Posts

Es werden Posts vom Mai, 2014 angezeigt.

in einer Welt mit zwei Monden*

Bild
Beijing, wir besuchen den alten Hutong , der vor fünf Jahren ein recht beschauliches Viertel war. Inzwischen hat es sich zu einer Art Rüdesheimer Drosselgasse/Fressgasse/ Oktoberfest entwickelt, überschwemmt von lustigen Touristen und modernen, albern vor sich hin hupenden Fahrzeugen, die den klassischen Rikschas den Rang ablaufen. Aus dem Gedränge weichend in eine ruhigere Gasse finden wir als ers tes eine französische Patisserie, mit alten Möbeln barockgerahmten Gemälden und Kaffee. Wir sind in China, in Beijing und einem alten Stadtviertel in einer französischen Confisserie, mit France Gall Liedchen und einer Nussknackermännersammlung in der Vitrine. Fänden wir das, sagen wir mal in Ungarn vor, würden wir uns weniger wundern. In Tennessee schon eher. Später, am Flughafen, habe ich vergeblich versucht, eine junge Frau zu fotografieren. Lange, glatte, schwarze Haare und ein T Shirt mit der fetten Schrift BLOND. Wir so, laufen über den historischen Platz mit den ...

Statt Tränen

Heute war das letzte Abendessen in der Akademie. Morgen laden wir alle ein in's Tian Lu Hotel (Himmelslohn) und übermorgen sind wir schon in Xiangyang. Alle Kreise haben sich geschlossen. Fast alle. Einer wird noch mal kommen müssen, entweder hierher oder zu mir. Letzteres würde erst mal genügen. Und alle anderen werden irgendwann in der Zukunft wieder auftauchen, um Vergessenes hervorzuholen. Wir danken Meister Zhong Xueyong für seine herzliche Aufnahme, die hilfreichen Details in den verschiedenen Formen und das leckere Essen. Wir lebten drei Wochen in einer familiären Atmosphäre. Wieviel man lernen kann, wenn der. Trainer das richtige Auge hat. Mein Baguazhang hat auf jeden Fall an Tiefe und Kraft gewonnen. Die drei mit dem Xuan Wu Schwert haben viel Schweiß gelassen. Von Blut und. Tränen weiß ich nichts. Zwei verschiedene Qigongformen finden den Weg in den Süden und eine Taijiquanform wurde präzisiert. Für den Herbst suchen wir erfahrene Teilnehmer an einem Baguazhang Seminar ...

Lauch, Rührei, Knoblauch, Kräuter

Bild
Die täglich drei Mal gelobte Köchin, diese kleine, pummelige Frau in der karierten Schürze mit dem komischen Affenkopf, ist seit einigen Tagen krank. So wird das Essen von der schon erwähnten Sandy und dem Meister persönlich gekocht. Ebenfalls drei mal täglich lobenswert. Heute Mittag gab es auf den mehrfachen Wunsch einer einzelnen Dame Jiao Zi, Teigtaschen in kochendem Wasser gegart. Ähnlich wie Ravioli, gefüllt mit Lauch, Rührei, Knoblauch und einigen Kräutern. Füllen und zusammenfalten müssten wir die Taschen selber, weshalb dann auch einige wieder auseinander fielen. Seit dreiundzwanzig Jahren lebt Zhong Xueyong schon in Wudangshan, es ist seine Heimat, so sagt er und er möchte nicht wo anders leben. Mit vierzehn Jahren hat er sein Training begonnen und zum Beispiel Baguazhang bestand im ersten Jahr nur aus dem Gehen im Kreis. Mit einem Buch zwischen den Knien, oder einer Wasserflasche auf dem Kopf oder mit zwei schweren Steinen in den Händen bei ausgestreckten Armen. Wir sind ...

Leber

Am gestrigen Abend hielt uns Sandy, wie sich die gute Fee des Hauses nennt, eigentlich heißt sie etwas mit Yuan, sie hielt uns einen Vortrag über daoistische Ernährung. Schrittweise widmete sie sich den fünf inneren Organen, Leber, Herz,  Milz, Lunge und Nieren und welche Nahrungsmittel ihnen dienen und welche schaden. Wobei sie keine Rücksicht darauf nahm, dass wir aus einer anderen Gegend des Planeten kommen und so manches, was die chinesische Küche kennt, bei uns schwer zu haben ist. Ziemlich zu Anfang, noch bei der Leber, kam der gute Rat, die Dinge, die Ereignisse des Lebens so zu nehmen, wie sie sind und nicht abzulehnen. Würde man mit der Welt in Unfrieden leben, dann schade man der Leber. Nun kam heute beim nachmittäglichen Training ein kleiner Junge daher, zu wem auch immer er gehören mochte, der unablässig mit einem Basketball ditschte - täng, tängtäng,  täng, tängtäng,  täng, tängtäng, tängtäng, tängtäng, tängtäng, tängtäng... Wobei ich mir redlich Mühe gab, ...

