Reise Frühjahr 08 Teil 5

Die kurze Geschichte vom Bilderkauf

Im Taizipo und in einem der Tempel am Nanyan gibts Kaligraphien und Tuschebilder zu kaufen. Meist ganz fürchterlicher Kitsch, rasch runtergepinselt, ohne Lust und Ambition. Manchmal ist eine Perle darunter, immer seltener und diesmal war alles nur Schund.
Wir hatten den Gewaltmarsch zum Wulonggong hinter uns gebracht und genossen das eiskalte Bier. Saßen schwitzend da rum und dann entdeckte ich in der Bude ein paar Rollbilder. Es hingen einige übereinander, das oberste war eine wirklich schön geschriebene Kaligraphie. Mir war jetzt nicht danach, was zu kaufen, aber wir mussten auf Nachzügler warten und irgendwie muss man sich die Zeit vertreiben, warum nicht ein bisschen feilschen. Also Bilder von Nahem betrachtet. Wirklich alle vier sehr schön geschrieben, aber in einem ziemlich schlechten Zustand. Wahrscheinlich auf alt gemacht. Mit Tee nachgedunkelt, Staub drüber gepustet, die Rolle etwas gebrochen. Soll den ahnungslosen Touristen täuschen und ein kleines Vermögen kosten. Schon steht auch schon die Verkäuferin neben mir und schreibt einen Preis in ihre Handfläche. Nene, Mädchen, nicht mit mir. Wie ich es mir gedacht habe, viel zu teuer. In der vorgeschlagenen Kategorie, da war ich mir sicher, würden wir uns niemals einig werden auch wenn ich es mit meinem unverschämten Verhandlungsgeschick immer bis zu den Tränen in den Augen der Verkäufer schaffe und mir beinahe schlecht vorkomme, wenn ich höchstens ein Drittel des ersten Gebots zahle. Aber hier, da war mir klar, würde ich nicht kaufen, auch wenn es schöne Bilder sind. Einfach wieder zurückgehen und sich hinsetzen. Nein Danke, kein Interesse. Nach ein paar Minuten einige verstohlene Handzeichen in meine Richtung. Na bitte, der Zeitvertreib ist gesichert. Ca. 25% ist sie schon runter, ich schüttel den Kopf. Zwei Minuten warten, dann geht sie noch mal 10% runter. Also gut, da steh ich mal wieder auf und geh zu ihr rüber. Jetzt verlangen die Spielregeln, dass ich auch mal ein Angebot mache. Ich biete ein fünftel ihres letzten Angebots. Nein, sagt sie, nix zu machen. So geht das nun hin und her und was solls, zur Not kauf ich auch eines der Dinger, mit anderen Worten, sie hat mich am Haken. Irgendwann bin ich dann soweit, ihr unmissverständlich mein letztes Angebot zu unterbreiten. Sie legt noch ein paar Yuan drauf, erstens müssen Frauen immer das letzte Wort haben und wenn ich jetzt zuschlage, dann hat sie immerhin "gewonnen", ich hab dann ihr zugestimmt und nicht sie mir. Ich nicke, hole mein Geld und was macht sie? Sie packt mir alle vier Rollbilder ein. Ich muss mir verkneifen, laut loszuprusten. Da war ich bereit, für eines der Bilder einen etwas überhöhten Preis zu zahlen - ist ja schön geschrieben und mit dem auf alt machen hat man sich auch Mühe gegeben - und ich krieg alle vier. Die gehören zusammen. Jetzt muss ich nur noch rausfinden, was da überhaupt drauf steht.

Reise Frühjahr 08 Teil 4


Die Geschichte wird lang, denn ich habe sie mit Lilos Bericht von diesem Ereignis verquickt. Damit man es auseinanderhalten kann, Lilos Anteil in kursiv.
Letztes Jahr wollten wir gerne zum Wulonggong, dem Palast der 5 Drachen, dem ältesten Tempel hier in Wudangshan. Wir haben (heute weiss ich "Gottseidank") den Weg nicht gefunden, aber unser Lehrer Guan hat uns versprochen, beim nächsten Mal mit uns dort hin zu gehen. Das nächste Mal war vorgestern. Ich hatte ihn bei unserer Ankunft noch mal an sein Versprechen erinnert.
Bekanntlich hatte Yuergen ja die glorreiche Idee, mit uns einen kleinen Spaziergang zum Wulonggong-Tempel zu machen, was Meister Zhong nach anfaenglichem Zoegern ja auch mit uns durchziehen wollte. Am Montag liess er uns dann wissen, dass er daraus einen Wandertag fuer die ganze Akademie - inklusive der Auslaenderklasse - geplant hat. Am naechsten Morgen um 8.00 h sollte es losgehen.

