Lilo in Wudangshan, die 6.

Und wieder einmal heißt es "Neues aus Wudang Shan". Hier ist mein Bericht der letzten Tage.

Da Youki hier überwintern wird, hat sie ihre Mutter gebeten, ihr eine Kiste mit warmen Kleidern zu schicken. Das Paket sollte eigentlich schon längst da sein, Youki trägt schon seit einigen Tagen die Kleider ihres großgewachsenen Mannes Aziz. Da Youki fast einen Kopf kleiner als ich und auch sehr zierlich gebaut ist, sieht das ziemlich albern aus, als hätte sich ein Kind im Kleiderschrank der Eltern bedient. Youki hat deshalb beschlossen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. So klein und niedlich sie ist, so resolut kann sie auftreten. Die Leute von der Spedition in Shiyan werden nichts zu lachen haben.


Alexandra und ihre Mutter Tanja wollen Lebensmittel einkaufen. In unserer fröhlichen kleinen Multi-Kulti-Runde haben wir beschlossen, dass wir an unserem freien Tag die Küche okkupieren und jeder ein landestypisches Gericht kocht. Ich habe mich hier allerdings ausgeklinkt, weil meine Kochkünste zwar sicherlich legendär sind, allerdings nicht gerade in der gewünschten Richtung. Das einzige, was ich unfallfrei hinbekomme, ist Spundekäs mit Bretzelchen und vielleicht noch einen Spaghetti-Salat. Beides eher nicht gerade Vorzeigegerichte und so habe ich meine Hilfsdienste für alle Handreichungen angeboten. Dazu gehört heute die Begleitung des morgigen Kochpersonals zwecks Erledigung der Einkäufe.


Guan hat uns ein größeres Taxi organisiert, dass uns die 17 Kilometer nach Shiyan bringen und später dann auch wieder zurück fahren soll. Die Zeit läuft, denn um 17.30 h geht der letzte Bus in die Berge. Wenn wir den nicht bekommen, müssen wir in Laoyin übernachten. Die Strecke ist mit dem Zug nicht so weit, etwa 20 Minuten, keiner hat aber Lust, Einkäufe und Kleiderkiste zu schleppen, so dass dies der günstigste Weg zu sein scheint. Allerdings gibt es eine Dauerbaustelle und ich fühle mich bald wie auf dem Frankfurter Kreuz während der Rush-Hour. Nach über einer Stunde haben wir endlich Shiyan erreicht. Nun müssen wir nur noch die Spedition finden. Gar nicht so leicht. Youki fragt sich energisch durch und hat auch bald die erforderliche Betriebstemperatur erreicht, als wir in irgendeinem rustikalen Hinterhof endlich fündig werden. Dort stehen einige LKW, allesamt hoch beladen mit kreuz- und querliegenden Kisten und Kartons. Wie sollen wir da bloß das Richtige finden? Youki schnaubt kurz, dann geht es los. Wir warten zwar im Auto, haben aber überhaupt kein Problem, jedes Wort, wenn nicht zu verstehen, so doch zu hören. Es dauert nicht lange und die zornesrote Youki kommt triumphierend, begleitet von einem völlig verschüchterten Mitarbeiter, der ihr Paket trägt, zurück. Na also, geht doch!


Nun weiter in die Haupteinkaufsstraße von Shiyan. Die Stadt ist bekannt als "Autostadt". Viele Hersteller und Zulieferer lassen hier produzieren und ein gewisser Wohlstand ist nicht zu übersehen. Die Straßen sind viel breiter, die Stadt selbst wirkt um einiges "aufgeräumter" und auch sauberer als zum Beispiel Laoyin. Natürlich ist auch das Warenangebot ein ganz anderes und ich bedaure sehr, dass wir nicht etwas mehr Zeit haben. Wir gehen in einen großen Supermarkt. Um in die Lebensmittelabteilung im Erdgeschoss zu kommen, muss man erst durch die Haushaltswaren- und Geschenkeabteilung im ersten Stock. Eine sehr verführerische Aufteilung, die mir in China schon öfter begegnet ist. Wir vier Frauen laufen mit großen Augen durch die Non-Food-Abteilung - Schätze! Ich komme an einen Stand mit "Hello-Kitty"-Produkten und kann kaum noch an mich halten. Es gelingt meinen Begleiterinnen schließlich, mich weiter zu zerren, nicht ohne dass ich eine Sabber-Pfütze hinterlasse. Wir beschließen, nächste Woche einen Tagesausflug hierher zu machen. Heute sind nur und ausschließlich Lebensmittel angesagt.
Nachdem jede von uns eine Survival-Ration an Schokolade, Keksen und anderem Süßkram eingepackt hat, gehen wir ernsthaft daran, die Zutaten zusammenzusuchen. Es stellt sich schnell heraus, dass der Laden wohl auf russische Besucher nicht eingestellt ist, jedenfalls wird es mangels Roter Beete wohl leider nichts mit dem Borschtsch. Schade. Wir fangen an zu improvisieren und ich bin schon sehr gespannt, was dabei herauskommt. Russische Spezialitäten nach Wudang-Art.

26.09.08


Ganz was neues: Es regnet! Mit heiserer Kehle und dickem Hals wache ich auf und beschließe direkt, auf das Frühstück zu verzichten und lieber noch eine Runde zu schlafen. Schließlich ist ja "Sonntag". Nach einem vertrödelten Vormittag finde ich mich zum Mittagessen ein - keiner da. Umso besser, das ganze Futter für mich allein. Und für Bebe natürlich. Irgendwann läuft Simon, bepackt mit allen möglichen Einkäufen, ein und bekommt noch ein paar Reste ab. Guan schaut kurz in den Essraum, stutzt kurz "fährst du heute nicht nach Laoyin?" - nein, wirklich nicht. Davon abgesehen, dass ich alles überlebensnotwendige gestern schon in Shiyan besorgt habe, bin ich auch erkältet und gottfroh, einfach mal einen ruhigen Tag zu haben. Das mit dem "ruhigen Tag" lässt ihm wiederum keine Ruhe "komm' heute Nachmittag zum Training" - aber gerne doch. Eine Einzelstunde beim gestrengen Meister stand auf meiner heutigen Wunschliste zwar nicht gerade an erster Stelle, aber wenn er sich schon die Mühe macht, mir an seinem freien Tag die Ehre zu erweisen...wie erwartet wird es fürchterlich, zumal er jetzt auch noch ernsthaft um meine Gesundheit besorgt ist...ob wir nicht zum Arzt...? Nein, mein Hals kratzt! Keine lebensbedrohliche Situation - ich bin doch kein Mann! Er droht mir an, mir sein gefürchtetes Ingwergebräu zu kochen. Ich kenne das Zeug schon, so krank, dass ich das freiwillig trinke, kann ich gar nicht werden. In zähen Verhandlungen einigen wir uns darauf, dass ich ihm einfach sage, wenn ich irgendetwas brauche. Ich finde seine Bemühungen wirklich sehr rührend, er ist ja schon ein Netter und auch ein wirklich verantwortungsbewusster guter Lehrer. Zu gerne würde ich ihn für den Weißen
Kranich adoptieren und mitnehmen.

Wudang-Englisch (Wunglish) für Anfänger:


Da sich die Ausdrucksweise unserer Lehrer als ausgesprochen korrekturresistent (ähnlich meinem Taiji) erwiesen hat, hier eine kleine Auswahl der gängigsten Vokabeln:

Rain: hier ausnahmsweise einmal nicht die vorherrschenden klimatischen
Bedingungen, sondern die Aufforderung, sich warmzulaufen

Strett: wird meist in zwei Zusammenhängen gebraucht - entweder als Haltungskorrektur (ursprünglich wahrscheinlich "straight") oder als Aufforderung zur Dehnungsübung ("stretch")

Stritch: ähnliche Bedeutung wie Strett, allerdings noch mit der Erweiterung, dass das Handgelenk eine gerade Linie mit dem Arm bilden soll

Risss: Universalvokabel, meist im Zusammenhang mit mangelhaften Hüftbewegungen eingesetzt, kann aber auch alle anderen möglichen Haltungsfehler bzw. Fehler in der Handhaltung ansagen

Srish: ebenfalls eine Universalvokabel, wird hauptsächlich eingesetzt, wenn die Aufforderung "risss" nicht den gewünschten Erfolg bringt

Diese Interpretation erhebt keinen Anspruch auf Richtigkeit, zumal der Einsatz der Vokabeln eher frei assoziativ erfolgt. Am schlauesten ist es, einfach chinesisch zu lernen um zu begreifen, was die Lehrer wollen.

27.09.08


Gestern Abend sind neue Gäste angekommen. 11 Leute (!) aus Latvia (Lettland? Litauen??). Wir haben gleich Alexandra, die auch dort herstammt, nicht aus Russland, wie wir alle zunächst glaubten, gefragt, ob sie die Leute kennt. Das Land scheint allerdings doch größer zu sein, als zunächst vermutet, nein, sie kennt die Herrschaften nicht. Wir sind mittlerweile so eine
eingeschworene Gruppe, dass wir die Neuankömmlinge unfairerweise höchst misstrauisch beäugen. Wo wollen die trainieren, wenn schlechtes Wetter ist? Die Ballsäle sind doch schon durch uns voll belegt und die berüchtigte Karaoke-Bar im Tianlu-Hotel wird wohl nicht zur Verfügung stehen, da die Leute im Gästehaus untergebracht sind. In meinem Gästehaus. Das kann ja lustig werden. Wie befürchtet, ist abends erst mal Muppets-Show angesagt, weil ja alles so neu und aufregend ist, Türen knallen, lautes Gerede...wartet nur ab, nach einem richtig guten Trainingstag ist auch bei Euch spätestens um 22.00 h zappenduster!

Willkommen auf dem Wudang Shan!

Wie erwartet erfordern die Wetterbedingungen nun einiges an Improvisationstalent, um alle Schüler beim Training unterzubringen. Die neuen Schüler sind in dem oberen Ballsaal untergebracht, wie in dem unteren. Der, in dem man in der Deckenverkleidung die Ratten lustig trippeln hört, was Bebe schier wahnsinnig macht. Bellend rennt sie mit stier zur Decke gerichtetem Blick in dem Raum auf und ab, immer zwischen den Füßen der Übenden durch. Da muss man höllisch aufpassen, dass man sie nicht erwischt.
Da der Raum beim besten Willen nicht alle Schüler unserer Klasse aufnehmen kann, schickt Guan die Leute, die raumgreifende Formen wie Xingyi oder Schwert üben, an andere Orte. Ein junger Mann findet sich auf dem Flur zwischen den Schlafräumen wieder, ich bekomme ein hübsches Plätzchen zwischen äußerem Treppenhaus und Toilette zugeteilt. Diese ist leider nicht mehr so ganz funktionstüchtig, was allerdings niemand an der Benutzung hindert. Und so riecht es auch. Der Vorteil an diesem Platz ist, dass ich - nachdem ich mehrmals heftig die frisch verputzte Wand gestreift habe (aber ist ja nicht mein Schwert, sondern Guans) - ein recht gutes Gefühl für die "Räume" innerhalb meiner Form verinnerlicht habe. Ich kann sie am Ende ziemlich genau - bis auf zwei Hoppel-Korrekturschritte, weil die Wand im Weg ist - in völliger Ausnutzung des mir zur Verfügung stehenden Plätzchens ausführen. Ist ja auch was wert. Und hin und wieder besucht mich auch ein Lehrer in meinem Exil, um mich zu korrigieren. Immerhin: ich bin nicht vergessen.

Und heute Mittag gehen wir geschlossen in den Tempel und zünden Räucherstäbchen an für besseres Wetter...


Mittlerweile sind Tanja und Alexandra mit den Neuankömmlingen in's Gespräch gekommen: sie sind entsetzt über die sanitären Anlagen, die hygienischen Verhältnisse in der Küche, die feucht-klammen Zimmer und die Trainingsräume.
Wenn ich's mir so überlege - so ganz von der Hand zu weisen ist das nicht. Wenn ich nicht genau gewusst hätte, worauf ich mich einlasse, wäre ich wohl auch etwas unangenehm berührt. Ich stelle allerdings auch fest, dass es gewaltige Anstrengungen gibt, die Verhältnisse zu verbessern. Der Gerüchteküche zufolge soll die Akademie mittlerweile von einem privaten Investor übernommen worden sein, der eine ziemliche Handvoll Geld in die Hand genommen hat, auch um die Schule für Ausländer attraktiver zu machen. Es wird sogar erzählt, dass der neue Eigentümer von Shaolin stammt und dass deshalb schon einige Lehrer und auch Schüler die Schule verlassen hätten. Hierzu muss man wissen, dass Shaolin das traditionelle Zentrum der äußeren Kampfkünste und buddhistisch geprägt ist. Wudang dagegen steht für die innere Kampfkunst und den Daoismus. Während Shaolin sehr stark touristisch aufgemacht ist - hier trainieren weit über 10.000 Schüler an verschiedenen Schulen - geht es in Wudang doch noch sehr ruhig zu.

