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28.08.2021

Was wichtig ist und was unwichtig



Das Wasser ist von Natur aus klar. Wenn es durch Schmutz getrübt wird, so kann diese Klarheit nicht in Erscheinung treten. Der Mensch ist von Natur aus zu langem Leben bestimmt. Wenn er durch äußere Dinge getrübt wird, so kann dieses lange Leben nicht in Erscheinung treten. Die Außendinge sind dazu da, dass man sie benützt, um durch sie das Leben zu gewinnen, nicht, dass man das Leben benützt, um die Dinge zu gewinnen. Es gibt betörte Menschen, die ihr Leben darangeben, um äußere Dinge zu gewinnen. Sie zeigen damit, dass sie wahren Wert nicht schätzen. Wer den wahren Wert nicht kennt, hält das Wichtige für unwichtig und das Unwichtige für wichtig.

Lü Bu Wei, Chunqiu, Frühling und Herbst, Buch 3 Kapitel 1, Der letzte Frühlingsmonat

26.06.2021

Grundlegendes Wissen über die Praxis des Taiji Quan

veröffentlicht in Hu Haiyas Sammlung über die Kultivierung der Gesundheit.

行走手足板眼齐
Bei der Ausführung bewegter Figuren sind Hände und Füße gleich und der Blick ist ausgerichtet.

内外双修少人知
Innen und Außen sind wie ein Paar, was nur Wenige wissen.

一步三摇空化力
Ein Schritt bekommt drei Mal Kraft   (aus der Leere kommend)

得来不觉费功时
Wenn es kommt, kommt es unbewusst, ohne jede Anstrengung.

站桩试力基本功,
(Zhan Zhuang) Stehender Pfahl und (Shi Li) Spannungstest sind Grundlegende Übungen.

呼吸自然内外松
Der Atem ist ganz natürlich, innen und außen entstpannt.

运劲抽丝势开弓
Die Bewegung ist wie das Spinnen eines Seidenfadens und die Kraft wie einen Bogen zu spannen.

静中生机豁然通。
Aus der ruhenden Mitte entsteht die Vitalität in offener Klarheit.

坐时如钟全体空
Sitzend wie eine Glocke ist der ganze Körper leer.

坎离相交甘露生
Wenn Wasser und Feuer sich verbinden entsteht der süße Tau.

呼吸自然法轮转
Der Atem setzt das Rad des natürlichen Plans in Bewegung

益寿延年不老翁 
Erreiche ein langes Leben voll ausgefüllter Jahre, ohne das Alter zu spüren.

卧似龙虎身如弓
Liegend wie Drachen und Tiger (wie ein außergewöhnlicher Mensch) bleibt der Körper gespannt wie ein Bogen.

闭目养神腹内松
Schließe die Augen und nähre den Geist, der Bauch bleibt weich.

安然自在如睡眠
Frei von Sorgen und ruhigen Geistes, als würdest du schlafen.

气血畅通体还童
Wenn Qi und Blut ungehindert fließen, wird der Körper wieder wie der eines Kindes.

16.04.2021

Das Lied der Drachentor Schule



道德通玄靜
Weg und Wandel* durchdringen die geheimnisvolle Stille

真常守太清
Wahre Beständigkeit beschützt die große Klarheit

一陽來復本
Das Ursprüngliche Yang kommt und kehrt zurück zu den Wurzeln

合教永圓明
Die vereinigte Lehre ist immerwährend ganz und leuchtend

至理宗誠信
Das makellose Prinzip ist Ursprung von Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit

崇高嗣法興
verehrungswürdig und erhaben, überträgt es den Glanz der Lehre.

世景榮惟懋
Das Aufleuchten der Welt ist blühend und überaus üppig.

希微衍自寧 
Das Unhörbare und Unsichtbare breitet sich aus und ist von selbst friedlich.

住修正仁義
Verweile im Kultivieren echter Menschlichkeit und Rechtschaffenheit.

超升雲會登
Transzendierend zu den Wolken aufsteigen, wirst du in der Vereinigung (mit anderen) den Höhepunkt erreichen. 

大妙中黃貴
Großartig und wunderbar wird das Gelb der Mitte geehrt

聖體全用功
Der geheiligte Körper erfüllt seine Aufgabe

虛空乾坤秀 
In der grenzenlosen Leere zeigt das Universum (Qian Kun) seine Pracht.

金木性相 
Metall und Holz folgen ihrer Natur

山海龍虎交
Berge und Meere, Drachen und Tiger erfreuen sich aneinander

蓮開現寶新
Der Lotus öffnet sich und zeigt wieder seine Pracht

行滿丹書詔 
Wenn die Reise vollendet ist, wird die rote Schrift verkündet

月盈祥光生
Der volle Mond erzeugt ein verheißungsvolles Strahlen

萬古續仙號 
Für alle Zeiten werden die Namen der Unsterblichen erschallen

三界都是亲
und die drei Reiche sind miteinander versöhnt.

*Ich benutze für De nicht die herkömmliche Übersetzung Tugend, da es das (be)folgen des Dao, des Wegs bedeuten soll. "Dao De" meint dem Weg folgen, auf dem Weg wandeln. Es ist eine natürliche Tugend, "Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir:" (Immanuel Kant)

02.04.2021

Die Fünf Höchsten

Zwischen der grenzenlosen Leere und dem Auftauchen von Himmel und Erde durchläuft das Werdende die fünf Zustände des Höchsten, die Zeit von Xian Tian. Es sind dies:

Der Höchste Wandel, der Höchste Ursprung, der Höchste Anfang, die Höchste Einfachheit und das Höchste Letzte.

Der Höchste Wandel ist jener Zustand, bevor der Lebenshauch Qi entsteht.

Der Höchste Ursprung ist jener Zustand, unmittelbar nachdem der Lebenshauch Qi entstanden ist, aber noch keine Wesen.

Der Höchste Anfang zeichnet sich aus durch das Erscheinen von Wesenheit, die Wesenheit jedoch ist noch nicht wahrnehmbar. Der Höchste Anfang ist der Anfang der Wesenheit, der durch das Vorhandensein und Vereinigen von Yin und Yang entsteht. Es gibt Wesen, doch keine Substanz. Wenn die Form sich in Substanz äußert, wird der Zustand Höchster Einfachheit durchschritten.

Im Zustand der Höchsten Einfachheit bekommt das Wesen Substanz, aber noch keinen Körper. Qi, Wesen und Substanz sind bereits vorhanden, doch sie befinden sich noch in Ruhe. Wenn sie in Bewegung geraten und sich vereinen, entsteht das Höchste Letzte, das Ungeformte oder das Chaos. Es ist Substanz in Bewegung.

Das Höchste Letzte ist die Quelle von Himmel und Erde. Wenn Himmel und Erde entstehen, ist dies das Höchste Eine. 

Wenn das Höchste Eine auftaucht, ist die Zeit von Xian Tian vorüber.

Nachtrag zu meinem Video "Ohne Himmel" 



24.02.2015

Sensation - meditierender Mönch in Buddha Statue

Photo: M. Elsevier Stokmans

Seit einigen Tagen schwirrt im Internet eine Meldung um mich herum, die mein Interesse geweckt hat. Da ist die Rede von einer sensationellen Entdeckung, die man im Drents Museum in Assen NL gemacht habe. In einer Buddha Statue fand sich eine Mumie. Nun ist heute alles 'sensationell' und zwei klicks später, auf der Seite des Museums war klar, dass man schon von der Mumie gewusst haben musste. Sie wurde in einer Ausstellung über Mumien gezeigt. Auf dem Folder zu der Ausstellung wird das CT Bild mit Verweis auf die Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim abgebildet. Dort gibt es das German Mummy Project, an welches ich mich als erstes um genauere Informationen wandte. Ich erhielt den Hinweis auf die im Juni erscheinende zweite Auflage des Buchs „Mumien – der Traum vom ewigen Leben“ in dem sich auch ein ausführlicher Beitrag zu dieser Mumie finden soll.

In Mannheim hatte man in Zusammenarbeit mit dem Drents Museum maßgebliche Untersuchungen an der Mumie durchgeführt, unter anderem 14C-Datierung, CT-scan und Auswertung, Textilanalyse etc.

Die Mumie ist Teil einer vom German Mummy Project konzipierten Ausstellung, die schon 2008 in Mannheim gezeigt wurde und seitdem auf 13 Stationen durch die USA getourt ist. Die Statue mit der darin enthaltenen Mumie wurde aber erst in Assen Teil dieser Ausstellung, die derzeit in Budapest zu sehen ist und danach in Luxemburg Station macht.

Aber nun weiß ich noch nicht, was ich jetzt gerne wissen möchte. Woher kommt diese Skulptur, seit wann weiß man von der Mumie und wieso steht in einem anderen Blog, die Mumie sei in Amersfoort untersucht worden? Diese Fragen beantwortete mir Drs.Vincent van Vilsteren, Konservator und archäologischer Kurator am Drents Museum in Assen, der mich auf meine Email-Anfrage freundlich anrief.

Die Figur kam wahrscheinlich schon Anfang der 90er Jahre nach Europa. Sie wurde 1996 vom derzeitigen Besitzer in den Niederlanden erworben. Während der Restaurierungsarbeiten 1997 entdeckte man die darin enthaltene Mumie. Es konnte zurückverfolgt werden, dass es sich vermutlich um den buddhistischen Meister Liu Quan handelt, der um 1100 lebte. Eine DNA Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen. Ummantelt und zur Statue wurde die Mumie wohl erst im 14. Jahrhundert. Bis dahin war sie wahrscheinlich in einem Kloster ausgestellt und Ziel buddhistischer Pilger. Vincent van Vilsteren hält es für möglich, dass bei der Einschließung der Mumie auch jene Papiere eingefügt wurden, die man jetzt bei einer Endoskopie dort fand, wo Lungengewebe hätte sein sollen. Die Mumie ist nicht gefüllt mit Schriftrollen, wie es in der Welt geschrieben wurde. Aber auf dem Papier befinden sich chinesische Schriftzeichen. Es handelt sich nicht um eine Buddha Statue sondern um die Statue eines hochrangigen Meisters, eines Mönchs, so wie es auch zu erkennen ist. Er hat keine der typischen Attribute oder Symbolde einer Buddha Darstellung jener Zeit. Keine gekäuselten Haare, keine langen Ohrläppchen. Die Hände ruhen auf den Oberschenkeln, die linke Hand in der Karana Mudra Haltung (chin. qikeyin 期克印). Er trägt typische Mönchskleidung.

Photo: Drents Museum
Seit dem die Figur 1997 restauriert wurde, ist die darin enthaltene Mumie bekannt. 2013 wurde die Figur zum ersten Mal in Mannheim untersucht, im CT gescannt, nach der C14 Methode datiert etc. Im September des darauffolgenden Jahres wurden weitere Untersuchungen im Meander Medical Centre in Amersfoort in den Niederlanden vorgenommen, ein weiterer CT Scan und die erwähnte Endoskopie. Bisher ist nicht geklärt, ob Liu Quan wie jener vor kurzem in der Mongolei gefundene Mönch eine Selbstmumifizieren durchgeführt hat, oder ob sein Leichnam einbalsamiert wurde.

Es ist nicht sensationell, aber ein wunderbares Ereignis, dem wir beiwohnen dürfen.