Schwert-Fluss

Bild
Hinter dem Yuxu Palast soll ein Weg beginnen, der am Jian He entlang führt und uns bis zum Stausee bringt. Zwei Versuche letztes Jahr, den Weg zu finden, endeten in Dornengestrüpp und einer steilen Kletterpartie. Dieses Mal haben wir Glück. Jian He bedeutet Schwert-Fluss und Herr Zhang in seinem Bus Nr. 53 erzählt diese Geschichte am liebsten. Als nämlich der junge Prinz schon eine Weile an jenem Platz gelebt und studiert hatte, an dem heute der Tai Zi Po steht, was ungefähr die Plattform des Prinzen bedeutet, da kam seine Mutter, die ihn fürchterliche vermisste und bitten wollte, doch wieder nach Hause zu kommen. Sie weinte so viel, das es noch heute dort einen Brunnen gibt, der von ihren Tränen voll ist. Als sie nicht aufhörte mit Bitten und Flehen, da zog der junge Prinz davon. Die arme Mutter aber schickte ihm ein ganzes Regiment Soldaten hinterher, die ihn halten sollten. Da blieb dem jungen Mann nichts weiter übrig, als sein Schwert zu ziehen und den Berg zu spalten, auf dass ein...

Wagen 53

Herr Zhang Jian Ming fährt den Bus Nummer 53 im Wudanggebirge. Es ist der Wagen mit der Nummer 53, nicht die Linie 53. Es gibt nicht so viele Strecken. Regulär fährt ein Bus vom Eingang, dem sogenannten Tourist Information Center, bis zum Tai Zi Po. Dort kann man wahlweise umsteigen in einen Bus zum Nanyan, der südlichen Klippe, oder auf der anderen Seite des Tales zum mittleren Tempel, wo sich die untere Station der Seilbahn findet. Ich sage regulär, weil abends die letzten Busse direkt durchfahren vom Eingang zur Seilbahn oder zum Nanyan. Dann stehen immer Ein paar Leute an der Abzweigung, die in den falschen Bus gestiegen sind. Herr Zhang fährt den Wagen mit der Nummer 53 und da legt er Wert drauf, Nicht einen Tag möchte er einen anderen Wagen fahren. Herr Zhang pflegt seinen Wagen. Spätestens an den Endstationen, wenn die anderen Fahrer sich zusammenstellen, rauchen und immer über irgendetwas zu reden haben, macht Herr Zhang seinen Bus sauber. Er leert die kleinen Mülleimer und wi...

I do it mei wei

Am Wulonggong konnten wir unseren Meister Zhong schon als Erntehelfer beobachten. Es wächst dort ein wildes Jiang Cai, ein kleinblättriges Gemüse, welches säckeweise mitgenommen wurde. Es hat auch gestern schon, von unserer bewundernswerten kleinen Köchin schmackhaft zubereitet, den Weg in unsere Mägen gefunden. Heute hat die gute Frau wohl einen verdienten freien Tag, weshalb dasTraining auch nicht im Tempel stattfand, sondern auf der Terrasse und im Hof. Weil nämlich der Meister kocht. Da kann er immer zwischen den etwas rauhen Korrekturen in die Küche springen und wieder was in den Wog werfen. Er kocht ganz lecker, mei wei auf Chinesisch.

Beim Arzt

Die beiden Schulen sind sich nicht ganz grün. Wenn man in der einen von der anderen redet, dann tun sie jeweils so, als wüssten sie nicht, was wir da meinen. Oder sie sagen, das sei schon in Ordnung, kein Problem. Wir aber tun so, als sei es das Selbstverständlichste von der Welt, in der einen zu wohnen und zu trainieren, und in der anderen einzukaufen oder eben einen Termin beim Arzt zu machen. Der erste Termin wurde wegen ungenauer Absprachen von uns verpasst, was nicht gut angesehen wurde. Heute nun waren wir pünktlich, hatten dafür ein Teil unseres Trainings ausfallen lassen und wissen noch nicht, wie Meister Zhong darauf reagiert. Die junge Frau, welche uns empfängt und wissen will, woran es denn fehlt, wie sich später herausstellt ist sie die Tochter des Doktors, spricht nur Chinesisch. Deshalb wird ein freundlicher kleiner Mann in kurzen Hosen herbeigerufen, eine chinesische Ausgabe von Woody Allen, der ständig nervös nickt beim Sprechen und  übersetzen kann. Nachdem der Fa...

Wulonggong

Als es eine große Dürre gab, bat der Herrscher die am Wudangshan lebenden Daoisten, doch einen Regenzauber zu veranstalten. Wenn es denn gelänge, gäbe es auch einen Tempel zu ergattern. Die Jungs hatten Glück oder echt was drauf und als die Ernte eindeutig gerettet war, ließ sich der Herrscher auch nicht lumpen und baute den Daoisten den Wulonggong, was bedeutet, Palast der fünf Drachen. Zunächst lässt sich daraus lernen, dass Daoisten jener Zeit durchaus auch einem Zauber nicht abgeneigt waren, wenngleich es dem daoistischen Prinzip des Nichteingreifens ja widerspricht, mittels eines Hokuspokus den Lauf der Dinge zu beeinflussen. Schon Laozi, der damals wie heute als der große Vorsitzende galt und gilt und dessen rotes Büchlein Daodejing neben jedes Daoisten Kopfkissen zu liegen hat, war der Wahrsagerei und magischem Tand abgeneigt. Dennoch, als sich die Lehre von der reinen Philosophie auch in ein religiöses Gewand kleidete, womit ja beim einfachen Volk leichter ein Groschen zu mach...