Neun Gnaden

Lai Zhutang hatte ein Leben in daoistischer Meditation gepflegt und am Ende seiner Tage aufgelistet, welche Gnaden er in seinem Leben empfangen hatte. Er kam auf die Zahl neun und nannte daher sein Bett das Neun Gnaden Lager.

Seine Liste sah so aus:
1) dass er eine Reihe guter Bücher besitze
2) dass seine Frau Freude am Lesen und Schreiben habe
3) dass er keinen Wein trinke
4) dass er nichts vom Schachspiel verstehe
5) dass niemand nach ihm verlange
6) dass er einen berühmten Lehrer gefunden habe
7) dass er mit seiner Familie in solch einer herrlichen Gegend lebe
8) dass er von Krankheiten verschont sei
9) dass er ungebunden wie ein Vogel leben könne


Ting Xiongfei tat es ihm später nach, führte aber andere, mitunter gegensätzliche Gründe als Gnade an. Dies wurde von dem Daoisten Zhang Xinggong kommentiert. Er schrieb, es mache ihn glücklich:

1) dass er nur wenige Bücher besitze
2) dass er keine Frau habe, die ihm mit Lesen und Schreiben zur Last falle
3) dass er trinken kann, wann immer es ihm Freude macht
4) dass er gerne Schach spiele
5) dass er es fertig gebracht habe, seine Abneigung gegen einfache Leute zu überwinden
6) dass er einen Lehrer gefunden habe, aber auch ohne Lehrer auskommen könne
7) dass er sich ohne Familie auf Wanderschaft befinde
8) dass er mit Vorliebe krank sei, um sich tieferen Gedanken widmen zu können
9) dass seine Kinder verheiratet sind und ihn sehr lieben.

Wie gerne würde ich mich ihm in allem anschließen, aber bei den Punkten 4 und 8 habe ich andere Gedanken. Denn ich bin glücklich, mich nie für Brett- oder Kartenspiele begeistert zu haben und auch macht es mich glücklich, kaum ernstlich krank gewesen zu sein in all den Jahren und mir folglich auch keine Sorgen um mein Leben machen musste.

So sieht man, wie unterschiedlich schon einfache Dinge sein können, wenn es darum geht, was einen glücklich macht.

 

Momente der Freude

Wir neigen dazu, dem Unglück im Leben zu großes Gewicht zu verleihen und vergessen dabei die Momente der Freude.


Noch nie habe ich jemandem die Geschichte erzählt, wie ich in Peking zum Flughafen kam, prima eingecheckt habe, noch etwas bummeln konnte, dann gemütlich zum Gate und nach einiger Wartezeit in den Flieger gestiegen bin. Aber dass ich mich mal mit der Abflugzeit vertan habe, weil ich nicht auf dem Flug direkt nach Frankfurt war, sondern über München gebucht hatte, was aber in Vergessenheit geraten ist und dass ich deshalb mich sputen musste, an den Kontrollen mich vorbei drängeln:“sorry,sorry - my flight is going soon…“ und beim Pass noch mal und keiner hat gemotzt. Dann schnell zum Gate, ohne bummeln „hurry, hurry, run fast“ hatte die Dame gesagt. Sie haben mich noch rein gelassen, hinter mir die Türen zu und auf die Startbahn. Das habe ich schon oft erzählt, weil das ja auch eine Geschichte ist, die zum Glück gut ausging. Knapp am Unglück vorbei geschliddert. Solche Geschichten erzählen wir. Die Literatur ist voll davon. Die Kinos sind voll davon. Meistens geht es zum Schluss gut aus. Bruce Willis näht das Ozonloch zu und die Menschheit ist gerettet.

Beruhigt erheben wir uns aus dem Sessel, haben eine Weile in Angst und Spannung verbracht und geniessen nun den kleinen Augenblick der Freude. 

Es war schon in mir angelegt.

Vor einigen Jahren wurde ich vom Taijiquan Qigong Journal für ein geplantes Special über Pioniere des Taijiquan und Qigong in Deutschland gebeten, einige Fragen zu beantworten. Das habe ich gerne getan. Dann ist lange nichts passiert und vor etwa zwei Jahren hieß es dann, es würde jetzt erscheinen. Aber es ist noch immer nicht erschienen. Nun, hier sind die Fragen und meine Antworten. Sie gelten noch heute wie damals. 

