Wenn sich etwas verabschiedet


Bei mir herrscht gerade jener Augenblick, in dem der Tag sich verabschiedet. Das Licht wird weich, die Schatten werden länger, und während auf dieser Seite die Welt langsam zur Ruhe kommt, kündigt sich anderswo bereits ein neuer Morgen an. Das eine geht, das andere kommt.

Nichts bleibt, wie es ist. Und doch geht nichts einfach nur verloren. Was zu Ende geht, macht Platz für etwas, das beginnen kann. Und was sich erhebt, wird eines Tages wieder sinken.

Im Taijiquan begegnen wir diesem Wechsel auf Schritt und Tritt. Yin und Yang gehören zusammen wie Einatmen und Ausatmen, wie Fülle und Leere, wie Bewegung und Ruhe. Das eine trägt bereits das andere in sich. Im Augenblick der größten Aktivität beginnt die Ruhe sich anzukündigen. Und in der tiefsten Ruhe liegt schon der Keim einer neuen Bewegung.

Wir können es erfahren. Am eigenen Leib,

in jeder Gewichtsverlagerung, in jedem Schritt, in jedem Wechsel zwischen Spannung und Entspannung. Wir lernen, nicht an einem Zustand festzuhalten, sondern den Übergang zuzulassen. Das ist manchmal leichter in der Bewegung als im Leben.

Denn auch dort folgt eines auf das andere. Jahre gehen zu Ende, Lebensabschnitte schließen sich, Gewissheiten geraten ins Wanken. Manches, das uns lange beschäftigt hat, findet endlich eine Antwort. Ein Rätsel löst sich, ein Geheimnis wird gelüftet. Wir atmen auf und glauben für einen Moment, nun sei alles klar. Bis sich die nächste Tür öffnet und dahinter Fragen warten, auf die wir noch gar nicht gekommen sind.

Das Leben trägt uns durch Zeiten der Freude und durch Zeiten der Sorge. Manchmal möchten wir am liebsten anhalten, besonders dann, wenn uns alles zu schnell wird oder der Boden unter den Füßen zu verschwinden scheint. Und manchmal wünschen wir uns, dass ein schöner Augenblick niemals enden möge.

Doch weder lässt sich jeder Abschied verhindern, noch können wir das Neue aufhalten. Vielleicht liegt gerade darin ein Trost. Wir müssen nicht alles festhalten. Wir müssen nicht auf jede neue Frage sofort eine Antwort finden. Wir dürfen uns freuen, wenn etwas gelingt, traurig sein, wenn etwas vergeht, und darauf vertrauen, dass auch diese Gefühle ihren Platz im großen Wechsel haben.

Es scheint paradox, wenn wir erkennen, der Wandel ist das einzig Beständige im Leben. So gibt es eine Zeit, sich einzubringen, und eine Zeit, still zu werden. Einen Schritt nach vorn zu machen und dabei etwas hinter sich zu lassen.

Wenn sich wieder einmal eine Tür schließt, müssen wir nicht sofort wissen, was uns hinter der sich öffnenden erwartet. Wir können einen Augenblick stehen bleiben. Durchatmen. Den Blick heben.

Denn während sich das eine verabschiedet, hat das andere längst begonnen.

So wünsche ich uns, dass wir den Mut haben, das Vergangene in Frieden ziehen zu lassen, das Gegenwärtige mit offenem Herzen anzunehmen und dem Kommenden mit einer gewissen Gelassenheit entgegenzusehen.

(Newsletter vom 25. Oktober 2026)

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