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Es werden Posts vom April, 2010 angezeigt.

Fremdenführung

Besuch aus Shanghai und Deutschland.  Die Geschichte ging so, dass sich eine Tori in Deutschland bei mir meldete und nach Wudangshan wollte. Ich helfe dann gerne, damit die Interessenten auch wirklich hier oben landen und nicht am Bahnhof abgefangen werden und in einer anderen Schule in der Stadt landen. So gewitzt sind die Kerlchen schon und eine Langnase, die aus dem Bahnhof kommt, in Wudangshan, was wird die schon wollen hier. Kommt bestimmt nicht, um die nicht vorhandene Altstadt zu besichtigen. Geht man hin, stammelt :"You come wanna study taiji, yes bring you to academy. Yesyes, also go to mountain." Schon sitzt man in einer der kleinen Schulen, bekommt sicher ein für deutsche Verhältnisse gutes Training und besichtigt auch einmal die Berge, besucht irgendeinen der Tempel, was weiß man schon. Auf einer der Webseiten heißt es, die Schule befände sich direkt neben dem Haupttempel. Hä? Der Haupttempel, so es denn überhaupt einen gibt, befindet sich steil oben auf den Tianz...

Splitter

Wir waren gerade im Tempel eingetrudelt, jeder dehnte und streckte sich nach seiner Facon und meine schnellen Jungs von der 28er Form, Udo und Pit, wollten die neuen Schritte noch mal mit mir durchgehen. Die beiden fahren nämlich am Donnerstag wieder ab und wollten gerne die Form ganz lernen, Haben von Guan ein Instant - Programm aufgedrüchtr bekommen. Ja und mit denen wollte ich die Schritte durchgehen, gestern war das. Windig war das. Und genau deshalb saust plötzlich ein Stück Dachziegel mitten unter uns. Knallt auf den Boden und zerspringt in hundert Stücke. War jeder froh, dass er genau da gerade nicht gestanden hat.  Hat sich aber auch jeder gleich einen Scherben eingesammelt als Andenken. Wie man so mit dem Leben davon kommt. Pit, unser Artist, hat heute Geburtstag. Was wünscht er sich? Dass er es schafft die halbe Treppe vom Weihrauchbrenner bis runter auf den Hof, in dem wir trainieren, auf Händen zu gehen. Er hat mehrere Anläufe genommen und er hat es nicht geschafft. Das...

Meister Propper

Hier im Policehotel hat jedes Zimmer Dusche und WC. Auf halber Treppe gibt es allerdings auch noch ein WC, ein Doppelhocker. Wahrscheinlich für's Personal. Der Raum ist groß genug, um dort auch eine Waschmaschine unter zu bringen. Nicht gerade ein Modell, wie ich es gewohnt bin; Deckel auf, Wäsche rein, Waschpulver in eine Klappe und Programmschalter einstellen - Start. Nein, so etwas ist das hier nicht. Die genaue Funktionsweise hab ich noch nicht verstanden. Der große Chinese, dessen Frau bei mir Schwert lernt, hat es mir mal im Ansatz erklärt, aber so richtig verstanden hab ich es nicht. Heute Mittag steht Guan Shifu in der Kammer, mit hochgebundenem Kittel, macht Wäsche. Frag ich, ob ich meinen weißen Kittel noch dazu geben kann? No Problem. Zieh ich den Kittel aus und geb ihn dem Meister, denke der schmeißt den gleich in die Maschine. Ich hab noch ein Büttchen Buntes von heut morgen zum Trocknen auf dem Dach, das dürfte jetzt fertig sein. Das pflück ich erst mal von der Leine ...

Was alles anders ist.

