Warum dann Taijiquan und Wudangshan

 

hatte ich dir ja schon gesagt, Frau O., dass ich daran eigentlich nicht interessiert war. Ich wollte eigentlich Zen. Strenge, Kloster.
Man kann sagen, Taijiquan hat diverse Aspekte, die für unterschiedliche Bedürfnisse interessant sein können. Da wäre zum ersten die Sache mit der Gesundheit. Damit lehnen sie sich in China weit aus dem Fenster und im Westen hat man das gerne übernommen. Ich mach mitunter darauf aufmerksam, dass Gartenarbeit oder Singen im Chor auch gut für die Gesundheit ist, aber die Taijiler wollen darüber weit hinaus, tatsächlich richten sie mitunter böse Schäden an, weil sie die Sache nicht richtig machen und dann zum Beispiel Aua Knie bekommen. Aber das gehört hier nicht wirklich hin. Das Zweite ist vielleicht der meditative Aspekt, weil das ja ruhige und langsame Bewegungen sind und man sich auf den Ablauf und die Präzision konzentrieren muss. Das war damals auch für mich ausschlaggebend. Dann ist noch die Kampfkunst, hat man sich seinerzeit Anfang der Achziger in D wenig drum gekümmert, weswegen Taijiquan auch nicht in die Sportverbände gekommen ist wie Karate oder Judo, sondern an die Volkshochschulen. Erst mit der Verbreitung des Taiji-Chen Stils kam das Kämpferische wieder ins Bewusstsein. Hier in Wudangshan ist natürlich der Kampf wichtig, aber auch die Gesundheit und auch die Meditation. Aber dazu später.
Ich bin so da reingerutscht, damals. Hat mir gefallen, dann wollten andere wissen was ich da mache und irgendwie bin ich auf diesem Weg plötzlich Taijiquan Lehrer geworden. Nach einigen Jahren wollte ich wissen. ob mich das auch noch interessiert, wenn ich nicht mein Geld damit verdiene und weil es sich anbot, hab ich dann Möbel verkauft. Und für mich weiter gemacht. Wieder mal einige Jahre später hab ich gemerkt, wie egal es mir ist, in welcher Farbe sich Frau O. ihr Sofa kauft. Wäre sie aber bei mir in der Taijiquan Klasse, dann wäre es mir überhaupt nicht egal, wie sie ihre Arme hebt. Deshalb bin ich wieder zum Lehrer geworden. Nicht sofort, erst wollte ich in den Bereich der Anwendung fürs gemeine Volk. Seminare zur Stressbewältigung und so. Ging auch einige Zeit gut, dann kam Krise und ich wurde vom System ausgespuckt. Du verstehst, was ich meine. Jetzt bin ich froh darum, denn auf diese Weise bin ich wieder richtig eingestiegen und als ich 2005 zum ersten Mal nach Wudangshan kam, ging es zum zweiten Mal richtig los. 
Der Legende nach wurde in Wudangshan von einem Gelehrten Mönch namens Zhang Sanfeng das Taijiquan erfunden. Das ist auch richtig so, in gewisser Weise, aber eigentlich kann man das so nicht sagen. Naja, das würde jetzt hier zu weit führen. Jedenfalls ist Wudangshan ein Zentrum des Daoismus und ebenso ein Zentrum chinesischer Kampfkunst. Das andere Zentrum ist Shaolin, was im Westen bekannter ist, aber buddhistisch. Deshalb gibt es eben die beiden Zentren, sozusagen eines Yin und eines Yang. Das Wu in Wudangshan bedeutet Kampf, kriegerisch und das heißt deshalb so, weil die Berge dem Unsterblichen Zhen Wu Da Di, dem Wahrhaften Krieger, geweiht sind. Zhen Wu ist auf jeden Fall eine Legende, es gibt keine historische Figur. In etwa so, wie bei uns der Siegfried. Genauso gibt es hier auch alle Plätze, die in der Legende vorkommen und können besichtigt werden. Womit ja bewiesen ist, dass er hier gelebt haben muss. Im 17 Jahrhundert hat der Kaiser Yongle hier jede Menge Tempel, Paläste, Brücken und Tore errichten lassen und dem ganzen Ding noch mal gehörig Aufschwung verliehen. Deshalb gibt es auch hier sehr katholisch wirkende Gottesdienste mit Gesang, Hinknien, Aufstehen und viel Räucherwerk. Aber das interessiert mich nicht. Ich bin hier wegen sehr guter Information, wegen sauberem Training und einem offenherzigen, meditativen Alltag. Nicht klösterlich, nicht Zen, sehr lebendig.  