Photo: Jan van Esch

25.03.2014

Wudangshan Oktober 2014

03. - 25. Oktober

Der Herbst ist eine wunderbare Zeit in Wudangshan. Noch spürt man die Wärme des Sommers, aber die Hitze ist zurückgegangen und die Kühle der Täler steigt auf. Ideal für Training und Wanderungen, Besichtigung der unschätzbaren Werte daoistischer Tempel und Heiligtümer und zwischendurch ein erfrischender Tee.
Die Reise geht ab Frankfurt über Peking nach Wudangshan und zurück. Eventuell bleibt auf dem Rückweg etwas Zeit für einen kurzen Besuch der verbotenen Stadt oder eines der erhaltenen alten Stadtteile.
Ausführliche Informationen zu der Reise auf unserer Webseite.






























20.03.2014

Chunfen - Frühlings - Tag und Nachtgleiche

ca. 21. März bis 4. April

Sie sitzen aufrecht im Schneidersitz, atmen gleichmäßig und lassen den Geist zur Ruhe kommen.
Winkeln Sie das linke Bein an und strecken das rechte Bein aus. Strecken Sie die Arme horizontal nach vorne aus. Drehen Sie den Kopf nach links und blicken Sie nach hinten, ohne dabei den Oberkörper zu bewegen.
Drehen Sie den Kopf wieder nach vorne.
Führen Sie die gleiche Bewegung nach rechts aus.
Atmen Sie ein, wenn Sie den Kopf zur Seite drehen, atmen Sie aus, wenn Sie den Kopf wieder nach vorne drehen. Wiederholen Sie die Übung drei Mal. Dann wechseln Sie die Beinstellung und wiederholen die Übung drei weitere Male. Wiederholen Sie den Vorgang fünf Mal.
Danach schlagen Sie mehrmals die Zähne leicht aufeinander, bis sich reichlich Speichel im Mund gesammelt hat. Diesen schlucken Sie in drei kleinen Portionen.
Richten Sie ihren Blick nach innen, lächeln Sie und atmen ruhig.

Die Übung lindert energetische Störungen in der Brust, den Schultern, den Armen und in den Ohren, sowie Störungen der kleinen Blutgefäße. Auch ist die Übung hilfreich bei erhöhter Körpertemperatur und macht den Blick klar.

Aus: Dao Shi - die Übungen des Chen Tuan, Qigong im Wechsel der Jahreszeiten





25.01.2014

Der zwölfteilige Brokat - und alles andere

Als ich mit dem Buch anfing, da befürchtete ich, ob ich überhaupt genug zusammentragen könnte, damit es ein ordentliches Buch würde. Aber dann flog es geradewegs auf mich zu und ich musste anfangen zu kürzen, wenn es nicht zu umfangreich werden sollte. ich will den Leser ja auch nicht zumüllen mit überflüssigem Text.

Wenn ich jetzt drin lese, habe ich mitunter das Gefühl, zu schnell gewesen zu sein, nicht ausführlich genug alles erörtert zu haben. Dann habe ich zwei Seiten gelesen und war schon in drei verschiedenen Aspekten unseres Universums. Und dann gab es die Option, ein Hardcover, gebunden, herzustellen. Am liebsten hätte ich noch einen Schutzumschlag gehabt. Aber es reichte damit auch an eine Preisgrenze. 49,90 € ist kein Pappenstil. Wenn ich jetzt reinblättere, dann weiß ich, das wäre locker Material für drei oder vier Wochenend-Seminare. Davon würde jedes 150 € kosten. Ihr hättet dabei zwar meine persönliche Anwesenheit, das Buch aber könnt ihr, vor allem in der soliden Ausstattung, jahrelang mit euch tragen.

Man muss das nicht alles wissen, was in dem Buch steht, um die Brokate ordentlich zu praktizieren. Ich habe mich bemüht, sie ausführlich zu beschreiben.

Aber man muss auch nicht die Brokate lernen wollen, um mit diesem Buch seine Freude zu haben.

Ich wünsche ihm viele, viele Leser und freue mich über jede Form des Feedback.


Was in diesem Buch außer dem zwölfteiligen Brokat vorkommt:

  • Womit alles anfing und warum es uns schwer fällt, Qi zu verstehen.
  • Was die Dan Tian sind und der Dreifache Erwärmer und was das mit der Bahnhofstraße zu tun hat.
  • Natürlich Yin und Yang, die Trigramme und die 8 Unsterblichen.
  • Die Wandlungsphasen, das mittlere Gefäß und Spiegelneuronen.
  • Der Unterarm, das Kniegelenk, die Wirbelsäule und was alles zu viel ist.
  • In welche Richtung die Zeit verläuft und ob das eine angebundene Katze ist.
  • Der Eisenochse und die Ruhe der Berge, warum manche Menschen gerne auf Tischen tanzen und andere Steinchen ins Wasser werfen.
  • Wie die TCM entstanden ist, wie weit schulterweit sein kann und wie man eine Ejakulation vermeidet.
  • Ein magisches Quadrat, die sieben Sterne und die sieben Po.
  • Gesundheit, wie man eine Faust macht und der Alleskönner-Dämon.
  • Das vorgeburtliche Qi, das nachgeburtliche Qi und ein Blick über den Tellerrand.
  • Eine Organuhr, ein naiver Missionar, die zwölf Irdischen Zweige und die zehn Himmlischen Stämme.
  • Daoistische Meditation, Alchemie und die Geschichte vom Affenkönig.
  • Und alles andere. 

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Nachtrag: Die für Ende Januar angekündigte Paperbackversion kommt leider etwas später. Ich denke, dass man schon in wenigen Tagen auch im Buchhandel bestellen kann, die Lieferung dauert dann voraussichtlich, ca. 10 Tage. Unter der angegebenen email-Adresse kann man auch direkt bei mir bestellen. Danke.

30.11.2013

Heute machen wir ein Türchen auf ...

SUBSKRIPTION


Der zwölfteilige Brokat
und alles andere

Das neue Buch von Yürgen Oster
jetzt in der Vorbestellung


244 Seiten, Großformat 21 x 21 Hardcover, Fadenbindung, runder Rücken 49,90 €
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05.11.2013

Aha

Es gibt die Geschichte von dem Zen-Mönch, der alles nur mit "aha" quittierte.
Als ein Mädchen im Dorf schwanger wird, will sie erst nicht sagen, von wem. Doch nach einer Weile behauptet sie, das Kind sei von dem Mönch im Tempel am Dorfrand. Nach der Geburt bringt man den Säugling zu unserem Mönch:"Hier, das ist dein Kind. Kümmer dich drum."
"Aha."

Nach einigen Jahren wird es der inzwischen jungen Frau doch etwas unbehaglich und sie geht zum Tempel:"Das Kind ist nicht von dir. Gib es mir zurück, ich kümmere mich jetzt selbst darum."
"Aha."

Wir denken vielleicht, der Mann ist ziemlich abgeklärt und cool. Aber vielleicht war er einfach nur blöd.


30.10.2013

Nadel vom Meeresboden heben

Die "Nadel vom Meeresboden heben" (海 底针 Hai Di Zhen) hat als Redewendung ungefähr die gleiche Bedeutung wie die berühmte Nadel im Heuhaufen. In der daoistischen Alchemie ist mit dem Meeresboden das untere Abdomen gemeint und die Nadel heben bedeutet, den Punkt Hui Yin auf dem Damm nach oben ziehen.

In der 24er Taijiquan Form entspricht das Bild dem Wind aus den 8 Trigrammen Ba Gua, denen die Basistechniken der Arme nachempfunden werden.

Die acht Richtungen 

Die vier Tore


‣ Qien – der Himmel = Peng – Schützen
‣ Kun – die Erde = Lü – Weichen
‣ Kan – das Wasser = Ji – Pressen
‣ Li – das Feuer= An – Stoßen

und die vier Ecken

‣ Xun – der Wind = Cai – nach unten ziehen
‣ Zhen – der Donner = Lie – spalten, brechen
‣ Dui – der Sumpf = Zhou – Ellbogen
‣ Gen – der Berg= Kao – Schulterstoß

Über Cai heißt es:
Das eigene Gleichgewicht zu wahren, ist die oberste Regel. Das Gleichgewicht des Gegners zu stören, ist das Geheimnis von Cai. In jedem Angriff fällt es schwer, die innere Balance zu halten. Wenn du den rechten Augenblick abpasst, kannst du mit Leichtigkeit den Gegner in Verwirrung bringen. Achte darauf, nur eine Seite zu ziehen, sonst wird die Position des Gegners nur gestärkt. Setz den ganzen Körper ein, lass dein Gewicht sinken und behalte einen festen Stand. Cai hat nichts mit der Kraft deiner Arme zu tun.

Das Lied von Cai:

Entwurzeln gleicht dem Prinzip der Waage.
Ob schwer oder leicht, es kann ausgewogen werden. Der Kraft von tausend Pfund
braucht man nur vier Unzen entgegen zu setzen. Wie geht das?
Es ist das Gesetz der Hebelwirkung.*


* Yürgen Oster, Tai Ji Quan, Das Dao der Bewegung
mehr lesen und bestellen


Die Anwendung sieht ungefähr so aus:




14.10.2013

Pflicht zu Cultur, Immanuel Kant

Das Vermögen, sich überhaupt irgend einen Zweck zu setzen, ist das Charakteristische der Menschheit (zum Unterschiede von der Tierheit). Mit dem Zwecke der Menschheit in unserer eigenen Person ist also auch der Vernunftwille, mithin die Pflicht verbunden, sich um die Menschheit durch Kultur überhaupt verdient zu machen, sich das Vermögen zu Ausführung allerlei möglichen Zwecke, so fern dieses in dem Menschen selbst anzutreffen ist, zu verschaffen oder es zu fördern, d.i. eine Pflicht zur Kultur der rohen Anlagen seiner Natur, als wodurch das Tier sich allererst zum Menschen erhebt: mithin Pflicht an sich selbst.

Allein diese Pflicht ist bloß ethisch, d.i. von weiter Verbindlichkeit. Wie weit man in Bearbeitung (Erweiterung oder Berichtigung seines Verstandesvermögens, d.i. in Kenntnissen oder in Kunstfähigkeit) gehen solle, schreibt kein Vernunftprinzip bestimmt vor, auch macht die Verschiedenheit der Lagen, worein Menschen kommen können, die Wahl der Art der Beschäftigung, dazu er sein Talent anbauen soll, sehr willkürlich. – Es ist also hier kein Gesetz der Vernunft für die Handlungen, sondern bloß für die Maxime der Handlungen, welche so lautet: »baue deine Gemüts- und Leibeskräfte zur Tauglichkeit für alle Zwecke an, die dir aufstoßen können«, ungewiß, welche davon einmal die deinigen werden könnten.

