdings ist der Bahnhof bei diesen Bemühungen irgendwie vergessen worden. Wenn man erwartungsvoll nach dem Anblick auf die recht gelungene Fassade nach innen kommt, trifft einen schon der Schlag. Alles wirkt dreckig und ungepflegt, obwohl das Gebäude sicher noch nicht alt ist. In der Wartehalle steht die Luft, es ist ziemlich viel los, offenkundig hat der Zug nach Beijing über eine Stunde Verspätung, was für ziemliches Murren sorgt. Das gibt es also auch hier.
Ich betrachte mir die Szene: selbstverständlich gibt es hier keine Klimaanlage, nur zwei Ventilatoren, von denen einer wegen Hoffnungslosigkeit bereits die Arbeit eingestellt hat, quirlen mühevoll die dampfige Luft durcheinander. Unter dem „Rauchen verboten“-Schild steht eine Gruppe leichtbekleideter Männer und qualmt genüsslich eine Kippe nach der anderen. Wie es hier Landessitte ist, haben sie ihre Oberbekleidung bis unter die Achseln nach oben gerollt. Oder die Hemden gleich ganz ausgezogen, um sich damit Luft zuzufächeln. Eine Gruppe hat sich zu einer gemütlichen Pokerpartie zusammengefunden, lautstark wird jedes Blatt von einer sie umringenden Menschenmasse kommentiert.
Irgendwann ist endlich der große Moment gekommen, an dem die verschlossenen Pforten zum Bahnsteig geöffnet werden, damit die Reisenden über den Schotter und die Gleise auf die andere Seite klettern können. Mit meinem schweren Rucksack ein echtes Vergnügen. Nun habe ich endlich mein Plätzchen im Schlafwagen gefunden, glücklicherweise sehr ruhige Mitreisende, die einfach nur Schlafen und nicht feiern wollen, so dass ich nun friedlich die letzten Zeilen meines Berichts schreiben kann.

Auf Wiedersehen Wudang Shan – Wo wei Wudang - 我为武当!

Lilos 23. Tag - Sparring

In freudiger Erwartung stehen wir in ordentlicher Tempelkleidung zum Abmarsch bereit. Rosalynn und ihr Mann Tom haben sich neue Kleidung schneidern lassen, als wir letzte Woche gemeinsam in der Stadt waren. Sie sind ganz stolz und wir machen alle eine Stoffprobe und lobende Bemerkungen. Tom, der Auslandschinese aus Amerika, der mittlerweile in Singapur lebt, allerdings darauf beharrt, in Malaysia zu wohnen, will immer wieder, dass ich den Preis schätze. Na gut, mein Tipp: 200 Kuai. Falsch – 130 hat der Anzug gekostet. Ob er nicht wunderschön ist? Ja, sehr, wenn man auf mustergewebte Pyjamas aus Kunstfaser steht. Ich persönlich schätze meine Baumwoll-Seiden-Tracht, zu der ich mir noch ein sommerleichtes kurzes Oberteil habe schneidern lassen, irgendwie doch mehr. Aber das sage ich ihm nicht.

Guan verkündet, dass wir heute in der Schule bleiben. Nach den üblichen leichten Warm-Ups, bei der wir – die Härtner-Truppe – uns doch gefälligst endlich mal ein bisschen schneller bewegen sollen, nicht mehr so schlapp wie gestern, werden wir zu den Schülern geschickt. Die haben aus Matten eine Begrenzung geschaffen, so dass in der Mitte ein rechteckiger freier Raum entstanden ist. Nun werden Boxhandschuhe ausgepackt. Und dann geht es los: Schluss mit bloßer Theorie, jetzt wird zugeschlagen. Und getreten! Alles, was wir so jeden Tag treiben wird jetzt praktisch eingesetzt. Und die Kids schenken sich nichts – da sieht man schon das Messer in den Augen der Kleinen, als sie aufeinander eindreschen, immer wieder unterbrochen von Guan, der Fehler in der Deckung sofort aufzeigt und sehr schön demonstriert, was passiert, wenn man falsch tritt. Obwohl er sich langsam bewegt und die Kinder bestimmt keine Lust haben, sich vor Publikum eine Blöße zu geben, liegen sie ganz schnell auf dem Boden. Und endlich lacht Guan mal wieder.

Dann kommt er zu unserer Gruppe – da hat doch bestimmt jemand Lust! Gottergeben erhebt sich einer der Chinesen, der schon seit über einem halben Jahr hier ist. Nach kurzer Zeit setzt er sich wieder und als die Nase nicht mehr blutet, spricht Guan Michael, den jungen Kanadier, der erst seit ein paar Tagen bei uns ist, an. Michael ist etwa Mitte 20, sein Körperbau und Muskeltonus, der jetzt, mit freiem Oberkörper, nicht zu übersehen ist, lassen darauf schließen, dass er die letzten Jahre...nun sagen wir mal – nicht untätig war. Sein Herausforderer ist einer der älteren Schüler. Ich kann mich daran erinnern, dass er im letzten September in die Akademie kam. Nun knallt es richtig. Michael ist dem Jungen nicht nur körperlich weit überlegen, es liegen auch mindestens 10 Jahre Lebens- und wohl auch Kampfsporterfahrung zwischen den beiden. Auch dieser Kampf ist schnell beendet. Allerdings hat auch Michael einige Spuren davon getragen und begibt sich nun zu den anderen, die auch mit Pflastern, Sälbchen, Eis und guten Worten versorgt werden müssen. Guan schaut nochmal in die Runde, kurz ruht sein Blick auf mir, er hält aber vorsichtshalber den Mund. Ich glaube, er traut mir mittlerweile jeden Blödsinn zu.

Am Abend findet dann die große Abschiedsfeier statt. Innerhalb von 2 Tagen werden 8 Leute die Akademie verlassen und geläutert in die Welt hinausziehen. Das ist natürlich Anlass für ein angemessenes Gelage. Wir tun uns also zusammen und laden alle Mitschüler, Lehrer und die Mädels von der Verwaltung, die uns in jeder Lebenslage so hilfreich beigestanden haben, ein. In einem Nebengebäude gibt des drei große runde Tische, an denen jeweils – wenn man etwas schiebt und drückt – über 10 Leute Platz finden. Damit wir ordentlich feiern können, hat Guan extra den Tagesplan umgestellt und uns Nachmittagstraining im Tempel verordnet. Nun haben wir uns das Abendessen redlich verdient und können auch Bier trinken. Der letzte Punkt war es wohl auch, weshalb von der ursprünglichen Planung eines gemeinsamen Mittagessens abgesehen wurde.

Die Feier beginnt, Köstlichkeiten werden aufgefahren, Schnaps wird gereicht und viele, viele rührselige Trinksprüche über Freundschaft, Familie – natürlich die in Wudang – der Geist Zhenwus, der über unser Training wacht und uns bisher vor größeren Verletzungen bewahrt hat, die Trauer des Abschiednehmens und die Freude des Wiedersehens ausgesprochen. Bevor wir uns nun alle heulend in den Armen liegen, beginnt einer der Mitschüler mit viel Herz eine chinesische Volksweise anzustimmen. Gelegentlich kippt die Stimme ein wenig, wahrscheinlich ist der Mann einfach zu Tränen gerührt. Nat rettet uns vor weiteren Rührseligkeiten indem er eine russische Volksweise anstimmt, wohl etwas schlüpfrigen Inhalts, wie ich Tatjanas Gesicht ablese. Nun wird es spaßig, Aaron, der Musiker holt seine E-Gitarre und erfreut uns mit ein paar selbst komponierten Weisen. Jeder verbrüdert sich nun mit jedem, und selbst die chinesischen Mitschüler, die bisher kaum ein Wort mit uns gewechselt haben, pressen sich mühevoll ein paar englische Sätze von den Lippen. Auch wir Ausländer geben unser Bestes für die Völkerverständigung, am Ende werden noch die E-Mail-Adressen ausgetauscht, damit unsere Gruppe sich nie mehr aus den Augen verliert. Wie üblich in China fällt gegen 21.00 h der Hammer, das Bier ist eh alle, beseelt machen wir uns in unsere Zimmer. Ein bisschen traurig vielleicht. Auch wenn wir manchmal unsere Last mit der Größe der Gruppe hatten – schön war's ja doch.

Ramona hat Jet-Lag ?

Jetzt bin ich gerade eine Woche wieder zu hause, angeblich braucht so ein Jet-lag ca. eine Woche. Es kommt darauf an:
Am zweiten Tag hab ich mich zum Einkaufen getraut, da war die Verzögerung wirklich deutlich spürbar. Ich stand vor den übervollen Regalen mit 15 Varianten einer Sorte und fragte mich, wer braucht das eigentlich und wozu und hatte deutliche verzögerung bei der Entscheidung. Zum Glück sehe ich das aber nicht nur als Jet-Lag Geschädigte so, sondern auch in der Welt zum Sonntag, war von prominenterer Seite eine ähnliche Bemerkung zu lesen.

Ja, es wird einem nicht wirklich leicht gemacht, hier wieder anzukommen. Tageszeitung lesen erscheint mir als ein gutes Mittel, mich mit den Belangen unseres alltäglichen Lebens auseinanderzusetzen: Louis Vouitton verklagt die Kleiderkammer des Deutschen Roten Kreuzes auf 150 000 € Schadenersatz. Einer der hurtigen Anwälte der Nobelfirma hat in einer der DRK Stellen zur Kleiderausgabe an Bedürftige in der Auslage eine Fälschung einer Tasche (für 3€) entdeckt... In Hanau ist die Sumpfschildkröte erfolgreich ausgewildert worden, die vom aussterben bedroht war.... Marienhof wird gesprengt, damit die Sendung einen Neustart planen kann.... Um 23.00h gibt es auf ARTE einen Film über die Mongolei... ???

Aber vielleicht bleibt ja auch immer etwas verändert nach so einer Reise. Vielleicht liegt in diesem „lag“ Abstand auch genau der Raum, der mit neuen Eindrücken, anderen Erfahrungen, verändertem Blickwinkel gefüllt sein kann. Die Wudang Berge bieten viele Möglichkeiten Neues zu entdecken, selbst wenn man schon wieder zu hause ist.

Lilos 22. Tag - Endspurt

Dieser Morgen beginnt fürchterlich, an frühmorgendliches Training ist zwar zu denken, ich weigere mich aber, aus dem Nest zu kriechen. Ich hatte an den Tagen zuvor schon mitleidig zu der Gruppe junger, gut trainierter Männer geschaut, die von Guan extrem getriezt wurden, fast so heftig wie die Kleinen. Richtig militärischer Drill. Furchtbar. Ich selbst habe mit der „Light-Gruppe“ meine Kicks geturnt und mich dabei auch ganz wohl gefühlt. Ihr ahnt schon, was nun kommt...kurz mit Nat geschwatzt, nicht aufgepasst als die Gruppen aufgestellt wurden und schwupps, stand ich mitten unter den Stählernen. Guan schaut mich ungläubig an „willst du da wirklich mitmachen“? „Klar!“ behaupte ich frech. Nun gut. Ich habe es so gewollt. Kicks, in schnellstem Tempo, und immer wieder angetrieben „Kuaikuaikuai“ - meine Bewegung stimmt nicht 100%ig, Guan lässt mich eine Reihe völlig allein laufen, schreit mich an, auf dem Rückweg sieht er mein Gesicht nicht, aber die Kumpels wissen nun, wie finstere Entschlossenheit aussieht.
Es kommt noch besser – nun holt sich Guan einen Stock. Fragt jeden einzelnen, ob es o.k. ist, wenn er ihn damit motiviert. Wie perfide! Wenn ich nein sage, bin ich draußen – ein letzter sehnsuchtsvoller Blick zur Soft-Gruppe, meine letzte Chance zu flüchten...vertan. Zur stur um aufzugeben gebe ich mein Einverständnis. Ist ja alles nur ein Spiel, er würde mich bestimmt nicht schlagen. Hoffe ich...

Ich tue Dinge – freiwillig! - für die ich meinen Lehrer früher im Sportunterricht für verrückt erklärt hätte. Dreißig Liegestütz auf den Fäusten, dann aus der Liegestütz aufspringen, zwanzig Mal, weil es so lustig ist, minutenlang aus der tiefen Reiterstellung Mabu Fauststöße – wir sind alle schweißgebadet, als Guan uns endlich eine kurze Pause machen lässt, bevor es an die Einzelformen geht. Ich habe sehr wohl registriert, dass er mir einiges hat durchgehen lassen, was er bei den Männern nicht so hingenommen hat. Aber ich habe auch seinen Respekt gesehen, dass ich tatsächlich im Rahmen meiner Möglichkeiten mitgehalten und nicht abgebrochen habe. Nat bemerkt dazu noch „die, die er mag, die quält er auch“. Das gibt mir Motivation.

Und heute morgen hat Guan mich gleich zu dieser Truppe geholt. Noch zwei Trainingstage. Ich werde es überleben.

Giafu Feng Biografie


Blogleser wissen mehr.
Gestern bekam ich von Gabriela und Flemming die Biografie von Giafu Feng geschenkt. Das Buch ist frisch erschienen im April diesen Jahres bei Amber Lotus Publishing. Die Autorin Carol Ann Wilson ist Giafu nie persönlich begegnet. Sie erbte von ihrer Schwester das Grundstück in den Ausläufern der Rocky Mountains in der Nähe von Colorado Springs, welches von 1977 bis zu Giafus Tod 1985 sein drittes Stillpoint war. Dort ist er auch begraben. Nachdem ich Giafu 1979 kennen gelernt hatte, war ich in den Wintern 81, 82 und 83 dort. In den Sommermonaten organisierte ich Seminare mit Giafu in Deutschland.
Giafu Feng war mein wichtigster Lehrer. Sein Taijiquan war katastrophal, aber das wusste ich damals noch nicht. Wer wusste damals schon, was gutes Taijiquan ist. Ich würde heute auch nicht sagen, dass er ein Taoist war. Er verkörperte aber auf geniale Weise die westliche Vorstellung von einem Taoisten. Auf diese Art hat er mir mächtig auf die Sprünge geholfen.
Nun kann ich dank Carol Ann Wilsons 13jähriger Recherche mehr erfahren über das Leben dieses aussergewöhnlichen Menschen. Das Buch ist nicht nur die Erzählung einer bemerkenswerten Biografie. Es führt uns lebendig geschrieben in kritische Phasen der chinesischen und der amerikanischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Giafu Feng wurde 1919 in Shanghai geboren. Das chinesische Kaiserreich war gerade seit sieben Jahren zu Ende und das Land befand sich in einem turbulenten Umbruch. Die Invasion der Japaner, Maos langer Marsch und die kommunistische Machtübernahme trieben den gerade 30jährigen in die USA. Dort durchlebte er im persönlichen Kontakt mit führenden Köpfen die Beatnik Ära, den Aufbruch der Gestalttherapie mit Fritz Perls am Esalen Institut und fand letztlich zurück zu seinen chinesischen Wurzeln. Seine Übersetzung des Tao Te King ist die in Amerika meistverkaufte Version des Laotse Klassikers, die auch in einer wunderbaren Übersetzung von Silvia Luetjohann bei Hugendubel auf Deutsch erschien.
Die Biografie erscheint gerade rechtzeitig, um sein Leben und sein Werk vor dem Vergessen zu bewahren.
Danke Carol Ann.
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Digital-is

statt wieder nach Maria Laach sind wir in den Rheingau gefahren. Der Rheingau, das ist ein Stück Toscana vor den Toren unserer schönen Stadt. Hier hatten sich schon einige der Mainzer Bischöfe Residenzen gebaut, das Kloster der Hildegard ist in Eibingen. Unser erstes Ziel war das Schloss Johannisberg.
Der Legende nach ist die Anlage des Weinbergs auf Karl den Großen zurückzuführen, der von seiner Pfalz in Ingelheim aus beobachtet haben soll, dass der Schnee auf dem Johannisberg als erstes schmolz. In der Tat hielt er sich mehrmals zur Zeit der Schneeschmelze in Ingelheim auf, und im Jahr 772 wurde eine Schenkung von Geisenheimer Ländereien an die Abtei Fulda beurkundet.
...
Um 1100 schenkte der Mainzer Erzbischof Ruthard ihn dem Mainzer Benediktinerkloster Sankt Alban, das dort eine neue Mönchsgemeinschaft einrichten sollte.
(Wikipedia)
Das Schloss liegt, wie auch die Stadt Mainz, auf dem 50 Breitengrad. Dieser gilt als die nördliche Grenze qualitativen Weinanbaus.
Wir sind dann etwas weitergefahren und haben einen ausgiebigen Waldspaziergang unternommen.
Nach einigen hundert Metern gefielen uns vereinzelt stehende Fingerhüte. Nach und nach wurden es immer größere Gruppen, die am Wegesrand standen. Letztlich blieben wir zum picknicken auf einer Lichtung, die von diesen Blumen übersät war.
Der Fingerhut heißt auf botanisch Digitalis, in unserem Falle die verbreitete Sorte purpurea. Die in den Pflanzen enthaltenen Digitalisglykoside werden therapeutisch zur symptomatischen Therapie der Herzinsuffizienz eingesetzt. Wir fanden die Umgebung eines Herzmittels passend, auch wenn es in hohen Dosen toxisch wirkt. Wir haben's überlebt.
Nur fragte ich mich, was es mit der Digitalisierung zu tun hat.
Der botanische Name leitet sich ab von lat. digitus für „Finger“. Mit den Fingern wird gezählt, und ein Digitalsignal überträgt eine Information, zum Beispiel eine Zahlenkolonne, die die Information mathematisch beschreibt. Damit kommt man heute schnell weit rum. Dennoch find ich die Blumen schöner.

Lilos 21. Tag – Alles in bester Ordnung

Der Morgen beginnt wie üblich mit entspanntem Individualtraining gegen 6 Uhr, für die Kleinen natürlich ganz normal Härte. Die Prüfungen, die gestern begonnen haben, werden wohl weitergeführt. Ist wohl bald Zeugnisausgabe..Muss mich mal erkundigen, was es damit so auf sich hat. Am frühen Morgen ist auf jeden Fall sprinten angesagt. Ich übe lieber Taiji-Schritte. So kann ich sehr schön beobachten, wie Meister Zhong und sein neues Ziehkind eine Lehrstunde abhalten.
Damit der Kleine besser vom Born seines Wissens schlürfen kann, muss Zhong sich ziemlich zusammenfalten, so dass die beiden auf Augenhöhe sind. Sehr putzig. Wieder macht sich der Junge mit ernster Miene eifrig daran, umzusetzen was der Meister ihm beibringt. Die Szene trifft auf mein größtes Interesse, was natürlich auch Zhong mitkriegt. Ich soll gefälligst auf meine Hände schauen, damit die ordentlich kreisen. Ich finde, das tun sie auch ohne dass ich hingucke, aber wenn er meint...aber aus den Augenwinkeln den beiden zuschauen – das geht schon.

Beim Morgentraining ist Guan wieder aufgetaucht. Er hat uns immer noch nicht verziehen, dass wir uns über die Umstände beklagt haben. Zur Strafe, dass wir erst um 8.30 h erschienen sind und nicht um 8.20 h, gehen wir heute nicht in den Tempel. Und wer künftig nicht pünktlich erscheint, wird nicht mitgenommen. Da heute wieder Touristentag ist, kann ich den Verbleib in der Schule gut verschmerzen. Allerding ist auch das ständige Posen immer eine willkommene kleine Pause, bei der Guan ausnahmsweise mal nicht nörgelt, weil es ja dem Ruhm der Schule dient. Schwamm drüber. In der Schule ermogele ich mir meine Pausen nun immer damit, dass ich mit wichtiger Miene zu meinem Notizbuch gehe unter dem Vorwand, die Anmerkungen meines Lehrers akribisch zu notieren. Und das mache ich mittlerweile wirklich, langsam ist der Input nämlich ganz gewaltig. Kaum zu glauben, was es zu dem bisschen Rumhüpfen alles zu sagen gibt.


Für kleine Gehässigkeiten wird man ja gerne mal von einer höheren Macht bestraft, manchmal hat man aber einfach Glück. Als ich mich nach dem Training vor der sengenden Mittagshitze gerade in mein Zimmer geflüchtet hatte, klopft es. Lyssa und die Pflaume stehen vor der Tür. Stubenkontrolle. Ob alles auch schön ordentlich und sauber ist. Lyssa kommt herein, auch die Pflaume würde gerne, was Lyssa aber erfolgreich unterbindet, schließlich ist das ein Frauenzimmer! Ein kurzer Blick – alles in Ordnung – Weitermachen. Obwohl das eigentlich ein starkes Stück ist, bin ich erleichtert, dass ich gestern kurz durchgewischt und die ganzen Insektenleichen in meinem Zimmer entfernt habe. Das Fliegengitter dient wohl nur einem besseren Gefühl, ich habe ständig irgendwelche Brummer und Falter hier, die ihr kurzes aber enervierendes Leben in meinen vier Wänden aushauchen. Ekelhaft, wenn man ständig mit nackten Füßen auf Panzer tritt. Schon deshalb sorge ich hier für ein Minimum an Sauberkeit. Was wohl passiert wäre, wenn mein Raum nicht vor den gestrengen Blicken stand gehalten hätten?

Lilos20. Tag – Meine Tage sind gezählt

Meine letzte Woche hat nun unleugbar begonnen. Es ist höchste Zeit, mich um die Heimreise zu kümmern. Das bedeutet zunächst einmal, mir ein Hotel in Wuhan, von wo aus ich am Samstag morgen nach Beijing zur Weiterreise nach Frankfurt fliegen will, zu besorgen. Dieses Procedere ist wieder einmal ein Lehrstück chinesischer Gründlichkeit. Ich finde ein passendes Hotel – wie passend, werde ich natürlich erst bei meiner Ankunft feststellen – und reserviere. Hierzu muss ich meine Kreditkartennummer angeben. Das ist nicht ungewöhnlich, auch wenn ich es nicht mag. Zur Sicherheit wird auch noch eine zweite E-Mail-Adresse erbeten, damit auch ja keine der kostbaren folgenden Informationen verloren geht. Nach einer Stunde habe ich die erste E-Mail: man bestätigt, dass ich um eine Reservierung gebeten habe. Das ist schön. Am folgenden Tage erhalte ich die hilfreiche Information, dass man sich mit meinem Kreditkarteninstitut in Verbindung gesetzt hat. Reserviert ist noch nix. Einen Tag später teilt man mir mit, dass noch keine Antwort vorläge. Irgendwann bekomme ich Nachricht, dass mein Kreditkarteninstitut bestätigt, dass Deckung besteht. Ich bin beruhigt. Wir sprechen immerhin von 23 EUR für die Übernachtung. Nun wird man sich mit dem Hotel ins Benehmen setzen um zu klären, ob ein Zimmer frei ist. Es bleibt spannend. Gestern nun die erlösende Botschaft: ja, man kann mir die Reservierung bestätigen. Und ich habe keinen Sekt zum feiern...

Heute kam der erste „friendly reminder“ - ich möge doch bitte nicht vergessen, dass ich von Freitag auf Samstag ein Zimmer in Wuhan gebucht habe. Das Ganze – wie auch der restliche Schriftwechsel – natürlich in doppelter Ausfertigung, für jede E-Mail-Adresse ein Exemplar. Eine leise Stimme sagt mir, wenn ich am Freitag an der Rezeption stehe, werde ich in große Augen blicken „Zimmer? Wir haben kein Zimmer für Sie!“.

Nachdem gestern das Training unter verschärften Bedingen auf dem Schulhof stattfand, durften wir heute wieder in den Tempel. Guan war nicht dabei, was eher ungewöhnlich ist. Er wird eher selten rausgelassen. Nun wird ihn Zhong ersetzen, wie er mit einem Augenzwinkern sagt. Na, das ist doch eine gute Aussicht. Meister Zhong ist ein hervorragender Lehrer, seine Korrekturen sitzen auf dem Punkt, auch wenn man vielleicht nicht immer alles mit einer solchen Klarheit um die Ohren gehauen bekommen möchte. Er hat die landesübliche Reibeisenstimme, kommt wahrscheinlich vom vielen Herumbrüllen. Einem Hobby, dem er gern und oft nachgeht. Man kann aber auch viel mit ihm Lachen und ich habe arbeite gern mit ihm. Auch wenn man als Schüler immer etwas weiche Knie hat, wenn er zur Vorführung kommandiert.

Der Unterricht ist mittlerweile sehr klar strukturiert, jede Lerngruppe hat ihren Lehrer, jeder übt seine Formen und wird auch korrigiert. Und Zhong läuft als Libero zwischendurch und pickt sich einzelne Schäfchen heraus. Nicht immer angenehm, aber auf jeden Fall hilfreich.

Am Abend konnten wir ein neues, wirklich niedliches kleines Schäfchen begrüßen: ein kleiner Mann, etwa 8 Jahre alt, ist neu zur Truppe der Schüler hinzugestoßen. Er ist schon sehr gut trainiert, wurde offensichtlich aufgrund seines Talents in diese Kaderschmiede geschickt. Meister Zhong hat ihn persönlich abgeholt, wie ich beobachten konnte. Heute Abend nun das erste Training mit der Gruppe. Er wirkt etwas verloren. Zu allem Überfluss hat ihn seine Mutti in Trainingkleidung in grellem Pink gesteckt. Ein echter Hingucker. Zhong beginnt, den Kleinen einzunorden. Lässt ihn mit uns – den ganz Großen (aber ziemlich Langsamen) die Kicks laufen. So zum Eingewöhnen. Bastelt ständig an ihm herum, korrigiert hier und da, der Kleine ist völlig eingeschüchtert und den Tränen nah. Obwohl Zhong für seine Verhältnisse richtig zärtlich mit ihm umgeht. Ein kleiner Junge aus der Schülergruppe, nicht viel älter, schaut hin, lächelt ihm ermutigend zu. Erinnert sich wohl an seinen ersten Tag. In der Pause kümmert sich wirklich jeder der Lehrer um den Jungen. Weil er so niedlich ist, wird er entsprechend getätschelt und zwangsgeknuddelt – wir sind auch ganz hin und weg. Irgendwann unterliegt er dieser Charmeoffensive – ein erstes Lächeln. Geht doch!

