Freiheit die ich meine

Kinder brauchen Grenzen, Menschen sollen sich frei entfalten können. Wir sind bereit Freiheit zu gewähren, solange die eigene dadurch nicht eingeschränkt wird. Oder anders gesagt, endet die eigene Freiheit, dort, wo sie einen anderen begrenzt.
Freiheit ist ein weiter Begriff, ein sehr weiter. Manche verstehen darunter absolute Grenzenlosigkeit. Freiheit unterscheidet sich in eine Freiheit zu etwas und einer Freiheit von etwas. Es gibt die äußere Freiheit, nicht eingeschränkt zu sein in Bewegung oder Meinungsäußerung, es gibt eine innere Freiheit, nicht eingeschränkt zu sein durch Triebe, Erwartungshaltungen, Vorstellungen etc.
Es gibt eine Freiheit, die man erwirbt durch seine Fähigkeiten, die ständiges Lernen, Korrigieren und Erweitern verlangt. Was anstrengend sein kann, schmerzhaft und mit Scheitern verbunden.
Die Definition von Freiheit beschäftigt die Menschen seit frühester Zeit. Laozi verstand darunter etwas anderes als sein Zeitgenosse Kungzi, Zeno etwas anderes als Sokrates, die Christen etwas anderes als die Juden...
Ich habe mich durchgelesen, durch Definitionen, Diskussionen, Sprüche und Widersprüche. Letztlich musste ich erkennen, dass ich ein Existenzialist bin. Der Beschreibung Sartres kann ich mich am ehesten anschließen. Es ist die Beschreibung, die ich gesucht habe.
Der Mensch ist verantwortlich für das, was er ist. Somit ist der erste Schritt des Existentialismus, jeden Menschen in den Besitz dessen zu bringen,, was er ist, und auf ihm die gänzliche Verantwortung für seine Existenz ruhen zu lassen. Wenn wir sagen, der Mensch sei für sich selber verantwortlich, so wollen wir nicht sagen, dass der Mensch gerade eben nur für seine Individualität verantwortlich ist, sondern dass er verantwortlich ist für alle Menschen.

 Um es mir einfach und nicht all zu kompliziert werden zu lassen, übernehme ich die Zusammenfassung aus Wikipedia (muss ich auch mal wieder für spenden):

Im Existenzialismus gilt der Mensch als unbedingt frei. Zugespitzt formulierten Jean-Paul Sartre und Albert Camus getrennt voneinander, der Mensch sei zur Freiheit verdammt. Diese Auffassung basiert darauf, dass hindernde Umstände als gegeben angesehen werden, so dass ihnen keine freiheitsbegrenzende Qualität zukommt. Dies gilt unabhängig davon, ob man die Hindernisse als natürlich, gesellschaftlich oder durch Naturgesetze bedingt ansieht. Beispielhaft wird ein Berg nur dann als Hindernis anzusehen sein, wenn der Mensch zuvor die freie Durchfahrt als Normalzustand definiert, was aber nicht der Fall bzw. nur eine menschliche Setzung sei. Genauso könne ein Mensch, der in einem Turm eingesperrt ist, immer noch frei seinen Ausbruch planen, selbst wenn er damit scheitert, weil das Scheitern nicht die Freiheit begrenzt, sondern Teil der menschlichen Existenz und somit seiner Freiheit sei. Das Besondere an der menschlichen Freiheit bestehe darin, dass er die Wahl habe, sich gedanklich in die Umstände zu fügen oder über diese im Rahmen der stets begrenzten menschlichen Möglichkeiten hinwegzuschreiten. Da sich niemand, auch der Gefangene im Turm nicht, in letzter Konsequenz mit den gegebenen Umständen abfinden muss, bleibt der Mensch frei. Freiheit bedeutet dann aber notwendigerweise, an den gegebenen Umständen, mit denen sich der Mensch gerade nicht abzufinden bereit ist, zu leiden.