Über den Wahrheitsgehalt dieser Geschichten kann ich mir kein abschließendes Bild machen, fest steht: es tut sich etwas. Aber solange die Menschen, mit denen ich es hier zu tun habe, die selben sind und ich weiterhin so gut und persönlich betreut werde, kann ich damit leben und werde es auch tun, solange es mir möglich ist.

Nachtrag: der "Russische" Abend
Da Tanja und Alexandra zu spät zum Kochen von einem Ausflug zurückgekehrt waren, hatten sie die Zutaten in der Küche gelagert, um sie am nächsten Abend zu verarbeiten. Dies war dann nicht mehr nötig, da das Küchenpersonal sich kurzerhand der Sachen angenommen und diese verkocht hat. War auch lecker, wenn auch nicht wirklich russisch.

28.09.08


Wie ich gestern erfahren durfte, ist das Wetter in Deutschland blendend.
Vielen Dank für diese Information. Freut mich sehr, dies zu hören. Hier soll es morgen endlich zu dem lang ersehnten Wetterumschwung kommen, wenn wir die enigmatischen Tabellen von Fallingrain richtig interpretiert haben. Es wird auch allerhöchste Zeit, die Wäscheberge türmen sich, und ich frage mich, wie die Eingeborenen dieses Problem lösen. Allerdings habe ich beobachtet, dass der Wäschewechsel hier nicht ganz so häufig vorgenommen wird, wie ich es von zu Hause gewohnt ist. Sehr schön abzulesen ist dies an den weißen Trachten, denen die Speisereste einiger Tage anzusehen sind. Auch die T-Shirts, die darunter durchscheinen, sind einem nach 5 Tagen schon ziemlich vertraut. Der Fairness halber muss man aber erwähnen, dass die Schweißdrüsen der Einheimischen anders beschaffen sind als unsere. Deodorants sind daher hier weitgehend unbekannt, weil unnötig. Während wir also schon anfangen, wie die Füchse zu duften, ist die Geruchsbelastung bei unseren Gastgebern noch durchaus im verträglichen Rahmen. Dafür verfügen wir über ein alkoholabbauendes Enzym, das den meisten Asiaten fehlt. Wie ich finde, haben wir das weitaus bessere Los gezogen.


29.09.08

Gestern war ein großer Tag: das renovierte 4. Geschoss der Akademie kann bezogen werden! Als erstes halten die lettischen Gäste Einzug. Die Karawane zieht mir mit ihrem Gepäck entgegen, ich bin etwas erleichtert, nun kehrt wieder Ruhe in's Gästehaus ein. Auch in unserer Gruppe wird ein Neuzugang erwartet. Schon am Vortag konnten wir einen neuen Gast begrüßen, Dennis aus Litauen, ein Arzt, der sich unter anderem auf Akupunktur spezialisiert hat und hier Qigong lernen möchte. Er spricht sehr gut chinesisch und natürlich auch russisch, so dass auch Tanja endlich einen Gesprächspartner hat. Heute soll Viktoria aus Deutschland kommen. Ich hatte schon E-Mail-Kontakt mit ihr, kenne sie aber nicht. Ich hatte mich angeboten, ihr wegen der Abholung behilflich zu sein, da ich nicht wusste, wie gut Graces Englisch ist. Da war aber jede Sorge umsonst, sie spricht sehr gut. Das hatte ich Viktoria nebst Telefonnummer von Grace schon mitgeteilt und mich gewundert, dass sie ihre Ankunftszeit dann doch an mich geschickt hat. Mittags wollte Grace sie dann am Bahnhof abholen. Wie üblich, habe ich mich in der Mittagspause im Office eingenistet, um meinen wichtigen Geschäften nachzugehen. Die Tür geht auf, Grace nebst neuem Gast kommen herein, beide offensichtlich sehr erleichtert, mich zu sehen. Es stellt sich heraus, dass Viktoria zwar aus Deutschland kommt, aber aus der Ukraine stammt und nur sehr wenig Englisch spricht. Und Grace kein ukrainisch, russisch, oder was auch immer man dort sprechen mag...also gut, Notebook ausgeschaltet - Internet geht eh' nicht, weil irgendein Arbeiter wohl im Überschwang ein Kabel gekappt hat - und ran an die Übersetzung. Als alle Formalitäten erledigt sind, gehen wir zu den Zimmern. Da sind die Letten wild am Wirken, es gibt irgendwelche Probleme. Der Chef der Gruppe kann sich Grace aber nicht verständlich machen. Wir lösen das Problem auf Wudang-Art: der Lette erklärt Viktoria auf russisch, um was es geht, sie übersetzt es mir auf deutsch und ich dann auf englisch für Grace. Und das Ganze retour. Wieviel bei dieser "Stillen Post" von der ursprünglichen Nachricht tatsächlich rübergekommen ist, werden wir nie erfahren, aber am Ende sind auf jeden Fall alle glücklich.

Für meine guten Taten vom Vortag werde ich wohl endlich belohnt: heute Morgen scheint die Sonne! Ich tippe dies ganz, ganz leise, damit es bitte bloß so bleibt. Ich bin vor Dankbarkeit sogar bereit, meinen Polyester-Wudang-Kittel anzulegen, wenn ich damit die Götter milde stimmen kann (oder wenigstens Guan).

Soviel für heute, in ein paar Tagen geht es weiter, wenn es wieder heißt: "Neues aus Wudang Shan"

Lilo in Wudangshan, die 5.

die Freude über das schöne Wetter dauerte nur kurz an, ich habe doch mehr Muße als mir lieb ist, so dass ich nun den nächsten Teil meines Berichts abliefern kann:

Am Abend mache ich noch meinen üblichen Spaziergang zum Zixiaogong um dort bei den Ständen Wasser, Kekse (wg. der Feuchtigkeit...) und noch ein Fläschen Bier zu erstehen. Auf dem Weg dorthin begegnet mir eine Handvoll ausgelassener Nonnen, die miteinander lautstark herumalbern und versuchen, auf der Leitplanke zu balancieren. Ich muss sagen, meine Einstellung zu den Angehörigen des Klerus hat sich schon sehr geändert, seit dem ich hier bin.
Von strenger, lebenslustfeindlicher Frömmigkeit ist hier wenig zu spüren, auch wenn die Bewohner des Klosters sehr wohl ernsthaft ihren daoistischen Glauben leben. Es gibt hier zwei Kategorien, erkennbar an ihrerunterschiedlichen Haartracht: den Mönchen und Nonnen, die die Haare zu einem einfachen Knoten gebunden haben, ist es erlaubt, Fleisch zu essen, Alkohol
zu trinken und auch zu heiraten. Die Herrschaften, die eine Art steifen schwarzen Hut auf dem Kopf tragen, dürfen all dies nicht. Im Zixiaogong leben Mönche, Nonnen, Gemäßigte und - mangels besserer Kenntnis will ich sie mal so nennen - Spaßbremsen einträchtig unter einem Dach. Die ausgelassenen Damen gehörten eindeutig zur ersten Kategorie.


Angekommen bei den Verkaufsständen gehe ich zielsicher zu dem "Laden" von Frau Qu, der verkaufstüchtigsten aber auch schlitzohrigsten Verkäuferin von allen. Wir kennen uns schon lange, haben auch schon einige Sträuße miteinander ausgefochten, wenn ihre Preisgestaltung mal wieder etwas arg fantasievoll war. Sie hat nicht nur "alles", sie kann auch noch "alles" besorgen. Bei Sonderwünschen legt sie die Stirn in Falten, holt tief Luft, zeigt mit den Fingern eine Zahl an. O.K., in so vielen Tagen ist das gewünschte da. "You name it, she gets it" - das ist unsere Frau Qu.

Die Preise für Bier und Wasser müssen bei jedem Aufenthalt neu ausgehandelt werden. Diesmal ruft sie zunächst 5 Yuan für eine Flasche Wasser auf - das ist unverschämt, im Mai habe ich 3 Yuan bezahlt. Naja, die steigenden Rohstoffpreise (Wasser! Hier in Wudang!! Ha, Ha!!!), die Inflation, überhaupt: die Globalisierung...ich verstehe schon. Diesmal einigen wir uns auf 4 Yuan, Bier wie immer 2, damit kann ich leben. Wenn Yürgen in 2 Wochen kommt, zahlt er wahrscheinlich wieder 3 Yuan, er ist einfach der bessere Händler. Kann ich mit leben.
Dafür ist Frau Qu einfach nett und pfiffig, und das ist ja auch etwas wert.

Als ich zum Abendtraining in der Akademie einlaufe, stelle ich fest, dass Guan sich von den überall zum Trocknen ausgelegten Teppichen hat inspirieren lassen. Er komplimentiert uns auf den Boden: Stretching auf Wudang-Art. Aua.
Yi Ming macht uns vor, wie wir die Beine elegant umeinander winden sollen, seitlich hinter dem Kopf vorbei nach oben zerren - mein Gott, ich bin einfach zu alt für so was. Die anderen, obwohl meist deutlich jünger als ich, allerdings auch. Nach einer Stunde Quälerei inklusive Spagat, Brücke und sonstigen Foltermethoden sind wir entlassen zum "normalen" Training.
Guan, der dem Treiben grinsend zugeschaut hat, kündigt an, dass wir das jetzt öfters machen, bocksteif wie wir sind... herzlichen Dank, Sifu.


23.09.08


Heute Morgen werde ich wieder vom vertrauten Plätschern geweckt. Ich fluche leise, dass ich gestern nicht gleich sämtliche Schmutzwäsche durch's Wasser gezerrt habe, wer weiß, wann die Gelegenheit zum Trocknen wieder kommt.
Wehmütig denke ich an den alten Spruch in meinem Poesie-Album "Ärgere dich nicht, dass es vorbei ist, sondern freue dich, dass es gewesen ist". Ganz vorsichtig taste ich mich aus dem Bett, das gestrige Training hat reichlich Spuren hinterlassen, mir tun alle Knochen, Muskeln und Sehnen höllisch weh und ich denke kurz daran, mir Hilfe von der deutschen Pharma-Industrie zu verschaffen, so ein Häppchen Diclofenac wäre jetzt wirklich nicht schlecht.
Ich lass' es dann aber, will kein Spielverderber sein, beim Frühstückstisch wird das lustige Spiel "Wer jammert am lautesten?" gespielt, und da will ich ja überzeugend mitmachen.

Beim Vormittagstraining erkundigt sich Guan kurz, ob wir die Stretching-Session gut überstanden haben. Keiner sagt etwas. Dann ist es ja gut. Weiter im Programm. Guan will uns wohl ernsthaft fit und beweglich bekommen, jedenfalls werden jetzt die Pratzen ausgepackt. Kick-Training unter verschärften Bedingungen. Die Tritt-Übungen beginnen immer ganz harmlos: lockeres Treten in Kopfhöhe, mit der Ferse, mit dem Spann, das ganze seitlich und auch kreisförmig vor dem Körper. Dann folgen die etwas heikleren Geschichten wie Drehkicks, Sprünge - gewunden, gerührt, geschüttelt, da muss man kerngesund sein. Nun also mit Pratzen. Jetzt ist nichts mehr mit locker in die Luft getreten, irgendwohin ziellos ins Nirgendwo...Yi Ming animiert uns gnadenlos, fester zu treten, genauer zu zielen...der geschundene Körper mag nun langsam wirklich mal ne Pause haben.
Selten habe ich das Trainingsende so herbeigesehnt. Zum Glück morgen nur am Vormittag Training, dann ist "Wochenende".

Nach dem Unterricht erzählt Guan, dass er gerne hätte, dass bei dem großen Kampfkunst-Wettkampf Ende Oktober auch eine Abordnung der Ausländer vorführt, um den Ruhm von Wudang zu mehren. Er schaut dabei Jen, Simon und mich auffordernd an. Ach, daher weht der Wind. Mal ganz davon abgesehen, dass ich mir nicht sicher bin, ob das mit dem "Ruhm" so klappt, bin ich da auch leider nicht mehr hier. Guan ist enttäuscht - "wie, du fährst wieder nach Deutschland? Gefällt es dir hier nicht?". Depp.

Während ich am Nachmittag im Office sitze um schnell ein paar E-Mails zu schreiben, klingelt das Handy: Guan will wissen, ob ich vielleicht eine Massage haben möchte. Blöde Frage. Ist der Pabst katholisch? Ich packe hektisch mein Notebook ein, laufe Richtung Gästehaus, unterwegs begegne ich schon dem blinden Masseur, der von einer jungen Dame geführt wird. In meinem
Zimmer strecke ich mich auf meinem Zweitbett aus, der Mann tastet mich kurz ab, mit schlafwandlerischer Sicherheit findet er sofort die markanten Stellen und legt los. Eine Stunde lang Anmo nach allen Regeln der Kunst -wunderbar (auch wenn es manchmal die Erleichterung darüber ist, dass der Schmerz nach allzu herzhaften Handgriffen nachlässt). Es stellt sich heraus,
dass der Masseur auch ein paar Brocken ausländisch aufgeschnappt hat und nachdem er gefragt hat, woher ich komme, begrüßt er mich nochmals mit einem freundlichen "Guten Tag" und fordert mich immer wieder auf, zu "entspannen".
Der Mann ist mein Held des Tages, mein Retter in der Not. Ich lasse mir gleich die Telefonnummer geben und wenn ich noch zwei weitere Leute finde, die sich massieren lassen wollen - und das dürfte nicht weiter schwer sein - macht er sich gerne noch mal auf den Weg in die Berge.