Nach der Pause beginnt eine Prüfung für die Schüler. Statt zu üben, schaue ich lieber zu und mache mir so meine Gedanken. Diese Kinder, die wirklich eine harte Schule hinter sich haben, körperlich und geistig höchste Ansprüche erfüllen müssen, ständig geprüft werden – was kann diese jungen Leute eigentlich noch schrecken? Das echte Leben vielleicht...
Ich weiß es nicht und es wäre anmaßend, unsere Maßstäbe anzusetzen. Das Leben hier ist ein völlig anderes, jeder Versuch einer Wertung kann nur scheitern.
Als der neue Junge vorführt, schaut dann wirklich jeder zu. Er hat sich für eine „Betrunkenen-Bewegung“ mit Stock entschieden. Diesen Kleinen zu sehen, wir er mit ernster Miene in der Form so tut, als würde er ein Glas Schnaps kippen – das haut uns fast um. Und so erhält er nach seinem Vortrag – was eher unüblich ist – richtig großen Applaus. Von allen.

Lilos 19.Tag Neue Saiten

Die freundliche Zusammenkunft am Mittwoch hat offensichtlich tiefen Eindruck hinterlassen. Heute morgen werden wir zum Training von einer großen Runde erwartet. Der Verwaltungschef Herr Liu, verstärkt von Lyssa als Übersetzerin, Meister Zhong, unsere Lehrer, der Chef de Cuisine sowie – drei „Seniorstudents“ aus der Vorführungstruppe – Song, Li 2 und Zao. Herr Liu hält eine längere ausführliche Ansprache, aus der Lyssa als wesentliche Punkte übersetzt, dass nun die drei jungen Herren beim Unterricht unterstützen und außerdem jeder herzlich eingeladen ist, den Küchenchef in sein Reich zu begleiten um sich selbst von der dortigen Sauberkeit zu überzeugen. Ich glaube, das möchte ich bitte nicht, ich habe bisher alles bestens vertragen – mehr muss ich nicht wissen. Herr Liu bedankt sich artig für die vielen Hinweise, die er bekommen hat und will sich um möglichst rasche Umsetzung bemühen. Schließlich ist ja das Ziel, die Akademie zur besten Schule weit und breit zu machen.

Das Training beginnt. Man merkt sofort: ein ganz neuer Ton! Bei den Kicks erfolgt nicht nur eine schlaffe Ansage, sondern eine ausführliche Erklärung der Bewegung, viele Korrekturen und auch viele, viele Wiederholungen. Dass Guan richtig sauer ist, merkt man spätestens als er Nat, der kurz mit Igor schwätzt, lautstark anpfeift. Hier wird trainiert! Lachen könnt ihr in der Pause. Hier herrscht jetzt Disziplin! Und überhaupt – gerade Reihen, volle Konzentration, kein Rumspielen. Danach unterteilt er die Großgruppe eine Leistungsgruppen, ich darf mit den großen Jungs spielen, die sich auch an den schnellen Bewegungen versuchen. Jeder bekommt eine Aufgabe aus seiner Form, und diese laufen wir nun. Immer und immer wieder.

Zhong stellt sich vor mich: Vormachen. Kritischer Blick. Gestern Abend hatten wir noch kurz gechattet. Segnung oder Fluch? Früher hätte man sich vielleicht auf eine Tasse Tee zum Plaudern getroffen. Andererseits kann ich kaum mit ihm reden. Per Computer klappt die Kommunikation ganz gut. Dumm nur, dass es schon 22.00 h war und ich eigentlich hätte schlafen sollen. So hätte Guan ohne weiteres sehen können, dass ich noch online bin – Sch....Technik – wer muss da noch auf dem Gang patroullieren, ob jemand noch sein Licht an hat? So wie Guan im Moment drauf ist, hätte das mindestens eine dumme Bemerkung gegeben. Und ihm zu sagen, dass sein Chef mich animiert hat, wäre auch irgendwie blöd...

Sei's drum – er hatte gestern angekündigt, mich zu korrigieren und das tut er jetzt auch. Er lässt mich 20, 30 mal wiederholen, besonders die Sache mit dem bösen Blick kriege ich nicht hin, muss immer lachen. Zhong macht vor – Mann, kann der Mann funkeln! Ich muss noch mehr lachen, er mit – so wird das nichts. Nach vielen Bemühungen meckert er zumindest nicht mehr ganz so wortreich. Gut, nächste Bewegung. Was bin ich so froh, heute nicht in Guans Nähe zu trainieren...

nur was für Kinder


vor den Toren der alten Stadt liegt der Windmühlenhügel. Auf alten Stichen ist mitunter die Mühle zu sehen. Sie steht dann sehr einsam neben der Zitadelle, die ja erst 1660 errichtet wurde. Zur Franzosenzeit (1792 - 1814) wollte der Beamte Monsieur André aus reiner Liebhaberei eine Windmühle bauen und ließ dafür Geld sammeln. So kam Mainz zu der Mühle nahe der Zitadelle. Heute hat man dort einen hölzernen Turm errichtet. Auf quadratischem Grundmaß konisch nach oben zusammenlaufend, von Windmühlenflügeln gekrönt. Zwischen den senkrechten Bohlen ist ausreichend Platz zur Durchsicht. Innen sind versetzt zueinander halbe Etagen, mit einer senkrechten Leiter verbunden. Darauf kann man fast bis zur Spitze hochklettern. Von dort führt eine geschwungene Röhre als Rutsche wieder nach unten. An einem schönen der letzten Abende bin ich dort hochgestiegen, in der Hoffnung auf eine berauschende Sicht über die Stadt. Aber die umstehenden Bäume sind gleich hoch und versperren den Blick. Auf die enge Röhre habe ich auch verzichtet. Beim Abstieg dachte ich mir, dass wohl keiner meiner gleichaltrigen Freunde jemals dort oben war und auch nicht auf die Idee käme, es zu tun. Als ich dann unten das Bild machte, kam eine junge Familie. Die Kinder, die eilig das Gebäude erkletternd, wünschten sich den Vater dazu, der aber anmerkte, das sei nur was für Kinder.

Ramonas Rückreise

Mit dem Bus zu fahren, kann ich auf jeden Fall empfehlen, es ist wirklich die einfachste, bequemste und schnellste Verbindung irgendwohin. So entsprechend den "Greyhounds" in USA ( ;0)) geht es vom Zielpunkt zum Zielpunkt direkt und ohne Umwege und Stops und was man dabei vielleicht so noch erleben kann:

Von der Akademie gegen 14.00h bis zum Flughafen in 2,5 Stunden ! Wie das geht? Na ganz einfach:

Vom Berg durch das große Tor, an den Bussen vorbei - und der schönen neuen Station, wo man je jetzt Tickets für den Bus nach oben kaufen muss... weiter Richtung Stadt. In der Kurve beginnt die Diskussion im Daomobil. Nicht dass ich irgendetwas verstanden hätte, aber offensichtlich weiss der Fahrer nicht, wo er mich rauswerfen soll und Lyssa auch nicht so recht... also wird mal angehalten und am Wegrand jemand gefragt, der da rumsitzt. (Keine Busse, oder so etwas wir eine Station weit und breit). Plötzlich geht alles ganz schnell: Es kommt ein grauer Bus um die Kurve, der wird angehalten. Kurze Diskussion und mein Koffer wird reinverfrachtet. ich soll da einsteigen und dem Fahrer 50 Kuai geben - sei so ausgemacht - die (Busfahrer/ Kassierer) helfen mir dann auch ein Taxi zum Flughafen zu finden....
ok. Ich springe auf, der Koffer wird einfach in den Gang abgestellt (niemnad im Bus hat Gepäck) und ich setze mich auf den freuen Platz hinter dem Fahrer, 50 kuai - vorsichtshalber abgezählt an den Cashier. Uff. Soweit so gut. Ich sitze in einem Bus, den ich alleine niemals gefunden hätte und der mich wahrscheinlich auch niemals mitgenommen hätte und wenn für welchen Preis auch immer. Nicht das ich aus dem zahlreichen Schriftzeichen auf der Frontscheibe irgendetwas von "Xiangfan" oder so erkennen könnte - bin gespannt. Es geht gleich rechts ab auf die Autobahn und an einem Schild vorbei "Xiangfan 108 km. Super zumindest die Richtung stimmt und ich lehne mich entspannt für die nächsten 108 km zurück. Der Busfahrer blinzelt müde auf die total leere Autobahn.
Der Kassierer legt die Beine hoch und alle im Bus dösen, gute Idee, aber der Busfahrer will sich wohl wachhalten und legt für den kleinen Videobildschirm einen Film ein. Der Terminator 3 - natürlich auf Chinesisch und in original Kinolaustärke. Wow - den hatte ich im Kino irgendwie verpasst... welch eine Gelegenheit. Der Busfahrer bleibt jetzt auch wach und guckt Video (zum Glück ist die Autobahn leer und es geht ja stur gheradeaus). Ich bleibe auch wach und versuche mich an die Lautstärke zu gewöhnen - das Dao nehmen wie es kommt ;0)

Pünktlich zum Ende des Termiators fahren wir an einem Schild Xiangfan / Henan und noch was vorbei. Geradeaus geht die Autobahn sogar zum Flughafen Xiangfan, aber wir biegen ab Richtung Stadt. Der Verkehr wird etwas mehr, große Lastwagen und ich bin froh, dass der Film dem Ende zugeht; denn der Busfahrer fährt vorsichtshalber immer auf der Mitte der Strasse... In der Stadt bringt der Kassierer den Busfahrer vor rotem Ampeln sogar zum halten. Ich schaue, ob ich irgendetwas wiedererkenne...die Spannung wächst, wie es weitergeht. Der Kassierer fragt mich nochmal, ob ich zum fei ji chang will... Plötzlich hält der Bus an einer riesigen Kreuzung und wieder geht alles ganz schnell: Mein Koffer wird raus auf die Strasse, von schrägt gegenüber dreht ein (dunkelrotes) Taxi auf Kreuzung, hält schräg vor dem Bus und es heisst, der bringt mich zum Flughafen.

Wow! Wie der Busfahrer mit dem Taxi Kontakt aufgenommen hat, bleibt mir unbegreiflich! Aber der Taxifahrer ist supernett, packt mich mit Koffer und Rucksack auf die Rückbank und meint: "Fei Ji Chang wu shi kuai" ja supie, logisch! Dann erzählt der Fahrer munter weiter und ich muss ihn enttäuschen, dass ich nur yi dianr shuo..., aber er gibt keine Ruhe, bis er wenigstens weiss, dass ich aus Deguoland komme. Innerhalb einer halben Stunde bringt er mich von der Kreuzung - fast immer gerade aus, dann links ab zum Flughafen, dann erkenne ich die Strasse auch wieder.

16.35h am Flughafen. Hen Kuai de, xiexie versuche ich mich beim Taxifahrer noch zu bedanken und bezahle. Soweit alles super, aber die Herausforderung kommt jetzt: Flughafen (Tür immerhin geöffnet ! ) aber gähnende Leere, kein Mensch weit und breit. Das der Sonne zugewendete Glasgebäude ist schön aufgeheizt. Ich nutze die ruhige Zeit, um ohne bedenken um mein Gepäck ein Örtchen aufzusuchen. Ich suche mir einen Platz in der Halle und jetzt wird mir ganz schnell klar - hier ist noch keinerlei Klima angeschaltet und so ca. 60°, alle Sitzgelegenheiten sind an der Glascheibe in der Sonne, selbst das Restaurant hat noch zu. Zurück zum klimatisierten Klo, will ich aus diversen Gründen dann auch nicht, also Sauna. Innerhalb kürzester Zeit bin ich völlig verschwitzt und denke mir, das sich das vom Training doch noch besser anfühlt...

Ersten nach 17.00h kommen die ersten Bediensteten und schalten die Klimageräte ein.... und ich habe noch bis 21.40h Zeit zum Lesen und die wenigen Leute zu beobachten, die kommen und gehen. Zwei Flüge sind vor mir dran und wenn ich die Menschen so beobachte, die hier in Badeschlappen und Unterhemd oder high heels mit Seidentop herumlaufen, komme ich mir in meiner "Treckingausrüstung" ganz komisch vor - und vor allem viel zu warm, aber abwarten, wenn die Klima dann mal greift, werdet ihr alle ganz schön frieren ;0)

Alles weitere geht genauso reibungslos. leider wieder bei Nacht auf dem tollen neuen Flughafen, aber mit dieser Anbindung kaum nennenswerte Wartezeiten und ich lande pünktlich in Frankfurt.

Ramona ist zurück

Try to get back to usual... but realize its not happen yet. Friends and family asking me „hey, was it nice (na, wars schön)?“ get’s not a clear answer, like „yeah...somehow (eigentlich schon...)“. Most of them are happy with that, a few ask further. But how to answer such a question? Yes, the mountains were beautiful, the Scenerie, the fullmoon was magnific, the Flowers amazing,...
sunrise and sunset always bright, the mists growing out of the valley….

But training was very intensive, climate quite demanding, housing much nicer than expected, a room by myself luxury pure, meals quite tasty, the various students from all over the world very interesting to meet, the group of students nearly too big,...

teachers quite tough, standards somehow narrow, our dinner in the restaurant a nice adventure, steps just too many, the temple like being home, and the traveltime Wudang Shan – Frankfurt is not long enough (!) to change from one world to another. But who will know about this ?