15.09.2013

Die Fäuste ballen und mit den Augen funkeln

um die Kraft zu mehren 


Es gibt Menschen, die an dieser Stelle mit den Brokatübungen ein Problem bekommen. Die Fäuste werden geballt, die Augen sollen funkeln, die zu mehrende Kraft hat anscheinend mit Aggression zu tun. Und das wollen sie nicht. Sie wollen etwas für ihre Gesundheit tun, nicht kämpfen. 
Die Vorstellung von Gesundheit hat sich in den letzten 150 Jahren mehrfach gewandelt. Galt bis vor ca. 100 Jahren jemand als gesund der leistungsfähig war, so wurde ungefähr ab dieser Zeit der Begriff Gesundheit eher als die Abwesenheit von Krankheit verstanden. In den letzten 30 Jahren hat sich ein erneuter Wandel des Gesundheitsbegriffs vollzogen, der den Maßstab über das persönliche Befinden definiert. So kann jemand durchaus eine Krankheit haben, sich aber dennoch als gesund bezeichnen, weil er sich so fühlt. Das aktuelle Verständnis von Gesundheit als ein Maß an Wohlbefinden wird nicht mehr nur durch den körperlichen Zustand definiert, sondern bezieht die persönliche Lebenseinstellung, die innere Widerstandsfähigkeit und die Einbindung in eine soziale Gemeinschaft mit ein. 
Um Gesundheit zu erhalten braucht es von Natur aus keine besondere Anstrengung, denn der Organismus besitzt eine selbstregulierende und selbstreproduzierende Fähigkeit, Autopoiesis genannt. Wir sagen für gewöhnlich Selbsterhaltung oder Selbstheilungskräfte dazu. Ein lebender Körper regeneriert und repariert sich ein Leben lang selbst. Schon Voltaire wusste: "Die Kunst der Medizin besteht darin, den Patienten zu unterhalten, während die Natur seine Krankheit heilt." Diese permanenten Vorgänge von Erhaltung und Heilung sind allerdings keine Kuschelstunden sondern ein hochorganisierter Kampf gegen Invasoren und Rebellen. Wir verstehen uns als eine Einheit, die sich von der Umwelt abgrenzt. Doch während wir durch die Welt gehen, geht die Welt auch durch uns. Ihre Spuren prägen sich in Körper, Geist und Seele, so wie wir unsere Spuren in der Welt hinterlassen. Nicht alles, was wir mit der Umwelt austauschen, kommt uns auch zu Gute. Entweder gelingt es dem Organismus, seine Struktur aufrechtzuerhalten, dann lebt er weiter, oder es gelingt ihm nicht, dann ist er tot.

Wir reagieren auf interne Veränderungen oder Interaktionen mit der Umwelt. Dabei ist es völlig gleichgültig, ob es sich um Bakterien, Schadstoffe oder ein soziales Ereignis handelt. Das soziale Ereignis kann auch die Faust eines Mitmenschen sein, die mir das Nasenbein zertrümmert hat. Obwohl solche sozialen Ereignisse heutzutage nur in bestimmten Gegenden der zivilisierten Welt vorkommen, sollte doch die Fähigkeit und Bereitschaft zu kämpfen trainiert werden. Es geht bei einem solchen Training nicht darum, sich nun frohen Herzens in den Straßenkampf zu begeben. Im Gegenteil. Es geht um das Gefühl, sich seiner Haut wehren zu können und mit dieser inneren Haltung unangreifbar zu werden. 

aus: Yürgen Oster, Der zwölffache Brokat und alles andere.
Erscheint Herbst/Winter 2013

18.08.2013

Das E-Book


Das Buch Tai Ji Quan - Dao der Bewegung ist jetzt auch als E-Book erhältlich
Die Verfügbarkeit in weiteren E-Book-Shops wird sukzessive ausgebaut.

Das E-Book erscheint mit der ISBN 9783848224401 und wird zum Verkaufspreis von 9.99 EUR angeboten.

14.06.2013

Qi


Wir finden für den Begriff Qi zwei verschiedene Schriftzeichen, genau genommen sind es drei. 
Da wäre zunächst das gebräuchliche , welches sich zusammensetzt aus dem oberen Teil Qi, was sich aus der Darstellung geschichteter Wolken entwickelt hat und dem unteren Teil Mi, was für ungekochten Reis steht. Daraus lässt sich ableiten, das Binomen meine Dunst über Reisfeldern oder der Dampf, der aus dem Reiskochtopf aufsteigt. Einfallsreicher finde ich die Deutung, Qi entstehe aus Atem und Nahrung, was tatsächlich der Fall ist. Auch lässt sich verstehen, das Qi sich sowohl als feinsten Hauch oder festes Samenkorn manifestieren kann. Leider wird in der nun gebräuchlichen modernen Kurzschrift nur noch der obere Teil geschrieben. Das ist Atem oder Dunst, die feste Nahrung fällt  weg. 

Wenige gebräuchlich ist eine andere Variante, die auch vorwiegend in philosophischen Texten zu finden ist.  
Dieses Zeichen besteht ebenfalls aus zwei Teilen: ji mit der Bedeutung „Nahrung hinunter zu würgen“ und darunter das Radikal für Feuer , was in Verbindung mit einem anderen Zeichen in vier kurzen Strichen geschrieben wird. Wenn uns das auch ziemlich fremd vorkommen mag, so ist es doch in der Bedeutung nicht viel anders, wenn wir es verstehen als das Feuer, welches entfacht wird von dem, was wir „hinunterschlucken“, sei es nun feste Nahrung oder Atemluft.


Nachtrag: Im Kangxi Zidian, einem der wichtigsten klassischen Wörterbücher der chinesischen Schrift finden wir das Zeichen mit der Deutung 氣宇註 Qi Yu Zhu, was ich als "das sich in den Weltraum oder aus dem Weltraum ergiessende Qi" übersetzen würde.

09.06.2013

Loslassen


放之自然  體無去住  任性合道
Sich lösen, Selbst vertrauen
das Wesen weder geht noch bleibt
die eigene Natur dem Dao folgt

Das Wesen mag die Form verändern, kann sich auf die unterschiedlichsten Weisen offenbaren. Heute bist du glücklich, morgen traurig, heute bildest du dich, morgen hängst du rum, was ist dann dein Wesen. Das Wesen hat keine feste Erscheinung. Warum solltest du dann an etwas festhalten, was du für dein Eigen hältst? 

