Wir wollen nur spielen


Praktizieren wir Taijiquan oder Qigong, heißt das auf Chinesisch „打 da“ - spielen. Wie man Handball spielt oder Schach. Um spielen zu können, muss man frei sein, das Metier beherrschen. Das heißt, zuerst muss man lernen, üben, verbessern. Erst wenn du deine Form laufen kannst, wie du willst und nicht nur, wie du kannst, dann beginnt das Spielen. Gia Fu Feng, mein Lehrer in den frühen Achtziger Jahren und ein Meister der Bumperstickers, beschrieb den Prozess folgendermaßen:

1) kopieren

2) imitieren

3) interpretieren.

Zuerst kopierst du deinen Lehrer, dein Vorbild, eins zu eins. Mach ihn oder sie einfach nach. Versuch nicht zu verstehen, zu begreifen, zu merken. Aktiviere deine Spiegelneuronen und sei wie ein kleines Kind. Lauf hinterher. Frag nicht, lass das Gehirn raus. Entspann dich. Die Fähigkeit deines Körpers, auf eine Bewegung zu reagieren ist 1000 Mal schneller als dein analytisches Denken sie erfassen, verstehen und wiederholen kann.

Nach einiger Zeit des Kopierens kannst du zum Imitieren über gehen. Du machst die Bewegungen nach. Jetzt setzt dein Denken ein, versuch, zu verstehen was du machst. Aber nicht gleich zu Anfang. Beginn mit der Kopie. Wenn du imitierst beobachtest du genau, wie dein Lehrer die Bewegungen macht, wo er ansetzt, wo sie hinführen. Langsam aber sicher werden deine Bewegungen nicht mehr aussehen wie Qigong oder Taijiquan, sondern sie werden zu Qigong oder Taijiquan. Das ist ein großer Unterschied. Es ist wichtig, diesen Schritt zu vollziehen. Denn du musst deine Form allein praktizieren können. Läufst du jahrelang hinter deinem Lehrer her, wirst du nie erwachsen.

Als letztes wirst du anfangen zu spielen, von innen heraus, von deinem Herzen. Deine freie Interpretation der Form. Sie wird persönlich. Ohne diese Befreiung bleibst du Gefangener der Form. Die Entwicklung kommt mit der Zeit. Du kannst es nicht forcieren. Du kannst nicht spielen, solange du noch nicht verstanden hast. Es gibt immer wieder Versuche aus Taijiquan oder Qigong etwas anderes zu machen. Bei allem was ich bisher gesehen habe, war es immer weniger, es war geringer, nie eine Bereicherung. Warum verzichten?

Ich suche nicht - ich finde


Suchen – das ist Ausgehen von alten Beständen und ein Finden-Wollen von bereits Bekanntem im Neuem.
Finden – das ist das völlig Neue!
Das Neue auch in der Bewegung. Alle Wege sind offen und was gefunden wird, ist unbekannt. Es ist ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer!
Die Ungewißheit solcher Wagnisse können eigentlich nur jene auf sich nehmen, die sich im Ungeborgenen geborgen wissen, die in die Ungewißheit, in die Führerlosigkeit geführt werden, die sich im Dunkeln einem unsichtbaren Stern überlassen, die sich vom Ziele ziehen lassen und nicht – menschlich beschränkt und eingeengt – das Ziel bestimmen.
Dieses Offensein für jede neue Erkenntnis im Außen und Innen: Das ist das Wesenhafte des modernen Menschen, der in aller Angst des Loslassens doch die Gnade des Gehaltenseins im Offenwerden neuer Möglichkeiten erfährt.

Pablo Picasso