Frühling

Da ist wieder was los im Hof, vor meiner Tür. Aber anders, nicht wie bei den Pilgern, mit Geschrei und Gekeife. Etwas sehr lebendiges, frisches. Ich stecke meine Nase raus. Die Kids sind da. Die Kleinen, oder sagen wir mal das mittlere Alter, so um die 12 bis 15 Jahre. An die zwanzig junge Menschen im Hof. Mit Waffen und Reiseköfferchen. Da keiner in der Nähe ist den ich fragen könnte (bei den Kids brauch ich mein Chinesisch nicht erst ausprobieren) kann ich nuir vermuten. Sammeln, Training und dann Abreise auf Tournee. Oder zumindest einer kleinen Performance oder schon wieder irgendwo eine der vielen Nationalen Meisterschaften.
Das war gestern.
Und heute laufen noch mehr von den kleinen wuseligen Kerlchen ein. Auch die Kleinen. Und auch Yarou, die ich fragen kann. Weil die Bürschlein auch Bettdecken und sehr perönlich aussehende Dongxi mit sich schleppen, vermute ich doch einen längeren Aufenthalt. Wie lange sie denn bleiben, frage ich Yarou. So ca. 50. Tage? Nein Leute. Noch mal: wie lange bleibt ihr hier, wieviele Tage? Ah, mehr und mehr und mehr. Also sie bleiben. Jawohl, so ist es. Nur noch zwanzig sind unten in der Stadt, die Älteren. Der Rest ist hier und es ist wieder meine Akademie und es lebt alles von der Energie des gemeinsamen Spaßes an der Freude, am Gongfu.
Ja, es ist wie Frühling, wenn die Kraft wieder aufsteigt, wenn die Vögelchen singen. Ausgerechnet jetzt muss ich abreisen. Aber ich werde mit Freuden zurück kommen.

Der Neue

Wir haben einen neuen Prospekt. Für die Akademie. Werbung. Auf Chinesisch und auf Englisch. Da steht drin, wir hätten einen erstklassigen Koch. Mit besonderen Spezialitäten, Geschmacksrichtung Szechuan. Das wär doch prima, sollte man glauben. Aber als ich den Prospekt durchgelesen habe, da waren wir schon zwei Wochen hier und hatten von dem Essen in der Kantine die Schnauze voll, wie man so schön sagt, was hier wörtlich zu nehmen ist. Meist sind wir ausgegangen in eine der kleinen Klitschen hier, wo unbekannte, von Sternen verschonte Kochkünstler ihr Wesen treiben und unseren Gaumen neue Kitzel zufügen können. Ganz einfach so mit einem Wok und einer handvoll Gewürzen. Also dieser Mann da in der Küche der Akademie, der sollte bitte sein Sterne wieder abgeben.
Jetzt hieß es auf einmal: Wir haben einen neuen Koch. Der hat schon drei Monate lang auf der Expo für unsere Jungs und Mädel gekocht und die wären ganz begeistert von ihm. Hat mir Guan Shifu erzählt, als ich bei ihm zum Essen geladen war. Aha, hab ich mir gedacht, dann werd ich den mal heute Abend probieren.
Zum Abend wollte aber das Springbällchen seinen Ausstand geben. Weil es in der Akademie keinen runden Tisch gibt wie in Chinarestaurants üblich sondern Kantinenmöblierung, hat sie sich dann für das Restaurant neben der Polizeistation entschieden, da könnte es dann auch mal lauter werden.
Deshalb hab ich am Abend den neuen Koch auch noch nicht kennen gelernt. Heute sind wir zum Nanyan. Auch kein Mittagessen im Hause. Aber jetzt. jetzt gehe ich hin. Zu unserem neuen Koch, von dem inzwischen alle schwärmen.

Nachtrag: Essen ist gut. Der Koch hat was drauf und wir werden unseren Ausstand morgen Abend hier geben.
Wer mal richtig lecker Chinesisch essen will, soll herkommen. Wir kennen uns da inzwischen aus. Und wie das Springbällchen richtig sagte, was gut ist an dem neuen Hotel, da wo früher die Akademie war, eine Adresse mehr zum Essen gehen.

Alle reden vom Wetter

wir haben's. Was uns in den vier Wochen schon alles präsentiert wurde, kann man als einen Querschnitt durch die Möglichkeiten der Wetterkarte sehen. Wüstenstürme ausgeschlossen. Als wir auf der letzten Reise im Frühjahr, Mitte April ankamen, lag noch mal Schnee. Der letzte für diesen Winter.
Heute, als ich zum Nachmittagstraining in den Hof kam, roch es nach Schnee. Auch Koko nickte und meinte:'Snow!'
Nach der ersten Runde Taijiwalk verkündete plötzlich unser Springbällchen freudig:'It's snowing! Yeah.' was Roxy noch nicht wahrnehmen konnte oder wollte und deshalb meinte, das Springbällchen würde spinnen.
Aber es ließ sich nicht leugnen, es wurde deutlich mehr. Kein Schnee, Geschneisel. Kaum auf dem Boden, schon verronnen. Aber immerhin. Der erste für den kommenden Winter.
Letztlich riss es Guan Shifu zu der Abschlussbemerkung hin, wir sollten die Treppen vorsichtig hochgehen. Er sorgt sich immer so rührend um uns.
Also Klimawandel? Hier täglich.

little, little movement

Heute regnets. Ob man da richtig trainieren kann, zweifelt St. beim Frühstück. Li Shifu zeigt uns, dass man kann. Alle rundum aufgestellt im Daoyuan, auf dem überdachten Rundgang und dann was haste was kannste: Dehnen, Kicks, Dehnen, Kicks, Sprünge, Kicks, Dehnen, Spünge, Kicks, Dehnen, Sprünge, Dehnen, Kicks.
Nicko, der schon über ein halbes Jahr hier ist, meint beim Mittagessen, das sei die härteste Session gewesen, die er bisher erlebt hat. Womit ich mir mein zwischenzeitliches Schwächeln verziehen hab.
Guan Shifu schaut, nachdem für alle schon 'class over' ist, noch mal über meine Schwertform und ist bis auf zwei Details zufrieden. Als ich an diesen beim Nachmittagstraining feilen will, finde ich keinen Platz. Ich gehe in den Meditationsraum, wo die Amerikaner die 28er Form quälen und tue das meinige mit der 13er.
Guan schaut vorbei, korrigiert bei den Amerikanern und dann soll ich mal zeigen. Klar, deshalb mach ich doch den weiten Weg.Er entdeckt eine little, little movement in my shoulder, normal don't see. Er zeigt, er verbessert, es bleibt. Dann entdeckt er eine little, little movement in my waist. Er vergewissert sich, es heißt 'waist' das Handgelenk 'wrist', was bei ihm ungefähr gleich klingt. Ja, er bestätigt, das sei für ihn so schwer wie für uns mā, má, mǎ, mà.
Schön, und meine Hüfte? Das zeigt er mir dann. Erst was ich mache, das ist falsch. Dann wie es sein soll. Mh, und wo ist der Unterschied? Dann übertreibt er. Jetzt sehe ich, langsam verstehe ich. Ja und wie soll das gehen? Bei mir scheint da kein Platz zu sein für diese gewünschte Drehung. Die Amis schauen fasziniert zu, sie begreifen, was hier noch auf sie zukommen kann. Auf einmal flutscht es, Guan strahlt. Hätte ich nicht vergessen, meinen Kittel anzuziehen, dann hätte er das nie gesehen. Very little movement. Wir einigen uns darauf, dass ich die nächsten Jahre keine neue Form lerne, sondern nur die little movements. Im Taiji, Bagua, Taihe 等等