Lilos 18. Tag – Alles im Nebel

Heute ist unser freier Tag. Traditionell d i e Gelegenheit, die Umgebung erkunden, mal andere Tempel zu besichtigen, den Kunst- und Teemarkt abzuklopfen, einfach mal ein wenig Abstand zum Trainingsalltag zu gewinnen. Wobei unsere Lehrer es natürlich viel lieber sähen, wir würden die kostbare Zeit zum „Selftraining“ nutzen.
Ich werfe am Morgen einen Blick aus dem Fenster. Nichts zu sehen. Gar nichts. Wir sitzen mal wieder in einer fetten Wolkendecke, die Sonne ist noch nicht einmal zu erahnen. Ich entschließe mich, heute einfach mal einen Faulenzertag einzulegen. Mal wieder ein bisschen zu lesen und vielleicht sogar einen der 15 Filme, die ich mir mitgebracht habe, weil ich ja zu Hause nicht zum Kucken komme, anzuschauen...

Als ich kurz aus dem Zimmer gehe um meine Wäsche aufzuhängen, begegnet mir der verbliebene Deutsche. Er berichtet mir von einem kurzfristig einberufenen Meeting,, das gestern Abend stattgefunden habe. Da ich selten zu Abend esse, weil ich sonst bei der kurzen Pause einfach nicht mehr trainieren kann, habe ich von alledem nichts mitbekommen. Offensichtlich ging die Initiative für die Krisensitzung von unseren chinesischen Mitschülern aus. Diese haben sich angeblich beklagt, dass die Lehrer sich viel mehr um die Ausländer kümmern. Umgekehrt hat sich genau der gegenteilige Eindruck erhärtet. Höchste Zeit also für ein paar klärende Worte. Tatsache ist einfach: zuviele Schüler – zu wenige Lehrer! Und weil man gerade so nett beisammen gesessen hat, kamen dann auch noch ein paar andere Themen zur Klärung auf den Tisch wie zum Beispiel die für uns doch sehr ungewohnten hygienischen Bedingungen in der Küche. Der Verwaltungschef hörte sich die Klagen wohl zwar überrascht aber auch betroffen und geduldig an und gelobte Besserung. Schade, dass ich nicht dabei war.

Tatsache ist, dass die Erwachsenabteilung vor nicht allzulanger Zeit aus einer handvoll Leuten bestand, die von Guan bestens betreut wurden. Dann wurde sehr viel in Erneuerungen und Werbung investiert und zur allseitigen Überraschung führte dies dazu, dass tatsächlich mehr Schüler kommen und unterrichtet werden wollen. Diese Schüler wurden natürlich alle freudig willkommen geheißen, allerdings hat man wohl nicht bedacht, dass mehr Schüler auch mehr Betreuungsbedarf bedeuten. Auch wenn Li und Pan Shifu sich sehr viel Mühe geben – sie sind beide noch sehr jung und stehen noch ganz am Anfang ihrer Lehrerkarriere. Es ist erstaunlich, wie gut gerade Pan Yi Ming seit meinem letzten Besuch Englisch gelernt hat, trotzdem können die beiden noch lange nicht mit Guan mithalten. Hoffentlich erkennt die Leitung der Akademie die Zeichen der Zeit und investiert in die Ausbildung ihrer Lehrer. Es wäre sehr schade, wenn Schüler enttäuscht abreisen, weil der Lehrstoff nicht in der erwarteten Qualität vermittelt werden kann. Uns wurde gesagt, dass nun noch ein paar „Seniorstudents“ abkommandiert werden sollen, uns zu unterrichten. Ich bin schon sehr gespannt. Es sind ein paar hervorragende junge Leute darunter, die zwar kein Wort Englisch sprechen, aber dennoch sehr gut vermitteln können, was sie meinen. Im Notfall reicht ja auch ein „Yes“ oder „No“. So hat es jedenfalls letztes Jahr mit Zhang Zen funktioniert und wir hatten viel Spaß. Und ich habe viel gelernt.

Lilos 17. Tag – Motivationsstunde

Und wieder ist Mittwoch, der Tag, an dem wir unser Können voller Stolz unseren Lehrern und Mitschülern präsentieren dürfen. Nach der desaströsen Vorstellung der letzten Woche kann es eigentlich nur besser werden. Wieder macht Nat den Anfang und setzt damit den Standard. Diesmal eine lange Schwertform. Leises Stöhnen. Da können wir nicht mithalten. Die Haltung ist zwar etwas verbesserungswürdig, aber allein sich diese lange komplizierte Abfolge ohne zu Stocken merken zu können – der Mann macht bestimmt zu Hause nichts anderes. Dann geht es mit der Qualität der Vorführung gewaltig abwärts: Jiben Quan, vorgestellt von den Klassenclowns. Wir sind zwar etwas besser als letzte Woche, stellen uns aber trotzdem erwartungsvoll sofort nach der Präsentation rückseitig vor Guan, um unseren Schlag auf den Hintern zu kassieren. Unsere Erwartung wird nicht enttäuscht. Lynn erhält gleich zwei Schläge, weil sie wieder einmal ein Stück der Form vergessen hat. Wir anderen nur einen für schlampige Ausführung. Nun werden die langen Formen einzeln vorgeführt. Und damit die anderen sehen, wie es eigentlich wirklich aussehen sollte, werden ein paar Schüler hinzubeordert. Die zeigen dann anschließend, wie es richtig geht. Das motiviert. Dann zeigt ein junger Schüler Xuan Gong Quan, meine Form. Ich schaue ehrfürchtig zu. Da habe ich doch noch einiges vor...ich kann nicht glauben, als Guan mich danach auffordert, das Gelernte zu demonstrieren – alle fünf Bewegungen? Da lohnt sich doch das Aufstehen kaum! Doch, doch, Guan meint es ernst. Nach 10 Sekunden bin ich fertig. Der Weg ist das Ziel.

Der Nachmittag gehört uns und so machen wir uns mit ein paar Leuten auf, die Stadt zu erobern. Wir sollen diesmal Laoyin nicht verlassen, in der nächstegelegenen größeren Stadt Shiyan gibt es erste Fälle der Schweinepest. Wenn wir unbedingt dort hin müssen, sollen wir bitte Mundschutz tragen. Ich betrachte diese Maßnahme etwas skeptisch, ähnlich sinnvoll wie seinerzeit das Tragen von Pestmasken. Da muss der Glaube an die Wirksamkeit schon sehr stark sein. Gut, wir verzichten auf einen längeren Ausflug und zeigen unserem neuen Schützling, Michael aus Kanada, der heute eingetroffen ist, die Stadt. Gemeinsam üben wir das Geld ziehen vom Automaten ein und gehen nach dieser anstrengenden Tätigkeit erst einmal gemütlich essen. Gemütlichkeit hat hierzulande allerdings einen etwas anderen Stellenwert und die Stimmung in einem Restaurant weicht auch deutlich von dem ab, was wir so aus Europa kennen. Hektik und Gebrüll, lautstarke Diskussionen, aber auch köstliche Essensgerüche, die durch das saalartige Lokal ziehen. Es gelingt uns, eine Vielzahl von Leckereien zu bestellen und wir genießen die Abwechselung von der gewohnen Schulküche. Dazu noch ein paar kühle Biere – das Glück ist perfekt.

Auch wenn Laoyin sich in den letzten Jahren sehr gewandelt hat – von einem häßlichen, dreckigen Provinznest in eine mehr oder weniger ansprechende Touristenstadt im Aufbau – es bleibt bei einer kleinen Stadt mit ein, zwei Einkaufsstraßen, kleinen Märkten, bei denen man nicht allzu geruchsempfindlich sein sollte und einem Supermarkt mit überschaubaren Angeboten. Kneipen oder gar Cafés gibt es hier natürlich gar nicht, das hat man nur in den wirklich großen Städten. Wenn man sich nur einmal hinsetzen und etwas trinken möchte, kann man sich eigentlich nur in einen Teeladen begeben und dort Tee verkosten. Wenn sich hier eh so viel verändert, würde ich doch sehr für ein Abstellen dieses Mangels plädieren. Ich würde sogar bei Starbucks einkehren, obwohl ich das dort hergestellte Gebräu verabscheue.
Und so kennt Michael nach einer Stunde alles, was er über diese Stadt wissen muss, hat sich schon mit einigen Vorräten eingedeckt und wir treten wieder die Rückreise in die Berge an.

Schinderhannes und die LBS

Geht man vom Rosengarten aus, auf gleicher Höhe bleibend Richtung Favorite, also in östliche und dann südöstliche Richtung, so kommt man zum Vogelhaus. An dieser Stelle soll am 21. November 1803 der Schinderhannes mit 19 seiner Kumpane hingerichtet worden sein. An dieser Stelle könnte auch schön das Diethelm Duo spielen, vielleicht ein paar Takte im Gedenken an den romantisierten Räuberhauptmann, um dann langsam den Schatten folgend das Lichtspiel auf den Blättern der nahen Büsche zu untermalen und um sich letztlich hinauf zu schwingen in das Geäst der alten Bäume, die Strahlen der untergehenden Sonne einzufangen.
Stattdessen hören wir deren Musik im Foyer der LBS. Nicht das dadurch die Musik schlechter würde, aber es ist ein Aquarium, zu viel Glas bis zum Boden an der Straßenseite. Mach ich die Augen auf, dann verfolge ich unbewusst das Ein- und Ausparken später Stadtbesucher, muss lächeln, wenn ein Botenfahrer seinen Strafzettel achtlos von der Scheibe klaubt und zu Boden fallen lässt, möchte ihn dem in die frei gewordene Lücke schnittig einparkenden CLK wieder anbappen. Oder ich schaue in die Runde und wundere mich, welche Leute sich heutzutage solchen "Kammermusikalischen Jazz" anhören.
Nee, die Musik ist zu schön, um sie an solch einem Platz zu hören, aber besser als garnicht.

Lilos 16. Tag – Endlich mal was Neues

Li Shifu fordert mich zum Vorturnen auf, kritischer Blick an manchen Stellen, aber er lässt es mir so durchgehen. Er bedeutet mir, dass es nun endlich Zeit wird, eine richtige Form zu lernen. Wie, ich dachte, das hätte ich bereits? Achwas, das war doch nur Vorgeplänkel, quasi die Ouvertüre, nein, ans echte Lernen geht es jetzt erst. Ich hatte doch irgendwann mal gesagt, ich wollte 玄功拳 – Xuan Gong Quan – lernen. Wollte ich? Wirklich? - Ich erinnere mich ganz düster an eine Menge wunderschöner und sehr, sehr langer Formen, die mir am Anfang zwecks Auswahl vorgestellt wurden. Das war also meine Wahl gewesen. Gut, dann los. Nun bin ich allein, keine Gruppe mehr, an der ich mich orientieren kann, jetzt bin ich auf mein eigenes Gedächtnis angewiesen. Li Shifu führt dreimal vor, ich hinterher. Jetzt üben-üben-üben. Fängt auf jeden Fall mal sehr schön an, tolle Bewegungen, sehr dynamisch. Ganz wichtig: immer böse kucken dabei! Damit der Gegner vor Angst zittert. Und nicht vor Lachen umkommt.

Als ich kurz eine Pause mache, kommt Guan Shifu vorbei. Will mein Jiben Quan sehen. Wenn Li meine Bewegung durchwinkt, heißt das ja noch lange nicht, dass sie auch für Guan in Ordnung ist. Immerhin erteilt er mir Dispens von den ganz tiefen Ständen, nachdem er mir gestern fast 20 Minuten das linke Knie poliert hat, weil ich Schmerzen hatte. Und ich soll bitte langsam springen...Ich meine mich zu erinnern, dass ich darum gebeten hatte, eine Form mit wenig Tiefstand und Sprüngen zu lernen. Ich glaube, hätte ich den Wunsch geäußert, über Dächer fliegen zu lernen, so wie man's in den hübschen bunten Kung-Fu-Filmen sieht, wäre dies mit dem selben Interesse zur Kenntnis genommen worden. Letztlich entscheidet der Lehrer, was jetzt gut und richtig ist. Aber immerhin: reden kann man ja mal.

Ich führe nun also vor, direkt folgen einige grundsätzliche Korrekturen an Handhaltungen, die mir nicht nur Li, sondern auch Meister Zhong genau so ausdrücklich eingebläut hatten. Nun hat jeder Lehrer so seine Spezialitäten, von denen er auch kein Jota abweicht. Als Schüler sitzt man da ziemlich in der Zwickmühle, man kann halt schlecht eine Korrektur ablehnen mit dem Hinweis „aber Meister Chingchangchung hat mir das ganz anders gezeigt!“. Das macht man nur einmal. Es ist auch nicht so, dass der ranghöhere Meister den Niederen sticht, nach dem Motto „ein Zhong macht mehr als Li und Guan zusammen“. Es bleibt einem als Schüler also nichts anderes übrig, als sich zu merken, welcher Lehrer es wie gerne hätte. Wenn man gerade am Einlernen ist, eine ganz einfache Sache...