Eine Schale Tee

 


Eine Schale Tee

Kölnig Wen aus Zhou hatte einen besonderen Tee bekommen. Nicht viel, gerade genug für eine kleine Kanne. Damit wollte er den Weisen Li beeindrucken. Also ließ er nach ihm schicken und Wasser aufsetzen. 
Als der Weise Li in den Palast kam, war der Tee gerade gewaschen und fertig für den ersten Aufguss.
Li setze sich in gebührendem Abstand zum König, dieser aber bat ihn, näher zu rücken, sollte es doch eine vertrauliche Begegnung sein. Als der Tee in die Schalen gegossen war, sagte Li:"Wir wollen dem Himmel und der Erde danken, dass sie sich vermischt haben und uns ein Leben schenkten, in dem es uns vergönnt ist, diesen Tee zu genießen." 
"Danken wir Himmel und Erde", sagte der König und wollte nach der Schale greifen. Aber Li hob leicht die Hand um anzuzeigen, dass er noch nicht fertig sei. "Auch unseren Eltern wollen wir danken und unseren Ahnen, denn sie waren doch unmittelbar beteiligt an unserer Menschwerdung."
"Ja, danken wir Vater und Mutter und deren Vorfahren." Doch bevor König Wen auch nur die leiseste Geste gemacht hatte, redete der Weise Li weiter:"Wir sollten nicht jene Menschen vergessen, die den Tee gepflanzt, gepflegt und gepflückt haben, sowie die, die ihn uns hergebracht haben."
"Nun, so sei auch derer gedacht und damit hätten wir wohl alle", wurde der König ungeduldig.
"Wenn wir es genau nehmen", antwortete Li,"dann sollten wir zumindest noch der jungen Frau danken, die den Tee für uns zubereitet hat. Aber besser wäre es, auch jene mit in unseren Dank einzubeziehen, die das Feuerholz gebracht haben und das Wasser vom Brunnen. Obwohl sie vom niederen Volke sind, so säßen wir ohne sie mit den trockenen Blättern hier. Beinahe hätte ich auch alle vergessen, die auf Euren klugen Plan hin die Straßen ausgebaut haben, auf denen der Tee zu uns gebracht wurde. Was wären alle diese Menschen, ohne ihre Nachbarn, Freunde und Verwandte, ohne die Händler von Stoffen, aus denen ihre Kleidung geschnitten wurde, ohne die Bauern, die für Nahrung sorgten, ohne die Ärzte, welche sie bei Gesundheit hielten.
Ehrenwerter König, wenn ich es recht bedenke, dann wird letzten Endes jeder Mensch unter dem Himmel daran beteiligt sein, dass wir jetzt diesen Tee trinken können. Der wird über meine Gedanken kalt geworden sein und ich bitte um Nachsicht. Doch mit der gewonnenen Erkenntnis sollte er uns auch so schmecken, wie er inzwischen geworden ist."
Lächelnd griffen beide nach ihren Schalen und in der Tat, kühl mundete ihnen das Getränk besser, als sie es je erwartet hätten. 


