Neigong, die »Innere Geschicklichkeit« des Taijiquan, birgt kein Geheimnis

Von Sun Jianguo
Auszüge aus WenWu Zeitschrift 1.2010 ·· S.15 ff

Im Laufe meiner Tätigkeit als Taiji-Lehrer habe ich immer wieder bemerkt, dass fortgeschrittene Schüler, die auch ihre gesundheitliche Konstitution verbessern konnten, trotzdem unzufrieden sind, weil sie den Verdacht hegen, nicht über Neigong, die „Innere Geschicklichkeit“, zu verfügen. Außerdem gibt es in Europa wie in China Menschen, die trotz jahrelanger Übung wesentliche Punkte des Taijiquan noch nicht erfasst haben. Sie sind der Meinung, dass nicht so sehr die äußeren, also die körperlichen Bewegungen, sondern allein innere Geschicklichkeit und Technik von Bedeutung seien. Dabei ist ihnen nicht klar – oder sie vernachlässigen diesen Aspekt –, dass es sich im Taijiquan um eine Kunst handelt, in der man sein Inneres und Äußeres gleichermaßen kultiviert. Dieses Missverständnis kann zum einen daher rühren, dass es ihnen an Wissen über Neigong fehlt. Ein anderer Grund ist darin zu suchen, dass es Leute gibt, die das Neigong des Taijiquan in abwegiger Weise mystifizieren und in einen Schleier des Geheimnisvollen hüllen. Auf Grundlage meiner langjährigen Übungs- und Unterrichtspraxis und des von unseren Vorfahren überlieferten wertvollen Erfahrungsschatzes, will ich versuchen, einiges darzulegen, was die Übungsmethoden des Neigong im Taijiquan betrifft.
Sucht man eine Definition des Neigong im Taijiquan, so könnte diese lauten: Die Übungen zur inneren Geschicklichkeit des Taijiquan sind ein Trainingssystem, in dem man schwerpunktmäßig an der inneren Verfassung des Geistes, der Atemtechnik und den inneren Kräften arbeitet. Dabei spielen hauptsächlich vier Fähigkeiten eine Rolle: die innere Stille (nei jing), die innere Bewegung (nei dong), das innere Qi (nei qi) und die innere Kraft (nei jin).

1. Innere Stille
Die innere Stille (nei jing) ist der beim Taiji- Training erforderliche Geisteszustand, in dem Herz und Geist friedlich und still werden, die Aufmerksamkeit konzentriert ist und sich Heiterkeit und Zufriedenheit einstellen. Von alters her haben chinesische Philosophen die Stille als ein wichtiges Prinzip in der Kultivierung des Dao und in der Pflege des Lebens betrachtet. Sie waren der Auffassung, dass „alles Gute in der Stille wurzelt“, dass „die Erlangung des großen Dao ganz auf der Stille beruht“. Dies spiegelt sich auch in Spruchweisheiten wie: „Den Weg zum Glück des langen Lebens findet, wer ihn in Klarheit und Stille ergründet.“ (Yang shou zhi dao, qing jing mingliao).
Wie also lässt sich nun die innere Stille verwirklichen? Zuerst soll man das Herz auf Eines ausrichten und keine störenden Gedanken entstehen lassen. Man begebe sich in einen Zustand, in dem man „sieht, ohne zu sehen, und hört, ohne zu hören“, und lasse sich ganz und gar auf die Übung ein. Zum zweiten soll der Geist gelöst, also weder angespannt noch nachlässig oder achtlos sein. Und drittens gilt es, im ganzen Körper Anspannung und Druck von Muskeln, Knochen und Gelenken zu nehmen.
Um in den Zustand der Ruhe zu gelangen und gute Bedingungen dafür zu schaffen, dass das Qi und das Blut und damit auch die Kraft ungehindert durch den ganzen Körper fließen können, soll man Kopf und Nacken aufrecht halten, die Schultern und Ellbogen nach unten sinken lassen, die Brust leicht zurück nehmen und den Rücken entspannen, den Unterbauch schwer und die Hüfte locker werden lassen und den Körper aufrecht und zentriert halten.
(...)

„Von alters her haben chinesische Philosophen die Stille als ein wichtiges Prinzip in der Kultivierung des Dao und in der Pflege des Lebens betrachtet.“


2. Innere Bewegung
Mit der inneren Stille als Grundlage verwendet das Taijiquan eine besondere Methode der Bewegung: Man bewegt sich entspannt und geschmeidig, langsam und gleichmäßig und in einem ununterbrochenen Fluss. Das bewirkt, dass die Qi-Kanäle, Blutgefäße und Leitbahnen sich öffnen und im ganzen Körper durchgängig
werden. Dies ist ein wesentliches Merkmal der inneren Bewegung (nei dong). Darüber hinaus ist es bei der Ausübung des Taijiquan von großer Bedeutung, dass „sich zuerst die Vorstellungskraft bewegt und der Körper ihr nachfolgt“ (yi dong xing sui). Es muss also gelingen, dass die Bewegungen erst im Herzen, d.h. im Geist, und dann im Körper stattfinden (xian zai xin, hou zai shen). Diese „Bewegung durch die Vorstellungskraft“ ist das zweite Merkmal der inneren Bewegung. Wenn etwa die Hände nach vorne schieben und drücken (tui an), braucht man erst eine Vorstellung davon, nach vorn zu schieben und zu drücken, und unmittelbar darauf bewegen sich die Hände der Vorstellung folgend nach vorn. Ob man nun in der Ausübung der Kampfkunst gerade Angriffs- oder Verteidigungsbewegungen ausführt, vorwärts oder rückwärts geht, ob Leere und Fülle
einander abwechseln oder Härte und Weichheit sich gegenseitig hervorbringen: Von Anfang bis Ende sollen die äußeren Körper bewegungen von einer „inneren Bewegung“ des Bewusstseins bzw. der Intention angeleitet sein. Das also ist die Methode, mit dem Bewusst sein die Bewegung zu dirigieren. Nur so kann das Nervensystem in seinen Koordinations- und Reaktionsfunktionen und in seiner ganzen Geschicklichkeit auf intensive Weise trainiert und verbessert werden.

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Kommentare:

  1. Na, wo ist denn der Rest hin? Da fehlt doch ein Stück in der PDF?!

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  2. da musst du wohl bei Wenwu nachfragen.

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  3. Den ganzen Text gibt es in der WenWu-Zeitschrift. Wir freuen uns über Bestellungen!
    Die WenWu-Redaktion

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