Nachdem wir muehevoll das Fruehstueck um eine Stunde vorbestellt hatten (die Herrin des Speiseraums, die zwar ausgesprochen verbindlich und auch bemueht ist, neigt dazu, jede unserer Entscheidungen und Bitten gruendlich zu hinterfragen, was manchmal ein klein wenig ermuedend ist - ich nenne sie fuer mich "die Gouvernante") - auch hier natuerlich wie immer die Frage "Wei shenme"? - Warum wollt ihr frueher fruehstuecken? Wir erklaeren es ihr gehorsam und erhalten als Dank am naechsten Morgen ein superleckeres und aeusserst gehaltvolles Wande rerfruehstueck, das keine Wuensche offen laesst. Offenbar weiss die Dame, was auf uns zukommt. Ich nehme klugerweise einiges zu mir, obwohl die letzte Nacht nicht eben vergnuegungssteuerpflichtig war. Mir ist es natuerlich auch gelungen, Yuergen Anteil haben zu lassen, so dass wir beide ziemlich schlecht aussehen. Ramona hatte eine aehnlich unterhaltsame Nacht, hatte ihren Auftritt wohl aber zu spaeterer Stunde, sonst haette ich das ja mitgekriegt, unsere Zimmer sind nur durch eine Sperrholz-Schrankwand getrennt, eine Konstruktion, die Ramona und mir schon im letzten Jahr sehr viel Freude geschenkt hat. Frei nach dem alten Meister Cheng Man Ching: Es gibt keine Geheimnisse. Nach dem Essen huschen wir noch schnell auf unsere Zimmer um uns startklar zu machen, Yuergen zieht sich zur Meditation ins Kachel-Kabinett zurueck, da klingelt das Telefon. Ich starre den Apparat entgeistert an, weiss einen Moment lang nicht was tun, aber meist der erste Gedanke der Beste, ich gehe dran und melde mich forsch mit "Wei?" - Stille am anderen Ende der Leitung. Irgendwann knurrt es auf der anderen Seite, ich verstehe zwar nichts, aber so eine Stimme hat nur einer - "Guten Morgen, Meister Zhong" - der Meister, der wohl zum einen nicht mit einer chinesischen Ansprache und zum anderen nicht mit einer Frauenstimme gerechnet hatte, wenn er Yuergen anruft, hat sich wieder gefasst. Die Konstellation unserer kleinen Gruppe versteht er eh nicht, ich lasse ihn gerne in seinem Glauben, dass Yuergen sich hier mit seinem Harem einen Wellness-Urlaub leistet. Es stellt sich heraus, dass alle schon ungeduldig warten, offensichtlich hatte Zhong allen - ausser uns - gesagt, dass es schon um 7.30 h losgehen soll. Ich kuendige unsere Ankunft in 5 Minuten an, zwitschere noch boshaft in den Hoerer, dass Yuergen noch auf dem Klo hockt, wir alle ihn aber ermutigen werden, einen Zahn zuzulegen. Ich verkuende die Neuigkeiten Richtung Toilette und Wandschrank und wir schaffen den Auf bruch tatsaechlich in der versprochenen Zeit.