Dao kennt keine Grenzen

Zum zehnjährigen Jubiläum unserer Zusammenarbeit und tiefen Freundschaft widmete Zhoing Xueyong mir eine Seite auf seinem chinesischen Blog. Der Text, verfasst von Guo ShuaiQing, ehrt mich sehr und erfüllt mich mit Freude. Die Übersetzung erfolgte mit Hilfe meiner lieben Freundin Viktoria, alle Fehler in der Ausführung des deutschen Textes sind aber mir anzulasten. 

“道”无国界 
"Dao" kennt keine Grenzen
2016-05-25 武当武术培训

 


“道可道,非常道。名可名,非常名····”一部道德经传承了千年,外文译本已有近500种,涉及30多种语言,其海外发行量居中国传统文化经典之首,甚至堪与西方的《圣经》相比(张景志先生统计的数字认为,现在已超过《圣经》,居世界第一)。
 
"dao ke dao, fei chang dao. ming ke ming, fei chang ming. .."* für den ersten Satz des Dao De Jing  gibt es hunderte Interpretationen, und dennoch ist es schwer zu verstehen. Das Buch wird wie eine Bibel gelesen und genauso zitiert.
*der weg den wir weisen ist kein dauernder weg. der name den wir nennen ist kein dauernder name. 

老子说“天道无亲,恒与善人”:就是说真正的“道”,不会因为老子是中国人而只照顾中国人。只要是“善人”——有德行有眼光的人,就会得到它。
Laozi sagt: "Des Himmels Dao ist elternlos, deshalb ist es ständig den Menschen nah." Mit anderen Worten: Ein wahrhaftiger Weg. Nur weil Laozi ein Chinese war, ist dies nicht ausschließlich für Chinesen gültig. Insofern ein Mensch gut ist, ein gütiger und klarsichtiger Mensch, möchte man mit ihm sein. 

十年前我来到的武当的时候,看到许许多多的外国人络绎不绝的来到武当山学习武当武术,而德国人Yurgen Oster除了学习太极,八卦,玄武拳等,更多的是深入学习道文化,道家人物著作。当我们问起他为什么来中国武当山学艺时,他说:“很多人来武当山也许是为了功夫,但是我是为了成为像道家神仙一样的人。”
Als ich vor zehn Jahren nach Wudangshan kam, waren viele Ausländer zu sehen, ein konstanter Fluss von Menschen, die Wudangshan Kampfkunst lernen wollten. Auch der Deutsche Yürgen Oster kam wegen des Taijiquan, Ba Gua ud Xuan Wu Quan Unterrichts, aber mehr noch, um sein Wissen um die Daoistische Kultur und Literatur zu vertiefen. Als wir danach fragten, warum jeder nach Wudangshan gekommen war, sagte er: "Die meisten kommen wegen des Wudang Wushu, aber ich bin hier um ein vollkommener Daoist zu werden."


从2006年开始,Yurgen Oster每年都来到武当山住三个月或半年,从未间断,他到紫霄宫大殿上早晚课,学习中文经典,习练太极,混元桩,玄武拳,八卦掌,太乙五行拳,八段锦,太和拳,五行气功,太极剑,拂尘等,十年来几乎所有的武术拳种他都体修过,对于67岁的他,其身体的柔韧度丝毫不弱于国内养生班的学员,对武当内家拳的理解正如他身体证悟到的一样,改变着他的生命····
Seit 2006 kommt Yürgen Oster jedes Jahr für drei bis sechs Monate nach Wudangshan, regelmäßig besucht er morgens und abends den Unterricht im Zixiaogong, Purpuwolkenpalast, studiert die chinesischen Klassiker, praktiziert Taijiquan, Hunyuan Zhuang, Xuanwu Quan, Baduan Jin, Taiyi Wuxing Quan, Bagua Zhang, Taihe Quan, Wuxing Qigong, Taiji Jian, Fu Chen. In zehn Jahren hat er sein Wushu entwickelt, kann alle Formen vorführen und ist, obwohl inzwischen 67 Jahre alt, noch so beweglich und flexibel wie ein Junger. Durch sein Verständnis der inneren Kampfkünste von Wudang sowie der Anwendung auf den Körper wurde sein Leben verändert. 