Wie sind Sie dazu gekommen, Taijiquan/Qigong zu machen?

Schicksal oder Dao. Es bot sich eine Gelegenheit und nach dem ersten Heben und Senken der Arme war ich überzeugt. Es ging sehr schnell.

Bei wem haben Sie zuerst gelernt und wie prägend war diese Person?
Mein erster Lehrer war Schüler von Chee Soo, der den Lee-Stil verbreitet hat. Ich besuchte recht bald Chee Soo in London und organisierte 1978 ein einwöchiges Seminar mit ihm in Deutschland. Er hat mir damals schon alles Wichtige gesagt. Viel mehr weiß ich heute auch nicht.

Hatten Sie Vorerfahrungen in den Bereichen Kampfkunst, Meditation, Körpererfahrung?

Kampfkunst war mir als Pazifist zuwider und Körpererfahrung bestand aus Essen, Trinken, Sex und Duschen. Im Jahr davor hatte ich ein vierzehntägiges Meditationsseminar besucht, tibetischer Buddhismus. Das war alles.

Doch, eine Episode muss ich noch erwähnen. Anfang der siebziger Jahre hatte ich Freunde in Frankfurt besucht, die mich zu ihrem Yoga-Lehrer mitnahmen. Sie hatten Privatstunden. Er machte mit uns eine Übung, die mich sehr beeindruckte. Er zeigt uns, dass sich die rein gedanklichen Vorstellungen von Bildern oder Worten im Körper reflektieren. Und er zeigte uns, wie man sich das zunutze machen kann, wenn man sich entspannen will. Sehr gute Arbeit.

Wie hat sich Ihr weiterer Weg mit Qigong/Taijiquan entwickelt?
Ja, es hat sich entwickelt. Es war schon in mir angelegt, wie eine Pflanze in einem Samenkorn angelegt ist. So kann sich nur etwas entwickeln, was schon latent vorhanden ist. Es braucht Nahrung und Wärme, dann entwickelt es sich. Es muss alles zusammenpassen. Die Anlagen oder Veranlagungen und die späteren Zutaten. Wir nennen es Xian Tian und Hou Tian. Ersteres ist das, was man mitbringt ins Leben. Die einen würden es Karma, andere Vererbung nennen, aber es bedeutet noch viel mehr. Genauso ist Hou Tian auch nicht nur Sozialisation.

Also, ich bin davon überzeugt, dass der Weg des Taijiquan schon in mir angelegt war, auch wenn ich fast 30 Jahre leben musste, bis ich zum ersten Mal damit in Berührung kam. Dann begegnete ich den richtigen Menschen, die mir halfen, es auszuformen. Das war dann als nächster Giafu Feng. Er war sehr wichtig für mich, auch wenn er ein lausiges Taiji machte. Er sorgte dafür, dass ich das Wesentliche im Auge behielt, nicht auf irgendwelche Trips abfuhr.

Nach seinem Tod habe ich mit einigen sehr interessanten Menschen zusammengearbeitet. Peter Yang, Ma Jiangbao, Fei Yulian, Wu Maogui, Zhong Xuejong, um die Wichtigsten zu nennen.

Was üben und unterrichten Sie heute? Und warum gerade diesen Stil?

Wudang Sanfeng Pai. 2005 war ich zum ersten Mal in den Wudang Bergen und habe noch mal von vorne angefangen. Warum sollte ich etwas anderes machen als das, was ich für das Beste halte?

Hat sich Ihrer Erfahrung nach die Schülerschaft in ihrem Verhalten und mit ihren Erwartungen verändert?
Ach wo, Menschen sind Menschen. Natürlich verändert sich was, das ist das Leben, alles verändert sich. Warum sollen da die Taijiquan- und Qigong-Interessierten eine Ausnahme machen. Aber im Grunde ist es doch immer wieder das Gleiche. Frühling, Sommer, Herbst, Winter und Frühling.

Wie sehen Sie die Veränderungen in der Qigong/Taijiquan-Szene über die letzten Jahrzehnte?

Frühling, Sommer, Herbst, Winter und Frühling. Es sind mehr Menschen geworden, die sich dafür interessieren. Es sind mehr geworden, die es unterrichten wollen. Aber es gibt wenig gute Lehrer. Selbstkultivierung, und das ist es, was wir meiner Meinung nach mit Taijiquan und Qigong betreiben, macht man für sich, nicht für andere. Aber inzwischen hat sich ein Markt gebildet, und wo erst einmal ein Markt ist, sehen viele dort für sich auch eine Einkommensquelle. Ein Apfelbaum produziert keine Äpfel für den Supermarkt, er macht es, um sich fortzupflanzen. Damit das gelingen kann, muss er viele Äpfel hervorbringen. Die meisten davon geben tatsächlich Nahrung ab für andere Lebewesen. So ist das. Nur ganz selten wird aus einem Apfel ein neuer Baum.

Haben Sie den Eindruck, dass Qigong/Taijiquan in der Gesellschaft angekommen sind? Was spricht dafür, was dagegen?

Es ist etwas in der Gesellschaft angekommen, das sich Qigong beziehungsweise Taijiquan nennt. Etwas zwischen Wellness, Esoterik und Kampfkunst. Aber es wird immer ein paar Gestalten geben, die sich in Nischen, Höhlen oder auf fernen Bergen aufhalten und tatsächlich Taijiquan machen.

Was ist Ihrer Meinung nach wichtig für die weitere Entwicklung von Qigong und Taijiquan?

Dass wir wieder aus der Gesellschaft verschwinden.

Wie viel üben Sie zurzeit ungefähr für sich?

Das ist eine Frage, die man jemandem stellen kann, der vielleicht zehn Jahre dabei ist. Ich mache das seit über 40 Jahren, es ist mein Leben.

Was würden Sie heute sagen, was Ihnen Taijiquan und Qigong persönlich gebracht haben?
Ich saß einmal dabei, wie ein Schüler von mir Klavierunterricht bekam. Der Lehrer erklärte ihm, dass die Noten, die er da spiele, doch einen Lauf abgäben und dass ein Lauf immer wohin führt und er deshalb schon vom ersten Ton an wissen müsse, wohin das Ganze denn geht. Damals habe ich an Taiji gedacht. Heute beziehe ich es auf unser Leben. Da wissen wir auch vom ersten Ton an, wohin es führt, und zwischendurch ist Musik.

Gab es eine Situation in Ihrem Leben, wo die Kenntnis von Taijiquan/Qigong von besonderer Bedeutung war?
Einmal, ganz am Anfang, ich übte vielleicht ein Jahr, nicht länger, da gab es einen Streit mit Nachbarn, einer Rocker-WG. Die Jungs übten mit Nunchakus und hatten auch sonst keine Schlaghemmung. Nun stand ihr Anführer vor mir, geradezu mit Schaum vor dem Mund und sagte, wenn er nicht wüsste, dass ich dieses Taiji mache, dann würde er mich jetzt durch die Wand schlagen. Aber dass ich Taiji machte, das flößte ihm genug Respekt ein, um mir die Erfahrung, durch eine Wand geschlagen zu werden, zu ersparen.

Welche Übungen können Sie besonders im Alltag anwenden?
Innere Ruhe.
Hat sich Ihre Einstellung zum Taijiquan/Qigong im Laufe der Zeit verändert?

Das will ich wohl hoffen, sonst hätte ich ja nichts gelernt.

Können Sie sich vorstellen, noch mal was ganz anderes zu machen?

Ich habe zwischendurch mal etwas ganz anderes gemacht, nämlich Möbel verkauft. Von 1992 bis 2000. Noch mal würde ich das nicht machen.

Wen und was würden Sie auf die berühmte „einsame Insel“ mitnehmen?

Meine Freundin.

Welches Thema beschäftigt Sie im Rahmen von Taijiquan und Qigong zurzeit besonders?

Taijiquan und Qigong haben unendlich viele Aspekte. Ein Leben würde nicht ausreichen, alles zu studieren. Aber es muss etwas geben, das alles miteinander verbindet, das Zentrum, das Herz des Ganzen. Das interessiert mich. Wenn ich ganz still bin, überhaupt nicht darüber nachdenke, dann höre ich manchmal dieses Herz schlagen.