In einer kurzen Pause spricht Rosalyn aus Singapur mich an. Was ich denn da für einen Tee trinke. Ich erkläre ihr, dass ich mir den kleinen Luxus gönne, den kostbaren Dao-Tee morgens für das Training aufzubrühen. Das interessiert sie. Ich erzähle ihr von den hiesigen Spezialitäten, auch von dem extrem bitteren Ganlu-Tee, nach dessen Genuss alles süß schmeckt. Sie freut sich, denn nun hat sie endlich eine Idee für Mitbringsel. Dann schaut sie kritisch auf mein ortsübliches Plastik-Teegefäß. So geht das aber nicht. Sie hebt an, mir zu erklären, wie man Tee ordnungsgemäß zubereitet – besonders so kostbaren. Ich versuche, sie zu unterbrechen, Teezeremonien habe ich nun schon wirklich genug erlebt. Sie ist aber nicht zu bremsen, auch auf meine Bemerkung, dass ich immer der Meinung war, dass das Zubereiten, Transportieren und Teetrinken aus Plastikeimern hier Kulturgut sei, weil es doch alle machen, zieht nicht. Also höre ich mir den Vortrag an, bedanke mich für die Lehre. Und werde morgen meinen Tee wieder genauso zubereiten.

Rosengarten

Von rosengarten
Gegen Osten, wo der Albansberg zum Rhein hin abfällt, gegenüber der Mainmündung, liegt der Stadtpark. Die Anlage im Stil eines englischen Landschaftsparks wurde um 1820 entworfen. Früher stand an dieser Stelle das Mainzer Lustschloss Favorite, woran ein im Park gelegenes Hotel erinnert. Die Neue Anlage von 1820 verwilderte. Erst 1888 gaben die Gebrüder Siesmayer, die zuvor auch den Frankfurter Palmengarten gestalteten, dem Park sein jetziges Gesicht. Ein schönes Gesicht. Sie pflanzten inzwischen riesige, einige seltene Bäume, Baumgruppen, dazwischen viel Rasen.
Unten, vor dem Hotel Favorite, welches in einem kürzlichen Erweiterungsbau die ehemaligen Tropenhäuser eingesackt hat, versucht sich ein Stadtgärtner allerdings jährlich in neuer Geometrie. Ganz grässliche Beete werden dort mit Stiefmütterchen und Begonien hergerichtet und teuer liebevoll gepflegt.
Dennoch ist dort mein Platz für das morgentliche Training (bei trockenem Wetter) An dem Geländer zu den Bahngleisen kann ich mit Blick auf den Rhein wunderbar dehnen und die geplättete Fläche, um die Uhrzeit unbelebt, eignet sich hervorragend zum zöhkeln, zum Qigong, Taiji und Bagua.

Mit meinen Gruppen während der Sommerakademie gehe ich allerdings weiter oben in den Rosengarten. Die Anlage ist natürlich auch sehr spießig, aber ehrlich gesagt habe ich noch keinen schöneren Rosengarten gesehen. Gerade jetzt, wo alles, aber auch alles blüht, ist es eine Pracht, eine Wonne. Ja gerade jetzt, wo die ersten Blüten abwelken, finde ich den Garten besonders schön. Vor den Beeten auf dem Boden sind kleine Metallschildchen befestigt mit den Namen der Sorten. Abgesehen von" Iberischen Feuerwerk" oder "Flammendem Herz" sind auch viele Namen Prominenter vertreten, denen die Züchter ihre Referenz erweisen wollten. Von Heinz Erhardt über Maria Callas bis Helmut Kohl. Keine wünschenswerte Form der Wiedergeburt.

Lilos15. Tag – Erster Abschied

Heute fährt Ramona nach Hause. Etwas Wehmut macht sich breit, als wir ein letztes Mal gemeinsam zum Zixiaogong zuckeln. Sie wäre sehr gerne länger geblieben, aber zu Hause rufen die Pflichten. Sie hat sich dieses mal „nur“ korrigieren lassen, etwas neidisch betrachte ich die seitenlangen ordentlichen Notizen, die sie sich gemacht hat. Ich bin da eher schlampig, schreibe mir bestenfalls ein paar Bewegungen, die mir gut gefallen haben, auf, damit ich sie zu Hause ins Training einbauen kann. Im Tempel erhält Ramona nach dem Training wie es hier so üblich ist ihr „Zeugnis“, auf dem vermerkt ist, was den Lehrern aufgefallen ist und woran sie arbeiten soll. Oder besser: welche Fehler sie beim nächsten Mal nicht mehr sehen wollen. Nur noch neue Fehler. Nach der Zeugnisübergabe folgt das traditionelle Abschiedsfoto mit der ganzen Klasse, zur Feier des Tages darf Ramona in einer Reihe mit den Lehrern stehen. Bei so viel Ehre lässt man es doch gerne durchgehen, dass niemand in der Lage ist, ihren Namen auch nur halbwegs richtig auszusprechen. Da hätte man bei der Taufe doch etwas mehr auf weltweite Aussprechlichkeit achten sollen...Mann, habe ich da Glück gehabt. Mein Name wurde von einem chinesischen Freund übersetzt mit den Silben für Li=Schönheit und Lu=Morgentau. Chinesen sind immer sehr angetan von der Umsetzung, mögen meinen Namen auch irgendwie und sprechen ihn sehr gern und oft aus. Am liebsten in Kommandoton auf dem Kasernenhof. Pardon: Schulhof. Meist, wenn ich mal nicht brav war.

Nun bin ich also allein. Ganz allein. Bis auf Tony, Tom, Roseanna, Aaron, Lynn, Tatjana, Suzanna, Leo, Xiaolong, Koulai, undundund....es wird schon irgenwie gehen.

Lilos 14. Tag – Touristenfutter

Unter der Woche herrscht in „unserem“ Tempel Zixiaogong normalerweise himmlische Ruhe, nur selten verirrt sich der eine oder andere Ausflügler dort hin. Die Mönche und Nonnen gehen friedlich ihren Verrichtungen nach, während wir im Hof herumtoben. Natürlich erst, nachdem wir Zhenwu offiziell mit einem Kotau begrüßt haben. Das gehört dazu.

Heute allerdings brummte es wieder einmal wie in einem Bienenschwarm: Offensichtlich machte eine größere Firma ihre Klassenfahrt, jedenfalls ergoss sich plötzlich ein Menschenschwall von über 100 Leuten, alle – Männlein und Weiblein – in ein rosa Polo-Shirt mit Firmenaufschrift gewandet, über den Tempel. Megaphone ertönen, so dass wir das Gemecker des Shifu kaum noch hören konnten.

Eine Weile hält die Meute ehrfürchtig Abstand zu uns Trainierenden, bis der erste bierbäuchige und mit Bermudas, passend zu den weißen Socken in Slippern, gekleidete Genosse sich direkt neben mich stellt, um meine Bewegungen zu imitieren. Ganz schön anstrengend, stellt er schnell fest. Und zur Belohnung, dass er das so schön gemacht hat, hat er sich doch ein Foto mit der germanischen Walküre verdient, nicht wahr? Als das erste Foto im Kasten sitzt, bricht auf einmal ein Damm: plötzlich wollen sie alle mit mir fotografiert werden, besonders die jungen Damen, halten stolz das „Victory“-Zeichen in die Kamera und lassen es sich nicht nehmen, mich zu umarmen, nassgeschwitzt und verklebt wie ich bin. Keine Gnade. Erst als wirklich jeder sein Bild mit mir gemacht hat, zieht die Meute wieder von dannen und ich kann weiter trainieren. Über die schadenfrohen Kommentare meiner geschätzten Mitschüler brauche ich kein Wort zu verlieren. Aber wartet's nur ab – ihr kommt alle dran! Neuer Sonntag – neues Opfer!

Es ist so dampfig heute, dass schwer zu entscheiden ist, ob wir vom Schweiß nass sind oder eher vom Kondenswasser. Jedenfalls träumen wir alle von einer kleinen Runde schwimmen in einem abgelegenen Waldsee vielleicht...ich kann kaum schwimmen und tue es höchst ungern – wenn also sogar ich mich solchen Träumen hingebe, sagt das einiges aus. Ersatzweise plündern wir die Kühltruhe von unserer Lieblingsverkäuferin Frau Qu, die bereitwilligst ihre Eisvorräte zur Verfügung stellt. Über solche Kleinigkeiten wie „Unterbrechen der Kühlkette“ macht sich hier kein Mensch Gedanken, wir am allerwenigsten. Ich vertrage hier eigentlich alles. Außer dem Essen im Tianlu-Hotel. Auf dem Rückweg zur Akademie sehe ich den Koch meines Herzens, er lacht mich an und winkt mir mit einem Fisch zu. Macht er bestimmt auch sehr lecker. Wenn die Viecher nur nicht immer so furchtbar viele Gräten hätten, käme ich schon in Versuchung.

Maria Laach

ist nicht die kölsche Aufforderung an eine Maria, zu lachen, wie der alte Kalauer erzählt, sondern eine wunderschön gelegene Benediktiner-Abtei am Laacher See. Der ist ein vollgelaufener Krater, ein Maar, in der Vulkaneifel. "Der Vulkanismus der Eifel begann vor 50 Millionen Jahren im Tertiär und hielt bis in die geologische Gegenwart an. Er schuf zahlreiche landschaftsbestimmende Vulkanbauten, Lavaströme und ausgedehnte Decken vulkanischer Auswurfsmassen aus Tuff und Bims, die schon seit der Römerzeit die Grundlage einer bedeutenden Abbautätigkeit zur Gewinnung von Baustoffen bilden." (Wikipedia) Jedenfalls gibt es dort jetzt keine Magma spuckenden Berge. Letzte Auswürfe vor ca. 13.000 Jahren. Dennoch wirbt die Region mit dem Titel "Vulkanpark" und zeigt auf einigen Hinweisschildern auch stilisierte, Steine schleudernden Krater. Ich stelle mir vor, wie enttäuschend die liebliche Landschaft für amerikanische oder chinesische Touristen sein muss, die auf ihrem Europe in ten days Trip sich diese Attraktion nicht entgehen lassen wollten.
Nun, die Kathedrale steht prächtig im Stil Rheinischer Romanik am Ufer des Maares, die benachbarten Weiden dienen als Parkplätze, zumindest sonntags und adipöse Wochenendler stieben in klobigen Wanderschuhen im Eilschritt über den Rundweg, die meisten wohl kaum die volle Strecke von 12,3 km. Wir haben uns auch lieber für eine Stunde mit dem Ruderboot auf dem Wasser treiben lassen.
Das machen wir nochmal an einem Wochentag, wenn nicht soviel los ist. Dann besichtigen wir vielleicht auch noch die Kirche. Aber das muss nicht sein. Es gibt eine hübsche Sage um das Kloster, es handelt sich um eine Lilie als Symbol der Keuschheit, aber auch des bevorstehenden Todes. Damit hatte ein Mönch aus heutigen Tagen weniger zu tun.
Auf dem Rückweg sehr schön eingekehrt in Boppard, direkt am Rhein gesessen im Shanghai Garden.

Lilos 13. Tag - Das Training

Ich bin gefragt worden, wie es kommt, dass ich nach nun fast 2 Wochen immer noch über Muskelkater jammere. Deshalb möchte ich kurz vorstellen, wie hier so das Training abläuft: gegen 6.00 h beginnt der Tag mit stehender Meditation und/oder Taiji-Training. Noch ohne Unterricht, man kann hingehen oder auch nicht, das bleibt jedem selbst überlassen. Von 8.30 h - 10.30 h ist das erste Training mit Lehrern. Da man um die Uhrzeit ja noch frisch und aufnahmefähig ist, beginnen nach kurzem Lauf die Kräftigungs- und Koordinationsübungen. Das bedeutet zunächst Kicks in allen möglichen Variationen, danach Liegestütz, dann können noch spezielle Kraftübungen folgen. Nach einer kurzen Pause wird dann die Gruppe getrennt und jeder übt - einzeln oder in Kleingruppen - an seiner gewählten “Baustelle”. Es werden neue Bewegungen gezeigt und selbständig eingeübt, dann später vom Lehrer korrigiert. Am Nachmittag findet wegen der Hitze kein “echtes” Training statt, es wird etwas gedehnt und dann meditiert. Diese Einheit dauert etwa 1,5 Stunden. Erst am Abend kommt dann die nächste Trainingseinheit, häufig wieder Konditions- und Krafttraining, aber auch Qigong und Taiji. Zum Abschluß - etwa eine Stunde lang - wird das am morgen Gelernte wiederholt und geübt.

Dieser Ablauf mag eintönig klingen, tatsächlich sind die Übungen selbst sehr abwechselungsreich und konzentrieren sich auf unterschiedliche Körperteile. Und so kommt es, dass die Muskulatur nie einseitig gefordert wird, sondern stets ein neuer Bereich gefordert wird. Und das spürt man auch am nächsten Tag. Wenn man dann noch den freien Tag dazu nutzt, kilometerweise Treppen zu laufen, dann braucht man sich nicht darüber zu wundern, dass man wirklich an jedem Tag Spaß an einem neuen schmerzenden Glied hat.