他常常说武当山就像他的第二个家,他对武当山的每一处都很熟悉,每个人都很热情,很喜欢和他交流,也许与他慈心于物的心地有关。
Oft sagt er, Wudangshan ist seine zweite Heimat, er kennt jeden in den Wudang Bergen und jeder kennt ihn, er pflegt die Kommunikation, auch wenn er die chinesische Sprache nicht fließend beherrscht, so wird er verstanden, denn er spricht vom Herzen.


武当上许多武馆可是他选择跟随钟道长习武,他说他喜欢钟师傅的性格真实直爽,功夫深厚而且境界每年都在提高,虽然他英文不好,可是一点也不影响教学。
Wudang bietet viele Möglichkeiten für Gäste, sich den Kampfkünsten zu widmen, Yürgen Oster entschied sich, dem Dao Mönch Zhong zu folgen. Er sagt, er mag Zhong Shifus direkte und ehrliche Art, sein Gong Fu zeigt Tiefe und erreicht von Jahr zu Jahr ein höheres Niveau, und auch wenn sein Englisch nicht besonders gut ist, wird dadurch seine Vermittlung nicht gemindert.


40年前他因《道德经》《易经》《庄子》而知道中国,从太极开启他的寻道之旅,结缘武当便深深的沉醉其中,并先后翻译出版数十种关于道家文化的书籍。
Seit über 40 Jahren vertraut mit den Werken "Dao De Jing" "Yi Jing" "Zhuang Zi" und anderen chinesische Klassikern, öffnete sich ihm mit der Praxis des Taiji ein Weg, dem er folgen konnte, fand Gefallen an den Wudang Praktiken und wurde von ihnen voll und ganz durchdrungen. Gleichzeitig veröffentlichte er an die 10 Bücher über die daoistische Kultur. 

 

 也许在当今社会很多国人盲目追求西方文化价值观的同时,不知道珍惜自己祖根文化的精髓,不知道大道带给人类的智慧启迪和心灵的净化,不明白“道运重兴”带给人类的利益,而在整个西方世界对道文化却是无限敬仰和推崇并从中吸取智慧来改变他们生活的各个领域。
Anscheinend folgt heutzutage die gesamte Menschheit blind dem westlichen Wertesystem, wissen nicht von dem Schatz ihrer eigenen Kultur, den Wurzeln ihrer Essenz, wissen nicht vom Weg des Großen Dao, welches der Menschheit Einsicht, Weisheit und Erleuchtung bietet. Sie verstehen nicht, welchen Gewinn sie daraus ziehen können. Die Chinesen sind begeistert vom westlichen Lebensstil in allen Bereichen und ehren nicht die Weisheit, die in der Kultur ihres Landes wurzelt.


德国哲人尼采在读完《道德经》之后,大加称赞,说老子思想“像一个不枯竭的井泉,满载宝藏,放下汲桶,唾手可得”。而托尔斯泰当年也曾说,自己良好精神状态的保持应当归功于阅读《道德经》。而Yurgen Oster用身心体证着道德经中的境界,如同武当那片清灵的天地映照他那智慧的心田。
Der deutsche Philosoph Nietzsche sagte über diese Weisheit, sie sei "...ein unerschöpflicher Brunnen, in den kein Eimer hinabsteigt, ohne mit Gold und Güte gefüllt heraufzukommen." Und Tolstoi gestand, dass ihn die Lektüre des Dao De Jing bei geistiger Gesundheit gehalten habe. So zeigt auch Yürgen Osters Verkörperung des Dao De Jing den tiefen Sinn und Wudang als ein Platz zur Klärung des Geistes und des Leuchtens schlichter Herzlichkeit.