Wir werden bereits ungeduldig erwartet, die Schueler stehen wie immer gesittet in Zweierreihen aufgestellt und von ihren Lehrern bewacht in Reih' und Glied, bepackt wie die Maulesel, wie immer in ihre Trainingskluft gewandet mit leichten Trainingsschlaeppchen an den Fuessen. Leicht beschaemt betrachte ich unsere Hochgebirgs-Ausruestung und weiss jetzt schon, wer hier wieder das Rennen machen wird. Bebe, meine vierbeinige Freundin, die ich schon im Herbst kennen und hassen gelernt habe, will sich wohl eine kurze Auszeit von ihren Mutterpflichten goennen, 4 Lausbuben blicken dem schwindenden Euter wehmuetig hinterher. Ich freue mich schon darauf, wie die Hundedame meine Frustrationstoleranz strapazieren wird, wir haben bereits gemeinsam den Tianzhu erklommen, ein Erlebnis, an das ich nicht unbedingt gerne zurueckdenke. Wir laufen zu unserer E inheit, Guan hat die ehrenvolle Aufgabe, die Auslaendergruppe beeinander zu halten, er wirkt leicht angespannt, er hat wohl - was die Disziplin der Truppe angeht - leichte Befuerchtungen und schaetzt damit die Lage sehr realistisch ein. Schon das Abzaehlen geraet zur Katastrophe, ich sehe Guan an, dass er viel lieber ganz woanders waere. Sei's drum, wir spazieren los, im Gaensemarsch biegen wir in den naechsten kleinen Pfad ein, ca 60 Leute hintereinander, ein huebsches Bild.

Um 8 Uhr stand die gesamte Mannschaft der Akademie startklar, alle Schueler und Studenten sowie alle derzeit anwesenden Auslaender (mit uns 12) und los ging es. 60 Menschen im Gaensemarch ueber schmale Pfade bergauf, das richtige für Gemsen, aber für Städter wie wir...?
Gemuetlich erklimmen wir den ersten Huegel, wir muessen - wenn ich Zhong richtig verstanden habe - erst unseren "Hausberg" hochklettern, dann auf der anderen Seite ganz runter ins Tal, dann brauchen wir nur auf der anderen Seite wieder rauf zu laufen und schon sind wir da. Ganz einfach. Der Pfad verlaeuft sich immer mehr, ist manchmal kaum noch zu erahnen, gluecklicherweise sieht man hin und wieder im Dickicht rote Ba ender, die den "Weg" markieren. Wir laufen durch Bambuswaelder, die Voegelein zwitschern - es koennte wunderschoen sein, man muss nur die schnatternde Horde Halbwuechsiger, ausgestattet mit einer beeindruckenden Anzahl von Mucke-Maschinen, die es natuerlich zu uebertoenen gilt, ausblenden...

Je hoeher wir kommen, umso schmaeler wird der Weg, eher fuer Bergziegen als fuer Menschen gemacht...hin und wieder sehen wir Ueberbleibsel aus laengst vergangenen Tagen, uralte Treppenfragmente (natuerlich!), Bruecken. Ich habe eine Vision von brueckenbauenden Bergziegen, muss wohl die Hitze sein. Wir haben den Gipfel erreicht und rutschen nun mehr als dass wir laufen Richtung Tal. Ich versuche krampfhaft, nicht auf meinem Allerwertesten zu landen, erst als der erste von den Kleinen eine satte Arschbombe hinlegt - natuerlich unter ordentlichem Applaus der Umstehenden - werde ich lockerer und lande auch das eine oder andere Mal auf dem Hintern. Ueberhaupt fuehle ich mich oefter mal an meine Vergangenheit als Personenunfall-Sachbearbeiterin erinnert...man sollte sich nicht immer allzuviel Gedanken machen - no risk, no fun!

Die Disziplin hielt sich auch recht schnell in Grenzen, die Kleinen drängten nach vorne als ob es dort was umsonst gäbe und bald war ich der einzige Nichtchinese unter den ersten 10. Weil der Rest immer wieder zurückfiel, mussten ständig Wartepausen eingelegt werden, was ich beim Wandern nicht mag. Sowas ermüdet. Nicht die kleinen Chinacken. Wenn ich mich keuchend einen Anstieg hochdrueckte, dann konnte es schon mal vorkommen, dass so ein Kurzer, der eben noch da rum gesessen hat. mal flott die Treppen hochsprang, als sei er gerade erst gestartet. naja, die Kerlchen sind ja alle etwas jünger als ich. Gönn ich ihnen den Spass
Nach gut drei Stunden lagerten wir in einem wunderschönen schattigen Tal an einem romantischen Bachlauf.
Im Tal angekommen erwartet uns eine wunderschoene Flusslandschaft mit Felsen zum Draufrumlungern und allem was dazugehoert. Die Schueler schmeissen sich sofort hemmungslos ins Wasser, waehrend wir uns natuerlich erst einmal darueber Gedanken machen, ob wir oeffentlichkeitstaugliche Unterkleidung haben, und wie man sich am besten abtrocknet und was ist wenn die Schuhe nass werden und dann koennte man sich eine Blase holen und wir haben ja noch einiges an Weg vor uns und wenn wir erst mal sitzen...achja, es koennte alles so einfach sein.
Temperatur so um die 30 grad. T-shirt nass gemacht und weiter gehts, eine prima Klimaanlage. Nach dem Tal ging es nur noch steil bergauf, alles Stufen in unterschiedlicher Höhe, oben ein wüstes Ruinenfeld. Das hatte ich nicht erwartet. Hier haben die Aufräum- und Aufbauarbeiten gerade erst begonnen und hier ist viel zu tun. Nach der ersten Überraschung dann doch begriffen wie grossartig und vor allem wie fantastisch gelegen diese Anlage ist. Grandios.

Schweren Herzens verlassen wir diesen idyllischen Ort und machen uns an den naechsten Aufstieg. Fast ausschliesslich sehr steile, halb ver fallene Treppen. Mir graut es vor dem Rueckweg. Noch kann ich ganz ordentlich mithalten, trotz leichter Magenprobleme schaffe ich es, im vorderen Drittel zu klettern, das Ausdauertraining zahlt sich voll aus. Ich laufe hinter Yuergen, wir sind die Vordersten der Laowais, Guans Plan, die Langnasen vorneweg laufen zu lassen, damit sie das Tempo angeben und auch nicht verloren gehen, ist natuerlich gescheitert, man laeuft lieber hinten, laesst sich nicht hetzen und mit den Kleinen kann sowieso keiner mithalten. Wir kommen auch hier zur allseitigen Ueberraschung irgendwann am Gipfel an, die Vegetation lichtet sich, wir laufen nun in praller Sonne, ploetzlich stehen wir vor ein paar Mauern - der Tempel. Ich bin zunaechst enttaeuscht, hatte etwas anderes erwartet, so etwas wie den Zixiaogong (vielleicht mit einer Strasse mit Busverkehr und eine paar Verkaufsstaenden...) - hier gibt es: nichts, nada! Erst auf den zweiten Blick erschliesst sich die Majestaet dieser alten Ruinen, irg endwann kehrt auch Ruhe ein, selbst die unermuedlichen Schueler sind irgendwann still, ich moechte mir einbilden, dass sie die Atmosphaere dieses heiligen Ortes spueren.
Wir machen unseren Kotau und bewundern die voellig verwitterten Statuen in dem einzigen Gemaeuer, das noch ein Dach hat. Ein alter Einsiedler haelt den Opferofen am Rauchen, ein Ort des Friedens. Wir verbringen unsere Mittagspause dort, ausser uns ist kein Mensch hier. Ich mag gar nicht an den Rueckweg denken, wieder habe ich eine Vision, diesmal von einem Glas kuehlen Weizenbiers...ich lasse Yuergen daran teilhaben, wir fantasieren noch ein bisschen, unser Plan steht fest, heute abend kein lauwarmes Bier in Probierglaeschen sondern - sobald wir Nanyang erreicht haben - die naechste Verkaufsbude gestuermt, fuer jeden ein 0,75 l Bierchen - und zwar kalt! - gekauft und noch am Strassenrand abgekippt, danach noch ein Eis, danach sind wir entweder tot oder endlich wieder gesund!


ca. eine Stunde oder anderthalbe Pause, dann langsam Rückweg.
Früher Nachmittag, sehr heiss untem am Bach wieder das T-Shirt nass gemacht. jetzt ging es vorwiegend langsam bergan, auf Dauer anstrengender als der steile Anstieg. Die älteren Lehrer hatten sich schon früher abgesetzt und für einen kürzeren aber schwierigeren Rückweg entschieden (wahrscheinlcih Schwindel und die haben sich ein Drachentaxi genommen) Unsere Sherpas entschieden, den Weg über Nanyan zu nehmen, der uns allen als weiter vorkam. Schönheiten der Landschaft verschwanden hinter den Wasserrationierungen, den schmerzenden Beinen, nur hin und wieder mal ein kurzer Blick und die Erkenntnis, dass es hier verdammt schön ist.