Die Mittagshitze auf dem Berg ist mittlerweile so groß, dass schon der Gedanke an eine sitzende Meditation im muffigen “Ballsaal” den Schweiß auf die Stirn treibt. Guan überrascht uns deshalb mit einem - wie er meint - kühlenden “Kranich-Qigong”. Der Weg bis zur einigermaßen brauchbaren Umsetzung der wirklich sehr schönen Bewegungen ist allerdings steinig und wie immer schweißtreibend, aber alles ist besser als im Sitzen im eigenen Saft zu schmoren. Als wir den Ablauf gerade mehr oder weniger begriffen haben, ordert uns Guan schnell auf den Hof: es sind Gäste vom Hotel angekommen, der rote Teppich wurde auf den Hof aufgerollt und eine kleine Vorführung wurde arrangiert. Und wir dürfen - oder besser: sollen - zuschauen. Hie und da entdecken wir bei der Vorführung Formen, die wir auch gerade lernen. Sehen halt ein bisschen anders aus. Eine Spur geschmeidiger vielleicht. Aber der Weg ist ja bekanntlich das Ziel.

Nach der Vorführung lädt Guan Ramona, die Japaner Yunko und Tomo und mich zum Tee ein. Dann folgt eine längere Einführung in seines Sicht des Lebens und des Daoismus. Sehr interessant, aber wie so oft ist die Fülle der Informationen so groß, dass ich später noch mal mit Ramona zum Brainstorming ansetzen muss, um die Gedanken noch mal zu ordnen. Außer der Erkenntnis “Geld macht nicht glücklich” ist leider nicht viel hängen geblieben. Ob Guans Arbeitgeber wohl all’ seine Ansichten teilen?

St. Alban


Die Goldgrube liegt auf dem Albansberg. Das wäre auch eine schöne Bezeichnung für dieses Stadtviertel, aber man nennt es verwaltungstechnisch schlicht Oberstadt. Diese hier meinte F.J. Degenhardt seinerzeit in seinem Schmuddelkinderlied.
Die Erhebung südlich der Stadt Mainz wurde nach dem Stift benannt, welches aus einem Benediktiner-Kloster hervorging. Es wurde von Karl dem Großen zu Ehren von St. Alban und zur Ruhestätte Karls vierter Frau Fastrada erbaut. Von dem Stift ist heute nichts mehr erhalten. Man hatte einmal dort, wo es wohl mal war, in die Bürgersteige und den Straßenbelag kleine weiße Pflastersteine als Markierung des Grundrisses eingelegt. Diese sind inzwischen, sofern überhaupt noch vorhanden, nach Verlegung von Kabeln und Kanälen wirr und wild verteilt wieder eingesetzt worden. Schade.
Der heilige Alban wurde um 406 von den Vandalen enthauptet. Dies sei geschehen im alten Gaadefeld (Gartenfeld), der heutigen Neustadt. Von dort soll er, mit seinem Kopf unterm Arm, bis zum Albansberg gelaufen sein, wo er begraben werden wollte. Das wären ca. 3 Kilometer, eine beachtliche Leistung.
Die Geschichte liegt schon weit zurück, ist aber doch historisch anerkannt - nicht der kopflose 3 km Lauf, aber Albans Existenz - und hätte zu einem attraktiven Brauchtum führen können - dem Albanslauf, bei dem die Teilnehmer mit verbundenen Augen und einem (Kohl)Kopf unter dem Arm die Strecke zurücklegen. Hat aber nicht.

Ich krieg die Krise

war ein ziemlich negativer Beitrag, deswegen gelöscht.

Lilos 12.Tag - The Torture Never Stops

Nach der Treppentour gestern möchte ich heute morgen eigentlich lieber gar nicht aufstehen. Der Hunger treibt mich dann aber doch aus dem Bett. Im Speiseraum begegnet mir Ramona, sieht auch nicht wirklich besser aus als ich. Schweigend verzehren wir unseren lecker Reisbrei, den ich mir heute mit einer Extraportion Schokoladencreme versüße. Die Vorfreude auf das bevorstehende Training lastet schwer auf uns. Wir schleichen mit ramponierten Beinen Richtung Tempel. Das wird nicht lustig.
Auf die Frage, ob wir uns am Wochenende gut erholt hätten, knurre ich nur kurz. Um Mitleid zu erhaschen, sind wir hier definitiv am falschen Ort. Beim Springen, das ich aus Sicherheitsgründen nur andeute, fragt Li Shifu, ob ich mich verletzt hätte. Ja, habe ich. Er nimmt’s zur Kenntnis - und weiter im Programm. Den Anpfiff von Meister Zhong vor ein paar Tagen hat er sich wohl zu Herzen genommen, jedenfalls gibt’s heute keine neue Bewegung sondern Arbeit am Detail. Die schlampig dahin gehuddelte Drehung sollen wir gefälligst ordentlich ausarbeiten. Wieder und wieder. Und aus der Hocke in einen hohen Spanntritt. Und Haltung. Nach etwa 50 Wiederholungen sind meine Beine so erschöpft, dass gar kein Raum mehr für sonstige Schmerzen ist. Ist ja auch was wert. Am Ende des Trainings schlurfe ich die Treppen des Tempels herunter - Tatsache: die Knieschmerzen sind weg. So einfach ist es manchmal.

Am Nachmittag ist wie üblich Meditation angesetzt. Finde ich mittlerweile gar nicht so schlecht, so kann ich in der schlimmsten Mittagshitze auf der Matte rumgammeln, keiner scheucht mich, wenn ich fertig meditiert habe stehe ich einfach auf, alles völlig stressfrei. Heute hat Guan ein Überraschung für uns. Wir bleiben nicht im stickigen Ballsaal sondern raus, auf die Terrasse. Da steht ein großer Baum in einem Bottich, da will er hin. Kritischer Blick in die Runde. Ganz schön viele sind wir mittlerweile. Da es aber einige Meditationsflüchtlinge gibt, sind wir im Moment nur 21 Leute, die beschäftigt werden wollen. Guan fängt an Dreiergruppen zu bilden. Vier dieser Gruppen werden um den Baum herum platziert. Die restlichen drei Gruppen bilden eine Reihe vor dem Baum. Guan hat sich auch genau überlegt, wen er zu wem stellt. Mysteriös. Nun sollen wir unsere Hände nach vorne öffnen, so dass wir Verbindung mit den anderen beiden der Gruppe aufnehmen. Etwas unbequem das Ganze, geht aber. In dieser Haltung stehen wir nun eine halbe Stunde. Ich spüre hin und wieder, das Guan vorbeikommt und seine Hände in den Kreis, den wir gebildet haben, führt. Qi-Räuber!

Als das Ganze aufgelöst wird, fragt Guan nach unseren Erfahrungen. Ja, war wirklich sehr interessant, man hat sehr deutlich gespürt, wie am Anfang Energie geflossen ist und am Ende die Konzentration bei meinen beiden Mitstreitern doch ziemlich deutlich nachgelassen hat. Nun will ich aber doch wissen, was es mit dieser merkwürdigen Aufstellung auf sich hat. Guan erklärt, das wir hier die sieben Sterne abgebildet haben. Aha. Nun will ich auch noch wissen, nach welchen Kriterien er die Leute zusammengewürfelt hat. Da lächelt er: “it’s a secret!” Und das wird es wohl auch bleiben.

Lilos 11. Tag - One Step beyond!

Am heutigen Wudang-Sonntag wollen wir versuchen, einen Ausflug zu einem nahegelegenen See in der Nähe von Laoyin zu machen. Nach unseren Erfahrungen gestern wollen wir zunächst das hiesige Personal dazu befragen. Unglücklicherweise bewacht heute Grace das Klassenbuch, indem wir einzutragen haben, wann wir wohin gehen und wann wir voraussichtlich zurückkehren. Wenn nichts dazwischen kommt. Grace ist…lieb. Wir erklären ihr, was wir vorhaben und fragen sie, wie wir am besten hinkommen. Grace hört mit großen Augen zu. Der See ist wirklich riesig, man kann ihn von Bergen aus sehen. Wirklich jeder kennt ihn. Alle außer Grace. Wir bedanken uns für das Gespräch und machen uns auf den Weg in die Stadt. Dort sollte es uns eigentlich gelingen, irgendjemand zu befragen, einen Dreiradfahrer dazuzubringen, uns hinzufahren - wie auch immer.

Mit dem Bus am Taizi Po angekommen, wollen wir in den Bus in die Stadt einsteigen. Wie immer ist nicht so ganz klar, welchen wir da zu nehmen haben. Da sehen wir in einem Bus bekannte Gesichter: Tony aus Australien, Xiaolong, Suzanna und ihr Mann Salvatore aus Spanien. Sie winken uns, wir laufen zum Bus. Es stellt sich heraus, dass sie gar nicht in die Stadt fahren, sondern zum “Golden Top”, dem höchsten Gipfel mit einer sehr beeindruckenden Tempelanlage. Da wollten wir zwar eigentlich nicht hin, aber wir sitzen gerade so nett und beschließen kurzfristig, mitzufahren. Life is what happens while you are making other plans - und da hatte John Lennon wirklich recht. Bisher kennen wir den Tianzhu nämlich hauptsächlich wolkenverhangen, verregnet, kalt - aber heute sieht es richtig gut aus!

Auf 1600 Metern weht ein lauer Wind, sehr angenehm. Es haben sich heute kaum Touristen hierhin verirrt, so dass wir nicht nur ausgiebig besichtigen können, sondern auch Gelegenheit haben, vor dieser wunderbaren Kulisse alberne Posen einzunehmen. Mit einer Haltung, für die uns unsere Lehrer ins Genick hauen würden, lassen wir uns in martialischen Stellungen fotografieren “Wo wei Wudang!” - “Ich für Wudang!” Das ist der Schlachtruf, mit dem die Kleinen jeden Morgen den Tag begrüßen. Und mich, weil ich direkt über dem Hof schlafe. Heute werden wir Eins.

Den Rückweg nehmen Ramona und ich zu Fuß, der Rest der Gruppe schwächelt und zieht den Abstieg per Seilbahn vor. Leider hatte ich völlig verdrängt, dass die fast 10 Kilometer nach Nanyan fast ausschließlich über Treppen zurückzulegen sind. Und da Brücken wohl zu teuer waren, läuft man ständig treppauf-treppab, so dass man sich bald wie in einem Bild von Escher fühlt. Was sich auch wiederholt, sind die Gurkenverkäuferinnen, die uns hinter jedem Tor, das wir durchqueren, auflauern. Ich warte schon darauf, sichere nach links und rechts während ich die kniehohe Schwelle überschreite: wo steht sie diesmal. Und täglich grüßt das Murmeltier.

Ziemlich angeschlagen kommen wir schließlich in der Akademie an, mein Knie sind geschwollen, ich darf gar nicht an das morgige Training denken. Ich schleppe mich mit letzter Kraft die Treppe hoch, will nur noch ausruhen und die Knie kühlen. Trotz des wunderbaren Ausfluges bin ich mehr als kaputt. Da begegnet mir Tomo-San auf dem Flur “please wait!” Er kramt in seiner Tasche, findet das Gesuchte, strahlt und überreicht mir ein paar wundervolle Hello-Kitty-Haarklippse. Hat er in der Stadt gefunden und an mich gedacht. Ich bin gerührt. Japaner.

Das schaffe ich nie ...

Du Bist Kurz Davor, Dinge Zu Lernen,
Die Die Meisten Männer Niemals
Über Frauen Wissen Werden...


wenn ich schon zu schüchtern bin, diese Seite zu öffnen.

Lilos 10. Tag - Das Wochenende muss verdient werden!

Bevor wir gnädig ins Wochenende entlassen werden, steht uns noch eine kleine Aufgabe bevor. Schon im letzten Jahr hatte Guan angefangen, jeden Mittwoch alle Schüler vorzeigen zu lassen, was sie im Laufe der vergangenen Woche gelernt haben. In der Akademie werden ständig neue Ideen zur Qualitätssicherung ent- und häufig wieder verworfen, was an sich gesehen ja nichts schlechtes ist. Nur auf diese Prüfung hätte ich gerne verzichten mögen, aber Guan steht drauf und so erfährt diese Maßnahme im Gegensatz zu anderen schon eine gewisse Nachhaltigkeit.

Also setzen wir uns voller Vorfreude auf die freie Zeit in die pralle Sonne, mit Schreibzeug bewaffnet um uns anzuschauen und später zu kritisieren, was unsere Mitschüler so darbieten. Nat macht den Anfang mit einer sehr langen und ziemlich komplizierten Faustform., der Yin-Yang-Faust. Läuft sie ohne Hänger durch. Sehr ordentlich. Da gibt es nichts zu meckern. Zumindest nicht von unserer Seite. Natürlich hat Guan auch hier die eine oder andere kleine Anmerkung, aber der ist ja auch der Chef. Danach ruft Guan auf: “Jiben Quan”! Das sind wir. Neben Xiaolong und dem Bewegungswunder Igor wird Lynn noch mit dazu gestellt. Lynn ist hoch beweglich, sehr schnell, flink wie ein Gummiball. Allerdings auch mit einer vergleichbaren Konzentrationsfähigkeit ausgestattet. Schon nach kurzer Zeit verhaspelt sie sich in der Bewegung, das Gefüge gerät völlig auseinander, wie Welpen tollen wir umeinander herum. Auweia, das gibt Mecker. Ich verschwinde schnell auf meinen Platz, Guan rollt seine Schreibunterlage zusammen und gibt Lynn eins auf den Hintern. Sie jault. Dafür gibt’s gleich noch eine. Glücklicherweise sitze ich schon.
Leider muss ich noch mal ran, als die 28iger Taiji-Form gelaufen wird. Guan hat sich mittlerweile ein brauchbareres Züchtigungsinstrument besorgt, nun bekommt jeder einen kräftigen Schlag mit einer Pratze auf das Körperteil, an dem am meisten nachzuarbeiten ist. Erwartungsgemäß haut Guan mich auf den Buckel. Hab’ ich wohl verdient.