Akademie Früher: Die Akademie war in einem ehemaligen Hotel untergebracht. Dort lebten alle Schüler, die dauerhaft an der Akademie sind, alle Lehrer und einige  der Gaststudenten. Dia anderen lebten im "Policehotel" 100 m weiter, das auch zur Akademie gehört. Heute: Die dauerhaften Schüler und deren Lehrer leben und trainieren in einem Gebäude in der Stadt Laoying. Die Gaststudenten leben entweder in der "neuen" Akademie, einem Hof in traditioneller Bauweise, in dem aber auch -noch- Gäste des Tempels untergebracht werden. Derzeit werden weitere Räume umgebaut für Gaststudenten. Die anderen leben im Policehotel. Unterricht Früher : Vor Unterrichtsbeginn treten alle an und begrüßen die Lehrer.  Heute : Alle fangen an, laufen, dehnen oder schwätzen Früher : Findet der Unterricht im Tempel statt, gehen zuerst alle nach oben vor die Haupthalle und begrüßen Zhen Wu durch dreimalige Verneigung. Heute : Manchmal gehen alle rauf wie früher, manchmal aber nur Guan Shifu, de...

Haare schön

Soviel passiert hier nun auch nicht jeden Tag, wenn das normale, ganz normale Trainingsprogramm durchgezogen wird. Jetzt am Wochenende gehen wir nicht in den Tempel, weil zu viele Touris drin rum laufen. Stören. Ich hab mich schon gewundert, warum es so viele sind. Klar, die Seilbahn fährt nicht, wer zum Tianzhu rauf will, muss das zu Fuß machen über Nanyan. Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen erklär ich dem Ortsfremden noch mal die lokale Situation. Das ist hier nicht ein Berg, wie ich früher auch mal gedacht habe, sondern ein Gebirge. Genau genommen ist es ein Teil eines größeren Gebirges welches wiedrum ein Ausläufer eines noch größeren Gebirges ist usw. bis zum Himalaya. Das was wir Wudangshan nennen, hat zweiundsiebzig Gipfel, größere und kleinere. Der größte wird Tianzhu genannt, Himmelspfeiler. Auf seiner Spitze steht ein kleiner, ehemals vergoldeter Tempel aus massivem Messing. Diese fünfundzwanzig Quadratmeter sind die Hauptattraktion hier. So, das bitte mal für eine Weile...

Regen bringt Segen

Man kann zusehen, wie sich innerhalb eines Tages die letzten kahlen Bäume einkleiden. Der Boden stülpt sich in in vielformiges Grün, garniert mit Knospen und Blüten. Noch nie habe ich Wudangshan so farbig erlebt, noch nie ist mir die Vielfalt der Pflanzen so bewußt geworden, wie dieses Jahr. Dieses Stück Welt ist gesegnet, hierüber wacht ein besonderer Geist. Oder Spirit, wie der Eso sagt.  Als der Yongle Kaiser vor sechshundert Jahren hier jede Menge Tempel, Paläste, Tore und Brücken errichten ließ, erklärte er gleich das Territorium zu kaiserlichem Forst, womit verboten war, Bäume zu fällen und zu jagen. Jetzt, wo es zur touristischen Attraktion ausgebaut werden soll, verbietet der Status des Weltkulturerbes, die Landschaft mit Hotels voll zu klotzen. Sonst würde es passieren. Stattdessen wird unten in Laoying am Eingang zum Gebirge eine neue Touristenstadt errichtet, parallel zu der Gründung der Stadt, denn hier lebten die Handwerker und alles was zur Versorgung nötig war, als Y...

Nach Hause telefonieren

Wenn ich sechs Wochen hier bin, hab ich mir gedacht, sei es gut, eine chinesische Telefonkarte zu kaufen. Einmal natürlich, um günstig meine Familie anrufen zu können, mal wieder die Stimmen zu hören und nicht nur eine Email zu lesen. Aber auch, um innerhalb des Berges erreichbar zu sein. Falls es eine Änderung im Tagesablauf gibt oder sonstige Informationen, die mir andernfalls erst beim nächsten Essen mitgeteilt werden könnten. Auch um Bescheid zu geben, wenn sich die Rückkehr von einem Ausflug verzögert, naja alles, was vielleicht von gelinder Wichtigkeit sein könnte. Die Eingeborenen jedenfalls rufen sich gegenseitig ständig an für dieses und jenes zu klären. Administrative Arbeit wird vorwiegend von jungen Menschen zwischen zwanzig und dreissig ausgeübt. Nicht nur hier an der Akademie. Auch auf der Bank, in den Geschäften und Büros hat man es mit jenem frischen Elan zu tun, der der Jugend zu eigen ist, gepaart mit moderner Coolness und der landeseigenen Lässigkeit, die in meiner H...

Ein abgeschlossenes Kapitel wird wieder geöffnet

In den ersten Tagen bzw. Nächten hab ich es noch der Zeitumstellung, dem Befinden in einer anderen Zeitzone zugeschrieben, wenn ich um ein Uhr wach wurde und eine Stunde brauchte, bis die Augen die Nase voll hatten und wieder zu fielen. Aber die Wachphase wird von Nacht zu Nacht länger. Im Gegenzug bin ich schon um sieben, also nach dem Abendessen, träge wie ein Folivora. Logisch. Zweimal trotzdem war ich heute morgen um sechs im Tempel. Trotzdem ich nicht ausgeschlafen war (Wachphase von eins bis vier) und trotzdem es nieselte. Inzwischen nieselt es nicht mehr, es gießt. Wegen der zunehmenden Luftfeuchtigkeit fand das Training in der alten Akademie statt. Als ich erfuhr, dass die Schüler und das Personal schon ausgesiedelt worden waren, hatte ich damit gerechnet, den alten Bau schon nicht mehr vorzufinden. In meiner Phantasie wurde Schutt abtransportiert oder gar schon frischer Beton gemischt. Aber der Kasten steht noch. Nach neuesten Informationen aus gut unterrichteter Quelle soll s...

Der Neue in der Küche

Wir, die wir die alte Akademie kennen, sind ja froh, das gewohnte Küchenpersonal weiterhin hier auf dem Berg zu haben. Man hätte sie ja auch mit nach unten in die Stadt nehmen können. Zwei der Frauen, die früher in der Küche mitgearbeitet haben, sind nicht mehr dabei, statt dessen gibt es einen Mann. Den Neuen.  Wie wir drauf gekommen sind, weiß ich nicht mehr, aber Udo hatte herausgefunden, dass es in der Küche auch Bier zu kaufen gibt. Ja stimmt, hatte ich gesagt hier gibt es Bier und sogar billiger als beim kleinen Mann, allerdings nur eine Sorte. Ein Bier würde ich jetzt schon noch trinken. Ob Udo ihm jetzt ein Zeichen gegeben hatte, weiß ich nicht. Jedenfalls stand im Nu der Neue neben unserem Tisch mit einer Flasche Bier in der Hand.  Von da an wollte er mir zu jeder Mahlzeit außer beim Frühstück ein Bier bringen.Wenn ich ein Bier will, dann bestell ich mir das. Selbst wenn ich gerne eines getrunken hätte, so aufdringlich habe ich jedes Angebot abgelehnt. Bis er es verst...

Vierter Tag

Wegen der hohen Feiertage trainieren wir im Hof der alten Akademie. Das Programm ist as usual. Ich hab mich von den Basics, die Meister Li mit wachsender Begeisterung  dominiert, etwas abgeseilt. Konzentriere mich auf meine Schwertform, während die Newbes auf einem Bein stehen und das andere nach vorne ausgestreckt halten. Zehn ... zwanzig ... dreißig Sekunden.  Also Zhen Wus Geburtstag. Kann man vergleichen mit Weihnachten, auch wenn es keine Geschenke gibt. Im Herbst findet das Gegenstück statt, was ich bisher immer Zhen Wus Himmelfahrt genannt habe, aber von der Bedeutung kommt es wohl eher Ostern näher. Zhen Wu, eigentlich keine historische Gestalt sondern nur eine Legende, wird gleich gestellt mit Xuan Wu, dem Beherrscher des nördlichen Himmels. Er ist ein Wasser- und Kriegsgott. Nachdem er schon als Knabe sich von seinen Eltern getrennt hat und hier in die Berge gekommen ist, um sich als Kämpfer zu vervollkommenen, hat er nach 42 Jahren die vollkommene Selbstvergessenhei...