Als die groesste Mittagshitze vorbei ist, sammelt Meister Zhong seine Mannen, die Aelteren haben das Vergnuegen, eine steilere Strecke zurueckzugehen, waehrend wir den zwar etwas weiteren aber angeblich komfortableren Weg ueber Nanyang laufen sollen. Wir sind's zufrieden und begeben uns mit den Kleinen und Halbwuechsigen auf den Rueckweg und nehmen dabei kleinere Unsicherheiten ueber den Wegverlauf gerne in Kauf. Ausserdem haben wir ja Bebe als Blindenhund dabei, da kann ja gar nichts schiefgehen. Es zeigt sich allerdings, dass auch unsere "Light-Version" alles verlangt: das eher frugale Mittagsmahl, das bei mir aus einem klebrigen Karamell-Erdnuss-Riegel und einer Dose diverser Huelsenfruechte mit undefinierbaren Fruechten an Reisschleim, ueberreicht von Wang, der peinlich den ordnungsmaessen Verzehr dieser Koestlichkeiten ueberwacht hat , bestand, hat sich laengst verbraucht, Wasser ist auch keins mehr da, ich muss eingestehen, dass ich langsam an meine Grenzen komme. Wieder habe ich eine Vision - ich erinnere mich an Kindertage, als ich mich in einer solchen Situation einfach mit dem Ruecken auf den Boden werfen konnte, wild mit den Fuessen trommelnd und schreiend verlangte, getragen zu werden. Ich denke kurz darueber nach, traue mich aber dann doch nicht.

Ich setze also einfach weiter Fuss vor Fuss, versuche weiter, vorne mitzulaufen, damit ich jede Chance auf eine Pause, wenn wir auf die Nachzuegler warten, nutzen kann. Fuer die grandiose Aussicht habe ich kaum noch ein Auge. Gluecklicherweise hat Yuergen sich meiner Kamera erbarmt, so dass ich mir spaeter wenigstens die Bilder anschauen kann. Irgendwann biege ich um eine Kurve und sehe voellig unverhofft die Tempeldaecher von Nanyang vor mir.

Endlich angekommen am Nanyan, haben wir uns erst mal ein kaltes Bier gegönnt, das Beste Bier der Welt und hinterher noch ein Eis.
Meine Lebensgeister wer den wieder hellwach, ich trabe los, Yuergen wartet schon, wir stuerzen zur naechsten Bude, lassen uns in Hocker fallen und trinken das beste Bier unseres Lebens. Das beste Eis unseres Lebens folgt unmittelbar - so gut gings uns noch nie! Vergessen sind alle Magenprobleme, manchmal sind die einfachsten Therapien wirklich die besten. Die Bilanz des Tages: 35 Kilometer, kreuz und quer, bergauf und bergab - 8 Stunden reiner Gewaltmarsch - aber wir haben's ueberlebt!
Weil wir wieder auf die Nachzuegler warten mussten, hab ich aus Langeweile noch ein paar Bilder gekauft. Aber das ist noch mal ne Geschichte für sich.

Reise Frühjahr 08 Teil 3


Die ersten Tage haben wir fantastisches Wetter. Wie auch auf der besten Wettervorhersageseite vorhergesagt (fallingrain.com) Und dort war für Donnerstag Regen angesagt. Es fing wie häufig harmlos an mit etwas Nebel. Nachdem der NEBEL sich vedichtet hat, Sichtweite ca. 10 m, verdichtete er sich noch ein wenig mehr, was ab einem bestimmten Agregatzustand dann als Niederschlag zu beschreiben ist. Na gut, zunaechst nieselte es, denn perlte es und dann kamen Katzen und Hunde aus den Schleusen des Himmels und dazu Blitz und Donner. Fuehrte augenblicklich zu Stromausfall im Hotel, der nach drei Stunden (ca.) wieder zum Stromeinfall wurde. Spaeter am abend, ohne dass dazu ein Gewitter noetig gewesen waere. gelang es dem Strom noch einmal fuer kurze Zeit zu entkomen, wurde aber schon bald nach dem anzuenden der ersten Kerzen wieder eingefangen. Es blies dann noch ein ordentlicher Wind, den manche sogar als Sturm bezeichnen wuerden, ich aber nicht. Das schoene am Wind war, dass er die Wolken wegfegte und wir am naechsten Morgen einen wunderschoenen Sonnenaufgang bewundern konnten. Fuer jene, die es noch nicht mitbekommen haben, wir stehen hier freiwillig um halb sechs auf und gehen um die Ecke in den Tempel zum Morgengesang. Heut war es aber draussen um ein velfaches schoener als im Tempel, weshalb ich mich bald wieder vor die Tuer gestellt hab und den Tag mit Qigong begruesste.
Es kam wie vom morgen versprochen ein wunderschoener Tag auf uns zu, bei dem ich mir waehrend der Trainingsstunden einen leichten Sonnenbrand zuzog. aber nur einen leichten.