Jetzt ein Sprung in die Badewanne, ein Feierabendbier, dann ab in's Bett...ja, ja, schön wär's - jetzt ist erstmal Abendtraining angesagt, aber nach dieser wunderbaren Massage ist das alles nur noch halb so wild und die Aussicht auf "Wochenende" treibt mich noch mal zu Höchstleistung an. Guan dummerweise auch. Er findet, dass er mir schnell noch auf die Husche unbedingt eine Denksportaufgabe für die freien Tage geben muss, eine richtig schwierige gezwirbelte Drehaktion, die ich einfach nicht kapiere. Ich verzweifle fast, Yi Ming macht meinetwegen sogar nach Trainingschluss noch Überstunden, bis ich es endlich begriffen habe. Prima, da habe ich ja was zu tun. Morgen fahre ich aber erst mal mit Alexandra und Youki nach Shiyan und
wenn ich dann noch Energie habe, dann können wir weitersehen.

24.09.08

Bevor wir in's Wochenende entlassen werden, gibt's noch einmal ein erfrischendes Morgentraining. Damit es uns nicht zu langweilig wird, lässt Guan sich da immer wieder etwas Neues einfallen. Gerne bespaßt er uns mit kleinen Spielchen, wie Wettrennen durch den ehrwürdigen Zixiaogong mit all' seinen Treppen, diversen Ballspielen, die ich schon als Kind leidenschaftlich gehasst habe...hier gibt es aber keine Ausreden, jeder hat da mitzumachen. Heute steht Fußball auf dem Programm. Ich kann meine Begeisterung kaum bremsen. Zuhause gehe ich ja schon gerne in's Stadion um unsere Jungs vom FSV Mainz 05 zu unterstützen und gebe dem Trainer auch mal lautstark den einen oder anderen wertvollen Hinweis zur
Spielgestaltung...aber selber machen? Naja. Muss sein. Ich versuche, einerseits dem Ball möglichst aus dem Weg zu gehen und andererseits geschäftig hin- und herzurennen, damit es nicht so auffällt, was auch ganz gut gelingt. Ich gerate einmal sogar aus Versehen in Ballbesitz und es gelingt mir, die Kugel ziemlich genau zwischen die beiden Backsteine, die das "Tor" markieren, zu schießen. Da Guan aber die Spielregeln mal wieder höchst eigenwillig modifiziert hat, zählt das Tor nicht, weil der Ball nicht am Boden war...oder so.... Egal, ich habe meine Schuldigkeit getan und warte jetzt in Deckung wie ein Hund bei Gewitter, bis es endlich vorbei ist.

Glücklicherweise endet das Ganze weitgehend verletzungsfrei - bis auf die angeschossene blutige Nase von Jen, die mit vollem Körpereinsatz gespielt und den Ball voll ins Gesicht bekommen hat. Wenn man bedenkt, unter welchen Bedingungen wir hier unterwegs sind, ist das schon erstaunlich: das Spielfeld - bröckelige Zementplatten mit vielen Löchern, bei Feuchtigkeit ziemlich rutschig, ein Teil des Hofes ist abgesperrt, weil Einsturzgefahr der Plattform besteht. Die professionelle Absperrung besteht aus einer ganzen Reihe roter Pilgerbändchen, die Guan kurzerhand im Tempel von einem der Steinlöwen abgenommen und aneinandergeknüpft hat. Der abgesperrte Bereich darf unter gar keinen Umständen betreten werden. Es sei denn, der Fußball landet dort.

Immer wieder tauchen Gäste auf, die sich hier kurz umschauen um zu Hause ihren Kindern und Kindeskindern - so zumindest meine Interpretation - erzählen zu können, dass sie auf dem weltberühmten Wudang Shan waren und dort Taiji gelernt haben. Wenn auch nur für eine Stunde. Ob dieses winzige Detail zu Hause dann auch Erwähnung findet? Ich wage, es zu bezweifeln.

Ein solcher Gast ist gerade mal wieder eingelaufen. Er erzählt, dass er aus Slowenien sei und sich kurz korrigieren lassen will. Nachdem unser Training beendet ist, widmet Guan sich dem Gast. Gemeinsam mit Alexandra stehe ich in sicherer Entfernung und schaue dem Treiben zu. Nach 5 Minuten atemlosen Schweigens stellt Alexandra die Frage, die sich mir auch schon aufgedrängt hat: "Was tut der Mann da?" Gute Frage. Guans Körpersprache spricht Bände. Mit verschränkten Armen und steinernem Gesichtsausdruck betrachtet er sich die Vorführung, weiß offensichtlich gar nicht, wo er anfangen soll.

Grundsätzlich ist hier jeder willkommen, egal in welchem Übungsstadium er ist. Jeder wird individuell nach seinen persönlichen Möglichkeiten betreut. Allerdings gilt das nur, solange die Bereitschaft besteht, wirklich ernsthaft zu lernen. In unserer Gruppe ist das bei den meisten so, deshalb geben sich die Lehrer auch unendlich viel Mühe und verlieren eigentlich nie die Geduld. Nun gibt es auch bei uns einige Mitschüler, die trotz deutlicher Hinweise die Spielregeln einfach nicht beachten und bei denen man sich schon die Frage stellt, warum sie eigentlich hier sind. Dass die Aufmerksamkeit für diese Kandidaten nicht gar so groß ist, versteht sich von selbst. Ein wichtiges Indiz für die Ernsthaftigkeit ist natürlich auch, wie viel Zeit ein Schüler bereit ist, für seine Ausbildung zu investieren. Eine Stunde erscheint in diesem Zusammenhang dann doch ein bisschen wenig.

Gut, ich habe auch mit 3 Tagen angefangen. Und dann eine Woche. Und dann zwei Wochen. Und dann 2,5 Wochen. Und jetzt ein Monat...
Jetzt aber los Richtung Shiyan!

...und was wir dort erlebt haben, erfahrt ihr, wenn ihr auch in der nächsten
Woche wieder einschaltet, wenn es heißt: "Neues aus Wudang Shan"

Lilo in Wudangshan, die 4.

20.09.08

Nach durchwachter Nacht (soll ich nicht doch noch mal in die Stadt fahren und mir ein Damast-Schwert kaufen???) fällt mir das Morgen-Training etwas schwer, nach 2 Wochen spüre ich auch die Belastung des Körpers ein wenig, fühle mich ziemlich schlapp. Was allerdings meine Aufmerksamkeit weckt, sind die baulichen Aktivitäten an der Akademie: vor zwei Tagen hat man begonnen, den Bau von plackigem rot in - so hat man mir erklärt - tempel-grau umzufärben. Die Vorgehensweise ist, nun ja, auf jeden Fall sehr effektiv: als ich vor ein paar Jahren die Fassade meines Häuschens habe anlegen lassen, war das eine Aktion von 6 Wochen, mit Einrüsten, Putz abschlagen, neuen Putz mit Armierung drauf, anlegen in mehreren Schichten...hier geht
sowas deutlich schneller. Farbeimer auf - Rolle reingehalten - los geht's. Ob die Farbe auf der Fassade, auf der zum Teil der Putz abgefallen ist, zum Teil Fliesenbelag (den man vielleicht vor dem Streichen wenigstens mal hätte abwaschen können) aufgebracht ist, halten wird, werde ich bei meinem nächsten Besuch feststellen.

Ich schaue den Arbeitern mit der selben Faszination, die manche Menschen wohl beim Betrachten eines Verkehrsunfalls empfinden müssen, zu. Ein Gerüst gibt es selbstredend nicht, die Arbeiter haben sich also mit einem Seil am
Fensterkreuz, deren "Stabilität" mir noch vom meinem letzten Aufenthalt in der Akademie bekannt ist, "gesichert". Mit viel Gottvertrauen und noch mehr Todesverachtung turnen sie an der Fassade herum, pinseln hier mal, rollern da mal, bis aus einem riesigen Flickwerk so etwas wie eine einheitliche Fläche wird (zumindest von weitem, je weiter desto besser). Das Dach erhält auch eine neue Farbe, und das geht so: Kompressor angeworfen, beherzt mit der Airbrush-Pistole draufgehalten, das Ganze grün eingenebelt - fertig ist der Lack. Die komplette Akademie (d.h. nur die sichtbaren Teile, hinten kuckt ja eh keiner) in vier Tagen umgefärbt. Respekt!

Auch Bebe hat es sich nicht nehmen lassen, ihre Zugehörigkeit zur Akademie dadurch zu dokumentieren, dass sie sich einen Riesenplacken grauer Farbe in ihr Fell appliziert hat. Nun passt sie auch rein farblich sehr hübsch hierher und wird von uns für diese Solidaritätsbekundung erstmal ausgiebig mit Leckerlis gefüttert. Das braucht sie jetzt, sie ist wieder einmal in anderen Umständen.

Beim Mittagessen kommt Grace hineingeflattert: meine Anstaltstracht ist fertig! Noch am Tag meiner Anreise bin ich vermessen ("willst du Schulkleidung"? - "Habe ich eine Wahl?" - "nö!") und mit der Zusicherung versehen worden, dass der Anzug in 3-4 Tagen fertig sein soll. Im Zimmer probiere ich an, mir scheint alles etwas knapp, ich mag es lieber etwas großzügiger, passt aber. Sollte vielleicht etwas weniger Kekse futtern, hier habe ich aber ständig Hunger. Allerdings esse ich die leckeren Reiskekse nicht nur aus diesem Grund: den Keksen sind kleine Säckchen mit einem Feuchtigkeitsentzieher beigefügt, die ich bestens brauchen kann, um sie in meiner Wäsche zu verteilen. Ich brauche noch welche für mein Notebook, also müssen wieder Kekse her. Muss ich mich halt opfern.



Heute Morgen nehme ich zum ersten Mal die neue Kluft in die Hand, feierliches Gefühl: die Einkleidung! Hat was. Erinnert mich ein wenig an die "Geschichte einer Nonne". Ein Blick nach draußen überzeugt mich aber davon, die Zeremonie zu vertagen, bei dem Sauwetter werde ich den Teufel tun und weiße Klamotten anlegen! Ich sehe ja, wie das bei den Anderen aussieht, denen es mittlerweile aber egal zu sein scheint. Der Anzug zeichnet sich dadurch aus, dass vorne das Zeichen für "Dao" aufgestickt ist, umringt von irgendetwas Unleserlichen, wahrscheinlich "Gott gebe den Ausländern Talent" oder so etwas. Auf der Rückseite prangt das Yin-Yang-Symbol. Da stehe ich jetzt nicht so drauf, bin vielleicht ein wenig überfüttert. Überall wird das Ding mittlerweile draufgepappt, gerne ist es auf dem Heck von Autos zu finden. Ich würde die Besitzer gerne mal fragen, was mir das sagen soll - ist der Wagen mit sich (und der Umwelt) in Einklang, oder was? Ich finde, dass man die Aussage des Symbols versuchen sollte zu verinnerlichen. Als Aufbepper bringt es meines Erachtens wenig. Dann lieber Kranich-Aufbepper auf's Auto. Das ist was anderes. Muss aber jeder halten, wie er es für richtig hält.

Beim Training komme ich mit einem älteren Herrn in's Gespräch, der gestern zur Truppe gestoßen ist. Etwas neidisch betrachte ich seine Uniform, offensichtlich Sonderanfertigung, aus einem sehr schönen Baumwollstoff genäht. Meine ist ja mehr so aus edelstem Polyester gewebt, was ich überhaupt nicht schätze. Es stellt sich heraus, dass der Mann ein vielbeschäftigter Geschäftsmann aus Shanghai ist, der immer einfliegt, wenn er ein paar Tage am Stück abzwacken kann. Er erwähnt mehrmals, wo er schon überall herumgekommen ist, konnte auch mühelos identifizieren, dass ich Deutsche bin, da er das Kranich-Logo auf meinem Rücken zu entziffern vermochte. Er sei auch schon mal in Deutschland gewesen, na ja, eigentlich in der Schweiz, aber das sei ja fast dasselbe. Ja. Fast.

Wir unterhalten uns sehr nett, über Taiji generell und in Deutschland im Besonderen, tauschen unsere Visitenkarten, er liest "1. Vorsitzende" und verneigt sich tief, drückt mir seine in die Hand mit der Bemerkung, wann immer ich ihn bräuchte, und ich solle mich auf jeden Fall melden, wenn ich in der Gegend bin. Klar. Wird gemacht.