 







 

Das Ding mit dem Dao

Hallo Frau O. warte mal, ich bin noch nicht fertig.
Ich war mal katholisch, so richtig mit Messdiener, konnte die ganze alte Liturgie auf Latein. Mit 15 war damit Schluss und mit 17 bin ich ausgetreten. Basta. Ungefähr zwei Jahre später fiel mir das Dao De Jing in die Hände. Damals noch Tao Te King, bei Reclam. Ich fand das gut. Als ich vor einiger Zeit noch mal in dieser alten Ausgabe geblättert und gelesen hab, konnte ich nicht verstehen, was ich damals daran so gut fand. Vielleicht noch mal zwei Jahre später erzählte mir einer was von einem Freund, der einen taoistischen Tanz lerne, bei dem man ganz genau festgelegte Schritte und Bewegungen machen müsse. Das passte nun überhaupt nicht zu dem Bild, das ich mir von Tao sprich Dao nach der Lektüre des Laozi Textes gemacht hatte. Noch mal sagen wir mal zwei Jahre später erklärte mir in Amsterdam eine Frau auf LSD das Yi Jing (I Ging, und ich war auf LSD, nicht die Frau). Jetzt bekam dieses pananarchistische Dao richtig System.
Also Laozi sagt gleich zu Anfang, dass man Dao nicht erklären kann, man sich aber drauf einlassen sollte. Wer sich drauf einlässt, der hat De. Dao ist sozusagen der Lauf der Dinge und De wird meist mit Tugend übersetzt, kann aber auch Kraft heißen, zum Beispiel. Die richtige innere Einstellung, um nicht den Überblick zu verlieren.

 

 Laozi nennt man den Begründer des Daoismus, obwohl das nicht alles neu war, er hat es aber aufgeschrieben. Brecht hat darüber ein schönes Gedicht gemacht, was leider nicht ganz der historischen Wahrheit entspricht. Allerdings was ist das schon. Es gibt genug Gelehrte, die meinen, Laozi habe es nicht wirklich gegeben. Ändert nichts an der Lehre. Es gibt auch genug Gelehrte, die meinen das ganze Universum existiere nicht wirklich, sondern wäre vielleicht nur so eine Idee von mir. (Was auch stimmt, aber wenn wir uns darauf einlassen, brauchen wir nichts mehr weiter tun, dann wäre Schluss)
Die Daoisten haben ein sehr interessantes Konzept vom Kosmos und dem ganzen Dasein. Ich kann das wirklich nicht in wenigen Worten zusammenfassen, aber es kommt dem sehr nah, was moderne Physiker mitunter absondern. Wenn man sich an den Gedanken gewöhnt, dass das alles nicht wirklich so ist, wie es uns vorkommt, dann kann man in eine fürchterliche nihilistische Depression verfallen oder sich entspannt zurücklehnen und den Zirkus geniessen. Bis in zweite Jahrhundert unserer Zeitechnungwar das ganze eine prächtige philosophische Schule, in der viel diskutiert und interpretiert wurde. Dann kamen die Buddhisten nach China und ich denke, unter deren Einfluss wurde aus der Philosopjie eine Religion. Dann gab es mteinmal auch Tempel und Orden und Mönche, Nonnen, Liturgien, Gesänge, Weihrauch und Opfer, Gebete Verbeugungen, Prozessionen, alles was zu einer ordentlichen Religion gehört. Da haben sich die Chinesen das Geschäft nicht den Indern überlassen. Aber das muss man nicht mitmachen. Ich geniesse es als Folklore.
Jetzt kannst du noch fragen, warum ich mich dann mit diesem Tanz abquäle, bei dem jeder Schritt und jede Bewegung genauestens festgelegt ist und wieso eigentlich ausgerechnet Wudangshan. 
Kann ich dir auch beantworten, aber nicht mehr heute.