das Training ist sehr einfach:
wir laufen eine Weile im Kreis, dann machen wir ein paar anstrengende Kicks, die nie recht sind (hey Lehrer, ich bin bald sechzig, bitte etwas Respekt) ein wenig Qigong, wirklich nicht anstrengend bis auf eine Uebung, bei der man sowas wie ueber den Boden kriechen macht, aber nur mit dem Oberkoerper, die Beine bleiben weit gestreckt und der Arsch haengt kurz ueber der Erde. na was soll ich euch damit langweilen. die Hauptsache ist eine kurze einfache Form im tiefen Reiterstand und die Bewegung wird aus den Oberschenkeln gesteuert, jaja, neben dem Sonnenbrand auch Muskelkater. aber ansonsten ist alles in Ordnung, auch mein Magen wieder.
die Menschen sind hier alle so unheimlich freundlich und hilfsbereit. es herrscht wahrhaftig gute Laune und Frieden in der Gemeinde.
Uebermorgen besichtigen wir einen Tempel, den nur die wenigsten zu sehen bekommen, weil er weit weg ist, aber der aelteste am Platze ueberhaupt, drei Stunden Fussmarsch fuer eine Strecke, ja das wird sicher lustig, aber endlich mal ein Motiv, was wir nicht schon hundert mal fotografiet haben. bin ich froh, diesmal keine Kamera dabei zu haben.

Reise Frühjahr 08 Teil2



Da hätten wir die ersten Tage aus Lilos Sicht. Warum soll ich das alles aufschreiben, wenn sie es doch schon mal getan hat. Und zwar schon in Wudangshan, im Tianlu Hotel, welches in jeden Zimmer einen Computer stehen hat mit Internet-Anschluss. Deshalb ist der Text ohne Umlaute.
Los geht's:


Nun gleitet der Wudang-Bus die Serpentinen hinauf und bei jeder Kehre ziehen sich Yuergens und meine Mundwinkel ein kleines Stueck weiter nach oben - endlich Wudang! Wir landen im Tianlu-Hotel, machen begreiflich, dass wir Zimmer reserviert haben, erh alten die Schluessel, in dem Moment kommt der Manager. Obwohl der Yuergen erkennt, wird eine kleine Korrektur vorgenommen, wir wohnen nicht in der klammen Felsenhoehle, sondern residieren im 3. Stock (selbstverstaendlich ohne Aufzug) mit Blick in putzige kleine Reisterrassen - Guanxi ist alles in diesem Land! Wir schmeissen unsere Taschen in die Zimmer um uns sofort auf den Weg in den Zixiaogong zu machen.
Wir wollen Chengwu Bescheid sagen, dass wir jetzt da sind, ihm ein paar Brandopfer bringen, gewissermassen eine landesuebliche Alimentierung in der Hoffnung auf einigermassen nettes Wetter. Wir treten aus der Hoteltuer und laufen direkt unserem alten Lehrer Wang in die Arme. Er freut sich uns zu sehen, ist gerade mit seiner Klasse beim Lauftraining, laesst es sich aber nicht nehmen, uns zum Tempel zu begleiten, damit wir keinen Eintritt zahlen muessen. Das freut Yuergen ganz besonders, denn an der Kasse sitzt sein Intimfeind, liebevoll von uns Zerberus genannt, der hat uns - trotz diverser Zettel, die uns als Schueler der Akademie ausweisen - noch nie eingelassen. Wir machen unsere Aufwartung, nachdem uns Wang noch ermahnt hat, uns schleunigst bei Meister Zhong, dem Leiter der Akademie, blicken zu lassen. Wir verlassen den Tempel und stehen vor unserem letzten Lehrer, Guan. Auch hier freudiges Wiedersehen und Kraeuselschnute als er hoert, dass wir noch nicht in der Akademie waren. Wir versprechen, uns sofort auf den Weg zu machen, es ist auch hoechste Zeit, natuerlich hat es sich schon herumgesprochen dass wir da sind und Zhong erwartet uns bereits. Er teilt uns Lehrer Wang zu, wir sind zufrieden, auch wenn wir auf Unterricht von Guan gehofft hatten, der zumindest so etwas aehnliches wie englisch spricht. Es stellt sich heraus, dass Lin mittlerweile die Akademie verlassen hat, ich bin etwas ueberrascht, noch einen Tag vor un serer Abreise hatte mir Lin gemailt, dass sie sich auf ein Wiedersehen mit uns freut. Dinge gehen manchmal ziemlich flott in diesem Land...Javi hat den Absprung aus Spanien auch noch nicht geschafft, ich werde ihn wohl erst im September wieder sehen.