Wimmern und Stöhnen

Chuck, ich nenn ihn so, weil er eine gewisse Ähnlichkeit hat mit Chuck Norris, aber bartlos, ist von der Competition übrig geblieben, hat dran teilgenommen und bleibt noch eine Weile, um zu lernen. Ich weiß nicht genau, was er lernen will, am regulären Unterricht nimmt er nur partiell teil, unter anderem mit eben jenem Gerassel, das im keiner unserer Lehrer beigebracht hat, nur Zhong, der alte Haudegen hat ihm heute mal gezeigt, wie das eigentlich geht. Was kann der Kerl eigentlich nicht?
Einer von Chucks Schülern ist auch hier. War schon vorher hier und hat bei den sensibleren Übungen deutliche Wahrnehmungs- und Ausführungsdefizite offenbart. Nun seit Chuck hier ist, machen die beiden bei so einem Killefitt natürlich nicht mit. Kinderkram, Weicheiergongfu, so würde ich Chucks Mimik deuten. Statt dessen geben sich die beiden höchst interessanten homoerotischen Sadomasospielen hin. Der Schüler zum Beispiel sitzt, mit ausgestreckten Beinen, den Oberkörper vorgebeugt, auf dem Boden. Der Meister schmeißt sich von hinten auf ihn, drückt den Oberkörper vor und runter, den Kopf bis auf die Erde. Wenn dann der Scchüler abklopft, also signalisiert, dass das Ende seiner Dehnbarkeit erreicht und der Schmerz unerträglich geworden ist, dann beginnt die Übung erst richtig. Es fehlen eigentlich die Riemen und Schnallen und Peitschen, die Körper sind auch nicht nackt, aber die Positionen, die Geräusche, das Wimmern und Stöhnen, für mich hört sich das nach Sex in der Schwulendisko an.
Weder Chuck noch sein Schüler haben bisher irgendetwas gezeigt, dem ich Respekt zollen möchte. Wir haben hier durchaus einige Jungs rumturnen, die einen echt guten Job machen, denen kein Schweißtropfen zuviel ist udn die auch nach den offiziellen Trainingszeiten an sich arbeiten. Und dann gibt es diese Egotripper, hier wie im echten Leben, und ehrlich gesagt, ich gönn ihnen ihre Schmerzen. Denen kann man den Arsch nicht weit genug aufreissen.

Ruhe

gestern war es wieder aufdringlich im Tempel, außerdem wird das Dach renoviert, deshalb sind wir jetzt im Daoyuan, fern ab aller Touristenströme, trainieren in Ruhe.
Als ich seinerzeit zum ersten Mal nach Stillpoint reiste, gab mir Moni eine Ausgabe der Transatlantik mit. Ich meine, es war Enzensberger, der darin seine erste Reise nach China beschrieb. Das fing schon im Flieger an. Sein Nachbar, Chinese, schlief sofort ein, wie es sich für seine Art gehört. Gab Enzensberger die Armlehne auch nur einen Millimeter frei, rückte der schlafende Ellbogen nach, übte er dagegen leichten Druck aus, zog sich der chinesische Arm gerade genug zurück. Er blieb immer auf Kontakt. So musst du dir das auch im Tempel mit den Touris vorstellen. Sie stehen mit ihren Fotos in breiter Wand vor uns, während wir auf sie zuwandern, gemächlich, im Taiji-Schritt. Erst wenn mein Fuß fast auf ihren tritt, kurz davor, machen sie einen kleine Ausweichbewegung. Nicht mehr als nötig, gerade genug, um noch den feixenden Ehegatten vor unserer Reihe zu knipsen.
Jetzt ist Ruhe davor. So gerne ich im Tempel bin, hier unten kann man sich besser konzentrieren. Weil ich bei der Vorstellung mit meinem Schwert anscheinend nicht den nötigen Glanz auf die Akademie geworfen habe, darf ich es noch etwas verfeinern. Prima. Mach ich doch gerne. Zumal das, was mir Guan gerade zeigt eine völlig andere Form zu sein scheint. Nur die Reihenfolge der Schritte kommt mir etwas bekannt vor.
Ähnlich verhält es sich mit dem, was Guan Shifu dem jungen Letten zeigt. Es ist eine hochdifferenzierte Form des Baguazhang, welches ich im letzten Jahr über fünf Wochen gelernt habe. Der lette scheint das in fünf Tagen erledigen zu wollen. Keine Zeit und Ruhe mehr bei den jungen Leuten. Alles muss schnell gehen. Da lob ich mir doch den älteren Herrn Chinesen, der ebenfalls schon letztes Jahr Baguazhang übte und das jetzt immer noch tut. Beständig und unverdrossen. In der Ruhe liegt die Kraft.
Ganz anders der nette Chuck, der sich in Shiyan während der Kompetischn eine Sammlung Waffen zugelegt hat. Unter anderem einen Speer. Aus Metall. Mit irgendwas rasselndem im Inneren. Damit übt er nun seit Tagen. Radddaratt Ratt, Raddaradaratt Ratt,Radddaratt Ratt, Raddaradaratt Ratt,Radddaratt Ratt, Raddaradaratt Ratt,Radddaratt Ratt, Raddaradaratt Ratt,Radddaratt Ratt, Raddaradaratt Ratt,Radddaratt Ratt, Raddaradaratt Ratt ...

Umkehr

Heute morgen, im Tempel, ist anscheinend Klassenfahrt der Weiterbildenden Fachoberschule aus Wuhan. Einem der Mädels muss man gestern Extasie in den Tee getan haben oder sie hat zumindest einen Tripple-Esspresso intus. Wir sind, wie berichtet, schon einiges gewöhnt. Sie war die Krönung. Vielleicht bekommt ihr auch der Vollmond nicht, jedenfalls die junge Frau war gänzlich außer sich. Bis man ihr erklärt hatte, dass sie verletzt werden könnte, hampelte sie kreischend zwischen unseren Kicks rum. Nach dem YinYang Prinzip müsste es nun umkippen. Es ist schon ruhiger geworden, aber es könnte noch.
Vom Training zurück, hocken vor meiner Tür eine Gruppe buddhistischer Nonnen. Kahlgeschorene Schädel, graue Kittel, freundliches Lächeln und Beiseiterücken. Ist das der Auftakt der Umkehr?
Heute reist eine Teilnehmerin meiner Gruppe ab. Demgemäß haben wir gestern abend ausgiebig gespiesen. Der kleine Mann hat sich geradezu selbst übertroffen.
Langsam denke auch ich an die Heimkehr, n u r noch eine Woche. Bei meinen ersten Reisen waren wir nur eine Woche hier. Dann mal zwei, später auch drei. Dieses Jahr waren es insgesamt zehn Wochen. Manche befürchten (oder hoffen) ich bleibe irgendwann hier.
Was weiß denn ich.