Diese Übung soll uns Demut lehren und motivieren, fleißiger zu lernen. Tatsächlich geht alles unter großem Gelächter ab. Aber die Lehre kommt nicht zu kurz. Am Beispiel der Bewegungen einzelner Schüler demonstriert Guan sehr genau unsere Fehler, analysiert sie und zeigt uns, wie wir es besser machen können. Wieder einmal bewundere ich sein hervorragendes Auge für seine Schüler und natürlich auch sein Gedächtnis. Er scheint wirklich die “Spezialitäten” seiner Schäfchen sehr genau zu kennen.

Und jetzt geht es ins Wochenende. Aber erst, wenn wir unser Berichtsheft von dieser Woche abgeliefert haben. Ich gebe ihm am besten eine Niederschrift dieses Tagebuchs. Da hat er was zu lesen.

Am Nachmittag ziehen Ramona und ich gemeinsam los zu neuen Abenteuern. Ramona hat irgendwo auf einem Hinweisschild etwas von einer “Laozi-Hall” gelesen. Da wollen wir hin. Irgendwie. Sieht auf der Karte auch ganz einfach aus. Wir müssen nur mit dem Bus Richtung Stadt fahren, nach dem Taizi Po noch vier Busstationen, dann wären wir da. Dass wir beide noch nie erlebt haben, dass der Bus an irgendeiner Attraktion unterwegs angehalten hätte, irritiert uns in dem Moment nicht weiter. Am Taizi Po erstehe ich eine Karte und halte sie dem Busfahrer hin, zeige an die Stelle, wo nach meinem Verständnis Laozi-Hall stehen müsste. Er schaut mich entgeistert an, nickt aber, und wir steigen ein. Komisch, von den eingezeichneten Haltestellen keine Spur, wir sehen schon die Skyline von Laoyin, da hält der Bus auf einmal. Der Busfahrer gestikuliert: da wolltet ihr doch hin! Na gut, wir steigen aus, der Bus fährt weiter. Da stehen wir nun. In the middle of nowhere. Wir stolpern ein paar Meter, da geht ein Pfad rechts in die Pampa. Wir scheuchen ein paar Hühner auf, einige Häuser stehen herum, ein Mann sitzt am Ufer eines völlig vergrützten kleinen Tümpels und wäscht seine Kleidung. Verwundert schaut er uns an. Ja, wir sind auch etwas verwundert, wo wir hier gelandet sind. Auf der Karte stand noch etwas von “Kungfu Kultur Zentrum”. Auch das hatte unser Interesse geweckt. Und vor diesem Zentrum stehen wir nun. Wir können uns das Lachen kaum verbeißen: Ein winziger Innenhof, umringt von ein paar Zimmern, über der Mauer hängen traurig ein paar Kungfu-Klamotten zum Trocken. Vor dem Zentrum preist auf einer riesigen Wand der Chef der Schule, der sich den schönen Namen Viktor angepappt hat, seine Original daoistische Wudang-Kungfu-Schule an. Wir beschließen, dass wir - falls sich wieder einmal jemand über die Akademie und ihren mangelhaften Komfort beschwert - dieses Etablissement als Alternative empfehlen werden.

Was machen wir nun mit diesem angebrochenen Nachmittag? Die Laozi-Hall werden wir wohl höchstens per Zufall finden, also trotten wir einfach die Straße entlang, es ist eh kaum Verkehr, da geht das ganz gut. Plötzlich kommt uns eine Gruppe jüngerer Schüler entgegen, nass geschwitzt, offensichtlich gerade vom Training kommend. Sie kommen von einem breiten, betonierten Pfad. Da muss irgendwas sein. Egal was, da gehen wir jetzt hin. Wir folgen dem Pfad, biegen um eine Kehre und sehen, wie sich der Weg nach unten ins Tal schlängelt. Unterwegs ein paar Häuser, Reisfelder, Mais und andere Nutzpflanzen. Uns begegnen einige Bauern, sie grüßen uns freundlich, lachen uns an, sichtlich erstaunt, so etwas wie uns hier zu sehen. Eine Bäuerin scheucht ihre Kühe und Ziegen auf, um uns den Weg frei zu machen, da sie wohl unsere Scheu vor den Tieren spürt. Wir lächeln sie dankbar an, sie lächelt zurück, sagt uns noch irgendetwas, wir verstehen kein Wort, sagen aber auf Verdacht mal freundlich Danke. Bei jeder Kehre erwartet uns ein neuer, überraschender Anblick und auf einmal sind wir unten im Tal. Wie gern würden wir hier weiterlaufen, wenn wir nur die geringste Ahnung hätten, wo wir sind. Die Karte hilft uns überhaupt nicht weiter, wir bewegen uns wohl parallel zur Hauptstraße. Möglicherweise. Am liebsten würden wir querfeldein wieder nach oben gehen, schätzen unseren Orientierungssinn aber realistisch ein und beschließen, den selben Weg wieder zurück zu nehmen. Mittlerweile ist es ziemlich spät geworden, wir müssen uns nun ziemlich beeilen, um noch irgendwie zurück zu kommen. Nach einer guten Stunde sind wir wieder auf der Hauptstraße. Nun müssen wir nur noch irgendeinen Bus anhalten, da uns wieder mit nach oben nimmt. Der erste Bus kommt uns entgegen. Der zweite. Bei sieben hören wir auf zu zählen, nur von unten nach oben tut sich überhaupt nichts. Langsam werden wir ein klein wenig nervös. Ich stelle mir schon vor, wie ich Guan anrufe um ihm mitzuteilen, dass sich unsere Ankunft ein klein wenig verzögert. So auf etwa 3 Uhr morgens…in der Hoffnung, dass er dann das Dao-Mobil schickt, um uns aufzulesen. Peinlich, peinlich.

Dann endlich kommt ein Bus vom Tal. Wir werfen uns davor und zwingen den Fahrer zum Halten. Es ist der selbe Fahrer, der uns zum “Kungfu-Kultur-Zentrum” gebracht hat. Fragt sich wahrscheinlich seit dem, was zum Teufel wir in dieser Wildnis gesucht haben.

Als wir glücklich die Akademie erreichen, ist das Abendessen längst beendet. Wir beschließen, uns mit einem auswärtigen Abendessen am Zixiaogong zu belohnen. Das “Restaurant” befindet sich in einer garagenähnlichen Einrichtung, ich war hier schon öfter essen und schätze die Küche sehr. Eine Speisekarte gibt es nicht, man muss halt immer schauen, was gerade da ist. Wir folgen dem Maître in die Cuisine: Ah, Auberginen, Tomaten, Gurken - da soll er uns was zaubern, dazu noch gebratene Nudeln. Was für ein Festmahl! Nach wenigen Minuten ziehen köstliche Düfte über den Platz, wir genießen unser Bier, während wir auf das Essen warten. Zwischendurch hat der Koch uns noch einige selbst eingelegte Spezialitäten zum Naschen hingestellt, darunter auch eine superscharfe Chili-Mischung. Sehr lecker. Auch wenn ich morgen statt Toilettenpapier wahrscheinlich lieber einen Schneeball hätte - egal! Es schmeckt einfach saugut. Nachdem - natürlich viel zu üppigen - Abendessen tauchen auf einmal Nat und Igor auf. Wir laden die Beiden zum Resteessen ein. Nein, essen möchten sie nichts, aber ein Bier in unserer netten Gesellschaft: das ja! Sie futtern dann doch alle Reste auf, weil es so lecker ist. Wir unterhalten uns noch lange, tauschen den neuesten Akademie-Tratsch aus und haben viel Spaß. Zumindest die meisten von uns. Ich glaube, Igor wird sich ziemlich viel Mühe geben, nun schnell Englisch zu lernen.

Die Bank macht uns krank!

BANKER Sie wurden getrieben von immer höheren Renditeforderungen. Sie haben ahnungslosen Kunden hochriskante Papiere angedreht. Sie leiden unter Gewissensbissen und Psychoterror - und schaffen trotzdem nicht den Ausstieg.
Ein Bericht aus der TAZ
via Panther und Frau Neumann

Mittlerweile ist es eine Klage von vielen: Vor dem Landgericht Hannover fordert eine Käuferin von Lehman-Zertifikaten Schadenersatz von der Dresdner Bank. Der bisherige Umgang der Banken mit den Lehman-Opfern zeigt, es fehlt die klare Linie, riecht ein wenig nach Willkür und am Ende bleibt vielen nur der Spatz in der Hand.
Quelle:stern.de

Vom Tempel zum Krempel
Karstadt ist pleite, Hertie ist pleite, Horten kennt schon keiner mehr - schwere Zeiten für Kaufhäuser. Mit ihnen verschwindet auch ein Stück Alltagskultur. Eine Würdigung von A bis Z.
Financial Times

Das Warenhaus-Format gerät zunehmend unter Druck. Viele Häuser kämpfen mit Umsatzrückgängen oder stehen gar vor der Insolvenz. Nachdem das Format lange Jahre das Zentrum zum Einkaufen in den Innenstädten war, hat es in den letzten Jahren deutlich an Attraktivität eingebüßt. Wenn die Kunden weiterhin mit den Füßen abstimmen und Warenhäuser meiden, dann könnte das Warenhaus in Zukunft ganz aus deutschen Einkaufsstraßen verschwinden - es sei denn, neue Perspektiven werden für das Format entwickelt.
PricewaterhausCoopers

Palmström

durch die Personenvereinzelungsanlage

kleiner Test aus der süddeutschen, ob man Beamtisch versteht.

Lilos 9. Tag - Tischgespräche und Treffen der Meister

Unsere lustig kauderwelschende Runde bedient sich im großen und ganzen der englischen Sprache, die die meisten von uns zumindest im Ansatz beherrschen. Der eine mehr, der andere weniger verständlich, ob wir alle das gleiche Ergebnis aus unseren Unterhaltungen erhalten, ist mehr als fraglich, letztlich aber auch völlig unwichtig. Ich habe die Neigung, einfach draufloszureden ohne zu Bedenken, ob ich alle nötigen Vokabeln parat habe. Als heute wieder einmal die entscheidende fehlte, habe ich das mit einem sehr hässlichen deutschen Kraftausdruck bedacht. Eduardo aus Puerto Rico lacht: “Seissse” - das kennt er. Und damit ist das Tischgespräch gerettet. Jeder gibt aus seiner Muttersprache die übelsten Begriffe, die gerade noch gesellschaftsfähig sind, zum Besten, was natürlich für viel Gelächter sorgt,. Besonders, als die Runde versucht, nachzusprechen. Keine Frage, hier lernen wir wieder alle etwas fürs Leben. Nur Tatjana ziert sich etwas. Sie geht ganz in ihrer Rolle als “Mama” auf und möchte ihre “Kinderlein” nicht verderben. Da müssen wir wohl ihren Sohn Nat fragen, wie man auf Russisch ordentlich schimpft.

Beim Abendtraining stelle ich langsam gewisse Ermüdungserscheinungen fest. Meine Muskeln schreien nach einer Erholungspause. Glücklicherweise beginnt morgen das “Wochenende”, also nur am Vormittag Training, der Nachmittag und der Donnerstag sind frei. Ich schleppe mich in den Hof, mein Mitstreiter Xiaolong ist auch zu fast nichts mehr zu gebrauchen, als uns Li Shifu aufgibt, unsere Form zehn Mal zu laufen, fangen wir an zu schummeln, machen die Bewegungen schlapp und schlampig, die Sprünge werden nur noch angedeutet, beim Zählen entscheiden wir uns kurzerhand für die Variante aus eins mach zwei - wir haben einfach keinen Bock. Xiaolong setzt sich zwecks “Xiuxi” - neben “Xia Ke” (Unterrichtsende) eines der wichtigsten chinesischen Vokabeln, bedeutet Pause - kurz ab. Ich übe lasch den Ablauf, da steht plötzlich Meister Zhong vor mir. Er war ein paar Tage unterwegs und will jetzt natürlich wissen, welche Fortschritte ich so mache. Gerade heute. Wo ich kaum aus der Hocke springen kann. Ganz toll. Glücklicherweise komme ich gar nicht so weit, schon bei den ersten Bewegungen sieht er erheblichen Verbesserungsbedarf. Er schnattert auf mich ein, demonstriert und biegt an mir, holt am Ende in seiner Verzweiflung Lynn zum Übersetzen, die erklärt es mir noch mal - allein das Verstehen ist nicht das Problem - ich habe längst kapiert, was der Meister will. Ich kann’s nur nicht umsetzen. Besonders heute nicht. Li Shifu läuft vorbei und wird erst einmal von Zhong ordentlich zusammengestaucht - was bringt er mir überhaupt für Zeug bei? Das lässt Li natürlich nicht auf sich sitzen und ich werde detailgenau in allen Stellungen geknechtet. Wo ist eigentlich Xiaolong, der Verräter? Die Korrektur soll ich jetzt jedenfalls noch zehnmal einüben. Dann kommt zu allem Überfluss noch Guan vorbei, der hat natürlich auch noch ein paar Ideen, was ich heute, ausgerechnet heute, unbedingt besser machen soll.