Holz hacken und Wasser tragen

Über die Selbstkultivierung

Manche glauben oder hoffen, mit der sogenannten Selbstkultivierung oder Erleuchtung erlange man eine Art Supermann Fähigkeiten. Nicht nur, dass man über das Wasser gehen könnte oder andere per Handauflegen heilen kann. Auch soll ein Vollendeter keinen Hunger mehr verspüren oder Durst, unempfindlich sein für körperlichen Schmerz, emotionale Schwankungen, ja überhaupt frei sein von all dem, was einen Menschen ausmacht. 
Das ist ein eitles Wunschdenken und zeigt, wie weit entfernt man von der Kultivierung ist. Denn es zeigt Unzufriedenheit mit dem eigenen Sosein. Dabei ist es das Ziel der Kultivierung, genau das voll und ganz zu erkennen und anzuerkennen. Verspüre ich Hunger, so werde ich ihn stillen genauso wie ich meine Gedanken stille. Habe ich meine Notdurft zu verrichten, dann ziehe ich mich zurück. Genauso werde ich meinen Ärger nicht öffentlich machen. Es ist mein Ärger, was geht das andere an. 

 


Wind und Kälte, Hitze oder Feuchtigkeit kommen von außen und ich schütze mich, damit sie nicht in mich eindringen. Ärger, Trauer, Ängste und Sorgen kommen von innen und ich schütze mich, damit sie nicht nach außen dringen. Den Wind kann ich nicht aufhalten, den Geist kann ich beruhigen. Das ist die Kultivierung des Selbst. 
Wie kann jemand, mit sich selbst unzufrieden, jemals in Frieden leben. 

Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose




In den Wudangbergen findet man hin und wieder ein Schild auf dem sie als die Wiege des Taijiquan gepriesen werden. Auch eine Briefmarkenserie der chinesischen Post sagt das und in diesem Video  wird auch die Gewchichte erzählt von Zhang Sanfeng, der die Inneren Kampfkünste begründet haben soll. 
Andererseits rühmt sich das Dorf Chenjiagou, Ursprungsort des Taijiquan zu sein und inzwischen tauchen bisher unbekannte Stile auf, die bisher nur im Geheimen, dafür aber schon über 1000 Jahr oder mehr existieren sollen. Ganz gleich von wo stammend, wird heute niemand mehr das praktizieren, was vor 400, 600 oder 1000 Jahren vom legendären Gründer gemacht wurde. 
Taijiquan ist ein lebendiges System, welches mit und durch jene lebt, die es ausüben und das schließt Veränderung mit ein. Sicher sollen bestimmt Kriterien erfüllt sein, damit es Taijiquan ist und nicht einen andere Kampfkunst oder sogar weder das eine noch das andere. 
Ich habe heute wieder im Mainzer Rosengarten geübt. Der Weinmarkt ist vorbei und meine geliebt Nische kann bespielt werden. Dabei kam mir dieses Thema in den Sinn. Dort stehen verschiedene Rosensorten. Alle sind im Laufe der letzten Jahrzehnte gezüchtet worden, keine ist die originale, ursprüngliche Rose. Welche davon die schönste ist, kann auch die professionellste Jury nicht bestimmen. Das bleibt einem jeden Geschmack überlassen und manchem mag auch eine verwilderte Heckenrose die größte Freude sein.
Orchideen, Tulpen oder gar künstliche Rosen haben in diesem Beitrag nichts zu suchen. Es wäre auch überflüssig, jetzt wieder mit dem Totschlagargument "alles ist Dao" die ganze Diskussion sprengen zu wollen. 
Es kann etwas nur dann Taijiquan sein, wenn es bestimmte Regeln einhält. So wie etwas nur dann Fußball ist, wenn bestimmte Regeln eingehalten werden. Laufen alle mit dem Ball in der Hand rum, ist es kein Fußball mehr, vielleicht Football, Basketball oder Handball. Aber alle fallen unter Ballspiele. das ist eine höhere Kategorie. 
Taijiquan kann in mehrere höhere Kategorien fallen: Kampfkunst, Qigong, Meditation oder Gymnastik (womöglich noch mehr). Diese können wieder unter noch höhere Kategorien fallen wie körperliche Bewegung oder letzten Endes "Leben". Doch darunter fällt alles, was uns hier begegnet, weshalb nicht alles Taijiquan ist und Taijiquan ist auch nicht alles. 
Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose.

Unbekannte Teilnehmer

Noch immer wissen viele Mitmenschen nicht, was Taijiquan ist und wozu es gut sein kann. Aber es gibt auch Übende, von denen wir Lehrer nivhts wissen. Eine Beobachtung von Bernd Pross.