Herr Hu, Frau Merkel und das leichte Schwert

Heute waren Hu Jintao und Angela Merkel bei uns zu Gast im Zixiaogong. Deshalb war das Training eine halbe Stunde vorverlegt worden. Die Burschen und Mädel aus der Akademie waren auch raufgekommen, um den hohen Gästen etwas vorzuführen.
Dann meinte Guan, ich solle die kurze 18er Form vorführen. Naja, wenns sein muss hab ich gesagt und mich bereitgestellt. Guan hat noch mal nachgeforscht, ob ich übermäßiges Herzklopfen habe. Nein hatte ich nicht. Warum auch. 18er Form ist einfach und kann ich vorwärts wie rückwärts und wenn es sein musss auch auf links gewendet. Auf dem roten Teppich machten die Jungs den wilden Mann. Dann standen sie alle still und begannen ...
mit der 18er Form. Na hab ich gedacht, dann bin ich ja raus. Die kann ich doch nicht anschließend noch einmal vorführen. Guan war auch etwas perplex, dann entschied er spontan, ich solle die Schwertform laufen, nur ein Stück, ich könne irgendwo aufhören. Die Schwertform, nein also, ehe ich mich versah hatte ich aber schon eine sehr leichte Ausführung von Schwert in der Hand und wurde vorgeschickt. Na dann. (jetzt doch etwas Herzklopfen) Vortreten verneigen. Aus der Nähe sehe ich, es ist nicht Angela Merkel, um so besser. Wahrscheinlich auch nicht Herr Hu. Ich fuchtel eine Weile mit dem Strohhalm in meiner Hand rum, entscheide dann auch schon bald es sei genug und schließe die Form irgendwie ab.
Irgendwer meinte ich sei David Carradine aber ich will nicht in einem Schrank gestorben sein. Könnt ihr mich bitte bald hier raus holen. Es ist zwar wunderschön hier, paradiesisch. Die Sonne scheint wieder und alle Menschen sind nett. Aber ein bisschen komm ich mir hier vor wie in der Klappse.
Bis demnächst, liebe Freunde, wenn ich wieder mal Internetausgang habe.

Was mach ich hier eigentlich

Stimmt, ich habe noch kein Wort darüber verloren, was ich derzeit hier treibe. Während das letzte jahr voll war von zökeln (kreisen) beim Erlernen des Baguazhang, laufe ich jetzt strikt auf einer Linie. Nein, nicht Xingyi, wie der Kenner meinen könnte. Ich erlerne die Taijiquan Sanfeng Shi San Shi (太极拳三丰十三式). Die dreizehnerform des Sanfengpai. Es heißt, dies sei die Ursprungsform des Taijiquan, zumindest jene, die traditionell hier überliefert sei und zurück geführt wird auf Zhang Sanfeng.
Wir waren heute beim Alten oben in der Höhle des Prinzen, der auch als Bienendaoist bekannt ist, und er freute sich riesig, mich wieder zu sehen und drückte uns neben einigem an Gebäck auch scheckkartengroße Bildchen in die Hand. "Zhang Sanfeng, Zhang Sanfeng." klärte er uns auf. Es ist ein pfiffig dreinschauender Kerl in prächtigem Gewand abgebildet. Ganz anders als ich sonst die Bilder und Statuen von Zhang Sanfeng kenne, dem die Erfindung des Taijiquan zugeschrieben wird. In einigen Schriften wird er auch der "schlampige Zhang" genannt, weil er wenig Wert auf sein Äußeres legte.
Tatsächlich hat er den Wudang-Daoismus zu seiner Zeit reformiert, er hat die Bestrebungen der Inneren Alchemie vorangetrieben und die Vereinigung der Drei Schätze - Daoismus, Buddhismus und Konfuzianis - gefördert, wie sie schon vom Lehrer seines Lehrers, von Chen Xiyi, auch als Chen Tuan bekannt, gefordert worden waren.
Ja, ich lerne eben diese Taijiform, dreizehn, weil nicht dreizehn Bilder, wie man das bei den Bezeichnungen der Formen kennt, sondern Acht Armbewegungen und Fünf Schritte. "Ach ja, die ist furchtbar lang", sagen auch alle, was überhaupt nicht stimmt, es kommt einem nur so vor, es dehnt die Zeit enorm, dabei kann man sie locker in sechs bis acht Minuten laufen. Es ist auch hier alles relativ.
Seit gestern bin ich mit der Form durch. Zwei Wochen, täglich zwei Stunden Unterricht und noch eine Stunde zusätzlich eigenes Üben. Der Rest der Zeit ist den Basics gewidmet, den Kicks und dem Taijibu und seit neuestem auch gerne dem "Stehen". Zwanzig Minuten, das ist eine gnädige Zeitspanne.
Also die dreizehner Form läuft ziemlich genau auf einer Linie, da gibt es nur wenig Abweichung von und das geht in die Hüften. In die Hüftgelenke und in die Knie. Da wird man ganz schön demütig bei. Da möchte ich bitteschön recht gesund sein in der Zukunft, was es auch koste. Meint: mehr Training. Noch mehr Training.
Jetzt hab ich hier noch anderthalb Wochen zum Feilen und bitte noch mal übers Baguazhang gucken und bitte auch mein Fuchen wieder zurecht rücken und dann ist sie schon wieder vorbei, die zeitlose Zeit im Märchenland.

