Schulen und Richtungen in Wudangshan Wushu und Dao



Der neu errichtete Yuxu Palast in der Stadt Laoying
Meist wird man dem Begriff Wudang Stil oder Wudang Pai begegnen. Wer dann glaubt, es sei dies eine Stilrichtung, die in sich geschlossen orientiert ist wie zum Beispiel ein Chen Taijiquan Stil oder der Yang Stil, wird bald darauf in völliger Verwirrung enden. Mit diesem Beitrag hoffe ich, etwas Ordnung in das scheinbare Durcheinander bringen zu können. Dabei erhebe ich nicht den Anspruch, alles richtig zu sagen, sondern gebe nur wieder, was ich bisher gelernt habe.

Zunächst möchte ich die beiden daoistischen Orden vorstellen, die in Wudangshan vorherrschend sind. Es sind dies Quangzhen Jiao und Zhengyi Jiao. Beide sind über ganz China verteilt und aus der Schule der Himmelsmeister hervorgegangen.

Quangzhen Jiao - Schule der vollkommenen Wahrheit wurde von Wang Chongyang im 13. Jahrhundert gegründet. Sie hat eine strengere Regelung des Lebens ihrer Mitglieder, sie essen kein Fleisch, nehmen keine berauschenden Getränke zu sich und leben zölibatär, während die Mitglieder der älteren Zhengyi Jiao ein mehr weltliches Leben führen, heiraten und Knder bekommen können. Damit weichen sie stark ab von der westlichen Vorstellung eines Ordens, es fällt uns schwer, die Mitglieder der Zhengyi Schule als Mönche und Nonnen zu begreifen.
Auch inhaltlich weichen die beiden Schulen voneinander ab. Der Quangzhen Orden kennt mannigfaltige Rituale in farbenfrohen Gewändern, das Rezitieren von „Sutras“ und Methoden der Inneren Alchemie. Zhengyi Daoisten können sich gleichwohl mit den Techniken der inneren Alchemie beschäftigen, sie sind aber auch sehr bewandert in der chinesischen Medizin, praktizieren Feng Shui (Geomantie) und waren in der Vergangenheit auch eng verbunden mit dem Schamanismus.

Innerhalb der beiden Schulen des Daoismus gibt es Linien oder Gruppierungen, die sich vorwiegend  in der Praxis ihrer Kampfkünste, des Qigong und der Meditationstechniken unterscheiden.


Alter Mönch der Quangzhen Jiao
Auch hier sind nicht eindeutige Zuordnungen vorzunehmen. In früheren Zeiten soll es bis zu 80 verschiedene Gruppierungen gegeben haben. Diese sind auch nicht alle unbedingt auf Wudangshan begrenzt. Die angeblich größte sei die Longmen Pai - Drachentor-Schule,
ungefähr 70 % aller auf Wudangshan lebenden Mönche gehören dieser Linie an. Die Longmen Pai nimmt für sich in Anspruch, dass der berühmte Zhang Sanfeng Mitglied dieser Schule gewesen sei. Immerhin war er ein Schüler des Huo Long Zhen Ren, der als Drachentor Daoist bekannt war. Innerhalb dieser Linie gibt es neben einigen sehr effektiven Inneren Kampfkünsten diverse Methoden des Qigong, Meditation und Massage.

Ein Zweig der Longmen Pai ist die Chunyang Pai, welche beinahe, wie viele andere Schulen, in den Wirren des letzten Jahrhunderts verschwunden wäre. Sie hatten ihren angestammten Platz im Wulong Gong, dem Palast der fünf Drachen, welches der älteste Tempel in Wudangshan ist. Er liegt abseits der neueren Pilgerstrecken, die im 15. Jahrhundert entstanden sind. Liu Li Hang, der letzte Großmeister der Chunyang Pai lehrte gegen alle Tradition nach außen, also nicht nur innerhalb des Klosters und rettete auf diese Art das Wissen für die Zukunft. Die Chunyang Schule hat einen berühmten Stil der offenen Hand und ebenso ist sie bekannt für ihre Schwertformen.

Eine der derzeit größten Richtungen repräsentiert die Sanfeng Pai. Auch wenn man es auf Grund des Namens glauben könnte, so leitet sie sich nicht direkt von Zhang Sanfeng* ab. Der Name Sanfeng bedeutet Drei Schätze und kann sich auf mancherlei beziehen. Da wären zunächst die drei Schätze der chinesischen Kultur, Daoismus, Konfuzianismus und Buddhismus, deren Philosophie zu vereinen eine der Bestrebungen von Zhang Sanfeng war. Aber auch Geist, Qi und Blut (oder Form) werden als drei Schätze verstanden, ebenso Himmel, Mensch und Erde. Mitunter findet man dennoch irrtümlich die Bezeichnung Zhang Sanfeng Pai, meist auf westlichen Webseiten und die Chinesen werden sich hüten, dieses Missverständnis zu korrigieren, verlöre doch sonst der andere sein Gesicht.
Oberhaupt der Sanfeng Pai ist der Abt Zhong Yun Long, der auch eine Schule unten am Eingang zum Gebirge führt. Viele seiner Schüler haben inzwischen eigene Schulen in den Bergen oder in der Stadt.

Vorführung einer Sanfeng Pai Schule im Purpurwolken Palast
Eine weitere Richtung mit großer Verbreitung ist die Xuanwu Pai, eine abgebrochene Traditionslinie, die vom ehemaligen Abt Wang Guangde wiederbelebt wurde. Als nach der Kulturrevolution wieder junge Menschen in die brachliegenden Klöster kamen, wurde You Xuande zum neuen Repräsentanten dieser Linie ernannt. Er lebt im sogenannten südlichen Wudang, einem kleinen Gebirge in der Nähe von Wuhan. Aber auch in Wudangshan gibt es nun Schulen seiner Schüler.

Songxi Pai blickt auch auf eine lange Tradition. Sie soll von Zhang Songxi, einem Schüler des Zhang Sanfeng gegründet worden sein. In ihr werden noch einige alte Formen des Gong Fu weitergegeben.

Einen sehr freien Kampfstil pflegt die Ziran Pai, auf natürliche Reflexe Wert legend sind die meisten Formen sehr schnell und beinhalten großes Kampfkunstwissen.

Der Autor mit seinem Lehrer Zhong Xueyong
Es gibt noch viele weitere Linien, kleinere und auch größere, je nach Popularität, die sich wandeln kann. Vor wenigen Jahren noch war Wudangshan nur wenigen Kampfkünstlern im Westen bekannt, Inzwischen erlebt es einen regelrechten Boom. Viele junge Menschen aus Europa, Amerika und Australien kommen für längere Zeit dort hin um sich in den Künsten auszubilden. Schulen sprießen aus dem Boden, einige leben nur kurz und verschwinden rasch, andere finden viel Zulauf. In diesem kurzen Beitrag konnte ich nur eine Übersicht bieten. Nikolaus Klinger hat sich die Mühe gemacht, die meisten Schulen auf einer Karte zu lokalisieren. Vielen Dank.
Sicher gibt es noch weitaus mehr zu lernen und zu erfahren über die Schulen und Stile in den Wudang Bergen. Für jede weitere Information bin ich dankbar.

*zur Rolle des Zhang Sanfeng als Begründer des Taijiquan gibt es hier einen umfangreichen Artikel

1 Kommentar:

  1. Nun, das ist doch schon einmal sehr hilfreich. Danke dafür.

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