Dritter Tag, abends

Das Nachmittagstraining war überraschend früh zu Ende. Noch nicht lange auf meinem Zimmer, ruft mich Coco an, warum ich nicht zu der Dao-Lesson komme. Ja, Darling, ich hab es nicht gewusst. Dann soll ich doch meinen Freunden Bescheid sagen und auch den Damen im Erdgeschoss und so schnell wie möglich kommen. Das Territorium Damit du dir ein Bild machen kannst, zumindest von den räumlichen Ausdehnungen, eine kurze Beschreibung. Die alte Akademie, jetzt fast überhaupt nicht mehr im Gebrauch, aber auch noch nicht abgerissen, um einem neuen Fünfsternehotel Platz zu machen, liegt kurz hinter einer Kurve rechts auf der Straße zum Nanyan. Direkt neben der Akademie steht das Tian Lu Hotel. Danach macht die Straße eine sehr scharfe, haarnadelige Linkskurve. Direkt in der Kurve, aber ebenfalls rechts, befindet sich eine Polizeistation, dahinter das Hotel, in dem ich jetzt wieder untergebracht bin. Mit dahinter meine ich auch dahinter, also von der Straße weg, quasi im Hinterhof. Der Kurve folgend...

Nachrichten aus der Goldgrube April 2010

vor einigen Tagen musste ich ein Gespräch am Nebentisch im Restaurant mit anhören. Eine Geschichte, die zunächst merkwürdig klang, dann aber immer mehr offenbarte, dass die Erzählerin wohl etwas verrückt war. Der Ausdruck ist nicht unbedingt sozial korrekt, aber treffend. Sie war aus unserer Realität herausgerückt, ihre Beschreibung entsprach nicht dem common sense. Wir haben eine stillschweigende Übereinkunft, wie weit eine Beschreibung der Wirklichkeit von der eigenen Wahrnehmung abweichen darf. Wer aber davon spricht, dass in einem Polizeifahrzeug der Funkverkehr mittels eines Schlauchsystems aufrecht erhalten wurde, dem testieren wir einen mangelnden Tassenvorrat. Dabei können weit abstrusere Geschichten geglaubt und ernst genommen werden. Um herauszufinden, was wirklich wirklich ist, dafür ziehen sich Menschen in die Einsamkeit zurück oder bauen für viele Millarden Euro einen Teilchenbeschleuniger. Manche finden das eine oder andere Extrem verrückt. Um in dem ganzen Trubel des Ges...

Xinxinming 19

欲知兩段  元是一空  一空同兩  die beiden Aspekte verstehen: erst ist das Eine Leere das Eine, die Leere gemeinsam sind zwei Die beiden Aspekte, das sind Yang und Yin, Objekt und Subjekt, die wir voneinander trennen. Jenes, das wir innerhalb der Begrenztheit und außerhalb der Begrenztheit sehen. Wir sehen es und wir akzeptieren es, das ist unser Leben. Weil wir aber trennen und nicht fähig sind, die Einheit zu sehen, erleben wir Leiden und Lust, Verlangen und Abscheu. Dieses wollen wir, jenes lehnen wir ab. Zuerst, da sollte es besser heißen: Bevor die Welt in Erscheinung tritt, ehe wir es sehen und erleben, ehe wir mit unseren Zweifeln darüber herfallen können, also zuerst, da ist das alles, wovon die Rede ist, alles, was der Fall ist, wie Wittgenstein es ausdrückt, das ist alles Eins. Eine Einheit, ein großes, unendliches, grenzenloses Ganzes, so wir etwas grenzenloses als Ganzes akzeptieren wollen. Es ist das reine Sein, nichtseiend, formlos, vollkommen leer. Gleichzeitig, völlig ungetrennt, ist...