Neues Jahr



Liebes Neue Jahr,
die Leute setzen große Erwartungen in dich. Sie erhoffen sich sehr viel Gutes und befürchten Schlechtes. Sie sprechen dich an, als seist du ein Wesen, ein gütiger Vater, ein Gott oder der Weihnachtsmann. Das ist nicht postfaktisch, das ist präfaktich. Da hat die Aufklärung noch nicht gegriffen. Da herrscht noch Aberglauben. Die Menschen opfern dir Milliarden an Böllern und Feuerwerk, davon könnte man auf einen Schlag ca. 20 Millionen Menschen vor dem Erblinden bewahren. Damit würde man wirklich Glück ins Neue Jahr bringen. Im nächsten Jahr könnte man dann von dem Geld Trinkwasserrechte kaufen und vor Nestlé schützen. Welch ein Glück. Das wäre vernünftig aber eine Augen-OP oder ein Brunnen in Afrika knallen natürlich nicht. Man kann aber knallen und das Geld trotzdem spenden, vielleicht Ende Juni, zur Halbzeit. Wär doch was und wäre vernünftig. Geld genug haben wir dafür.
Nun hatten wir in den siebziger und achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts eine große Bewegung in der westlichen Welt, wo in Seminaren und Kursen den Menschen klar gemacht wurde, dass man auch mal den Kopf ausschalten muss. Stattdessen auf die Gefühle hören, seine Trauer fühlen und auch mal als Mann weinen - oder seine Wut rauslassen. Nicht immer so kopflastig, so korrekt. Das innere Kind päppeln und auch mal unvernünftig sein.
Diese Generation hat Jahrzehnte gebraucht, aber nun haben sie es endlich gründlich missverstanden und laufen als Jammerlappen und Wutbürger rum. Liebes Neues Jahr, wenn du überhaupt etwas kannst, dann bring sie zur Vernunft, bitte. Aber natürlich kannst du das nicht, weil es dich nicht wirklich gibt. Du bist kein Wesen, nie gewesen. Du existierst nur, weil wir dich schreiben. Weil wir uns entschieden haben, dass du am ersten Januar beginnst. Basta. Du bist soviel wert wie Buchgeld. Aber sie glauben an dich. Natürlich, wir wissen es alle; die Dreckarbeit müssen wir selber machen. Wo wir versagen, schieben wir es Ende Dezember auf dich. Das war ein Scheissjahr, werden sie sagen. Dir ist das egal und wir sind aus dem Schneider. Wir entschulden uns statt uns zu entschuldigen und starten mit guten Vorsätzen ins nächste Versagen.

Lieber Mitmensch, 
es hat ein neues Jahr angefangen, na und. Das ist nichts anderes wie ein neuer Monat, eine neue Woche oder ein neuer Tag. Es ist nicht der Anfang einer neuen Chance, du kannst dein Leben jeden Augenblick ändern. Alles, wirklich alles kannst du dafür zum Anlass nehmen. Ein Sonnenaufgang, ein weinendes Kind, eine verwelkende Blüte oder ein Stein, der ins Wasser fällt. Die Entscheidung liegt bei dir. Verzeih mir, wenn ich dir jetzt auch noch die letzte Illusion raube, aber der Buddhismus predigt nicht die Lehre von einem nächsten Leben als neue Chance, der Buddhismus will dir helfen, aus diesem Scheiss Kreislauf von neuer Tag, neue Woche, neues Jahr, neues Leben auszubrechen. Mit einem ganz einfachen Mittel - indem du zur Vernunft kommst.

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