Puertorico

ist ein kleines, unbedeutendes Land in meiner Weltkarte. Gewesen, bis ich hier in Wudangshan letztes Jahr Eduardo kennen lernen durfte. Seitdem erklärt er mir auf Facebook täglich, wie schön, wichtig, gut etc. dieses Land sei. Das grenzt schon an Belästigung. Das weiß er auch. Er belästigt mich gerne. Aber das ist auch alles, was ich über Puertorico weiß.
Heute vormittag verabschiedeten sich die Taiwanesen feierlich, also mit Krach, Feuerwerk und "Musik". Guan Shifu kam mit einem Bündel Winkefähnchen, ich dachte die sind jetzt beim Aufräumen übrig geblieben. Dann erklärte er uns, gleich käme irgendwer Wichtiges. Hohes Tier vom Wushu Verband. Dem sollten wir winken. Ich doch nicht. Konnte mich auch lange davor drücken. Stand immer brav mit meinen beiden Fuchen rum. Es gab chinesische und eine andere Fahne. Nach einer Weile erkannte wer, das sei die puertorikanische. Was machen wir hier mit der puertorikanischen Fahne. Ein Irrtum?
Kurz bevor es richtig langweilig wurde, alle Witze mit den Fähnchen waren schon dreimal gemacht worden und auch schon von jedem, kamen endlich Leute. So Leute eben, mit einfacher Kleidung und billigen Schuhen, aber einem kleinen, unscheinbaren Gesteck am Revers. Keine Chinesen. Alle winkten, ich nicht. Dann kam ein Paar. Er in einer chinesischen Tracht, richtig aufgedonnert, sie eher westlich aufgedonnert. Beide sahen nicht richtig chinesisch aus. Sie stolpern etwas unbeholfen über die hohe Schwelle in den Tempel, es gibt Musik und nach einer Weile habe ich mich auch durchgedrängelt und das ganze sah so ziemlich nach einer Hochzeit aus.
Liebe treue Leser, die ihr bis hierhin durchgehalten habt. Was soll ich euch weiter mit Einzelheiten quälen. Der Präsident der puertorikanischen Wushu Vereinigung heiratete hier. Dem sollte ich mit Fähnchen winken. Noch schnelle ein paar Bilder für Eduardo und dann wieder runter und trainiert. Ich mach doch hier keine Ausbildung zum Grüßkasper.
Bilder, nicht nur von der Hochzeit, gibt es übrigens hier.

Sonntag

Ob nun ein inhaftierter Bürgerrechtler oder ein seelenloser Ziegelstein den Friedensnobelpreis erhält, ob nun 23 ehemals hohe Parteimitglieder weniger Zensur fordern, das geht den Leuten hier so ziemlich am Allerwertesten vorbei. Man muss das auch mal so sehen und vor allem erleben. Natürlich wird das Auswirkungen haben auf das Leben dieser Menschen hier, aber sie kümmert es nicht. Sie nehmen das Leben so, wie es kommt. Vor 20 Jahren oder vielleicht auch 25 wäre es undenkbar gewesen, dass eine Gruppe Amerikaner hier im Gebirge, im Daoyuan des Zixiaogong, übernachtet, dass diese Leute hier her kommen, um eine Wushu World Competition zu erleben.

Wushu World Competition
Ich war ja dazu angemeldet. Nicht als Teilnehmer im Sinne von"führt vor" sondern um bei der Eröffnung dabei zu sein. Das hab ich aber weggenickt und an S. abgetreten. Alle die dort waren, erzählen erst mal nur vom 5***** Hotel mit all for free, sogar die Drinks und tolles Buffet etc. Aber was war denn nun bei der Kompetischen? Ich hätte einlaufen sollen als Manschaft aus Saudi Arabien. Sach mal, in was für nem Film bin ich denn hier?
Es geht nur darum, dass alle Nationen vertreten sind. Wirklich antreten tun dann hauptsächlich Chinesen. Wenn ich tatsächlich auch vorgeführt hätte, dann wäre mir wohl auch eine Medaille sicher gewesen. Egal, was ich gemacht hätte. Ich wär in dieser Disziplin dann einfach der einzige in der Altersklasse gewesen. Hätte es einen chinesischen Konkurrenten gegeben, wäre der aus Höflichkeit nicht angetreten. Ich kann mir jetzt auch ne Medaille selber schnitzen, das ist doch alles gehoppst wie gesprungen.


Wirklich wichtig
In der Mittagspause bin ich ganz entspannt in meinem schönen neuen Sonntagskittel spazieren gegangen, hab die Ruhe in einem Teegarten genossen. Aus sicherer Entfernung war der Singsang unserer Nonnen mit dem Gezimbel und Gepfeife zu hören. Nach einer Weile zog es mich dann doch Richtung Tempel. Des Menschen Neugier. In aller Ruhe durch den Tempel geschlendert, an drei ruhigen Plätzen meine Form gelaufen, gerade rechtzeitig zum Training wieder im Daoyuan.
Und dann fällt es mir ein, beim Üben, es ist Sonntag, es gab Dao-Lesson und ich habs vergessen. Ich frage mal zu in die Runde, wer denn da war. Niemand anscheinend. Trotzdem entschuldige ich mich bei Guan Shifu, immerhin hab ich das vor anderthalb Jahren selbst angeregt. Guan geht nicht drauf ein, zeigt mir die nächste Bewegung.
Nache einer Weile steht er da und schribbelt seinen Unterbauch im Kreis, hin und her. Jetzt bekomme ich meine ganz persönliche Dao-Lesson. Das bleibt auch meine persönliche Lesson. Nur soviel will ich verraten; mein neu erworbenes Bild, das Xiuzhentu (später mehr darüber) könne ich vergessen. Meine Übersetzung davon auch. Braucht man nicht. Alles falsch, man braucht nur eines, eines richtg. Wie man bei einer großen Tür das Schlüsselloch finden muss und den richtigen Schlüssel.
Wenn man den verloren hat, sucht man am besten unter der Laterne, da ist mehr Licht.
Das war natürlich ein ereignisreicher Tag. Da gäb es allerhand zu erzählen, aber ich hab keine richtige Lust. Ich könnte wieder über dieses Volk reden, das sich anscheinend nur schreiend unterhalten kann, auch, wenn sie nachts um zwei Uhr zu hunderten durch ein Haus laufen, in dem zehn andere gerne noch schlafen würden.
Auch noch nicht erwähnt habe ich den Coach des japanischen Teams, ein paar Mädels, die wahrscheinlich in der Püppi-Klasse antreten. Nun, der Coach kam an und erregte viel Aufsehen, obwohl die einhellige Meinung dahin ging, dass er nicht viel drauf hat. Naja, Franzosen.
Sind ja auch inzwischen alle abgereist, runter und rüber zur Kompetischen. Sind nur noch wenige hier. Am Nachmittag traf ich im Hof zum Training unser Springbällchen und einen jungen Russen, der fuchtelt mit zwei sehr gefährlich aussehenden Geräten, zu riesigen Schlittschuhkufen gebogene Schwerter rum, Shuanggou genannt(Kuckst du hier)
Und dass auch im Tempel geklaut wird wissen wir jetzt, wenn man eine Brille halbwegs unbeobachtet rumliegen lässt. Nein, diesmal nicht mir passiert.
Also ich hab keine richtige Lust und deshalb schreib ich auch nichts. Schönen Tag noch.

Chinas schwarze Hände

man sollte die übrige Entwicklung nicht vernachlässigen.

Parteiveteranen fordern ein Ende des Zensursystems. Dreiundzwanzig (in Zahlen 23) ehemals hochrangige Funktionäre protestieren in einem Offenen Brief gegen die „Zentrale Abteilung für Propaganda“ und verlangen mehr Pressefreiheit. 500 weitere Unterzeichner haben sich angeschlossen.

Hier erfährt man nicht davon.

9.9.