Glücklicherweise heißt es auch heute irgendwann “Xia Ke” - danke, ich bin satt.

Lilos 8. Tag - Natur pur

In den letzten Tagen hatte ich viel Gelegenheit, mich - nicht gerade wehmütig - an meinen letzten Aufenthalt im September zu erinnern. Regen in allen möglichen Varianten. Das Mittagstraining findet wie üblich zwecks Meditation im “Ballsaal” statt. Ich war überrascht, wie gestern mein Körper, den ich sonst fast mit Gewalt in Meditationsposition bringen muss (weshalb ich Zuhause auch lieber auf die Meditation verzichte), sich auf einmal wie von selbst aufrichtete. Auch die Gedanken flitzten auf einmal nicht so hektisch durch den Schädel. Erstaunlich. Heute ist daran allerdings nicht zu denken, unruhig rutsche ich hin und her, finde meine Position nicht, die Füße schlafen ein…ich gebe auf und laufe etwas zwischen meinen Mitschülern, die alle selbstversunken auf den Matten sitzen, herum. Auch Bebe schnarcht ebenso selbstversunken zwischen den Schülern. Ich stelle mich ans Fenster und nehme wenigstens dort etwas Haltung an. Da beobachte ich auf einmal, wie der Nebel steigt. Die Berge kommen wieder zum Vorschein, sattes grün in allen möglichen Schattierungen, dazwischen immer wieder Wolkenfetzen und…die Sonne! Ich bin begeistert. Der Himmel ändert sich nun ständig, färbt sich in kräftiges blau, das Vogelgezwitscher wird wieder lauter - ja, es ist vorbei! Nach dem Regen ist die Luft wunderbar klar, die Silouette der Berge wie mit dem Messer geschnitten. Fantastisch. Was für ein Schauspiel. Und so wird mir Zeit, bis meine Kollegen wieder zu sich kommen, überhaupt nicht lang. Nun schauen sie alle, die Stimmung hebt sich - endlich wieder draußen trainieren. Ramona und ich nutzen die Gelegenheit, noch ein paar Runden Formen zu laufen, ich patsche bei meiner Form mit den vielen Tritten und Sprüngen ständig in Pfützen herum und schleudere das Wasser beim Treten dann auch noch auf mein weißes Trainings-Shirt - egal, jetzt können wir ja endlich wieder waschen. Und trocknen.

Am Abend machen wir mit Yi Ming einen Spaziergang bergauf, erst sehr gemütlich, Ramona und ich werden ständig ermahnt, doch langsam zu gehen. Weil wir doch so lange Beine haben…da fängt sie auf einmal an zu rennen, wir hinterher. Als wir um die Kehre kommen, sehen wir warum: gerade jetzt erwartet uns eine unglaubliche Szenerie: die Sonne geht glutrot hinter den Bergen unter. Als ein paar Wolken herankommen, färbt sich das rot in weiches rosa, der ganze Berg strahlt. Zauberhaft. Wohl dem, der eine Kamera dabei hat. Wir natürlich nicht. Ramona und ich hatten beschlossen, dass wir die Landschaft nun wirklich bis zum Abwinken abgelichtet haben. So kann man sich täuschen…

Zurück in der Akademie üben wir zunächst Qigongs, das passt genau zu dieser Atmosphäre. Als wir mitten im Trainingsgeschehen sind, geht auf einmal ein Raunen durch die Menge. Der Mond geht auf. Erst ein schüchterner Zipfel, noch von den Bergen verdeckt aber schon sehr strahlend. Dann steigt er auf, in voller Größe, riesig. Wir staunen. Vor dieser Kulisse zu üben - das Erlebnis nimmt uns keiner mehr!

Wir entscheiden, nach dem Unterricht das Naturschauspiel von draußen zu beobachten. Wir überlegen kurz, ob wir Guan um Erlaubnis bitten, entscheiden dann aber, dass dies ein klarer Fall von “lieber hinterher entschuldigen als vorher fragen” ist und schleichen uns heimlich wie die Insassinnen eines Mädchenpensionats aus der Akademie. Wir werden mit einem atemberaubenden Anblick belohnt: der Bergrücken hebt sich in dem satten Mondlicht scharf wie ein Scherenschnitt ab. Wir bleiben stehen, genießen die Ruhe, wir sind völlig allein und ohne die schnatternde Horde im Hintergrund hören wir nur noch die Blätter rauschen und hin und wieder einen Waldbewohner Laut geben.
Das ist schon einen Eintrag ins Klassenbuch wert.

keine kleine radikale Minderheit


und das ist nicht mal ganz Europa. Wenn dementsprechend die in die EU fließenden Gelder um 57 % gekürzt würden, tja, dann wäre die EU wahrscheinlich pleite und bräuchte Staatshilfe achso naja kommt dann wohl aufs selbe raus.
Ich bin absolut kein Gegner eines vereinten Europas, begrüße den Euro als einheitliche Währung und den Wegfall der Grenzschranken. Aber ich verabscheue diesen Bürokratismus, diese Planwirtschaft durch die Hintertür. Grässlich!


Grafik aus www.blogwuerdig.de

Lilos 7. Tag - Endlich Zixiaogong

Obwohl wir nun schon fast eine Woche hier sind, haben Ramona und ich es bisher nicht geschafft, im Purpurwolkentempel dem daostischen Ortsheiligen Zhen Wu unsere Aufwartung zu machen. Termine, Termine - ich hoffe, Zhen Wu sieht’s uns nach. Üblicherweise ist das Vormittagstraining im Tempel, wegen irgendwelcher Feierlichkeiten haben wir aber die Woche über in der Akademie trainiert. Wir freuen uns sehr, dass es endlich so weit ist. Zur Feier des Tages lege ich meinen neuen Kittel an, ein federleichter Traum in Baumwolle und Seide. Herrlich. Gar kein Vergleich zu dem Plastik-Modell vom Vorjahr. Dummerweise bin ich zu eitel, die Stulpen anzulegen. Das sieht zwar etwas merkwürdig aus, ist aber sehr praktisch, weil die Stulpen verhindern, dass bei tiefen Stellungen die Klamotten im Dreck schleifen. Das Wetter hat mittlerweile umgeschlagen, es herrscht starker Nebel, oder besser: Dampf, denn es ist nach wie vor ziemlich warm. In einer Sauna zu trainieren, war schon immer mein Traum. Heute wird er wahr.

Als wir den Innenhof des Zixiaogong betreten, sehe ich ein riesiges Yin-Yang-Symbol, das wohl irgendeiner Veranstaltung diente. Ich bin ja nun schon eine Weile hier, also stürme ich das Ding sofot und nötige Ramona, mich beim Posen in meinem schönen neuen Anzug zu fotografieren. Sehr hübsch, das fehlte bisher in meiner Sammlung. Ramona hat keine Lust auf Kitsch, hat sich wohl noch nicht ganz akklimatisiert. Kommt schon noch. Hoffentlich bleibt das Podest noch eine Weile stehen.
Nach dem Aufwärmen, bei dem wir endlich die von mir hoch geschätzten gesprungenen Kicks trainieren, geht Guan auf unsere neuen Mitschüler aus Japan zu. Bei der Vorstellungsrunde hatten die beiden schon darauf hingewiesen, dass sie außer japanisch nur sehr dürftig Englisch sprechen. Guan versucht den beiden auf Englisch zu entlocken, was sie denn bitte lernen möchten. Ratlosigkeit. “Taijiquan”? schlägt er vor. Empörte Abwehr von den beiden. Was dann? “Taijiquan we want to learn!” Aha, das wird schwierig. Guan ruft Tatjana herbei - das selbe Muster wie bei meiner Entscheidungsfindung, Tatjana soll ein bisschen was vormachen, die beiden können dann entscheiden. Die beiden wählen. Zweimal die Nummer 1. Süß-sauer.

Ich übe mit meinem Grüppchen Jiben Quan, zwischenzeitlich ist auch Igor aus Litauen, der Stiefbruder von Nat, dazu gestoßen. Er tut sich ein bisschen schwer mit den sehr dynamischen, aber auch geschmeidigen Bewegungen. Außerdem spricht er nur Russisch. Die Korrekturen von Li Shifu verhallen unverstanden, bis der irgendwann die Lust verliert. In der Pause übe ich die Bewegungen noch ein wenig, das Neue von gestern habe ich natürlich längst wieder vergessen. Igor schließt sich mir an, schließlich auch Xiaolong, der sich - obwohl etwas pummelig - hervorragend bewegt. Ist auch schon eine ganze Weile hier und das sieht man. Als ich Pause mache, versucht Xiaolong Igor zu korrigieren, der völlig verkrümmt in der Bewegung verharrt. Aua. Hilfesuchend schaut Xiaolong mich an. Ob ich nicht übersetzen kann. Ich lache - nur weil ich ein paar Brocken Chinesisch und auch etwas Englisch kann, heißt das leider nicht, dass ich in allen Weltsprachen zu Hause bin. Ich rufe Nat heran, der soll seinen Kompagnon mal einnorden. Das klappt dann auch einigermaßen. Nat erzählt mir, dass Igor ein hervorragender Kämpfer sei, aber alles was mit Dehnung und Koordination, also mit dem ganzen “Mädchenkram” zu tun hat, würde er strickt ablehnen. Kommt deshalb auch zu Hause immer eine halbe Stunde zu spät zum Training. Sehe ich da ein hämisches Grinsen? Schäm’ dich, Nat!

Völlig nass von Schweiß und Nebel kommen wir zur Akademie zurück, um uns völlig ausgehungert auf die heutigen Spezialitäten zu stürzen. Mittlerweile bekommen die Ausländer keine Extrawürste mehr gebraten, wir stellen uns wie alle anderen auch mit den unseren Blechnäpfen an und essen, was aus dem Pott kommt. Und das ist auch gut so. Das Essen ist einfach, aber sehr schmackhaft und ausgewogen. Viel vegetarisches, aber mein Bedürfnis, in China Fleisch zu essen, ist eh’ nicht sonderlich groß. Ich kann mich an die hiesige Gepflogenheit, die Tierleichen mit den Knochen zu servieren, einfach nicht gewöhnen. Geht aber auch so. Und wenn ich doch versehentlich Fleisch erwischt habe: Bebe ist dankbare Abnehmerin. Ist mittlerweile auch ganz schön mollig geworden. Oder wieder einmal trächtig.
Beim Essen sitzt Tomo, der junge Japaner, neben mir. Fasziniert betrachte ich sein Essbesteck: eine wirklich raffinierte Konstruktion aus einem Satz Stäbchen und Messer und Gabel bestehend. Und zwar zum Zusammenstecken. In Pink und Schwarz, die Oberseite der Stäbchen dient gleichzeitig als Verlängerung für das westliche Besteck. Ich bin hin und weg. Habe ja schon ein Herz für solche Gimmicks. Als wir fertig sind, schaut Tomo-San auf meine Stäbchen: “very beautiful”! Ja, finde ich auch - die habe ich vor zwei Jahren von einem Herren aus der Schweiz hier in Wudang geschenkt bekommen, weil ich so gierig gekuckt habe. Hello Kitty. Tomo-San erklärt mir, dass er Hello Kitty liebt. Es gelingt mir, keine Miene zu verziehen. Japaner.

Jetzt gehe ich erstmal ins Netz auf die Jagd, nach diesem fantastischen Besteck-Set.

Das Abendtraining findet wegen Schlechtem Wetter im allseits geliebten Ballsaal statt. Meine Gruppe darf drinnen bleiben, der Rest wird über das ganze Haus ergossen, auf die Flure, in die Treppenhäuser - wo halt Platz ist. Verbissen üben wir unter den gestrengen Blicken von Li Shifu. Ich bemerke, dass Xiaolong bei den Handschlägen auf den Fußrücken schmerzhaft das Gesicht verzieht. Hat wohl etwas zu temperamentvoll zugeschlagen. Er versucht, Li Shifu für seine Verletzung zu interessieren. Der winkt nur ab: weitermachen. Ich schaue mir die Hand an. Tatsächlich: die Finger sind ziemlich geschwollen. Ich frage Xiaolong, ob er Medikamente hat. Versteht er nicht. Ich laufe ins Zimmer und hole die gute alte Diclofenac-Salbe. Höflich schmiert er. Mittlerweile ist auch sein Kumpel aufmerksam geworden, versucht verzweifelt, die deutsche Aufschrift zu entziffern. Mit mäßigem Erfolg. Lynn taucht auf. Endlich jemand zum übersetzen. Ich erkläre ihr, dass Xiaolong nach dem Training und morgen früh noch mal schmieren soll, dann sollte es gehen. Lynn übersetzt die Frage des Kumpels, ob das Zeug vielleicht auch was für seinen verbogenen Knöchel ist. Klar, als drauf. Nun fragt Lynn neugierig, ob das vielleicht auch bei ihren schmerzenden Knien helfen könnte? Natürlich, deshalb habe ich die Salbe ja überhaupt mitgebracht. Also schmieren wir erst einmal alle in trauter Gemeinsamkeit unter Gelächter unsere schmerzenden Glieder ein, bevor es in die nächste Runde geht. Li Shifu schüttelt nur den Kopf.