 

Tai Chi

Mein Fahrer hat mich zu einem Tai Chi Kurs angemeldet und nun stehen ich mit sechs anderen Motorräder auf einer Wiese und wir sollen bei eingeklapptem Seitenständer die Balance halten. Die schwere Enduro vorne rechts tut sich schwer, ich sehe wie sie heimlich den Hauptständer etwas gesenkt hat, um sich bei Bedarf abzufangen.

Wir beginnen mit einem leichten Anheben des Vorderrades. Einige plumpsen gleich wieder zurück auf den Boden, trauen sich nicht richtig oder haben Probleme mit der Balance. Wir üben es eine Weile und es geht besser. Als nächstes sollen wir unsere Spiegel drehen. Rechter Spiegel nach links, anschliessend linker Spiegel nach rechts. Unser Tia Chi Lehrer korrigiert jene geduldig, die Spiegel oder Richtung verwechseln. Ich sehe wie die kleine Tourenmaschine zaghaft den Blinker betätigt, um zu sehen, wo ihre rechte Seite ist. Danach macht sie die Übung fehlerfrei. Dafür drehe ich meine Spiegel immer wieder in die falsche Richtung, weil ich mich nicht auf die Übung konzentriere sondern der kleinen Tourenmaschine zugeschaut habe.

Als nächstes sollen wir den Lenker nach rechts drehen und das Gewicht nach links verlagern. So bleiben wir stabil, wenn wir es richtig machen. Fast wäre ich dabei auf die Seite gekippt, kann aber gerade noch den Ständer ausklappen. Das war knapp. Es wäre mir sehr peinlich, auf die Seite zu fallen und zugeben zu müssen, dass ich mich nicht alleine aufrichten kann. Meine alten Federbeine lassen das nicht mehr zu. Also versuche ich die Übungen mit erhöhter Konzentration zu machen und es geht. Als Hilfe fixiere ich mit dem Scheinwerfer einen festen Punkt vor mir und ich fühle mich stabiler. Zum Abschluss dehnen wir unseren Lenker, indem wir die Griffe möglichst weit auseinander ziehen.

Nachdem diese Vorübungen abgeschlossen sind geht es ans Lernen der eigentlichen Tai Chi Form. Einige Motorräder kennen die Form bereits, anderen ist sie neu. Ich kenne bereits einen Teil. So fahren wir eine Bogen nach recht und blinken links. Anschliessend einen Bogen nach links mit rechtem Blinker. Wir heben das Vorderrad leicht an, biegen den Spiegel vor den Scheinwerfer, so weit das geht, und setzen das Rad wieder ab. Nun versuchen wir des Hinterrad zu heben, eine Kurve nach links zu fahren und gleichzeitig mit dem rechten Koffer zu wackeln. Das finde ich anstrengend und ich muss es ein paar mal üben. Das gleiche nach rechts geht schon ein bisschen besser. Dann den Kupplungshebel nach oben und den Bremshebel nach unten. Kurve nach rechts fahren, linken Koffer nach unten und mit dem Topcase wackeln. Wie war das? Bitte nochmal für mich. Eine Bewegung nach der anderen. Alles soll einen Kreis bilden. Erst mal den Kupplungshebel bewegen, dann den Bremshebel, dann beide gleichzeitig, aber in verschiedene Richtungen. Noch mal das Ganze, aber mit einer gefahrenen Rechtskurve. Nun den linken Koffer nach unten. Warum geht der rechte Koffer hoch? Noch mal. Nun bleibt der rechte Koffer in seiner Position, wackelt noch ein wenig, aber für den Anfang ist es gut. Auch mein Topcase wackelt, was jetzt nicht mehr so schwierig ist. Ich fahre ein kleines Stück von der Gruppe weg und übe diese Sequenz mehrmals für mich.

Während dessen sind die anderen Motorräder die Form weiter gefahren. Mir wird ein wenig schwindelig, wenn ich ihre Bewegungen sehe. Ich übe nochmal die neu gelernte  Kurve und versuche die gleiche Bewegung zur linken Seite. Ich bewege den Bremshebel nach oben, gleichzeitig den Kupplungshebel nach unten. Dabei die Kurve nach links fahren und den rechten Koffer nach unten drücken. Der linke Koffer bleibt auf gleicher Höhe und das Topcase wackelt.

Das ist genug für heute und ich bin zufrieden, einen weiteren Teil der Form gelernt zuhaben. Morgen soll der Kurs weiter gehen.