Heute ist der große Tag. Doppelte Neun nach dem chinesischen Mondkalender. Als Festtag reicht er weit zurück, überliefert aus der Han Dynastie, aber vermutlich noch älter. Die 9 ist die große Yang - Zahl (s. Yi Jing), die doppelte 9 bedeutet deshalb ein zu großes Yang, welches nun übergeht in Yin. Mit dem Tag der Doppelten Neun ist das höchste Yang erreicht. Der Tag wird auch als Ehrentag für die älteren Menschen gefeiert. Man trinkt Chysanthemen- Tee oder Chrysanthemen Wein.
In Wudangshan wird der Tag auch als Datum der Erleuchtung Zhen Wus gefeiert. Im Tempel erhalten alle Pilger kostenlose Speisung, großartige Zeremonien werden abgehalten, Unmengen an Räucherwerk abgebrannt. Der ganze Berg riecht nach diesem Wasauchimmer.
Gleichzeitig eignet sich der Termin hervorragend als Auftakt für die Wushu Worldchampionship, die alle zwei Jahre in Shiyan abgehalten wird.
Heute herrscht das beste Wetter seit unserer Ankunft. Zhen Wu gibt es sich richtig. Sonne, keine einzige Wolke am Himmel, kein Dunst. Der Blick geht weit, wenn man ihn weit schickt. Aber im tempel ist einfach zu viel los, um den Blick in die Weite zu schicken. Bunte Gewänder, magische Handlungen, Gesänge, die ins Mark gehen.
Zwischendrin Mengen von Pilgern und Touristen, Stimmung wie auf dem Jahrmarkt, Prozessionen wie zu Fronleichnam.
Die Jungs und Mädels unserer Akademie geben zur Herzerquickung eines Offiziellen mit Baseballkappe einen Ausschnitt aus dem Expo-Performance-Programm. Schön machen sie das. Ich vermisse unseren Guan Shifu. Dann zeigt Moni ihn mir. Auf dem Display ihrer Kamera. Er hatte im dunklen Daoistenblau mit goldener Schärpe an der Prozession teilgenommen. Ich hatte geglaubt, das seien alles Taiwanesen.
Bei der Speisung im Kloster fand ich nicht gleich die Pappschalenausgabe, aber eine der jungen Nonnen, die ich im Frühjahr am Schwert trainiert hatte, lief mir über den Weg. "Wait for me" lautet ihre Antwort auf meine Frage nach dem Wo und sie bringt uns Porzelanschalen. Nachdem wir uns durch das Buffet gekämpft und einen Platz gefunden haben, kommt sie schon wieder an und stellt uns noch ein paar gefüllte Schalen auf den Tisch. Ja, auch im Kloster ist, gerade bei Massenverpflegung, Beziehung Gold wert. Das Essen war hervorragend. Vegetarisch aber vielseitig. Da könnte unser Hauskoch, der Einfaltspinsel, mal in die Schule gehen.
Gerade kommen die kleinen Mädels aus der Akademie ungeniert in mein Zimmer. Wollen mal gucken was der Waiguoren da macht, was er da für merkwürdige Früchte auf dem Tisch liegen hat (ich weiß auch nicht, was es ist, Lilo hat sie von Cici bekommen) und eine der Mäuse zeigt mir dann, dass sie doch prima als "Qigongkugeln" einzusetzen sind.

Ursache und Wirkung

Lilo ist weg - ich konnte nicht schnell genug ihren schweren Koffer die zweihundert Stufen hochschleppen, dass sie ja auch fährt. Kaum ist sie weg, wird auch das Wetter wieder besser. Heute, bei unserem Besuch auf dem Tianzhu, öffnete sich der Himmel, als wir auf dem Gipfel ankamen und überschüttete uns mit Sonnenschauern. Ich müsste das eigentlich in ganz kleiner Schrift schreiben, quasi leise, denn sonst fühlt sie sich gleich allmächtig. Wahrscheinlich würde das aber bedeuten Ursache und Wirkung zu verwechseln. Bei einem Wetterhäuschen ist es doch auch nicht so, dass es regnet, weil das Männlein mit dem Schirm raus kommt, sondern das Männlein mit dem Schirm kommt, weil es Regen gibt.

Themenwechsel wegen aktueller Situation vor meiner Tür.
Was bei uns die Türken, das sind hier die Chinesen. Absolut nicht integriert, halten sie an ihren alten, überkommenen Lebensgewohnheiten fest. Dabei ist überall rumrotzen, ob in Bus, Restaurant oder Tempel, das geringste Übel. Ich kann auch darüber hinwegsehen, dass sie sich nicht an Messer und Gabel gewöhnen wollen, sondern auf diesen albernen Stäbchen beharren.
Wie Lilo, die ja nun weg ist, schon vor einigen Tagen berichtet hat, liebt der Chinese Renao. Findet gerade vor meiner Türe statt. Gehört, stehen dort mindestens 12 Chinesinnen, die gleichzeitig irgendwelchen anderen Menschen, die keinen Ton von sich geben, die unterschiedlichsten Geschichten erzählen, sie wegen irgendwas ausschimpfen oder sie von was überzeugen müssen. Nachgesehen sind es nur drei, die gleichzeitig reden und zuhören tut denen auch niemand. Auch nicht gegenseitig. Warum tun die dann so?
So verhalten die sich auch im Tempel. Ehrlich. Heute morgen knieten unweit von mir zweie mit vorgebeugtem, also Demut suggerierendem Oberkörper und beschimpften sich. Mann und Frau. Es drängte sich mir der Verdacht auf, das Ganze war ursprünglich mal als eine Versöhnung angesichts des Höchsten Herrn gedacht und dann ins Gewohnheitsrecht entglitten. Irgendwann war es einer Nonne auch zuviel und sie gebot Ruhe.
Kann die mal bitte herkommen. Jetzt plärren auch noch drei Kinder dazu.
Pilger! Ich sachs dir ...

gong gong qi che (öffentlicher Busverkehr)

Roxy ist meines Wissens 67 und war im letzten Jar zwei Mal hier in den Bergen. Sie ist ganz verliebt in diese Landschaft, die Energie und schätzt die Übungen sehr. Kurz nach ihrem letzten Aufenthalt hatte sie einen schweren Autounfall. Sie lag einige Wochen im Koma und danach musste sie alles neu lernen: Sprechen, laufen, greifen. All die tausend kleinen Dinge, die wir wie selbstverständlich in unserem Alltag verrichten, waren für sie neu. Die eigene Wohnung war ihr fremd. Sie hat gelernt, geübt, gelernt und geübt. Hat sich selbst mit dem wenigen Qigong, zu dem sie fähig war, unterstützt und konnte nun die Reise mitmachen. Am Trainingsprogramm kann sie sich nur bedingt beteiligen, aber sie ist unermüdlich. Die motorischen Abläufe müssen gelernt werden, weil Teile des Gehirns beschädigt wurden. Das macht sich auch bei geistigen Abläufen bemerkbar. Ausserdem muss sie ein Auge schonen, bei dem ein Muskel verletzt ist, weshalb sie eine Augenklappe trägt. Das heißt, sie sieht nur zweidimensional, sieht aber ziemlich verwegen aus.