Hier zu sein

Würde ich jetzt ein Mikrophon einschalten, dann wäre es ein postcast, oder? Einen Postcast hab ich noch nie gemacht. Es würde mich aber vor dauernden Tippfehlern bewahren. 
Frau A.O. aus ich weiß nicht wo fragt, was ich hier eigentlich mache. Weil sich das vielleicht auch einige andere fragen, beantworte ich es öffentlich. Ich hoffe, Frau A.O. aus Irgendwo hat Verständnis dafür. 
Nun mache ich hier nichts besonderes, die alltäglichen Dinge, die hier aus sehr viel körperlicher Übung bestehen.
Vor fast ziemlich genau vierzig Jahren ungefähr fing ich damit an Taijiquan zu lernen. Obwohl ich das zunächst widerwillig anging (Freundin wollte, ich nicht) fand ich eigentlich schon nach dem ersten Heben und Senken der Arme einen Gefallen daran und stellte mich anscheinend auch noch geschickt an. Machen wir es kurz, ich wurde völlig ohne Ambitionen zum Taijiquan und Qigong Lehrer. Weil Taijiquan zumindest der Legende nach in Wudangshan seinen Ursprung hat (und auch die chinesische Post unterstützt diese Legende), bestand ich 30 Jahre später darauf, eine Chinareise mit einem Besuch in Wudangshan zu verbinden. 
Ich dachte mir das so: Da ist ein Berg und da ist ein Tempel mit Mönchen und die haben den ganzen Tag nichts besseres zu tun als Taijiquan zu üben. Tasächlich ist das nicht EIN Berg, sondern eine Bergregion umd es gibt da auch nicht einen Tempel, sondern viele und die Mönche machen kaum was an Taijiquan. Das wurde zumindest in der Neuzeit (nach ca. 1985) ins Profane verlagert und wird derzeit in immer mehr aufblühenden Schulen unterrichtet. 
So! In diesem Universum landete ich vor 11 Jahren und seit 10 Jahren reise ich immer wieder freiwillig hier hin.
Gestern Abend hatten wir ein Essen. Ein neuer Gast, der in der Tourismusbranche wer ist, hatte eingeladen und da saß ich nun, mit unserem Shifu 师傅,dem hiesigen Polizeichef (ich mit dem Polizeichef!) und so weiter zusammen und haben gefachsimpelt und gesponnen, uns erinnert, daran, wie ich zum ersten oder zweiten Mal herkam und wie Zhong Shifu und ich gleich Freunde wurden. Ich bin nicht dazu gekommen, zu erklären, warum ich in Deutschland keinen Tempel errichten will. aber dass ich mich hier wie zu Hause fühle, selbst wenn ich dieses verdammte Chinesisch einfach nicht verstehe. (man spricht hier einen Dialekt, ähnlich dem Sächsischen). Als ich meinte, ich fühle mich wie in der Mitte der Mitte des Zentrums, da stimmten alle zu, weil ich ja hier in der Mitte der Mitte des Zentrums sei und auch, dass man das niemandem erklären könne, der noch nie hier gewesen ist. Meinte auch der Polizeichef. Und auch die Polizistin, die ich immer Ursula nenne, weil ich ihren Namen nicht weiß, die aber auf Ursula hört. 
 