Nun lauschen wir alle andächtig der Live-Musik, die Zhong uns verschafft hat. Mittags hatte ich schon beobachtet, dass eine Gruppe Musiker mit traditionellen Instrumenten Einzug in die Akademie gehalten hat. Meine neugierige Frage bei Grace hatte ergeben, dass dieses Ensemble in der Gegend ein Konzert halten wollte und nun auf der verzweifelten Suche nach einem
Übungsraum war. Da hat der großzügige Zhong nicht lange rumgemacht, wir geben hier doch jedem ein Zuhause. Beim Abendtraining haben wir also tolle musikalische Unterstützung. Leider reisen die Herrschaften am nächsten Tag schon wieder weiter. Schade, die hätten gerne noch ein wenig bleiben können.



21.09.08

Wudang Shan im Nebel - der Arbeitskittel sitzt.

Wetter hin, Wetter her, heute werden die neuen Klamotten angelegt, als Kompromiss kombiniert mit schwarzen Hosen, da der Boden doch reichlich durchtränkt ist und es völlig reicht, sich die Schuhe zu versauen. Liegestütz auf Matsch ist auch nicht gerade die reine Freude, aber wir sind ja nicht zum Spaß hier, auch wenn natürlich viel gelacht wird. Im "Schulungszentrum für Frustrationstoleranz", wie ich die Akademie mittlerweile für mich nenne, sollte man nicht gar so empfindlich sein. Und sich einigermaßen zu benehmen wissen. Ich habe immer wieder beobachtet, wie die Schülergruppen bei der Verabschiedung (genauso wie wir) Aufstellung nehmen und dann erst einmal eine längere Predigt gehalten bekommen (hatten wir bis jetzt nicht), bis sie entlassen werden. Ich hatte mich immer gefragt, was den Kids da wohl so alles an's Herz gelegt wird. Seit gestern weiß ich es. Mittlerweile ist die Abteilung "Erwachsenenbildung" auf 20 Köpfe angewachsen, davon 6 Ausländer, immer noch dieselben, wie bei meiner Ankunft.


Nach dem Abendtraining haben wir uns also ordentlich zum Gute-Nacht-Gebet aufgestellt, vor uns die Lehrerriege Guan, Yi Ming, Yaorou und Zhangzen und dann ging's los: großer Anschiss - wer das Übungsfeld verlässt, hat sich bei seinem Lehrer abzumelden, keinen Müll auf den Schulhof schmeißen, und überhaupt: Pünktlichkeit! Zu früh kommen wäre ja o.k. aber niemals zu spät! Ob ich Meister Guan an dieser Stelle daran erinnern sollte, dass das Morgentraining um 6.00 h beginnt, und nicht um 6.20 h? Nein, vielleicht ist das doch nicht so ganz der rechte Moment...

Da die Gardinenpredigt auf Chinesisch gehalten und auch nicht übersetzt wurde, fühlen wir Laowais uns mal nicht angesprochen, wir waren ja auch brav.

Heute Morgen ist wie üblich Training im Zixiaogong angesagt. Wir kämpfen uns durch den Nebel - oder die Wolkendecke, wie man's nimmt - , man sieht die Hand vor Augen kaum. Das schreckt allerdings die Touristen nicht, die wie immer sonntags auf dem heiligen Berg einfallen. Wir haben uns aber mittlerweile daran gewöhnt, im Tempel beim Trainieren fotografiert und auch
mit den Touris gemeinsam zum Posen aufgefordert zu werden, wir sind halt Teil der Show. Guan bemerkt, dass ich die Schultracht trage, wenigstens die obere Hälfte, und ist sehr angetan. Er legt schon großen Wert darauf, dass seine Schäfchen ordentlich gekleidet auftreten. Das bedeutet an der Stelle, dass sich Jen erst einmal einiges anhören muss, weil sie heute im
Trainingsanzug aufgetaucht ist. Sie verteidigt sich: es ist nass, kalt, eklig...nützt nichts: morgen wieder Uniform! Immerhin muss sie nicht zurück zur Schule, umziehen. Nach dem Training hält Guan, der wohl mal wieder in seinem Handbuch für Kampfkunstlehrer geblättert hat, noch einen längeren Vortrag über Haltung, Funktion und Einsatz der Gelenke, die ganzen Grundlagen. Yi Ming übersetzt das Ganze pantomimisch, so dass es keine Missverständnisse gibt. Für die Touris ist der Vortrag nebst vorgeführter Anwendungsbeispiele natürlich ein gefundenes Fressen, jede Silbe wird aufgesaugt, Millionen von Bildern gemacht, auch mal ungelenk mitgeturnt.
Heute ist Simon, der blonde Hühne in Wudang-Tracht, der absolute Star. Geduldig lächelt er mit jeder jungen Dame, die sich kichernd mit ihm fotografieren lässt. Nein, wie exotisch!

Am Abend ist das Wetter so miserabel, dass das Training - glücklicherweise bisher zum ersten Mal - in dem gefürchteten "Ballsaal" stattfinden muss. Dieser Raum (bzw. die Räume, ist gibt zwei davon) ist gefühlte 25 Quadratmeter groß, hat eine ziemlich niedrige, reichlich schmuddelige stoffbezogene Decke. Ein paar Diskokugeln zeugen davon, dass hier in der Vergangenheit, als die Akademie noch ein Hotel war, wohl wirklich einmal getanzt wurde. An der Stirnseite ist ein Kachel-Mosaik mit einem Motiv, das die legendären "Acht Unsterblichen" zeigt. Irgendwann hat man das Kunstwerk wohl mal auseinander nehmen müssen, Yürgen und ich waren letztes Jahr wohl die ersten, denen aufgefallen ist, dass die Kacheln nicht mehr so ganz genau wie vom Künstler geplant, wieder eingesetzt wurden. Der Boden ist mit kleinen Mosaiksteinchen belegt, auf denen es sich herrlich schliddern lässt, wenn es etwas feucht ist. Allerdings werden die Räume auch nur dann zum
Training genutzt, wenn draußen richtig gießt. Sonst stehen dort nur ein paar Tischtennis-Platten herum, die beim täglichen Kalligrafie-Unterricht als Schreibunterlage dienen. Das einzig positive sind die zahlreichen Spiegel in dem Raum, die immerhin größtenteils unzerstört sind und endlich einmal die Kontrolle erlauben, ob die Haltung wirklich so unter aller Sau ist, wie die
Lehrer immer behaupten (sie ist...).

Obwohl die Gruppe auf beide Räume aufgeteilt wird, herrscht drangvolle Enge. Jeder schleppt mit seinen Schuhen Feuchtigkeit mit hinein, so dass wir bald die tollste Rutschbahn haben. Beste Trainingsbedingungen also. Ich erkämpfe mir ein Eckchen für mich. Hier werde i c h üben. Ich habe ein Schwert. Und ich werde nicht zögern, es einzusetzen! Jawohl!! Ich lasse mich von meinem Schwert leiten, meine Gedanken driften ein wenig ab, ich denke an Michelle
Yeoh, eine von mir sehr bewunderte Schauspielerin, am bekanntesten ihre Hauptrolle in "Tiger & Dragon". Sie hat einmal von sich gesagt, dass das Schwert ihr Schicksal sei. Einmal Schwertkämpfer immer Schwertkämpfer....jaaaa, so fühle ich mich....dann steht Guan vor mir: was machst du da eigentlich? Batz, die Traumblase platzt, o.k. nun wird wieder ernsthaft trainiert. Guan ist zwar keineswegs zufrieden mit mir - das ist er nie - lässt sich aber dennoch herab, mir eine weitere Bewegung zu zeigen.
Wie immer habe ich das Gefühl, dass ich die Bewegung nie kapieren werde, aber irgendwie komme ich mit dem Lehrsystem einmal vormachen-dreimal zusammen-dann alleine-die schlimmsten Fehler ausmerzen-alleine üben doch ganz gut zu Rande.

Bei der Verabschiedung verrät Guan uns noch, dass es auf dem ganzen Berg am nächsten Tag keinen Strom geben wird, und zwar von 6 - 19.00 h. Das nehmen wir stoisch zur Kenntnis, sind nur froh, dass wir das diesmal vorher wissen, so können wir zumindest unsere elektronischen Freunde noch alle schnell aufladen. Allerdings heißt das auch, morgen kein Internet, wie Guan mir leicht hämisch noch ausdrücklich auf den Weg gibt. Es gefällt ihm überhaupt nicht, dass ich die Zeit des Kalligrafie-Unterrichts, der angeblich freiwillig ist, nutze, um mich in die weite Welt zu begeben. Ich habe es aber wirklich versucht und bestätigt bekommen, dass ich auf diesem Gebiet völlig talentfrei bin. Ich habe hier weißgott genug Gelegenheit, sehr viel
über das Scheitern zu lernen, da muss ich nicht jede sich bietende Chance nutzen.


22.09.08

5.00 h. Der Wecker klingelt. Gewohnheitsmäßig lausche ich erst einmal, was die Natur heute zu bieten hat. Kein Pladdern, nein, Zikaden! Es wird doch nicht?...von Neugier getrieben laufe ich erst einmal auf den Gang, da der Blick direkt auf die Felswand, den ich von meinem Fenster aus habe, nicht unbedingt hilfreich ist. Ja, tatsächlich: kein Nebel, kein Regen - ein
schöner Tag? Meine Laune hebt sich, jetzt schnell unter die Dusche, Wasser gekocht, solange es noch Strom gibt, einen gemütlichen Kaffee getrunken, in lauter Kleinigkeiten die Zeit verloren, so dass es tatsächlich nach 6.00 h ist, als ich zur Akademie laufe. Macht ja nichts, ist ja eh nie jemand pünktlich. Außer heute. Die gesamte Lehrerriege. Alle vier. Warten schon mit strengem Blick. Ich bin die einzige Schülerin. Mist.

Bei einem romantischen Frühstück bei Kerzenlicht, das die fensterlose Höhle, in der das Essen ausgegeben wird, erhellt, lassen wir uns alle voller Freude darüber aus, dass heute zum ersten Mal seit über einer Woche die Sonne wieder richtig strahlt. Wir sind so guter Dinge, dass wir auch relativ gelassen ertragen, dass im benachbarten Tianlu-Hotel das Notstromaggregat auf vollen Touren läuft und dabei nicht nur einen Höllenlärm verbreitet, sondern uns auch mit riesigen Diesel-Wolken einnebelt.

Nach dem Morgentraining im Tempel, bei dem wir natürlich ordentlich über die Hitze gejammert haben, entlässt uns Guan noch mit der Empfehlung, die Gelegenheit zu nutzen, um unser Bettzeug nach draußen zu schaffen. Dieses Schauspiel habe ich letztes Jahr in der Akademie schon einmal beobachtet: bei Sonnenschein wird wirklich alles, also Bettzeug, Kissen, Teppiche, eigentlich jeder bewegliche textile Fetzen, rausgerümpelt, auf den Schulhof geworfen und zum Trocknen ausgelegt.

Auf dem ganzen Berg setzt ein eifriges Putzen und Flicken ein, jeder ist geschäftig dabei, die seltene Gelegenheit zu nutzen. In der Polizeistation direkt neben dem Gästehaus werden die Fahrzeuge gereinigt, das Innenleben wandert nach draußen, mit Interesse bewundere ich eine sehr individuelle Ausstattung der Polizeiwagen: auf den Fußmatten ist eine große, schlittschuhlaufende Mini-Maus abgebildet. Sehr hübsch. Hier auf den Bergen ist die Kriminalitätsrate nach meiner Beobachtung eher überschaubar, ich habe überhaupt keine Bedenken, meine Wertsachen im Zimmer zu lassen und habe mittlerweile auch keinen erhöhten Pulsschlag mehr, wenn ich bei meiner Rückkehr feststelle, dass die Elfen sämtliche Zimmertüren aufgerissen haben, zum Lüften...

Wir machen uns also auch gleich an's Werk, endlich bekomme ich meine Jeans und auch meine Trainingsschuhe wieder trocken. Meine Klamotten, die ich schon vor ein paar Tagen gewaschen und in den "Trockenraum" gehängt hatte, haben mittlerweile einen etwas eigenwilligen Duft. Da es tagsüber aber kein heißes Wasser gibt, kommen die Sachen jetzt halt so auf das Dach. Die Sonne wird's schon richten. Hoffentlich.

Herzliche Gruesse von Sunny-Hill

Mittlerweile sind auch die ersten Bilder zu den Geschichten im Netz, unter www.picasaweb.google.de/xiaomo2002 koennt ihr sie finden. Die Bilder vom Mondfest sind leider erwartungsgemaess unterirdisch geworden, aber ich hatte so viel Spass an dem Abend, dass ich sie dennoch eingestellt habe, als Erinnerung.

Lilo in Wudangshan, die 3.