Die Treppe runter zum Daoyuan muss von einem Jazzmusiker gebaut worden sein. Keine zwei Stufen sind gleich, flache tiefe Stufen wechseln sich ab mit schmalen hohen. Der Schrittrhythmus entspricht einem Sketch von Pit Glocke oder besser noch: Helge Schneider.
Heute bin ich mit Roxy zusammen die Treppe runter und habe dabei ein Auge zugehalten. Seitdem habe ich ungeheuren Respekt vor ihren täglichen Leistungen. Wenn also ihre Aussetzer auch mal für Heiterkeit sorgen, so sehe ich dabei dennoch, was sie hier schafft.
Heute waren wir zusammen in der Stadt. Wenn man in das Wudanggebiet hinein will, hat man einen Eintritt zu zahlen. Der ist in den letzten jahren mehrfach angehoben worden. Inzwischen kostet das Ticket 210 Yuan, was beim momentanen Wechselkurs ungefähr 23,50 € entspricht. Für einen Euro mehr kann man das Ticket in ein Jahresticket umwandeln. Wenn man sich hier für länger aufhält und auch mal raus, also in die Stadt will, dann sollte man sich das Jahresticket zulegen, was wir auch alle gemacht haben. Fährt man in die Stadt ist darauf zu achten, dieses Ticket dabei zu haben. Heute vor der Abfahrt habe ich deshalb noch mal in die Runde gefragt. ob jeder sein Ticket dabei hat. "Ja."
Noch eine Erklärung. Ich weiß, das ist alles nicht ganz einfach zu verstehen, aber ohne geht es überhaupt nicht. Nun denn. Zum Wiedereintritt in die Wudangatmosphäre kann man den normalen Touristenbus nehmen. Fährt alle Naslang einer und kostet 30 Yuan.
Oder man nimmt den Einheimischenbus, fährt nur alle anderthalb Stunden und kostet nur 10 Yuan.
In der Satdt hatten wir Guan Shifu getroffen, der gerade frisches Gemüse eingekauft hatte. Er gab uns den Tipp, ein Ticket für Einheimische zu kaufen und damit zum Touristenbus zu gehen. Wenn man uns zurückweist, sollten wir uns dumm stellen, nur Englisch reden und einen Aufstand machen. Die Posten hätten dann keine Lust auf Auseinandersetzungen und wir könnten früher fahren, bräuchten nicht auf den späten Bus warten.
Auf jeden Fall braucht man aber sein Einjahresticket, um überhaupt rein zu kommen.
Ich frag Roxy nach dem Ticket und sie hält mir den Tempelausweis hin. Jenes eingeschweisste Ding am blauen Band, mit dem wir uns am Zixiaogong als Schüler der Akademie ausweisen, ohne Namen, ohne Foto. Damit kann man unten am Tor nichts anfangen.
Rein garnichts. Ich mach sie darauf aufmerksam, nein den anderen habe sie nicht, sie hätte gedacht ...
Ich entscheide; kein Versuch sich in den Touribus zu schmuggeln, wir fahren mit dem Einheimischenbus. Den Fahrschein dafür kauf ich ihr mit meinem Jahresticket und wir versuchen die Zeit zu überbrücken mit einem Tee, den wir nirgends bekommen. Wir finden uns wieder auf der runden Bank um den alten Baum, mit gesüsstem Tee in der Flasche, Cola und Wasser, schauen uns die Bilder auf unseren Kameras an und kommen gerade rechtzeitig wieder zur Bushaltestelle. Wir wissen, im Bus wird ebenfalls das Jahresticket geprüft, aber wir sind sicher Roxy so durch zu schleusen. Sie soll mir ihren Fahrschein geben, den zeige ich zusammen mit meinem vor, das wird schon klappen. Statt des Fahrscheins drückt sie mir den Kassenbon aus dem Supermarkt in die Hand. Das hätte eine Gaudi gegeben, wenn sie die Nummer beim Kontrolleur abgezogen hätte. Kurze Suche, dann habe ich ihren Fahrschein in der Hand. Kontrolle, zeige die Zettelchen und meinen Jahresausweis, der Mann will auch Roxys sehen. Ich tippe ihr auf die Schulter und sage, sie soll anfangen zu suchen. Das reicht schon, der Mann winkt ab und wir sind durch.

Lost my mind

Gleich am ersten Tag in Beijing hab ich mein iPhone verloren, vor ein paar Tagen mein Schwert im Tempel vergessen, weg. Gestern bei Guan Shifu lecker gegessen und meine Tasche mit Portemonnaie und Fotoapparat vergessen. Na gut, die sind wieder da, aber irgendwann, befürchte ich, verliere ich hier noch den Verstand.

Auf der Hinreise habe ich immerhin Sebastian Fitzeks Roman "Splitter" gelesen, in dem auch jemand befürchtet den Verstand zu verlieren. Jemand, der Teilnehmer eines Amnesieexperiments ist. Man sollte die Kraft und Macht des Unbewussten nicht unterschätzen.
Heute, bei meinem morgendlichen Besuch des Tempels, während die Nonnen ihre rhythmisch-monotonen Gesänge in mich hineinzwängten, dein Geist abtöteten, zumindest stilllegten und ich vor der Tür gleichfalls in rhythmisch-monotonen Bewegungen mich zurück zum Ursprung qigongte, da kroch es in mir hoch oder wehte mir mit dem Wind in die ruhige Psyche:

Das ist alles nicht wirklich, das ist alles nur eine perfekte Illusion. Diese Steine, diese Bäume, die Vögel (hier gibt es auch den Aufziehvogel, der seinen Ruf langsam wie eine abgenudelte Spieluhr ausleiern lässt) die Wolken, die Gesänge, das ist alles nicht wirklich, das ist ein Traum, eine Phantasie. Eine überraschend reichhaltige Phantasie, sozusagen sehr phantasievoll. Ich bewundere die Liebe zum Detail. Irgendwann wachst du auf und bist ein völlig anderes Wesen, womöglich eine riesige Kakerlake oder ein Alien, ein Wesen, dessen Aussehen, dessen Form und Gestalt ich mir jetzt, in meinem halluzinierten Zustand nicht vorstellen kann. Es gibt kein Taiji, es gibt kein Qigong, es gibt keine Wudangberge.

Liebe ausgedachten Freunde da draussen im ausgedachten Internet, es gibt euch gar nicht, ich träume euch nur. Oder ich verliere den Verstand.
Wäre das so schlimm?

ci, zhi, shi, jie, chi, qi, xi ...

Vor gefühlten 350 Jahren, vor einem halben Leben, auf einem Konzert chinesischer Musik im WDR, da musste ich erleben, wie ein junger Mann sich fließend mit einem älteren chinesischen Herrn unterhielt - in Chinesisch. Es könnte also möglich sein. Ich unternehm meinen ersten Versuch, diese Sprache zu erlernen. In einer kleinen Gruppe mit privater Lehrerin, die schon bald den Unterricht mit Fragen begann. Während alle anderen fleißig antworteten, rätselte ich noch, was wohl das erste Wort gemeint haben könnte und wenn das Wort an mich gerichtet wurde, dann stammelte ich nur ein Kopfschütteln zusammen. Mehr war nicht drin.
Vor zweieinhalb Jahren habe ich nun den zweiten Versuch unternommen und auch jetzt ist noch nicht viel mehr drin. Ich kann theoretisch Chinesisch, aber nicht in der Praxis. Zumindest verstehe ich selten, was die Chinesen hier reden und die verstehen mich auch nicht, zumindest nicht dann, wenn ich ihre Muttersprache anwende. Da komme ich hier auf Deutsch beachtlich weiter.
Anders Lilo. Gut, es mag daran liegen, dass sie dem Unterricht schon ein paar Jahre länger folgt. Immerhin bringt sie es fertig, in der Nudelbraterei drei Portionen mit Fleisch und eine ohne zu bestellen und von dort für den Abend per Telefon, wo also alle Pantomime nichts hilft, bei Frau Qu ein paar Flaschen Bier kaltstellen zu lassen.
Den Gipfel ihrer Sprachkunst erreichte sie am heutigen Abend, als sich uns auf dem Heimweg ein Mann anschloss, dem hörbar ein paar Zähne fehlten oder/und eine Hasenscharte vorhanden war.
Die in der Überschrift angelegten Silben werden alle als mehr oder weniger stimmhafter Zischlaut ausgesprochen (das ist jetzt sehr laienhaft formuliert), mal mit der Zunge vorne, mal hinten im Mundraum. (kann man sich hier mal anhören) Wie sich das anhört mit Zähnen zu wenig oder Hasenscharte zuviel, kann sich jeder auslautmalen. Dennoch schaffte es Lilo, so etwas wie eine Unterhaltung mit diesem Weggefährten zu führen. Wenn auch allen aktiv und passiv Beteiligten ein Sinn verborgen blieb. Tapferes kleines Teufelchen.

Nachtaktive

Wir sind im Daoyuan, dem Daoistenhof. Ehemals eine Herberge für die Pilger und Gäste des Zixiaogong, sind nun auch die Gaststudenten der Wushuakademie hier und im "Policehotel" untergebracht. Aber auch weiterhin ist ein halbes Stockwerk für Pilger reserviert. Lilo berichtete bereits über deren Unterkünfte.
Ich habe so meine Vorstellungen über den gemeinen Pilger. Zunächst vermute ich eine gewisse Frömmigkeit, was sonst sollte ihn auf Pilgerschaft schicken. Ich erwarte hier keine Jakobswegwanderer. Ansonsten wähne ich vom Pilger Tagesaktivitäten. Beten, Niederwerfen, Räucherwerk und Knallfrösche abfackeln, das verrichtet er tagsüber, wenn die Tempel geöffnet sind. Was aber macht er nächtens. Du meinst, er würde schlafen. Was aber radaut da draußen rum? Schwatzt, kichert, schluft, rotzt, hustet bis auch ich es nicht mehr im Bett aushalte, im festen Glauben, es müsse doch kurz vor Aufstehen sein. Wenn vom Geräuschpegel her eine halbe Busladung Menschen im Stockfinstern vor meiner Tür und über meinem Kopf trampelt und trippelt, was soll ich sonst annehmen. als dass sie sich bereit machen für die Morgenandacht. Aber die Andacht ist fern.
Nachdem ich mir einen Tee bereitet habe um den Spinnwebwald der letzten Schlafgedanken aus meinem Hirn zu wischen, beruhigt es sich langsam in meiner Umgebung. Jetzt, anderthalb Stunden später, um zwanzig nach fünf, sind nur noch wenige Geräusche zu vernehmen. Die vermutlich von jenen, die tatsächlich sich herrichten zum frühen Tempelbesuch.
Was aber haben die anderen gemacht, die um vier Uhr einfielen? Gibt es doch Übungen im Geheimen, von denen wir ausgeschlossen sind? Wir, die Fremden, die Laowais, unwürdig tiefere Weihen zu empfangen, die wir abgespeist werden mit Schritten und Sprüngen. Ein wenig körperliche Übung schadet nicht, hat man sich wohl gedacht, und wenn es kompliziert genug ist, dann werden sie auch nicht neugierig sein, werden müde in ihren Betten liegen und nichts mitbekommen von den Vorbereitungen auf die Unsterblichkeit, Erleuchtung oder was auch immer. Woher kamen sie, mitten in der Nacht?

Du musst den Wurm scharf machen, nicht das Blatt.

ihr habt da in Deutschland wohl auch einen schönen Herbst, wir hier in Wudangshan eher einen sehr schönen Spätsommer. Grund genug, in der Freizeit etwas Schatten zu suchen. Ausflug ins Tal des sorglosen Lebens. Ich hatte ja damit geendet gestern, dass wir dort waren. Ja es ist sicher kein sorgloses Leben, was die Makaken dort teilweise führen. Man hat, um eine Touristenattraktion zu schaffen, die in den Bergen wild lebenden Affen mit Futter ins Tal gelockt und einige gefangen und dressiert. Die anderen, ganze Sippen, leben frei, die dressierten sind arme Säue, wenn man das so sagen darf, zumindest so arm wie die Säue, die gestern in der Stadt auf einem Fahrrad transportiert wurden. Sah verdächtig nach ihrem letzten Ausflug aus. 
Also die Affen werden natürlich auch von den Touristen gefüttert und das  klingt schon nach sorglosem Leben, aber, naja, ich könnt mich jetzt prima auf Karma rausreden, wenn wir hier Buddhisten wären. Sind wir aber nicht, wir haben mit dem Konzept einer Wiedergeburt, Karma, das man so mit sich rum trägt durch alle Inkarnationen etc. nichts am Hut. Daoistisch geht es um ein gutes Leben im Hier und Jetzt. Darum liegt am Bachlauf als gutes Beispiel der Herr Zhuangzi wie Goethe in Italien, überlebensgroß und aus Blech. 
hat man die ersten zweihunderfuffzig Meter hinter sich gebracht, dann braucht man auch nicht zu befürchten, weiterhin noch Chinesen zu treffen. Falls doch, dann sind die in Ordnung. Aber der normale Tourist traut sich nicht so weit vor. Es kommt dann auch nur noch Natur. Wasser, Grüns und Felsen. Schön, sehr schön. Meine Damen kamen aus dem Fotografieren nicht mehr raus. Dabei fiel dann auch mal der zur Überschrift auserkorene Satz.
Ich hatte mir das erst mal so gedacht, dass wir gegen mittag wieder aus dem Tal rauskommen, in einer mir bekannten Kaschemme zu Mittag gespiesen wird und ich dann die Damen in den Taizipo (Tempel) schicke und selber noch mal runter fahre in die Stadt, um bei meiner Lieblingsschneiderin den fünfhundertachtzigsten Übekittel in Auftrag zu geben. Lilo wollte dann auch noch in die Stadt, was die übrigen Damen zu meinem Erstaunen ebenfalls dem Taizipo vorzogen. Aber in einer Stadt kann man einkaufen, in einem Tempel weniger.
Wir waren dann erst mal essen in dem dreckigen Loch, was Lilo am Vortag entdeckt hatte. Es war sehr lecker. Handgezogene Nudeln mit Rindfleisch und Gemüse. Allein der Nudelherstellung zuzusehen war ein mehrfaches des Essenspreises wert.
Dann waren wir bei der Schneiderin. Die Mädels haben sich, was die Anzahl der persönlichen Übekittel angeht, auf die Überholspur begeben. Lilo entdeckte noch einen Wintermantel, so innen gesteppt mit Baumwollflies gefüttert und außen wollen wir nicht wissen was das ist, aber sehr elegant geschnitten. Einfach, aber das ist ja elegant, mit gerader Knopfleiste, diese Stoffknotenknöpfe und seitlich hoch geschlitzt, in vornehm hanseatischen dunkelblau. 
Aber dann sind wir doch noch schnell in den Supermarkt, wegen Putzmittel, Espresso in Dosen und vielleicht noch was Süßem. Es gibt sonen Joghurt mit roten Datteln, Red Dates (rote Verabredungen), da könnte man einen Import mit aufbauen und steinreich werden, wenn man das wollte.
Wir waren schon ansatzweise auf dem Weg zum letzten Bus, als es Lilo noch mal rumriss und sie dann doch noch mal des Mantels wegen zur Schneiderin musste. Wenn er für ihr Gepäck zu viel ist (und er wird garantiert für ihr Gepäck zu viel sein, nachdem was sie schon in Shanghai gehortet hat, hab ich versprochen, den Mantel nach Deutschland zu schleppen. 