Wir packen unsere Mitbringsel aus, diese werden von Guo, Zhong und Wang gnaedig entgegengenommen, das entspricht chinesischer Hoeflichkeit, wie ich mich von meinem Freund Teng Jian habe aufklaeren lassen: offensichtliche Freude gilt als unhoeflich, schliesslich ist der Gast das groesste Geschenk! Allein Guan haelt sich nicht ganz an die Spielregeln: als er begreift, dass die kleine Musikmaschine tatsaechlich fuer ihn ist, strahlen seine Augen - offensichtlich haben wir Geschmack und Spieltrieb richtig eingeschaetzt! Sofort wird das Geraet eingesetzt und den ganzen Nachmittag ertoent beim Training die Musik, die ich vorsorglich schonmal draufgeladen habe. Im Treppenhaus begegnet mir Herr Wu, das Faktotum der Akademie, er sieht mich an, stutzt : "du warst doch letztes Jahr schonmal da?" Ich bestaetige, schliesslich war er mein Retter in der Not, als ich mich aus meinem Zimmer ausgesperrt hatte und als ich ihm sage, dass ich bald wieder komme und fuer einen Monat bleiben werde, strahlt er richtig.

Draussen spreche ich mit Guan kurz ueber meinen Plan, im Herbst eine Saebel-Form lernen zu wollen und habe damit die Lacher auf meiner Seite. Guan zeigt mir kurz einen Teil der Form, viele Spruenge und Drehungen, und das mit Waffe..danke, ich bin satt. Mich beschleicht der Gedanke, dass Javi bei seiner Demonstration in Mainz moeglicherweise das eine oder andere winzige Detail ausgelassen haben koennte. Demuetig bitte ich Guan zu entscheiden, was fuer mich das richtige ist. Das war wohl die korrekte Ansprache. Nun werde ich wohl einen Monat lang Basics trainieren duerfen...

Das Training beginnt, wir haben Spass mit Wang, auch Meister Zhong taucht staendig auf, um unsere Fortschritte zu begutachten. Wenn er vor mir steht, geht natuerlich gar nichts, was mit laut vernehmlichen Knurren quittiert wird. Dennoch ist Zhong diesmal ausgesprochen entspannt und hilfsbereit, korrigiert sehr viel und ich lerne unendlich viel von ihm. Wieder einmal habe ich das Gefuehl, voellig am Anfang zu stehen, da habe ich wenig Zeit, mich meinem "rebellierenden Magen-Qi" zu widmen, Yuergen hat sich dieserhalben einen Tag ausgeklinkt, aber der ist ja auch ein Mann...