Liebe Freunde,

gerade sitze ich hier bei meinem Morgenkaffee in meinem Hotelzimmer, um diese Mail vorzubereiten, die ich später dann nur noch versenden will, draußen plätschert es lustig vor sich hin, Fallingrain macht seinem Namen wieder einmal alle Ehre. Warum eigentlich Fallingrain? Außer dem nahe liegendem Grund hier die Erklärung. Dort könnt hier sehen, wie es hier gerade wettermäßig aussieht. Und hier nun der nächste Bericht:

16.09.08

Gestern durfte ich zum ersten Mal ein Schwert in die Hand nehmen. Guan hatte mir zu Anfang gesagt, dass ich die komplette Form während meines Aufenthalts nur lernen werde, wenn ich mich ordentlich ranhalte. Ich war deshalb zunächst etwas sauer, dass er mich ständig auf "morgen" vertröstet hat, aber wenn ich überlege, wie viel Hilfestellungen und Korrekturen ich schon für die erlernten Formen bekommen habe, legt sich das ganz schnell. Durch die ständigen Wiederholungen haben sich meine Bewegungen sehr verändert, ich lerne gerade ein Gelenk, in Insiderkreisen "Hüfte" genannt, näher kennen und bin erstaunt, wie sich der Einsatz auf die Übungen auswirkt. Dann hat mir Guan von einem weiteren Mysterium erzählt, dass er als "Circles", also Kreise, bezeichnet. Irgendwie sollen die wohl in jedem Teil der Ausführung auftauchen - ich muss sagen, bei konsequenter Anwendung hat man fast das Gefühl als machte man Taiji...schade, dass ich 20 Jahre gebraucht habe, um davon zu hören (o.k., ich weiß, für diese Bemerkungen werde ich zu Hause wohl Schläge bekommen(schon vorher, wir sehen uns ja noch auf dem Berg)).

Nun also Schwert: Guan fragt mich, ob ich so was schon mal gemacht habe, ich ziere mich, erkläre vage etwas von "das ist der Griff und hier ist die Klinge..." Guan zeigt mir eine Grundübung und lässt mich erstmal stundenlang das Schwert schwingen, bis mir fast der Arm abfällt. Natürlich ist es immer noch nicht so, wie er es haben will, trotzdem ist er bereit, "morgen" mit der Einweisung zu beginnen.

Mit schmerzendem Arm komme ich im Hotelzimmer an und will mich erst einmal meinen heutigen Mitbewohnern vorstellen. Es ist zur schönen Tradition geworden, dass ich täglich eine neue Abordnung der hiesigen Fauna bei mir begrüßen darf. Ich suche kurz, heute steht Nacktschnecke auf dem Programm. Das überrascht mich etwas, üblicherweise beherberge ich eher Getier, das in der Hoffnung auf ein trockenes Plätzchen um Asyl nachsucht. Nacktschnecken mögen meines Wissens die Feuchtigkeit, aber gut, ich bin keine Nacktschnecke, sie wird das besser wissen als ich. In den vergangen Tagen hatte ich meist Gottesanbeterinnen und Falter zu Gast und jede Menge Moskitos, die sich für meine Gastfreundschaft damit bedankt haben, dass sie mich übel zerstochen haben. Allein gestern sind mir ein wenig die Nerven durchgegangen, als ich auf meinem Bett eine riesige Spinne entdeckt habe. Die ist zwar ruckzuck abgehauen, das hat die Sache aber nicht besser gemacht, ich wusste ja: sie ist da. Sie zu finden war aussichtlos, also habe ich mich mit dem Gedanken getröstet, dass sie sich vielleicht über die Moskitos hermacht. Als ich sie aber später im Bad entdecke, ist es mit der Zurückhaltung vorbei: ich schnappe mir den Duschkopf und dann mit heißem Wasser draufgehalten, bis die Spinne im Toilettenabfluss verschwindet. Hinterher schäme ich mich ein bisschen. Mein erster Mord in Wudang Shan. Hoffentlich ist das kein schlechtes Omen. Später werden erstmal ein paar Räucherstäbchen im Tempel als Wiedergutmachung angezündet.

Heute hat Simon Geburtstag. In meinem schier unerschöpflichen Fundus finde ich einen Riegel Schokolade. Eine Währung, die hier - gerade unter den Ausländern - höchsten Stellenwert genießt. Ich hatte für die Kinder noch ein paar kleine Geduldsspielchen mitgebracht, da von denen die ich kenne aber keiner mehr da ist, kriegt Simon nun eines. Mit dem aufgebrachten Sinnspruch, nach dem Geduld viel mehr zählt als Stärke, ein passendes Geschenk in unserem Kreis. Noch eine rote Kerze auf den Tisch - perfekt. Simon freut sich sehr, dass man an ihn gedacht hat, er schafft es, die kleine Kugel in das dafür vorgesehene Loch innerhalb kürzester Zeit hineinzubugsieren. Das ist mir trotz längerem Bemühen nicht gelungen, ich
knurre leise und hoffe, dass ich bei dem Geduldspiel, das da "Schwerttraining" heißt, etwas mehr Erfolg habe.

Im Tempel angekommen, stellt sich Yi Ming vor mich und teilt mir mit, dass sie mich einweisen wird. Darüber freue ich mich sehr, denn Yi Ming ist eine wirklich Liebe. Es stellt sich allerdings schnell heraus, dass - was hartnäckige Haltungskorrektur angeht - Guan gegen sie ein Waisenknabe ist. Stets freundlich lächelnd nörgelt und mosert sie ununterbrochen an mir herum, bis ich sie am Ende völlig entnervt bitte, mich kurz alleine trainieren zu lassen, damit ich mir wenigstens die Bewegungsabläufe merken kann. Sie verschwindet, ist aber nach 3 Minuten wieder da: Haltung! Mir schwant, dass die Rolle als Feldwebel, die sie beim Mondfest gespielt hat, ihr wohl doch auf den Leib geschrieben ist. Guan und Yi Ming haben sich wohl verschworen, auch außerhalb des Trainings werde ich nun stets korrigiert, wie ein Pawlowscher Hund nehme ich mittlerweile Haltung an, sobald ich die beiden nur von weitem sehe. Obwohl ich leicht genervt bin, bin ich doch gerührt über ihre Bemühungen. Es zeigt mir, dass ich nicht irgendeine Nummer bin, an der ein Programm abgespult wird, egal was dabei rauskommt. Vielmehr scheint es den beiden wirklich wichtig zu sein, dass eine positive Veränderung stattfindet. Das ist es, was ich an diesem Ort und bei diesen Menschen so schätze. Natürlich kommt auch der Spaß nicht zu kurz, so dass ich mit größtem Bedauern feststelle, dass die Zeit wie im Flug vergeht.

Beim Abendtraining taucht eine Abordnung strengblickender junger Leute auf, deren Ernsthaftigkeit dadurch unterstrichen wird, dass sie alle Brille tragen. Das ist auffällig hier: kein Mensch trägt hier oben eine erkennbare Sehhilfe. Ob das Bergklima zu einer hervorragenden Sehfähigkeit verhilft oder ob die abendlichen Qigongs, bei denen zum Abschluss die Hände auf die Augen gelegt werden, diesen Effekt haben, habe ich noch nicht herausgefunden. Vielleicht laufen aber auch alle blind durch die Gegend und denken sich einfach nichts dabei. Möglicherweise kann ich am Ende meines Aufenthalts ja meine Kontaktlinsen wegschmeißen...wir jeden sehen.

Es stellt sich heraus, dass die Herrschaften von der Presse sind und einen Bericht über Wudang Shan schreiben wollen, insbesondere im Hinblick auf Vermarktungsmöglichkeiten. Hierzu haben sie ein paar Fragebögen vorbereitet, natürlich auf chinesisch...schallendes Gelächter. Youki erklärt sich bereit, mit einigen von uns Interviews zu führen, während die Presse-Leute mit gespitzter Feder dabeistehen. Sie wählt Nat und mich als repräsentative Auswahl ausländischer Besucher aus. Die erste Frage geht an mich, man möchte wissen, wo ich zum ersten Mal von Wudang gehört habe. Bevor ich auch nur Luft geholt habe, beginnt Nat wortreich zu erklären, er reißt das Gespräch an sich, soll mir recht sein. Den anderen ist es das möglicherweise nicht so ganz, jedenfalls beklagt sich Nat lautstark, dass die Journalisten seine Antworten offensichtlich nicht mitschreiben. Pflichtschuldig beginnen sie, dies nun eingeschüchtert zu tun, während Nat sich weiterhin wortreich ausmehrt. Er wird gefragt, was er von Beruf ist, als ich höre "Lehrer" falle ich fast um. Ich hatte aus der Tatsache, dass er gelegentlich Bücher mit sich herumschleppt, zwar geschlossen, dass er lesen und schreiben kann, aber sonst....beim Training ist mir immer aufgefallen, dass er die Übungen immer sehr, nun ja, unkonventionell ausführt, sehr hektisch, man merkt ihm ganz deutlich seine Vergangenheit als Kick-Boxer an, und versucht uns immer zu motivieren, ihm alles nachzutun. Wenn wir zusammen im Kreis im Reiterstand - also sehr breitbeinig tief gehockt - stehen und Schlagübungen machen, bei denen jeder laut bis zehn zählen muss (auf chinesisch natürlich), schreit er die Zahlen geradezu heraus. Sein ganzes Verhalten erinnert mich sehr an das hyperaktive Häschen aus der alten Duracell-Werbung. Ja, er geht mir gelegentlich ein wenig auf den Wecker...


Youki hat mittlerweile die Nase voll, sie stellt mir energisch eine Frage und macht unmissverständlich klar, dass ich antworten soll, und sonst niemand. Ich erzähle ein wenig von Taiji in Deutschland, lasse unauffälligdie Bemerkung fallen, dass ich die erste Vorsitzende eines der ältesten Taiji-Vereine Deutschlands bin und erfreue mich des uneingeschränkten Interesses der Presse-Leute. Sie wollen vieles wissen über Deutschland und die dortige Taiji-Bewegung. Ich überreiche abschließend noch meine chinesische Visitenkarte und bitte darum, mir den Artikel zu schicken. Sie sind begeistert. Ich habe den Verdacht, dass die deutsche Sicht der Dinge hier ein deutlich höheres Gewicht finden wird, als die Russische...
Germany: 12 points



18.09.08

Unsere kleine Truppe wild Entschlossener ist mittlerweile beträchtlich gewachsen. Es sind noch einige Chinesen dazugekommen, so dass unsere Klasse mittlerweile aus 16 Leuten besteht. Da Guan diese Herde natürlich nicht mehr alleine hüten kann, hat er sich aus dem Schülerpool Hilfe geholt, uns stehen jetzt immerhin 4 Lehrer zur Verfügung, von denen allerdings neben Guan nur Yi Ming ein wenig Englisch spricht. Als ich sie frage, wo sie ihr, nun ja, originelles Englisch gelernt hat, antwortet sie stolz: von Guan. Das erklärt allerdings einiges. Ich norde mich kurz ein, Guans Sprache kann ich ja mittlerweile ganz gut verstehen (wobei ich sein schriftliches Englisch in Emails nur mit Hilfe meines Chinesischlehrers identifizieren kann), dann klappt das schon.


Bei den neuen chinesischen Schülern ist eine Dame dabei, die meine ungeteilte Aufmerksamkeit genießt. Sie ist hoch beweglich, obwohl auch schon etwas älter. Keiner schwingt die Beine höher, wenn es auch mit der Koordination ein wenig hapert. Mit ihren akkurat gezupften Augenbrauen, der ordentlichen Schminke (und das schon am frühen Morgen!) kann ich sie mir bestens als Aerobiclehrerin in irgendeinem Park vorstellen, streng eine Hundertschaft Turnerinnen anleiten. Das Krafttraining ist nicht so ihr Ding, bei den Schlagübungen im tiefen Stand jammert sie laut und ausdauernd. Dafür bezaubert sie uns täglich mit neuer, origineller Trainingskleidung. Heute Morgen ist sie in einem fliederfarbenen Ensemble eingeschwebt, der Jen und mir erst einmal den Atem geraubt hat. Wir beide schämen uns ein wenig, dass wir immer nur in einfachem schwarz und weiß auftreten, nein, da können wir einfach nicht mithalten. Ehre, wem Ehre gebührt.

Am Ende des Trainings hält Nat noch eine kurze Ansprache auf Chinesisch, die allerdings kein Mensch versteht. Ich kann das Chinesisch der Ausländer zwar normalerweise ganz gut verstehen, aber es gibt Grenzen. Ich gehe davon aus, dass mir schon jemand Bescheid sagen wird, wenn es wichtig war.

Am Abend feiern wir Abschied, Nat wird uns verlassen. Ich werde ihn vermissen. Trotz des unbestritten hohen Nervfaktors hat er doch erhebliche soziale Kompetenz gezeigt. Er hat uns mehr als einmal dazu getrieben, uns einfach angemessener zu verhalten, sei es unseren ausdrücklichen Dank an den alten Meister Wang für seine Einführung in die TCM auszusprechen oder auch nur das Training ordentlich mit einem "Xiexie Shifu" (Danke, Chef) zu beenden.