Mit der Polizei sind wir dicke, weil die Schule in einem ehemaligen Hotel untergebracht ist, welches der Polizei gehört. Jetzt hier zu erklären, warum wir in diesem Polizeihotel sind, das wird zu kompliziert. Wir trainieren im Hof oder im Tempel, dem Zixiaogong, was Purpurwolkenpalast heißt. Wir führen kein ruhig beschauliches, meditatives Tempelleben. Vor allem das Training der Jugendlichen ist recht sportiv. Ich halte mich aus Altersgründen etwas zurück. Obwohl ich nun auf die siebzig zugehe, mangelt es mir an entsprechender Alterswürde, da hilft auch kein Bart. Allerdings lassen mich die schnelleren Kungfu-Formen aus der Puste geraten. 
Ansonsten lässt mir unser Trainingsalltag kaum die Zeit, einen solchen Bericht zu schreiben. 
Ich verbringe meine Tage mit den kleinen Dingen, damit, mein Zimmer sauber zu halten und meine Wäsche, immer mit der Hand, weil es keine Waschmasch mehr gibt, rechtzeitig zum Essen zu kommen, weil es sonst nicht mehr alles gibt und rechtzeitig zum Training, weil es sich so gehört. Meistens stehe ich morgens gegen halb sechs auf, gehe rauf in den Tempel, wo die Nonnen singen und ich mein Qigong mache. Danach gibts Frühstück, aufräumen, Training, Mittagessen und Pause, wie jetzt, die ich gerne nutze, Chinesisch zu lernen, worüber ich immer prima einschlafe. Dann wieder Training, Abendessen, Spaziergang, schlafen. Alle zehn Tage ist frei, meistens nutze ich es für einen Ausflug.
Das alles hat natürlich auch mit Dao zu tun, jenem geheimnisvollen Offenbaren.
 
ein jeder gibt seinem leben sinn
ich allein bin ohne verstand
anders als andere
ehre die nährend mutter 

Ich weiß nicht genau, warum ich hier bin. Weil es meistens morgens Nudelsuppe gibt? Oder weil mir hier noch die Hühner über den Weg laufen, wegen der Nonnen, wegen des Kongfu???
Wenn ich hier bin, bin ich glücklich. Mir reicht das. 

Es ist nie altmodisch, das zu tun, was man am besten kann.*

Vor einem Jahr um diese Zeit, ungefähr, hielt ich es für eine gute Idee, den Daoismus der Wudang Tradition aufzuzeichnen. Eine Fortsetzung des etwas in Stocken geratene Projekt auf einem meiner Blogs.  In Deutschland weiß man recht wenig über die Geisteshaltung, die neben dem Konfuzianismus auf chinesischen Boden gewachsen ist. Da gibt es cirka 20 verschiedene Übersetzungen des Dao De Jing (Tao Te King) vielleicht zwei oder drei Bücher mit den Texten von Zhuangzi (Chuang Tse) und das Yi Jing (I Ging). Dazu noch einige Sekundärliteratur, Aboutism. Damit geben sich die Leut zufrieden, denken sich ihr Teil und gehen wieder zum Tagesgeschäft über. Aus dem Daoismus könnte man Berge von Bücher übersetzen. Deshalb hielt ich es auch für eine gute Idee, mich auf die Aspekte der Wudang Tradition zu beschränken. Das allein würde schon Arbeit für einige Jahre bedeuten. Nicht nur die Theorie, die Geschichte, die Medizin, natürlich auch die Kampfkünste, die verschiedenen Richtungen und Stile, Sanfeng, Xuanwu, Longmen ....

 

Zur Finanzierung hatte ich mir einige Alternativen durchgerechnet. Zunächst wollte ich in Ruhe das Feld sondieren, weshalb ich mir drei bis vier Monate Zeit der Recherche frei gehalten hatte. Ich ging es wie gesagt in Ruhe an. Und mir wurde klar, dass niemand hier in die Berge gegangen ist um die Berge kennen zu lernen. Die Einsiedler, jene frühen Daoisten und die ihnen folgenden Mönche, als auch die modernen Kampfkünstler aus aller Welt, sie alle wollten und wollen nicht die Berge kennen lernen, sondern sich selbst. Die Berge haben ihre Geschichte und ihre Geschichten. Die kann man sich anhören oder anlesen. Aber ist es von Bedeutung?. 
Sich selbst kennen lernen ist ein merkwürdiger Prozess. Als wollte man sein Spiegelbild aus dem Wasser schöpfen. Dauert, bis man den Schöpfer erkennt. 
Mit anderen Worten, das Projekt wurde hiermit vorgestellt und begraben. 
Kommt euch die Berge selbst ansehen. Sie sind es wert. 

*aus „Die Gräfin von Hongkong“