Reise Frühjahr 08 Teil1


Als wir in Wudangshan ankamen, am Bahnhof (eigentlich heißt der Ort Laoyin, aber der Bahnhof heißt Wudangshan, man kann und muss das nicht verstehen, das ist China), da war dort nicht, wie erwartet und in den letzten Jahren auch vorhanden, ein kleiner Bus, der uns zum Eingang des Gebirges bringen würde. Es war nur die Frau dort, die auch schon letztes Jahr angelaufen kam, als sie uns Reisende rumstehen sah und uns eine leckelele Suppe anbot, Fanfan, zhifan, miaotang. Nein, wir wollten keine Suppe, wir wollten ein Taxi. Sofort wurde dar PKW des Vetters oder Bekannten, der gerade ankam zum Taxi erklärt: Ja das ist ein Taxi, 20 Yuan für zweimal fahren, ja das ist ein Taxi, doch doch.
Was willste machen? Mit dem ganzen Gepäck laufen kannste auch nicht. Die Damen hatten sich ja wieder mal ordentliche Schrankkoffer vollgepackt für zwei Wochen in den Bergen. Was drin war, wollt ihr wissen, ihre Naseweise, ihr Schelmenpack? ich weiß es nicht. Sie waren eigentlich immer in den gleichen Klamotten unterwegs. Mal 'n anderes T-Shirt aber ansonsten, weiß ich nicht, versteh ich nicht, wie man so um die 25 Kilo zusammenbekommt, wenn ich mit 15 unterwegs bin und dabei noch Geschenke für die Herren Meister im Gepäck habe.

Aber es geht ja um das Taxi. Also eine Fuhre mit dem Gepäck von dreien und zwei Personen und die nächste Fuhre dann umgekehrt; Gepäck von 2 und drei Menschen. Aber erst mal kam es anders. So ca. 60 - 70 Meter vor dem Ziel gab der Wagen seinen Geist auf, Es ging nicht mehr weiter. Wir sollten raus, Koffer auch und der Bursche ließ den Karren rückwärts rollen, in den Gegenverkehr hinein, aber richtig viel los war ja nicht. Wir standen also am Straßenrand - rechts - und er stand mit Auto hundert Meter zurückgerollt am Starßenrand links. Als er merkte, das ich das merkte, kam er angelaufen und "sorry, sory, sorry, wait here, sorry" wieder zu seinem Schrotthaufen (ich hab schon weitaus schlimmeres hier rumfahren sehen) und zwei Minuten später kam dann sein Freund, Autotausch und er wieder zum Bahnhof, Lilo und Ramona abholen. Die waren inzwischen, in der sengenden Sonne stehend, von der Suppenverkäuferin mit einem Regenschirm zu ihrem Schutz ausgestattet worden. Der gemeine Chinese fürchtet nichts mehr, als vom einstrahlenden Sonnenlicht gebräunt zu werden. Der besonders gemeine Chinese bzw. die besonderen Chinesinnen, die es sich leisten können, lassen sich im Schöheitssalon bleichen.

Etwas verspätet waren wir wieder vereint und der freundliche junge Mann, der so spontan sein Auto zum Taxi erklärt hatte, wollte die 20 Yuan (für zwei Autos) nicht annehmen (sorry, sorry, sorry) aber ich hab sie ihm in die Hand gedrückt. 20 Yuan (Gegenwert 2 Euro) war eigentlcih ein deutlich überhöhter Preis für die kurze Strecke. In Xianfan waren wir am Abend vorher schon für die halbstündige Fahrt vom Flughafen zum Hotel mit insgesamt 200 Yuan mächtig über den Tisch gezogen worden. Vor einem Jahr, haben wir die Fuhre zum halben Preis bekommen. Aber wir waren ja in Not. 


Ja, so fing das an. Eigentlich schon in Peking/Beijing, wo wir im neuen Flughafen ankamen. Selbst architektonisch unbeleckte Geister konnten ihre Bewunderung nicht verhehlen. Entwurf von  Netherlands Airport Consultants B.V., UK Architect Foster and Partners and ARUP.
Eine riesige hochgespannte Deckenkonstruktion, die mit einer Leichtigkeit des Selbstverständlichen dir den Eindruck vermittelt, im Freien zu sein. In dieser Größe gibt es für dein Empfindungssensorium keine Innenräume. Das ganze Ding hat so annähernd die Form eine Rochen oder eines bisher unbekannten Alien. Schon allein um des Flughafen willens lohnt es sich derzeit, nach Beijing zu fliegen.