Du musst zuerst dein Herz reinigen


Es wird ein Artikel, der auf Taiji-europa veröffentlicht wurde, mit dem obigen Bild auf facebook verlinkt. Ich habe es gewagt, dieses Bild zu kritisieren. Was ist daran zu bemängeln? Nun, wer sich hier in den chinesischen Tempeln nicht auskennt, wird es nicht erkennen. Da sitzt ein junger Mann leicht verzückt meditierend auf einem Polster, offenbar in chinesischer Umgebung, im Hintergrund eine Chinesin. Zunächst möchte ich klarstellen, dass ich den Mann nicht kenne, ich weiß nicht, ob er identisch ist mit dem Autor oder das Bild aus einem anderen Zusammenhang für den Beitrag gewählt wurde. Das Polster, auf dem er sitzt, wird in daoistischen Tempeln nicht zur Meditation bereitgestellt, sondern um sich darauf zu knien und in Richtung des Altars zu verbeugen. Man macht das drei Mal und zu jeder Verneigung würde die dort sitzende Nonne mit einem Klöppel an die Klangschale schlagen, die neben ihr auf dem Tisch steht. Der junge Mann hat sich nicht zur Meditation auf das Polster gesetzt, sondern um sich fotografieren zu lassen. Er sitzt mit dem Rücken zum Altar, er täuscht eine Handlung vor und er missachtet eine religiöse Einrichtung. Damit tut er niemandem weh, auch mir nicht. Was mich schmerzt ist die Verlogenheit, die sich mit dem einkopierten Satz verbindet: "...man muss zuerst sein Herz reinigen."
Muss man wirklich um diese Botschaft zu vermitteln eine Situation vortäuschen, die von jenen nicht durchschaut werden kann, die sich mit den Gepflogenheiten in daoistischen Tempeln nicht auskennen. Das sind zur Zeit wohl noch die meisten der potentiellen Empfänger der Botschaft.
Nun gut, das also war es, was mich daran hinderte, nun auch den Artikel zu lesen. Statt dessen schrieb ich in etwa jene Kritik als öffentlichen Kommentar unter das Bild. Ich bin der Meinung, wer sich öffentlich darstellt, muss auch öffentliche Kritik ertragen. Statt dessen wurde der Kommentar gelöscht, weil er verurteilend sei, wie man mir in einer privaten Nachricht mitteilte. Urteieln, das hab ich schon öfters erlebt, darf man in der "esoterischen" Szene nicht. Alle haben sich lieb, jeder darf jeden Mist in die Welt hinaus posaunen, das wird ertragen, aber nicht die Kritik. Sie wird wegzensiert, statt öffentlich zu diskutieren. Die Verlogenheit findet nicht nur auf dem Bild statt, sondern auch in ganz vielen Köpfen.

1 Kommentar:

  1. Danke für die Information und Klärung des Bildes. Lag ich bei meiner Intuition doch nicht so ganz daneben, als ich das Bild das erste Mal sah. Irgendetwas störte mich an dem Bild. Das Polster ist viel zu dick, alles wirkt nur geschönt und gestellt. Ich klickte das Bild wieder weg.
    Die Hintergrundinformation ist es dann enttäuschend. Bleibt mir nur zu wünschen, dass es mehr Menschen gibt die ihrem kritischen Auge vertrauen.

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