Wer dem Dao folgen will, muss freundlich, aufrecht und ernsthaft  sein in seinem Streben. Ein weißer Kranich (ein Schüler des Dao) muss seine Sinne klären und zur Natur zurückkehren.
Nur mit einem ausdauernden. gewissenhaften und duldsamen Herzen, voller Respekt und tiefem Glauben, kann man die höchsten Fähigkeiten erlernen.
Wer die Ruhe im Herzen erreicht, kann dem Dao folgen.
(Zhang San Feng  ca. 1200)

Das Dao ist niemals weit entfernt, gleichwohl es schwer zu erreichen sein mag. Es ist in jedem von uns, gleichwohl es schwer zu ergreifen sein mag. Wenn wir frei von Wünschen bleiben, wird der Geist sein Heim (das Herz) betreten. Wenn wir alle Unreinheiten weg fegen, wird der Geist bei uns bleiben. Die Menschen sehnen sich alle nach Intelligenz und Weisheit, doch nur selten suchen sie zu verstehen, was die Quelle ihrer Existenz ist. 
(Guanzi, ca. 200 v. Chr.)

Loslassen ist ganz einfach. Man öffnet die Faust. So wie man die Faust öffnet, kann man auch den ganzen Körper öffnen. Den Körper als Ganzes, als Einheit und in seinen Teilen. Alle Gelenke, die Muskeln, die Schwere. 
Eine Faust öffnet sich von Innen, aus ihrer Mitte und so öffnet sich auch der gesamte Körper aus seiner Mitte. Du lässt los, was du in deinem Innersten festhältst. Du lässt es los und in die Welt treten.
Ist der Körper nicht in gelöstem Zustand, dann stagniert das Qi.  Gelöst bedeutet entschlossen. Entschlossenes ist offen, aufnahmebereit und lebendig. Wie eine geöffnete Hand bereit ist, etwas anzunehmen. Wer festhält, nimmt sich selbst gefangen. 



Es ist für viele Menschen schon sehr schwer, ihren Körper zu entspannen, umso schwerer fällt es ihnen, sich von der geistigen Spannung zu lösen. 
Die meisten kommen mit ihren Vorstellungen, die ihnen den Blick auf die Wirklichkeit versperren. Das ist die schwierige Arbeit, diese Vorstellung beiseite zu schieben. Sie wissen zwar nicht, was Dao ist, aber sie glauben, es zu wissen. Mit jeder neuen Information, die sie bekommen, glauben sie, es besser zu wissen. Mit all diesem Glauben und Wissen stehen die Übenden der Erfahrung des Dao im Weg. 

In der richtigen Körperhaltung  kannst du alle Gedanken und Gefühle loslassen. Im natürlichen Gleichgewicht werden Körper und Geist eins, und wir verwirklichen die schlichte Wirklichkeit so wie sie ist - ohne Färbungen und Verzerrungen durch unsere Gedanken, Gefühle, Hoffnungen, Ängste etc. ohne irgendetwas zu erwarten. Es handelt sich dabei nicht um einen speziellen, entrückten, "spirituellen" Geisteszustand. Es ist nicht notwendig, Mantras aufzusagen, Räucherwerk zu verbrennen, Zeremonien auszuführen oder irgendwelche Heiligen zu verehren. 
Es ist der Zustand vor allen Zuständen.
Wir können Dao weder erlangen noch herstellen. Es ist immer und überall vorhanden, reichlich. Wir können es erfahren, spüren, erlauschen, erkennen. Nach und nach entwickelt sich ein Sinn dafür. Der Weg dorthin heißt Üben. Immer und immer wieder. 
Wiederholen, 
Rezitieren. 
Man kann den Prozess nicht beschleunigen, nur verlangsamen, indem man zu wenig tut.

Durch Rezitation dringt die Übung in dich ein. Sie öffnet sich für dich, wenn du offen bist für sie. Wenn du gewartet hast. Loslassen kannst du nicht durch Nachdenken, durch Grübeln erreichen. 
Je mehr du deinen Körper lockerst, löst und entspannst, desto gelöster wird dein Geist, desto mehr befreist du dich von deinen Vorstellungen, deinen Sorgen und Ängsten. Dann gerätst du langsam in den Zustand von Wu Wei, dann wird dein Handeln frei. Du fragst nicht mehr danach, ob dein Qi fließt. Es fließt. Du machst deine Übungen und du kehrst zurück zu deinem ursprünglichen Wesen, deinem Antlitz vor der Geburt. Deinem wahren So-Sein, zu dem, was sich in dir und durch dich verwirklichen will.
Dies ist ein langer und schwieriger Weg. Es braucht eine Menge Geduld. 

18.05.2013

Mit Sicherheit


Taijiquan ist ein Begriff mit verschwommenen Rändern. Es fällt uns schwer zu bestimmen, warum ein Bewegungsablauf, den wir bei einem Mitmenschen beobachten, Taijiquan ist und nicht Ballett. Dennoch fühlen wir uns ziemlich sicher, zu wissen, wann wir Taijiquan sehen oder selber ausüben. Woher kommt diese Sicherheit, den Begriff Taijiquan richtig zu benutzen. Woher weiß man, dass der Bewegungsablauf nicht nur so aussieht wie Taijiquan, sondern auch Taijiquan ist?  Woher weiß jemand, dass er Taijiquan praktiziert, richtig und gut?

Zu glauben, man sei in einer Disziplin gut ist vielleicht hilfreich für das Selbstbewusstsein, für die persönliche Entwicklung ist es jedoch besser, daran zu zweifeln oder zumindest auch für sich eine weitaus bessere Performance für möglich zu halten.

Was wir glauben, halten wir für wahr und was wir für wahr halten, nehmen wir für die Wirklichkeit.