Angekommen

noch nicht so richtig, denn die drei vorinstallierten Proxys tun's
nicht, weshalb ich den Post per Email schicken muss. Deshalb ist
eventuell die Schritt verändert ud eure Kommentare kann ich nicht lesen.
Jedenfalls passt das zum Beginn der Reise. Nachdem der Sitzmonitor
nicht fähig war, ein Programm zur Auswahl zu stellen - ich
unterbreche mal den nachdem Satz - damit war ich nicht der einzige,
aber andere konnten ungehindert Filme mit Jackie Shan, unbekannten
chinesischen Wushu Stars oder auch Alice im Wunderland sehen - jetzt
geht der nachdem Satz weiter - und sich das Klebeband von der
Notausgangsanzeige löste, da lehnte ich mich dann doch etwas weiter
aus dem Fenster und betrachtete den Zustand des Fliegers etwas
genauer. Letztlich hat er uns doch fast pünktlich und unbeschadet
nach Beijing (Peking) gebracht. Von dort haben wir uns per Taxi zur
Innenstadt bringen lassen, um den Kaiserpalast zu besichtigen. Keine
gute Idee während der goldenen Woche. Zumindest hatten tausende
andere die gleich nicht gute Idee. Wir begnügten uns mit dem Kauf
einer Flasche Wasser pro Person und fuhren weiter Richtung
Westbahnhof. Verabredet war treffen vorm Eingang, angut, amn kann es
sich denken, es gibt mehrere Eingänge und mein Versuch, die anderen
Beiden Mitglieder unserer kleinen Gruppe zu kontaktieren scheiterte
mit der Feststellung, mein iPhone im Taxi verloren zu haben. Womit
die Überlegung, ob ich mir nun zur Vertragsverlängerung ein neues
leiste, sich auch erleddigt hat. Ach, das Leben ist so einfach und so
schön.
Wir entschieden, die beiden seien groß und sie hatten ihre
Zugtickets, spätestens im Abteil würden wir sie wieder treffen.
Deshalb erst mal was für den Bauch - Nudelsuppe - und ein lockerer
Spaziergang durch die Umgebung des Pekinger Westbahnhofs. Durch
kleine Gassen voller kleiner Garagenläden mit Obst, Gemüse,
Sportschuhen und vom Lastwagen gefallener Markenkleidung. Voller
Lebendigkeit und einer vollen Blase. Nicht nur bei mir, weshalb wir
beschlossen, möglichst bald in einem Restaurant oder Hotel, nach dem
Örtchen zu fragen. Ich schwenkte schon sehr bedrückt in ein
Restaurant und entschied mich dagegen, obwohl augenscheinlich die
Chancen gut standen. Fünfzig Meter weiter bot sich ein Hotel an und
ich entschied, dort hinein zu gehen. Drinnen schnurstracks Richtung
Coffebar, weil ich dort oder im Anschluss Toiletten vermutete, aber
wir fanden nur unsere beiden Verschollenen, die aber den Weg zum
Cesuo wussten.
Also mal wieder alles richtig gemacht, im Zug gut geschlafen und
morgens um halb sieben pünktlich in Shiyan eingelaufen. (Das
Geheimnis der Pünktlichkeit chinesischer Züge besteht in einer
großzügigen Kalkulation ihrer Fahrzeiten und bis zu zehnminütigem
Aufenthalt auf den Bahnhöfen. Wenns sein muss auch langsames
Eintrudeln im Bahnhof, aber so schafft man immer eine Punktlandung.
Das ist doch viel klüger als zu behaupten, man könne die Strecke in
14 Stunden schaffen und hat dann nach 15 Stunden maulende Fahrgäste.)
Coco erwartete uns schon am Bahnhof und mit einem geräumigen Bus
gings nach Laoyin zum Frühstück, anschließender Einkauf von
Reinigungsmitteln, Kaffeepulver und Süßigkeiten, dann endlich rauf
auf den Berg.
Die Begrüßungen durch die Meisters ist nicht mehr so freudig
überrascht wie in früheren Jahren sondern eher in Richtung "Ach da
bist du ja wieder, wie war's denn in Deutschland", was ich als
weitaus intimer auffasse. Zhong brachte in Erwartung meiner
schlechten Chinesischkenntnisse auch nur ein freundlich geknurrtes
"Yürgen" durch die Kehle, Guan begrüßte ich mit zusammengeknoteten
Fäusten und einer leichten Verneigung, er war ja in der Arbeit.
Überraschter war ich dagegen, Lynne anzutreffen, mit der ich vor
anderthalb Jahren den Pulp Fiction Twist getanzt hatte.
Tja Leute, dann hab ich mit meiner Reisegruppe noch ein paar
Besichtigungen vorgenommen, gestern Nanyan, danach war ich endgültig
fertig und hab nur noch geschlafen und heute das Tal des sorglosen
Lebens (Ja Lilo ich weiß, die angeketteten Affen sehen das nicht so)
und noch mal Stadt weil, ach das wollt ihr doch nicht so genau wissen.