Lilos 16. Tag – Endlich mal was Neues

Li Shifu fordert mich zum Vorturnen auf, kritischer Blick an manchen Stellen, aber er lässt es mir so durchgehen. Er bedeutet mir, dass es nun endlich Zeit wird, eine richtige Form zu lernen. Wie, ich dachte, das hätte ich bereits? Achwas, das war doch nur Vorgeplänkel, quasi die Ouvertüre, nein, ans echte Lernen geht es jetzt erst. Ich hatte doch irgendwann mal gesagt, ich wollte 玄功拳 – Xuan Gong Quan – lernen. Wollte ich? Wirklich? - Ich erinnere mich ganz düster an eine Menge wunderschöner und sehr, sehr langer Formen, die mir am Anfang zwecks Auswahl vorgestellt wurden. Das war also meine Wahl gewesen. Gut, dann los. Nun bin ich allein, keine Gruppe mehr, an der ich mich orientieren kann, jetzt bin ich auf mein eigenes Gedächtnis angewiesen. Li Shifu führt dreimal vor, ich hinterher. Jetzt üben-üben-üben. Fängt auf jeden Fall mal sehr schön an, tolle Bewegungen, sehr dynamisch. Ganz wichtig: immer böse kucken dabei! Damit der Gegner vor Angst zittert. Und nicht vor Lachen umkommt.

Als ich kurz eine Pause mache, kommt Guan Shifu vorbei. Will mein Jiben Quan sehen. Wenn Li meine Bewegung durchwinkt, heißt das ja noch lange nicht, dass sie auch für Guan in Ordnung ist. Immerhin erteilt er mir Dispens von den ganz tiefen Ständen, nachdem er mir gestern fast 20 Minuten das linke Knie poliert hat, weil ich Schmerzen hatte. Und ich soll bitte langsam springen...Ich meine mich zu erinnern, dass ich darum gebeten hatte, eine Form mit wenig Tiefstand und Sprüngen zu lernen. Ich glaube, hätte ich den Wunsch geäußert, über Dächer fliegen zu lernen, so wie man's in den hübschen bunten Kung-Fu-Filmen sieht, wäre dies mit dem selben Interesse zur Kenntnis genommen worden. Letztlich entscheidet der Lehrer, was jetzt gut und richtig ist. Aber immerhin: reden kann man ja mal.

Ich führe nun also vor, direkt folgen einige grundsätzliche Korrekturen an Handhaltungen, die mir nicht nur Li, sondern auch Meister Zhong genau so ausdrücklich eingebläut hatten. Nun hat jeder Lehrer so seine Spezialitäten, von denen er auch kein Jota abweicht. Als Schüler sitzt man da ziemlich in der Zwickmühle, man kann halt schlecht eine Korrektur ablehnen mit dem Hinweis „aber Meister Chingchangchung hat mir das ganz anders gezeigt!“. Das macht man nur einmal. Es ist auch nicht so, dass der ranghöhere Meister den Niederen sticht, nach dem Motto „ein Zhong macht mehr als Li und Guan zusammen“. Es bleibt einem als Schüler also nichts anderes übrig, als sich zu merken, welcher Lehrer es wie gerne hätte. Wenn man gerade am Einlernen ist, eine ganz einfache Sache...

In einer kurzen Pause spricht Rosalyn aus Singapur mich an. Was ich denn da für einen Tee trinke. Ich erkläre ihr, dass ich mir den kleinen Luxus gönne, den kostbaren Dao-Tee morgens für das Training aufzubrühen. Das interessiert sie. Ich erzähle ihr von den hiesigen Spezialitäten, auch von dem extrem bitteren Ganlu-Tee, nach dessen Genuss alles süß schmeckt. Sie freut sich, denn nun hat sie endlich eine Idee für Mitbringsel. Dann schaut sie kritisch auf mein ortsübliches Plastik-Teegefäß. So geht das aber nicht. Sie hebt an, mir zu erklären, wie man Tee ordnungsgemäß zubereitet – besonders so kostbaren. Ich versuche, sie zu unterbrechen, Teezeremonien habe ich nun schon wirklich genug erlebt. Sie ist aber nicht zu bremsen, auch auf meine Bemerkung, dass ich immer der Meinung war, dass das Zubereiten, Transportieren und Teetrinken aus Plastikeimern hier Kulturgut sei, weil es doch alle machen, zieht nicht. Also höre ich mir den Vortrag an, bedanke mich für die Lehre. Und werde morgen meinen Tee wieder genauso zubereiten.

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