Wir finden uns alle in einem winzigen Schuppen, die bei uns als Garage durchgehen würde und nach vorne hin offen ist, ein. Nach kurzer Diskussion beginnt der Chef des "Restaurants", in dem nun kein Platz mehr für weitere Gäste ist, zu kochen. Nach kurzer Zeit füllt sich der Raum mit köstlichen Düften und es wird aufgetischt. Die Tafel biegt sich fast unter der Menge, die der Mann in seinem winzigen Kabuff hervorgezaubert hat. Das Essen ist fantastisch, so gut habe ich hier tatsächlich noch nie gegessen, da hat Nat nicht zuviel versprochen. Er ist nur etwas gedrückt, weil keiner unserer chinesischen Mitschüler gekommen ist. Obwohl er sie doch heute Morgen nach dem Training ausdrücklich eingeladen hatte. Ich könnte es ihm erklären. Aber die Höflichkeit verbietet es mir.


19.09.08

Endlich ist es soweit: Schwertkauf. Ich wasche noch schnell ein paar Klamotten, obwohl ich wenig Hoffnung habe, dass die je wieder trocken werden. Mir ist es gelungen eine Verabredung mit Lin, die früher in der Akademie gearbeitet hat und deren Verwandten Schwerter verkaufen, hinzubekommen. Da alles etwas schwammig vereinbart war ("wir treffen uns dann mittags irgendwo") bin ich schon sehr gespannt. Auf dem Weg ins Tal bekomme ich den ersten Anruf von Lin: wildes Rauschen, nix zu verstehen. Da mir mittlerweile von dem Höhenunterschied eh die Ohren zugefallen sind und ich fast nichts mehr höre, versuche ich am Fuß des Berges den ersten Rückruf. Es rauscht jetzt schon weniger, wir können wenigstens feststellen,
dass dort Lin spricht und hier Lilo. Simon und ich trotten einfach mal los Richtung Stadt, dann kommt eine SMS: wir treffen uns vor dem Supermarkt. Kluges Mädchen. Das finden wir. Auf dem Weg stolpere ich noch schnell in den China-Mobile-Laden meines Vertrauens weil ich immer noch nicht weiß, wie ich chatten kann. Die Jungs aus der Akademie, denen ich mit meinem Problem auf die Nerven gegangen bin, haben mir irgendwann erzählt, dass ginge nicht, glaube ich aber nicht. Vor Ort wieder slapstickreife Szenen als ich versuche begreiflich zu machen, was ich will. Die junge Dame versteht endlich, ich drücke ihr mein Handy in die Hand und nun fällt es mir wie Schuppen von der Netzhaut: mein Handy ist englisch eingestellt, dass kann hier natürlich kein Mensch lesen, deshalb haben die Jungs auch entschieden, dass nichts geht - ich stelle wieder auf chinesisch um, die Dame fingert und stellt ein, leider kapiere ich nun nix, weil ich es nicht lesen kann...ich beschließe, dieses Projekt (und die Berichterstattung darüber) an dieser Stelle zu beenden. Alles weitere in Deutschland.

Mittlerweile ist auch Lin eingetroffen, wir freuen uns sehr über das Wiedersehen, gehen erst einmal gemütlich essen und tauschen ein wenig Klatsch und Tratsch aus. Lin studiert mittlerweile, lernt auch fleißig spanisch. Ich habe da so eine Idee, wofür sie das brauchen kann, frage harmlos nach Javi, einem sehr netten Spanier, den ich im letzten Jahr in Wudang kennen gelernt habe und mit dem ich immer noch in Kontakt stehe. Er hat uns sogar schon in Mainz besucht, als er in der Gegend (also in Basel) war...

Wir machen uns auf in den Schwertladen und da Lin sich sehr angeregt mit ihrer Tante unterhält, haben Simon und ich endlich einmal Muße, uns in aller Ruhe die Ware anzuschauen, alles zu befingern und auszutesten, ohne dass uns ständig irgend jemand irgendetwas aufdrängen will. Ich entscheide mich für zwei Schwerter mittlerer Güte, die ich in Deutschland weitergeben will. Lin verschafft mir einen guten Preis, wofür ich ihr sehr dankbar bin, da Handeln nicht gerade zu meinen ganz großen Stärken zählt. Simon ist furchtbar unentschlossen, er kann sich überhaupt nicht entscheiden. Na gut, wir haben ja Zeit. Ich greife noch mal wahllos in die Auslage und plötzlich habe ich ein Schwert mit Damast-Klinge in der Hand. Ich kann es gar nicht glauben, unter all dem Schrott ein solches Schmuckstück zu entdecken, aber doch, es ist echt. Natürlich ziemlich schwer, aber wirklich schön gearbeitet, die Scheide mit der beschildkröteten Schlange (oder umgekehrt), dem Wahrzeichen von Wudang, geschmückt. Simon lässt sich von meiner Begeisterung anstecken, für mich ist es einfach zu schwer (und auch ein bisschen zu teuer), nach langem Hin- und Herrechnen und Feilschen wird man sich handelseinig. Mit einem seligen Lächeln geht Simon aus dem Laden, genau so etwas hat er gesucht. Wir machen uns auf zur Post, weil ich die Schwerter nicht mit mir herumschleppen will, glücklicherweise ist Lin bei uns, ohne sie wäre das Vorhaben "ich gebe ein Paket nach Deutschland auf" sicherlich gescheitert.
Die Versandkosten sind am Ende 2/3 so teuer wie die Schwerter, ich schlucke trocken, hake das ganze unter "gemachte Erfahrungen" ab, da diese Kosten aber Teil des Preises sind, den ich für die Schwerter aufrufen werde, trage ich das Ganze doch relativ gelassen.

Nach abschließendem Tee mit Lin fahren wir glücklich und zufrieden wieder auf den Berg. Dort hat sich das Wetter nicht wesentlich gebessert, meine Wäsche ist immer noch tropfnass. Mist. Ich begegne einer Zimmer-Elfe und auf mein Jammern hin erbarmt sie sich und zeigt mir den Trockenraum der Angestellten. Wunderbar, da zecke ich mich gleich ein, vielleicht hat es ja auch geholfen, dass ich die süße kleine Tochter der Elfe immer mal wieder mit Süßigkeiten füttere.

Lilo in Wudangshan, die 2.

Ich begruesse zunaechst einmal die neu in den Kreis aufgenommen - ich freue
mich natuerlich, wenn meine kleinen Geschichten Gefallen finden und nein,
Ramona, ich bin keineswegs genervt wenn ich Rueckmeldungen bekomme - ganz im
Gegenteil, natuerlich freue ich mich ueber jeden Kommentar und ja, Yuergen,
ich werde auch mal ueber das Training berichten, ich nehme es halt so wie es
kommt, achja, Bettina, ueber das Bloggen koennen wir reden, sobald wir mal
wieder zufaellig gleichzeitig in Deutschland sind...ich weiss dass das
Textvolumen leicht ueber eine normale E-Mail hinausgeht.



Und los geht's





12.09.08

6.00 h - Trainingsbeginn. Eigentlich. Ich stehe - wie meistens - pünktlich
vor der Akademie, langsam trudeln auch die anderen Laoweis ein. Von Guan
keine Spur. Gegen 6.30 h trudelt er langsam ein, kein Wort über die
Verspätung verlierend. Sein sonst zum akkuraten Knoten gebundenes Haar hängt
in voller Länge herunter, lieblos mit einem Bändchen zusammengerafft. Nein,
jetzt bloß keine blöden Witze über die mangelnde Trinkfestigkeit der
Asiaten, ich glaube, dafür müsste ich fürchterlich büßen. Guan bringt das
Morgentraining, oder besser: die restliche halbe Stunde schweigend hinter
sich, hin und wieder leises Knurren wenn ihm etwas nicht gefällt. Wir sind
alle erleichtert, als wir zum Frühstück entlassen werden. Ich würde ihm ja
einen starken Kaffee und 2 Aspirin empfehlen, denke aber, dass würde er -
völlig richtig - als Häme verstehen, nachdem er mich gestern so großspurig
zum Wetttrinken aufgefordert hat. Ich fühle mich eigentlich ziemlich fit und
bin ohne Probleme wie jeden Morgen um 5.00 h aus dem Bett gekommen. Das
gefällt ihm gar nicht...



Beim Vormittagstraining ist er dann schon wieder ganz gut beieinander,
scheucht uns durch den Tempel, Rennen, Kicks, das ganze Programm. Ich
trainiere bei den Männern mit und freue mich, dass mein Training zu Hause
offensichtlich doch nicht ganz daneben war. Guan nickt ganz leicht
anerkennend - die höchste Form des Lobes. Ich weiß es zu schätzen. Zumal ich
weiß, dass es gleich beim Einzeltraining wieder großes Genörgel gibt. Erst
einmal hebt sich seine Laune aber, als ich ihm hilflos mein neues Handy in
die Hand drücke und hoffe, dass er es mir nicht gleich auf den Kopf legt,
wegen der Haltung. Aber der Spieltrieb ist zu groß als dass er auf solche
Ideen käme - er fingert voller Begeisterung an den Knöpfen rum, so schnell
kann ich gar nicht schauen, irgendwie ist es ihm auf jeden Fall gelungen,
das Ding auf englisch umzustellen - das entschärft die Sache schon mal
ungemein. Es bleibt aber leider dabei, dass ich die Bedienungsanleitung
nicht lesen kann und das Ding ja auch zum chatten gekauft habe. Ich schicke
eine E-Mail an den Hersteller mit der Bitte, mal zu kucken ob man mir nicht
eine englische Bedienungsanleitung schicken kann oder wenigstens die
China-Version als Word-Dokument, damit ich's durch den gefürchteten
Babel-Fisch jagen kann. Schlimmstenfalls muss ich wieder Guan fragen. Ich
bin begeistert.



Heute Nachmittag steht Unterricht in TCM auf dem Programm. Wir sollen eine
Einführung beim greisen Altmeister Wang bekommen. Wir sitzen alle gemeinsam
im Klostergarten, der Meister flankiert von den Damen Youki, der Frau von
Aziz, die seine Schülerin ist, und Grace, die eigentlich übersetzen soll.
Youki ist eine sehr liebenswerte junge Dame, die sich gerne um alles kümmert
und auch jetzt sofort die Übermittlung an sich reißt, nicht ohne schamhaft
zu bekennen, dass ihr Englisch nicht gerade überragend ist. Dies würde
keiner bezweifeln, dennoch lässt sie es sich nicht nehmen, uns alles
ausgiebig in einer entzückenden Mischung aus chinesisch, englisch und
französisch sehr temperamentvoll zu erklären, mit lautstarker Hilfe von
Grace und Jen, die versuchen, den Sinn des Gesagten zu erfassen und zu
erklären. Irgendwann lege ich den Stift aus der Hand als ich feststelle,
dass ich nur wirres Zeug ohne Struktur und zu allem Überfluss in
unterschiedlichen Sprachen notiert habe. Meine Blicke nach links und rechts
bestätigen mir, dass es bei den anderen auch nicht anders aussieht. Ich
versuche einfach zuzuhören, kapiere ein klein wenig aber die vielsprachige
Diskussion - mittlerweile hat sich Nat, der Russe, noch in die
Interpretation mit eingeklinkt, außerdem gesellen sich noch ein paar Mönche
und Nonnen hinzu, die auch angeregt mitreden - ist mir einfach zu ermüdend.
Willkommen in Babylon.

Da lausche ich lieber einem Flötenspieler, der im Hintergrund aus einer der
Klosterzellen zu hören ist.

Vielen Dank für das Gespräch.



15.09.08

Gestern wurde Mondfest, bzw. Mittherbstfest, gefeiert. Dies ist traditionell
eine Feier, bei der die ganze Familie zusammenkommt, vom Stellenwert
vielleicht mit Weihnachten vergleichbar, jedenfalls hatte ich gestern jede
Menge Mondfest-Glückwünsche in meinem QQ-Postkasten und habe darauf hin
natürlich auch brav selbst welche verteilt. Mittags wurden wir zum Essen in
das obere Stockwerk gebeten und der Küchenchef hat richtig tolle Sachen für
uns gezaubert. Außerdem hat Guan noch einen Kasten Bier auf den Markt
geworfen und danach das Mittagstraining abgesagt, was niemanden wirklich
überrascht. Ich habe also Zeit für eine ausgedehnte Internet-Session,
kucken, was sich zu Hause so tut, leicht deprimiert stelle ich fest, dass
ich eigentlich wirklich nicht immer alles so genau wissen will...ich bin
doch sehr weit entfernt von den heimischen Kabbeleien und wünsche mir
eigentlich, dass das so bleibt.