Woran aber kann ich die Qualität meiner Leistung messen? Vielleicht an dem, was ein anderer macht? Wenn  mir aber die Kriterien fehlen, um ich die Leistung eines anderen beurteilen zu können, bin ich auf darauf angewiesen, danach zu gehen, was mir gefällt und ließe mich vom Augenschein täuschen oder wie in der Mode von Tendenzen treiben.

Mit Sicherheit gibt es kein hundert Prozent richtiges Taijiquan, sowenig, wie es ein richtiges Schachspiel oder eine richtige Aufführung der Zauberflöte gibt.

Gibt es aber kein 100 % richtiges Taijiquan, dann auch kein 99% und ebenso wenig ein 10% richtiges. Wie soll ich es dann besser machen können?
Ein Fehler im Schach kann bedeuten, die Partie zu verlieren. Es kann aber auch ein Fehler sein, der den Regeln des Schachspiels zuwider läuft, in dem ich zum Beispiel mit dem Turm diagonal ziehen will. Entsprechend kann eine Aufführung der Zauberflöte deshalb daneben gehen, weil es den Protagonisten nur selten gelingt, den richtigen Ton zu treffen. Oder aber die Töne sind alle richtig, aber dem Spiel fehlte der Pep, es war langweilig.
Übertragen auf Taijiquan bedeutet es, dass uns Kriterien vorliegen müssen, die bestimmen, was Taijiquan ist, ganz gleich, in welchem Stil gespielt wird, und es muss Kriterien geben, die etwas über die Qualität des Spiels aussagen.
Erstere wären dann als objektiv zu bezeichnen wie die Regeln des Schachs oder die Noten auf dem Papier. Letztere sind eher subjektiv und haben mit der individuellen Zielsetzung zu tun und auch der persönlichen Urteilsfähigkeit. Für den einen muss es kämpferisch und für die andere spirituell zugehen.
Für Taijiquan gilt es also zunächst, dass überhaupt Taijiquan stattfindet und nicht etwas, das nur auf den ersten Blick so aussieht, dass der Turm nicht diagonal gezogen wird.
Diesbezüglich lässt sich die eingangs gestellte Frage, inwieweit die eigene Performance gut ist, leichter überprüfen, sofern man bereit ist, sich damit auseinander zu setzen, was Taijiquan überhaupt ausmacht.

Hier zumindest einige Anhaltspunkte zu liefern ist die Aufgabe der kommenden Beiträge in diesem Blog.

17.05.2013

Oberfläche (Metall 2)

Vor dem Supermarkt sitzt ein alter Mönch, zumindest hat er die Haartracht eines Mönchs, und verkauft irgendwelche Knollen und Kräuter. Vielleicht hat er Ahnung, kennt sich aus. Drei Mal wird er von seinem Platz vertrieben, rückt ein paar Meter weiter und bietet wieder seine paar Waren feil. Nicht gerade mit viel Erfolg. Freundlich grüßt er zu uns rüber und wir wollen ihm etwas Geld zukommen lassen, irgendetwas werden wir ihm abkaufen. Anscheinend ist eines der Kräuter seines Angebots gut für die Haut, zumindest entnehmen wir das seiner Gestik, während er einem potentiellen Kunden die Produkte erklärt.


Wir wechseln zu ihm rüber und zeigen uns interessiert. Ja, das muss man als Tee zubereiten, vielleicht auch als Dekokt, trinken, ja, ist gut für die Haut und das Verdauungssystem. Er zeigt uns die Sporen unter den Blättern, die wohl reichhaltigen Wirkstoff haben sollen.


Inzwischen hat sich eine Gruppe interessierter Zuschauer um uns gebildet. Was passiert denn da? Ein Ausländer will was von dem Alten kaufen. Ein kleines Spektakel, das den Alltag bereichert, vielleicht bis zuhause schon wieder vergessen. Aber jetzt, im Augenblick, von höchstem Interesse.


Endlich sage ich zu, will kaufen. Der Alte packt umständlich einige Blätter in einen Beutel. Was er denn dafür will. Hundert Kuai (umgangssprachlich für Yuan), immerhin sei ich ein reicher Mann, habe ein Auto, komme aus dem Ausland. Pah, so geht das nicht, ich lache, alle anderen auch. Ich soll ihm ein Angebot machen, werde ich aufgefordert. Da mein Interesse eigentlich nicht so sehr den Blättern als der Unterstützung gilt, ich aber auch nicht über den Tisch gezogen werden möchte und als ein schlechtes Beispiel für die dummen Waiguoren dastehen möchte, die alles bezahlen, was man von ihnen verlangt. biete ich ihm fünfzig an.


In diesem Moment drängelt sich eine Frau durch die Gruppe, zwinkert mir zu und gibt mir zu verstehen, ich solle nichts von dem Burschen kaufen. Unschlüssig will ich mich schon aus dem Handel entfernen, da heißt es mehrstimmig, er willige ein; fünfzig. Nun muss ich. Die Frau zuppelt an meinem Ärmel, will mich rausziehen. ich aber stehe jetzt zu meinem Wort, gebe die Fünfzig und erhalte den Beutel. Der ist aber inzwischen nur noch halb voll. Nein, so geht das nicht, sagen auch alle Umstehenden. Ja, sie greifen selber ein, als der Alte nur ein paar Blättchen dazu packen will und machen den Beutel wieder voll.

Nun habe ich die Kräuter von dem alten Schlitzohr, die ich wahrscheinlich im Hotelzimmer liegen lassen werde und die andere Frau am Hals, die mich regelrecht beschimpft. Ich versuche ihr zu erklären, das es für mich kein Problem sei, auch wenn es zu teuer war.


Hundert Meter weiter kaufe ich ein paar kleine Bananen und schon steht das Weib wieder neben mir. Jetzt holt sie einen Pillendose raus und will mir zwei Tabletten geben. Sie sehen nach Hefe aus. Drüben in der Apotheke könne ich sie preiswert bekommen, seien viel besser als das Gemüse von dem Alten. Ich will das nicht, ich brauche das nicht, es ist jetzt gut.


