Idefix

Da war dieser kleine Hund, so hilflos. Anscheinend war er von bösen Buben gequält und misshandelt worden. Sofort fingen die Kinder an ihn zu hätscheln:“So süß.“
„Nun nimm ihn nicht gleich auf den Arm, wer weiß was der alles hat.“ mahnt der Vater. Aber auch die Mutter will dem armen Kerl helfen. „Da muss man doch etwas tun.“ 
„Bringen wir ihn ins Tierheim, die wissen schon, haben Erfahrung.“ versucht der Vater einen Kompromiss zu finden. 
„Ja, morgen“, sagt die Mutter, nicht sehr überzeugend. 
Mutter setzt sich durch, die Kinder sind auf ihrer Seite. „Wir kümmern uns auch“, versuchen sie zu versprechen. 
„Ihr macht euch keine Gedanken, was da alles auf uns zu kommt. So ein Tier kostet auch. Tierarzt, Impfungen, wer weiß wie groß der noch wird. Dann muss auch einer mit dem Hund raus. Mindestens zwei Mal am Tag, auch bei Regen. Und wie wollen wir dann in Urlaub? Kann man nicht überall mitnehmen, da gibt es Quarantänebestimmungen in manchen Ländern. Da denkt ihr überhaupt nicht dran. Nur ‚so süß….‘ jetzt noch. Aber warten wir mal ab, so in nem halben Jahr.“ Vater ist echt sauer. Vater weigert sich, den Hund überhaupt anzufassen. Vater nennt den Hund auch immer nur Hund, nie Idefix, wie die Kinder ihn getauft haben. 




Tatsächlich ist es nicht so einfach mit dem Hund. Sauber ist er noch nicht. Kackt auf den teuren Teppich, pinkelt in die Küche. Vater flucht, Mutter macht den Dreck weg. Die Kinder spielen mit Idefix. Die Kinder gehen auch mit Idefix raus, sind stolz, werden beneidet. Aber auch gehänselt. „Hat der Flöhe? Der hat bestimmt Flöhe. Und Würmer. Eklig.“
Hat tatsächlich Würmer. Der Vater will ihn nun endlich im Tierheim sehen. Dann zerkaut er Vaters gute Schuhe. Knabbert am Sesselbein. Vater läuft rot an. Einmal hätte er beinah nach Idefix getreten. 
Aber mit der Zeit beruhigt sich der kleine Hund. Wird auch nicht viel größer. Er ist auch lustig, macht komische Sachen, lernt den Ball holen, trägt die Zeitung nach Haus. Naja, den Postboten knurrt er an (blödes Klischee. Woher weiß der Hund das?) und die krumme Frau, die mit ihrem alten Boxerhund in den Park kommt, die hätte er beinah einmal gebissen. 
Die Kinder lieben Idefix, doch mit den Jahren finden sie auch immer häufiger Ausreden, um nicht mit ihm Gassi zu gehen. 
Fünfzehn Jahre später. Idefix ist seit  vier Jahren tot. Alle waren sehr traurig, aber auch einig, dass kein anderer Hund Idefix ersetzen könnte. Trotzdem haben sie dann acht Monate später einen aus dem Tierheim geholt. Einen kleinen strubbeligen Streuner, den sie Janosch nannten. Dann gingen die Kinder aus dem Haus, in andere Städte studieren. Mutter verliebte sich im Urlaub in einen Schweizer Autohändler und lebt jetzt in Thun, im Berner Oberland. Vater hat darauf bestanden, dass Janosch bei ihm bleibt. Vater ist froh, den Hund zu haben. Wenn er jetzt mit ihm raus geht, dann kann er wahrscheinlich Andrea treffen, die hat auch so einen Mischling, aber Kurzhaar. Sie ist ganz nett.

Ersetze „kleinen Hund“ durch „300.000 Flüchtlinge“

Lies die Geschichte noch einmal.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen