Vergessen


Der Geist unterscheidet. Er kann gar nicht anders.

Schon während ich diese Zeilen schreibe, treffe ich fortwährend Entscheidungen. Dieses Wort und nicht jenes. Dieser Satz und nicht ein anderer. Jeder Gedanke setzt eine Unterscheidung voraus.

Der Geist sieht die Welt als ein Gewebe von Gegensätzen: richtig und falsch, schön und hässlich, Zustimmung und Ablehnung. So orientieren wir uns in der Welt.

Doch der Geist begnügt sich selten damit, Unterschiede wahrzunehmen. Er möchte entscheiden. Er möchte den Zweifel beenden. Er möchte wissen, auf welcher Seite er steht.

Kaum hört er eine Aussage, vergleicht er sie mit seinen Vorstellungen. Zustimmung. Ablehnung. Richtig. Falsch.

Oft geschieht dies so schnell, dass wir es kaum bemerken.

In dem Augenblick, in dem ich Stellung beziehe, stehe ich irgendwo.Und wo ich stehe, kann ich berührt werden. Das habe ich im Tuishou gelernt. Man wird nicht dort getroffen, wo der andere drückt. Man wird dort getroffen, wo man selbst stehen geblieben ist.

Jemand äußert eine Meinung und sofort möchte ich widersprechen.

Aber was genau ist geschehen?

Hätte ich den Raum zwei Minuten später betreten, hätte ich den Satz nicht gehört. Wäre er in einer Sprache gesprochen worden, die ich nicht verstehe, hätte er mich nicht berührt. Wäre ich ein Vogel auf dem Dach statt ein Mensch im Raum, hätte er keinerlei Bedeutung für mich.

Der Satz allein kann also nicht die Ursache meiner Reaktion sein.

Gewöhnlich betrachten wir den Satz. Die Übung beginnt dort, wo wir die eigene Position betrachten.

Warum wollte ich darauf reagieren? Warum konnte mich das treffen?

Jede Irritation zeigt einen Ort, an dem wir noch stehen. Eine Meinung, an der wir festhalten. Eine Vorstellung, die verteidigt werden will. Ein Bild von uns selbst, das wir bewahren möchten.

Deshalb führt die Aufmerksamkeit vom Erlebten zum Erlebenden.

Nicht der Satz ist interessant. Interessant ist, was in uns auf den Satz antwortet.

Zuo Wang, Sitzen und Vergessen, weist in dieselbe Richtung.

Die Unterschiede verschwinden nicht. Richtig und falsch bleiben. Ja und Nein bleiben. Die Welt bleibt voller Gegensätze.

Vergessen wird etwas anderes.

Vergessen werden die festen Positionen, von denen aus wir die Welt betrachten. Die Meinungen, die verteidigt werden müssen. Die Bilder, die wir von uns selbst tragen.

Mit jeder losgelassenen Position verliert die Welt einen Ort, an dem sie uns treffen kann.

Dann hören wir weiterhin die Worte.

Aber der Zwang, sich sofort auf eine Seite zu schlagen, verliert seine Macht.

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