Wir spazieren weiter, zur Wudang Lu und rauf zum Theater, wo wir letztes Jahr so viele Menschen haben tanzen sehen. Aber es ist noch zu früh, Ein paar Mütter und Großmütter lüften ihre Kleinkinder, mehr ist nicht los. Wir beschließen, zurück zu gehen und ein paar Jaozi zu essen. An der Straßenecke sitzt sie schon wieder, als hätte sie auf uns gewartet, winkt, wir gehen vorbei. Die Frau macht nicht gerade einen vertrauenserweckenden Eindruck, eher wirkt sie etwas verstört, um es freundlich auszudrücken, obwohl wir gerade in dem Moment darüber reden, wie falsch es doch ist, die Dinge aus Höflichkeit nicht beim Namen zu nennen. Das Falsche muss auch als falsch bezeichnet werden. Das Böse als böse und das Dumme als dumm.

Wir sind inzwischen an unserer Jaozi-Stube und bei der Relativierung aller Verhältnisse in unserer Gesellschaft angekommen, bei der Frage, ob es damit angefangen hat, den zu suchen der ohne Schuld ist und den ersten Stein werfen darf. Da kommt die Hexe schon wieder an und drückt mir ein gefaltetes Papier in die Hand, spürbar mit ein paar Tabletten gefüllt. Ich lasse sie später zwischen den Essensresten liegen.



23.03.2013

Das Innere der inneren Kampfkünste 2


1. Das Äußere des Inneren

Gerne gibt man in China bei den Kampfkünsten eine berühmte historische Persönlichkeit als Gründer der Methode an. Die Entstehungsgeschichten sind umrankt von Mythen, in denen durchaus auch schon mal die Götter oder Unsterbliche ihre Hand im Spiel haben dürfen. In der 1669 veröffentlichten "Grabrede auf Wang Zhengnan", von Huang Zongxi (1610 ­ 1695) wird "der daoistische Unsterbliche Zhang Sanfeng vom Berg Wudang, Begründer der Inneren Schule des Kampfes" genannt. Das muss man vor dem Hintergrund der Zeit sehen. 1641 unternahmen die Mandschu einen großen Einfall in Ming China, bei dem sie 88 Städte eroberten, sechs weitere übernahmen und bis nach Shandong vordrangen. 1644 endete die Ming-Dynastie und wurde von der mandschurischen Qing-Dynastie abgelöst. Die Mandschuren waren von Außen in China eingedrungen und zwangen den Chinesen zunächst ihren Lebensstil auf. Da sich die Mandschuren zum (von Außen eingeführten) lamaistischen Buddhismus bekannten, wurde ihnen die von Innen, aus China, stammende Philosophie des Daoismus in Person des Zhang Sanfeng entgegengesetzt.   

2. Das Innere des Äußeren des Inneren

Die Widerstände gegen die Herrschaft der Mandschu drückte sich nicht nur in Manifesten aus. Es bildeten sich Rebellengruppen, die im Untergrund operierten und die Formen von Geheimgesellschaften annahmen. Das Geheime an ihnen war ihre Nichtöffentlichkeit. Diese Gruppen waren zwar geheim, hüteten jedoch keine Geheimnisse. 
Ob nun aus einem Missverständnis oder den Tatsachen entsprechend, innerhalb der Kampfkunstszene wird immer wieder von Gruppen gesprochen, die geheime Techniken beherrschen und bewahren. Wobei natürlich nicht gesagt werden kann, was das Geheime sei, sonst wäre es ja nicht mehr geheim. 
Es wurden allerdings auch zeitweise Techniken nur aus dem Grund geheim weitergegeben, weil ihre öffentliche Ausübung verboten war. Hier wiederholt sich im Qigong gerade die Geschichte. 

14.03.2013

Sendung zum Frühling 2013


Liebe Freunde

Anfang der siebziger Jahre arbeitete ich für einen kleinen Laden in Köln, der auch so etwas wie ein Treffpunkt war. Hier hörte ich zum ersten Mal von Taijiquan, von einem daoistischen Tanz, bei dem exakte Regeln der Bewegung einzuhalten seien, was meiner damaligen Auffassung von Daoismus wirklich nicht entsprach. Obwohl ich eigentlich nur die Reclam Ausgabe des Daodejing in der Übersetzung von Günter Debon kannte, hielt ich den Daoismus für eine Art pantheistischen Anarchismus. Strikt festgelegt Bewegungen hatten in diesem Bild keinen Platz. 
Eines Tages unterhielt ich mich mit einem jungen Physiker, den ich schon des öfteren dort getroffen hatte, über Themen aus der Science Fiction Literatur. Wir kamen auch auf Multidimensionale Welten zu sprechen und ich gestand, mir diese schwerlich vorstellen zu können. Er gab mir eine sehr anschauliche und, wie man sieht,  nachhaltige Erklärung des euklidischen Raumes, um darüber hinaus dann vielleicht auch einmal höhere Dimensionen zu verstehen. Der euklidische Raum (ich vereinfache hier und die Mathematiker mögen mir verzeihen) basiert auf dem Punkt, der 0 Dimension besitzt. Die Gerade, bestehend aus unendlichen Punkten bildet die Dimension 1, unendlich 1 hat die Dimension 2, genannt Fläche und unendlich 2 erzeugt den Raum, Dimension 3. Nun brauchen wir uns nur unendlich viele Räume  vorstellen, um in die vierte Dimension vorzustoßen. Was mich daran fasziniert, ist ein Raum, der aus unendlich mal unendlich mal unendlich mal Null besteht. 
Und nun reden wir davon, uns darin zu bewegen. 

Mit den besten Empfehlungen
Yürgen Oster



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