Eine Schale

Du hast eine Schale, eine, die groß genug ist, eine Portion Reis mit Gemüse zu fassen oder aus der du eine Suppe trinken kannst. Für unsere Betrachtung ist es völlig irrelevant, aus welchem Material die Schale ist. Sie kann aus Keramik, Glas, Blech oder Plastik sein. Was uns interessiert ist das Potential der Schale. Wenn sie leer ist, kann sie mit allem möglichen gefüllt werden: mit Nahrung, Sand, kleinen Souvernirs aus dem letzten Urlaub, du legst deine Schlüssel hinein, was auch immer. Alles was nicht zu groß ist, kann in der Schale Platz finden. Solange nichts anderes darin ist, solange sie leer ist. In dem Moment, in dem du sie mit etwas füllst, gibst du ihr eine Bestimmung. Ihr Potential verändert sich. Solange sie leer ist, ist sie aufnahmebereit. Gibst du ihr eine Bestimmung, wird sie definiert. Sie wird zur Schlüsselschale, oder zur Suppenschale.
Vielleicht hast du die Schale aber gekauft, oder geschenkt bekommen, weil sie eine besonders schöne Schale ist. Sie ist aus so herausragendem Material, von solch hoher Handwerkskunst, dass selbst klares Wasser ihre Schönheit mindern würde. So ist sie eigentlich keine Schale mehr, nur von der Form her, aber sie wird nie eine andere Bestimmung haben, als sie selbst zu sein. Sie ist leer und nur in ihrer Leerheit ist sie zu ertragen.
Ich kannte einen Mann, der sich nach einer erfüllenden Arbeit sehnte. Er bekam auch die verschiedensten Angebote, gute Angebote. Aber er lehnte stets ab, weil er dann ein anderes Angebot ja nicht mehr bekommen oder annehmen könnte. Eines, dass ihn vielleicht mehr erfüllen würde. So blieb er ständig unerfüllt, schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch und wartete auf die große Erfüllung, die er nie erkennen würde. Denn nur wenn er eine Arbeit annehmen und ausführen würde, könnte er davon erfüllt sein. Nicht, wenn er nur ihre Möglichkeit in Betracht zog.
Nun denke wieder an deine Schale. Lässt du sie für immer leer, hat sie immer das Potential, etwas aufzunehmen. Erst wenn du ihr eine Bestimmung gibst, ist sie er-füllt.

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