Die sieben Heilmittel

nach Zhang Chao (1650 - 1711?)


Leidet man an einer schweren Krankheit des Gemüts und mag man vor Kummer fast vergehen, dann soll man eines der sieben Heilmittel probieren. Zhang Chao stellt sie uns in einer Erzählung vor, in der einer, der sich auf das Reden verstand, den schwermütigen Besitzer des Katzenjammer-Gartens zu heilen versuchte.

Zuerst möchte er ihn für das Würfelspiel zu begeistern, bei dem es hoch her gehe und die Gemüter sich erhitzen. Dem Kranken aber widerstrebt es, gegen das Gesetz zu verstoßen und seines Vaters Ermahnungen in den Wind zu schlagen.

So beschreibt der Erzähler die Freuden des Bogenschießens hoch zu Pferde, wozu sich der Leidende aber nicht kräftig genug fühlt.

Dann könne er doch eine Beamtenlaufbahn einschlagen, Gesetze erlassen und Steuern eintreiben. Der Trübsinnige aber sieht nur die möglichen Verfehlungen, wegen derer er aus dem Amt gejagt würde.

Wie es denn mit der Dichtkunst wäre, im Kreise von Gleichgesinnten Reimwettbewerbe veranstalten um mit der Freude an den Wörtern alle Not zu vergessen. Wozu sich bemühen, ein Gedicht zu schreiben, das dann doch niemand liest, nichts für unseren Griesgram.

Gegen einen guten Wein, und davon weiß der Redner einige aufzuzählen, könne er doch nichts einzuwenden haben. Der würde den Gaumen erfreuen und den Geist erfrischen. Dem Wein jedoch mag er schon seit einiger Zeit nichts mehr abzugewinnen.

Dann soll er doch auf Reisen gehen, Berge besuchen, dort einen lauten Schrei ausstoßen um sich so vom Druck auf der Brust zu befreien. Diesem Heilmittel traut der Traurige keine lange Wirkung zu.

Als letztes bietet dieser unermüdlich gute Geist die Zauberfrüchte der Unsterblichen an; zarte Pfirsiche, frischen Pfeilwurz oder geräucherte Datteln.

Noch ehe diese Rede beendet war, klatschte der Gastgeber lachend in die Hände und sein Aussehen hatte sich vollkommen verändert. Ein neuer Glanz lag in seinen Augen. Ohne es zu merken, war er von seiner Krankheit genesen.


Die vollständige Erzählung kann man nachlesen in Lin Yutang, Glück des Verstehens, Klett-Cotta ISBN 3 548 39015 3

Qingming-Fest


Qingming Darstellung einer Familie, die Papiergeschenke für die Vorfahren verbrennt(The Joy of Chinese Cooking ca. 1950).
Das chinesische Qingming-Fest (chinesisch 清明節 / 清明节Pinyin qīngmíngjié, von 清明qīngmíng ‚hell und klar‘) am 4. oder 5. April, selten auch am 6. April, ist das chinesische Totengedenkfest. Das chinesische Totenfest fällt auf den 106. Tag nach dem chinesischen Sonnenkalender (Bauernkalender), 15 Tage nach Frühlings-Tagundnachtgleiche (春分,  chūnfēn‚Mittfrühling‘).
Man fegt die Gräber, legt Nahrungsmittel, Blumen und Gegenstände, die den Verstorbenen zu ihren Lebzeiten gefielen, vor die Gräber, zündet Weihrauchstäbchen an und verbrennt Totengeld.[1] Im Süden, im kantonesischen Teil Chinas, kann man zu dieser Zeit auf den Straßen viele Händler sehen, die neben Papiergeld auch Autos, Anzüge, und Schuhe aus Papier anbieten, die zu diesem Zweck verbrannt werden. Die verbrannten Dinge sollen den Vorfahren zur Verfügung stehen und sie freundlich gegenüber ihren Nachfahren stimmen, deren Geschicke sie leiten. An diesem Tag essen viele Chinesen nur kalte Speisen.
Um die Zeit des Qingming-Festes steigen die Temperaturen und es regnet häufiger, was für die Aussaat günstig ist.
Quelle: Wikipedia