Für den Abend ist jedenfalls eine große Party angesagt, Guan hatte sich in
den Kopf gesetzt, uns dazu zu bewegen, irgend etwas darzubieten, aus
anfänglichem Zieren ist langsam aber sicher offene Meuterei geworden,
nachdem er mit Biegen und Brechen versucht hat, uns zum Singen zu nötigen.
Irgendwann hat er entnervt aufgegeben als wir ihm klargemacht haben, dass
wir doch ein klein wenig mehr Zeit zur Vorbereitung gebraucht hätten...die
Feier soll ab 19.30 h steigen. Wie üblich geistert Grace eine halbe Stunde
vor dem von Guan angekündigten Termin durch die Zimmer um uns mitzuteilen,
dass es jetzt, gleich, sofort losgehen soll, aber daran sind wir ja schon
gewöhnt.

Wir marschieren in den Schulhof, da haben die Schüler den ganzen Nachmittag
damit zugebracht, zu schmücken und zu dekorieren und da ich schon Zeugin
solcher Aktionen gewesen bin, bin ich überrascht, wie fantasievoll die Jungs
mit den vorhandenen Gerätschaften eine Bühne mit "Bühnenbild" gezaubert
haben. Alles hübsch bunt und als Podest statt einer Holzkonstruktion die
gefederten Sprung-Übungsmatten mit den ehemals roten Teppichen, die sonst
für Vorführungen eingesetzt werden, überdeckt. Dass man auf den beteppichten
Matten wahrscheinlich ziemlich schlecht stehen kann und die Überlappung der
beiden roten Teppiche mit der Kante zu Bühne zeigt, so dass die Akteure
wahrscheinlich öfter mal drüberstolpern (eine Annahme, die sich später als
richtig erweist) - Schwamm drüber, typisch deutsche Gedanken....Meister
Zhong ist mit ein paar älteren Schülern hektisch dabei, den Sound zu
checken, bzw. die Anlage überhaupt zum Laufen zu bringen, riesige Bassboxen
stehen herum, ein richtiges Mischpult, 4 Notebooks und ein Schüler, der die
Bedienungsanleitung laut vorliest, während der Rest versucht, die
Anweisungen umzusetzen. Sich vielleicht vorher mal um so etwas Gedanken zu
machen ist auch wieder so ein deutscher Geistesblitz, den ich ganz schnell
wegsperre und einfach das Szenario genieße. Meister Zhong trägt heute zivil,
ich habe ihn zunächst gar nicht erkannt, er trägt sogar die Haare offen, ist
wohl auch nötig, da die Anlage ständig abrauscht (das wird sie den ganzen
Abend lang tun) und er ununterbrochen sein Fell rauft. Das würde selbst der
kunstvollste Haarknoten nicht aushalten. Ich sehe voller Stolz und Freude,
dass er ein Kranich-Shirt trägt. Da er es verkehrt herum angezogen hat,
sieht man das Wappentier unseres Vereins in voller Pracht. Als er sieht,
dass ich es bemerkt habe, wirft er sich in die Brust und lacht mich an - das
Bild wird natürlich für die Nachwelt festgehalten.

Irgendwann sind auch die größten technischen Problemchen beseitigt, die
Party kann steigen. Die Jungs - und die drei Mädels natürlich auch - haben
sich sehr hübsch in Schale geworfen, alle tragen das lange Haar nur locker
zusammengebunden, was wirklich ausnehmend putzt, dazu das, was sie gerne als
"cool clothes" bezeichnen, also - für unsere Verhältnisse - normale
Straßenkleidung, allerdings "für besser", ja, sie machen wirklich was her,
jeder hat sich Mühe gegeben, man merkt, dass dieses Fest etwas besonderes
ist. Durch den Galaabend führt ein älterer Schüler, gemeinsam mit der
hübschen und sehr charmanten Yi Ming und meinem alten Lehrer Wang. Das ist
nun wirklich ein großer Posierer, da gibt es nichts: wenn er einen
Redebeitrag leistet geht nichts ohne theatralische Gesten ab, wie weiland
John Travolta in "Saturday Night Fever" reckt er sich und feuert mit den
Fingern in den Himmel. Allein dass er gerade mal 1,60 m groß ist und seine
Stimme nicht nur etwas piepsig ist und auch ein klein wenig zum Überkippen
neigt, trennt ihn vom ganz großen Show-Talent. Aber er macht seine Sache
wirklich klasse. Yi Ming mimt bei den kurzen Wortgefechten mit ihren beiden
Mitstreitern so etwas wie einen Feldwebel. Das wirkt bei diesem zierlichen
und nach meiner Einschaetzung sehr sanftmuetigen Geschoepf urkomisch. Wie
sehr ich mich da in ihr getaeuscht habe, wird mir in den naechsten Tagen
klar. Nun folgt der gefürchtete Karaoke-Teil. Ich frage mich, warum wir uns
eigentlich so angestellt haben, da hätten wir doch auch mithalten
können...die ständig ausfallende Anlage mindert den Genuss nur geringfügig.
Nach einigen sehr lustigen Sing-Beiträgen, die mit viel Herzblut vorgetragen
werden, uns aber doch gezeigt haben, dass die wahren Talente der jungen
Leute wohl doch eher in der Kampfkunst zu finden sind, folgt ein kleiner
Sketch. Wir verstehen kein Wort, das macht aber nichts, da - wie ich der
verzweifelten Hilfestellung des Conferenciers entnehme - die Kids sowieso
jede Pointe versemmeln. Vielleicht wäre die gute alte Bütt in Eulenform, bei
der die Augen aufleuchten, wenn gelacht werden soll, hier ganz hilfreich. So
macht man's zumindest bei der Mainzer Fastnacht.

Dann wird der erwürdige Abt vom Kloster mit der Limousine herangekarrt (das
sind zwar nur 5 Minuten Fußweg, aber ein bisschen Show muss ja sein), er
tritt vor das Publikum, erteilt sein "Urbi et Orbi", steigt wieder in den
Wagen und entschwindet in die Nacht.

Zum Abschluss, nachdem wir alle brav unsere Mondkuchen aufgenascht haben,
ist großes Abhotten angesagt. Guan zwingt uns, uns endlich zu erheben, na
ja, da machen wir dann schon mit und bei China-Teckno geht es dann richtig
zur Sache. Head-Banging bei den langen Mähnen der Schüler ist natürlich
schon ein Hinkucker. Wir wären allerdings nicht in Wudang, wenn nicht nach
kurzer Zeit die Jungs anfingen, kleine Akrobatik-Kunststückchen auf der
improvisierten Tanzfläche darzubieten: es bildet sich schnell eine Gasse für
den nötigen Anlauf und dann geht es los: die Schüler überbieten sich
gegenseitig in schwierigen Sprüngen, Salti und Hip-Hop-Einlagen, die sie bei
ihrer Beweglichkeit auch ganz gut beherrschen.

Um Punkt 22.00 h geht das Licht aus, die Musik geht aus. Feierabend.

Mondfest in Wudang Shan: ganz großes Kino!

Lilo in Wudangshan

Lilos Berichte aus Wudangshan sind einfach zu gut geschrieben, als dass man sie der Mitwelt vorenthalten dürfte. Da sie in den ersten Betreff geschrieben hat "...darf weitergeleitet werden", möchte ich das hiermit tun.
Llo ist, wenn ich es richtig mitgezählt habe, nun auch schon zum vierten Mal in Wudang, also mit den Gegebenheiten vertraut. Keine Zeitvergeudung mit überflüssigem Geschwätz, hier ist sie, The one and only LILO AMBACH:

Hallo,

die ersten Tage hier im gelobten Land sind wie im Fluge vergangen, es sind
weniger die grossen Geschichten als die kleinen Episoden, die fuer Kurzweil
sorgen. Hier mein erster Bericht (wie gewohnt in der gebotenen Kuerze...)



Nach einem angenehm ereignislosen Flug mit einem mysteriösen spanischen
Nachbarn, der bei 9 Stunden Flug beharrlich die Nahrungsaufnahme verweigert
hat und von dem außer ein paar Höflichkeiten nichts zu vernehmen war,
Ankunft in Beijing. Zum ersten Mal wirklich allein in China. Ich lasse
dieses Gefühl sinken, bin erstaunlicherweise völlig entspannt, obwohl noch
eine ziemlich lange Reise bevorsteht. Ich stromere durch den gigantischen
Flughafen, verlaufe mich ständig auf der Suche nach einem Elektronikladen,
wo ich mir ein chinesisches Handy kaufen will, leider vergebens, aber nach 3
Stunden sinnloser Lauferei kenne ich mich nun wenigstens ganz gut aus, Zeit
habe ich eh genug bis zum Weiterflug. Soviel körperliche Betätigung macht
natürlich hungrig, in einer japanischen Suppenküche - fest in chinesischer
Hand - begrüßt mich die Bedienung streckensstarr, hektisch nach
irgendwelchen Zetteln kramend, auf der sie wohl ihr Notfall-Englisch
dokumentiert hat (das kenne ich, ich habe auch solche Zettel...). Als ich
ihr auf Chinesisch erkläre, dass ich alleine bin und entsprechend nur einen
kleinen Tisch brauche, entspannt sie sich sichtlich. Ich genieße meine
Nudeln und fühle mich gestärkt für den Weiterflug nach Xiangfan. Dort komme
ich mit einem holländischen Geschäftsmann in's Gespräch, der mindestens
dreimal im Jahr nach China kommt und sehr verblüfft ist, eine Touristin auf
dieser Exoten-Strecke zu sehen. Tatsächlich sind wir die einzigen Langnasen
auf diesem Flug. In Xiangfan angekommen handelt sein chinesischer Abholer
mir noch einen vernünftigen Taxipreis aus. Nun kenne ich endlich den
realistischen Preis. Dass wir immer zu viel bezahlen, war uns schon klar,
wenn man aber die Schmerzgrenze nicht kennt, ist das mit dem Handeln so eine
Sache - leider sind wir ja auf das Taxi angewiesen und können nicht wie im
Laden die Sachen einfach stehen lassen, wenn wir nicht in's Geschäft kommen.
Im Taxi fahren noch zwei Chinesen mit, die zwar symbolisch auch so tun, als
würden sie etwas bezahlen, aber mir ist schon klar, dass ich die Rechnung
trage. Sei's drum: 40 Yuan, so billig war es noch nie. Die Herren
unterhalten sich lebhaft während der Fahrt in der Stadt, davon ausgehend,
dass ich kein Wort verstehe. Das kommt der Sache zwar angesichts des
gruseligen Hubei-Dialekts sehr nahe, ich kann im Großen und Ganzen aber
dennoch folgen, bin allerdings ziemlich müde und habe echt keinen Bock auf
Gestammel. Irgendwann ringt sich aber einer der Männer mühevoll einen
englischen Satz ab und rühmt die Schönheit von Wudang und bevor ich die
Konsequenzen meines Handelns bedacht habe, antworte ich auf Chinesisch dass
mir die Gegend bekannt ist und das der Berg das Ziel meiner Reise ist. Nun
folgt das befürchtete Radebrechen, das ich eigentlich vermeiden wollte, denn
jetzt wollen meine Begleiter natürlich alles ganz genau wissen, insbesondere
warum ich als Frau so völlig schutzlos allein durch die weite Welt reise.
Glücklicherweise ist das Hotel nicht mehr weit...



Am nächsten Morgen nehme ich gestärkt von einer wunderbar scharfen
Rindfleischnudelsuppe den Zug Richtung Wudang Shan. Der Ausländeranteil hat
sich bei diesem Verkehrsmittel um 100 % reduziert. Ein Schaffner betrachtet
mich kritisch, aus irgendwelchen Gründen ist er nicht zufrieden mit dem von
mir gebuchten Sitzplatz, er nötigt mich, ihm an das andere Ende des Zuges zu
folgen, warum auch immer, ich werde es nie erfahren. Immerhin hilft er mir,
meinen doch ziemlich schwer gewordenen Rucksack in das Gepäckfach zu
wuchten, was mir angesichts dieses dürren Männchens Respekt abnötigt. Leider
war der "Schnell"-Zug ausgebucht, ich habe das Vergnügen, wieder einmal mit
dem "Man-Che" zu fahren, der 10 Minuten nach Xiangfan zum ersten Mal hält
und uns auf dem Weg nach Wudang wirklich sehr viel Zeit lässt, die
Landschaft zu bewundern. Jeder Hinterhofbahnhof ist ihm mindestens 15
Minuten Aufenthalt wert, so dass die Fahrtzeit auf 4,5 Stunden aufgebläht
wird. Leicht entnervt freue ich mich darüber, dass auch diese Reise
irgendwann zu Ende geht und bin froh über mein Deutsche-Bahn-Training. Ohne
das hätte ich wahrscheinlich ziemlich gekotzt. Am Bahnhof werde ich zu
meiner großen Freude von Wang und Grace persönlich abgeholt. Etwas
misstrauisch setze ich mich in das Dao-Mobil, im Frühjahr hatte Wang noch
erzählt, dass er keinen Führerschein habe, ob die Serpentinen-Route wirklich
etwas für Fahranfänger ist...ich wage es zu bezweifeln. Wang knechtet das
gequälte Gefährt ziemlich, aber wir kommen glücklich an, Grace und Wang
tragen sogar trotz meines - zugegebenermaßen lauen - Protests meinen
Rucksack in mein Zimmer. Ich bin zu Hause.



Ich bin zwar ein wenig enttäuscht, dass ich kein Zimmer in der Akademie
habe, da ist aber immer noch Großbaustelle und ich bin angenehm überrascht,
dass man diesen schrottreifen Bunker, der hierzulande schon längst
abgerissen worden wäre, ernsthaft aufrüstet. Die Zimmer haben neue Böden und
Bäder, die diese Bezeichnung auch tatsächlich verdienen. Wie in meinem
Zimmer in dem Gästehaus eine sehr sinnige Konstruktion, bei der der Abfluss
der Toilette gleichzeitig das Wasser vom Duschen aufnimmt. Ungewöhnlich,
aber nicht dumm.

Was mich allerdings wirklich unangenehm berührt, ist die Tatsache, dass es
auf den Zimmern keinen Internetanschluss gibt. Also nehme ich mein Notebook
mit in das "Office", dort liegt ein Kabel für ein 54 K-Modem rum und so kann
ich - zu den üblichen Öffnungszeiten in trauter Gemeinsamkeit mit Meister
Zhong, Grace und noch einem anderen guten Geist meinen wichtigen Geschäften
nachgehen. Zhong schaut mir gleich neugierig über die Schulter und entdeckt
das Icon des chinesischen QQ-Messengers, bei dem ich mich in einem Anfall
von Größenwahn angemeldet habe. Er schubst mich beiseite und hackt auf
meinem QQ erstmal seine Nummer ein, zeigt mir noch, wie man Namen zuordnet
(das ist sehr hilfreich, ich habe mir sonst immer den Fantasie-Namen meiner
"Buddies" merken müssen) und schon habe ich einen neuen Chat-Partner. Zhongs
Avatar ist ein kleiner Delphin. Süß.



Am nächsten Morgen wird es ernst. Nachdem Guan sich gestern erst einmal
Überblick über den Stand der Dinge verschafft hat, darf ich heute um 6.00 h
eine Einzelstunde genießen. War wohl nicht so geplant, hat sich aber so
ergeben, da ziemlich viele Leute unter einer Magenverstimmung leiden und
wohl nicht aus dem Nest gekommen sind. Im Moment sind wir 8 Ausländer
unterschiedlichster Nationen, meist wird englisch gesprochen. Da dies allein
die Muttersprache von Jen ist, einer Amerikanerin aus Los Angeles, ist,
klappt die Verständigung ganz gut. Bis auf eine russische Familie: Eltern,
Sohn und Tochter Alexandra. Die Mutter ist hier, um ihrer Krebserkrankung
mit Qigong zu Leibe zu rücken, ihre Familie begleitet sie. Der Sohn, Nat,
spricht sehr gut französisch, das tut er meist mit einem Gast aus Marokko,
Aziz der ebenfalls krebskrank ist. Vor vier Monaten haben ihm die Ärzte noch
eine Restlebenszeit von sechs Monaten vorausgesagt. Er hat sich entschieden,
nicht kampflos aufzugeben, hat seine Firma verkauft und ist mit seiner
chinesischen Frau auf den heiligen Berg gezogen. Einmal im Monat lässt er
einen Tumorscan durchführen und erstaunlicherweise ist trotz in fauster
Prognose eine deutliche Verbesserung festzustellen. Er therapiert außer mit
schulmedizinischen Maßnahmen auch mit TCM, Qigong und Taiji und macht auf
mich einen ziemlich fitten Eindruck. Seine Frau ist eine Schülerin von "Dr.
House" im Kloster, den ich bei früheren Aufenthalten kennen gelernt habe. Er
scheint eine echte Kapazität zu sein.

Trotz der Anwesenheit der Schwerkranken ist die Stimmung keineswegs
gedrückt, vielmehr von Hoffnung und Zuversicht getragen. Ich wünsche den
beiden von Herzen alles Gute.



Guan hat mir mittlerweile vorsichtig den Tagesplan beigebracht: es ist
tatsächlich jeden morgen 6.00 h Trainingsbeginn - ich wollte es nicht
wahrhaben, weil ich Guan nicht gerade als begeisterten Frühaufsteher kennen
gelernt habe. Nach dem Frühstück sollte es dann weitergehen "nine thirty" -
ich frage dreimal nach, weil mir die Zeit sehr ungewöhnlich erscheint -
jajaja, "nine thirty". Alla, dann habe ich noch viel Muße, meine Klamotten
zu waschen, eine paar Zeilen zu schreiben,...um 9.00 h klopft es: die
Zimmer-Elfe steht vor der Tür: Meister Guan lässt fragen, warum ich nicht
zum Unterricht komme...ich stürme in die Schule, halte kurz
Nachhilfeunterricht in Englisch, ein etwas kleinlauter Guan fragt mich, ob
mir Grace nicht am Vorabend die Trainingszeiten schon mal gesagt
hätte...klar, aber wenn der Meister mich ausdrücklich für "nine thirty"
bestellt...ich weiß, dass ich für diese kleine Spitze büßen werde, aber
egal. Die Revanche lässt nicht lange auf sich warten: Guan korrigiert
gnadenlos an meiner Haltung herum und als ich ihm dummerweise von meiner
Somatherapie erzähle und dass ich eigentlich jetzt erst überhaupt in der
Lage bin, mich aufzurichten, aber nach über 40 Jahren Fehlhaltung mit
Versteifung im Rücken ist die Umstellung natürlich schwer. Diese Geschichte
weckt seinen Ergeiz: er verspricht mir, dass nach einem Monat jedes Problem
mit meiner Haltung beseitigt wäre. Mir schwant Schreckliches. Zunächst
bekomme ich ein großes Blatt auf den Kopf gelegt mit dem Versprechen, dass
ich Schläge bekomme, wenn es runter fällt. Natürlich dauert es nicht lange,
bis ein Windstoß die Sache erledigt. Das erkläre ich Guan wortreich, der
glaubt mir zwar kein Wort, sitzt jetzt aber in der Falle: irgendwann hat
auch er gelernt, das Drohungen ohne Konsequenzen einfach doof sind. Also
schnappt er kurzerhand sein heiliges Handy und legt mir das auf den Schädel.
Wenn ich es runter schmeiße sind 1000 Yuan fällig. Ich überlege kurz, wie
ich diese Geschichte meiner Haftpflichtversicherung beibringe, zumal hier ja
auch eine erhebliche Mithaftung einzuwenden wäre: wenn Guan sehenden Auges
einer unfähigen Laowei (deshalb ja die Aktion!) sein Schmuckstück auf den
Kopf legt und dann laufen lässt, ist doch klar was passiert! Ich glaube
allerdings nicht, dass ich Guan für diese juristischen Feinheiten werde
interessieren können - wenn das Ding runterfällt, muss ich's bezahlen - so
einfach ist das. Also beschließe ich, einfach langsam und mit gerader
Aufrichtung zu tun was mir aufgetragen wurde und - oh Wunder! - nichts
passiert. Schweißnass drücke ich dem sichtlich erleichterten Guan sein Handy
in die Hand. Wir sind, glaube ich, beide sehr froh, dass es gut gegangen
ist.



11.09.08

Heute ist "Sonntag" in der Akademie. Damit die Schüler auch einmal die
Chance haben, in Laoyin am Fuß des Berges shoppen zu gehen, ist an diesem
Tage unterrichtsfrei. Am Morgen mache ich mich auf den Fußmarsch nach Nanyan
um Tee zu kaufen, querfeldein bergauf nicht allzu weit vom heimatlichen
Zixiaogong entfernt. Auf dem Weg durch die kleinen Teeplantagen hat man
einen wundervollen Blick auf den Tempel, der zur Zeit komplett eingerüstet
ist. Glücklicherweise beginnt ja das Training schon um 6.00 h, so dass ich
keine Gelegenheit habe, die Morgenzeremonien mit den schrägen Gesängen der
Nonnen zu vermissen.

Als ich mich durch den schmalen Feldpfad aufwärts schlage, stelle ich fest,
dass das was im Mai noch ein steiniger begehbarer Fußweg war, mittlerweile
zum Bachbett mutier ist. Nachdem ich einmal innige Bekanntschaft mit einer
fiesen, offensichtlich giftigen Pflanze, auf der ich mich abstützen wollte,
gemacht habe, beschließe ich, auf der Straße weiterzulaufen. Bei meinem
letzten Botanik-Unterricht im Mai bin ich leider nur bis "A" wie "Azalee"
gekommen, was das jetzt war wissen die Götter, das Brennen in der Hand
begleitet mich jedenfalls noch den Rest des Tages.

Ich trotte die Landstraße entlang und erfreue mich an dem Zwitschern
exotischer Vögel, es ist so gut wie gar kein Verkehr, das wird sich
erfahrungsgemäß am Wochenende ändern. Ich höre lautes Reden, um die Kurve
biegt ein junger Mönch, sich angeregt unterhaltend mit...ja, mit wem
eigentlich? Ich sehe niemanden, aber der Mann ist offensichtlich nicht
allein...Als er mich sieht spricht er mich freudestrahlend mit irgendetwas
völlig unverständlichem an, ich antworte freundlich mit "ja, mir bitte auch
Zwei". Das wirft ihn überhaupt nicht aus der Bahn, er redet weiter auf mich
ein irgendwann verstehe ich dass er mir begreiflich machen will, dass in
Nanyan oft Ausländer sind. Ja, da gehe ich jetzt hin, die alle treffen, weil
- raune ich ihm verschwörerisch zu - ich bin nämlich Ausländerin, jaja, ganz
ehrlich. Er bekräftigt dass alle Ausländer seine Freunde sind. Das höre ich
gern. Freundschaft schließen geht manchmal fix in diesem Land. Ich gebe ihm
noch auf den Weg, dass ich diesen Teppich nicht kaufen möchte und so ziehen
wir beide erheitert unseres Weges.



Nach meinem kurzen Ausflug komme ich gerade zur rechten Zeit wieder in der
Akademie an, um mich Jen und dem Schweden Simon anzuschließen, die in die
Stadt fahren wollen. Dort wollen wir uns auf die Suche nach Schwertern
machen und ich will mir endlich ein Handy und eine chinesische SIM-Karte
kaufen. Hier werden wir ziemlich schnell fündig, es kostet nur etwas Nerven,
dem jungen Verkäufer beizubringen, dass ich ein Handy haben will, dass 2
SIM-Karten bedienen kann, internetfähig ist, email kann und wenn es auch
noch den Abwasch erledigen könnte, wäre das auch nicht schlecht...wir werden
uns irgendwann handelseinig, mein schönes neues Handy macht auf jeden Fall
ziemlichen Krach, so dass ich vielleicht endlich mal höre, wenn mich jemand
anruft. Der Verkäufer fängt an, die Vertragsdaten für die SIM-Karte
aufzunehmen, holpert über meine Passeinträge, die er natürlich nicht
wirklich versteht, tippt irgendwann blind auf den Eintrag "Stadtverwaltung"
und fragt, ob dies mein Name wäre. Die Versuchung ist groß. Ich gebe ihr
dann doch nicht nach, wer weiß, welche Konsequenzen solche Albernheiten
haben und ich will ja wiederkommen.

Nach dem erfolgreichen Kauf strolchen wir noch ein wenig durch die Stadt,
meine

Idee in einem netten Eiskaffee vielleicht noch eine Capuccino zu uns zu
nehmen wird von meinen Begleitern mit heftigem Gelächter quittiert. War ja
nur so'ne Idee...



Völlig erschlagen von dem Trip kommen wir relativ günstig zum Abendessen
wieder auf dem Berg an. Es reicht noch für eine kurze Erfrischung und die
Feststellung, dass ich mit meinem neuen Handy nie im Leben ohne Hilfe
klarkommen werde, dann klopft es: Grace steht vor der Tür um mir zu sagen,
dass Jen heute ihren 30. Geburtstag feiert. Das Essen wird deshalb etwas
später serviert. Das lässt hoffen. Tatsächlich hat sich der Maitre richtig
Mühe gegeben: leckere Sachen stehen auf dem Tisch und zur Feier des Tages
hat Guan noch einen Kasten Bier organisiert. Wohl nicht ganz uneigennützig,
wie sich schnell zeigt. Viele der Ausländer trinken kein Bier, so dass für
die handvoll ältere Schüler und einige Ausländer - zu denen ich natürlich
zähle (man hat ja einen Ruf zu verlieren!) mehr übrig bleibt. Der alte
Schlachtruf "no waste" ertönt und die Stimmung steigt schnell. Die arme Jen
muß sich unser Geburtstagslied-Gegröle anhören und zum Abschluss an das
reichhaltige Mahl gibt es auch noch die gefürchtete Geburtstagstorte. Und da
gibt es nun wirklich kein Pardon: jeder muss sich ein Stück von dem völlig
übersüßten pappigen Zeug, das selbst von Haushündin Bebe verachtet wird,
reintun. Gottseidank ist der nächste Geburtstag erst nächsten
Dienstag...Simon wird 30.