Fortschritte



Gestern hat Zhong Shifu davon erzählt, wie er als 14jähriger hier hin kam in die Wudang Berge. Von den Eltern geschickt, weil er schwächlich war und ständig krank. Damals, in den 80er Jahren, hatten sie hier nur eine notdürftige Unterkunft, mit Löchern im Dach, die man immer wieder versuchte zu flicken. Keine richtige Toilette, erst recht keine Dusche. Nach dem Training sind sie in den Teich gesprungen vorm Zixiaogong, auch im Winter. Da mussten sie erst das Eis aufhacken. Trinkwasser musste vom Berg aus einer Quelle geholt werden, Feuerholz im Wald gesammelt. Nun leben wir daran gemessen im puren Luxus, mit Toiletten in jedem Zimmer, heißer Dusche und einer Köchin, die für das leibliche Wohl sorgt. So hat der Fortschritt viel Verbesserung und Erleichterung gebracht. Aber, so meint der Meister, würden die Schüler nicht mehr so erfolgreiche Fortschritte machen. Er hat Sorge, dass vieles verloren gehen könnte. Es wird jetzt zwar alles verbreitet und nicht mehr so geheim gehalten, wie früher, wodurch auch einiges verloren gegangen ist.
Dazu hat er uns die Geschichte des Tai Yi Wu Xing Quan erzählt, was ich ja gerade lerne. Diese Methode wurde von dem Wudang Meister Zhang Shouxing (张守性) in der Longmen (Drachentor) Tradition um 1500 entwickelt. Die Meister suchten sich immer nur wenige Schüler aus, die sie für geeignet und zuverlässig hielten. Nicht jeder lernte wie heute fast alles (und nichts richtig - Anmerkung des Chronisten) sondern man konzentrierte sich auf wenige Techniken, ergründete sie dabei in der Tiefe. Einer derer, die im Tai Yi Wu Xing Quan ausgebildet wurde, war ein jüngerer Bruder des letzten Kaisers, Aisin Gioro Pu Xuan (daoistischer Name Jin Zitao), dessen bewegtes Leben ein Buch wert wäre. Er blieb 1929 nur kurze Zeit in den Wudang Bergen wo er unter Li Heling hier am Zixiaogong das Tai Yi Wu Xing Quan lernte. Als er nach den Wirren der Kulturrevolution 1980 wieder zurückkehrte, stellte er fest, dass niemand dort war, der Tai Yi beherrschte. Er hatte es bis zu diesem Zeitpunkt auch nicht unterrichtet, weil er keinen geeigneten Schüler gefunden hatte. Nun war er auch nicht mehr der Jüngste und es ging darum, ob er sein Wissen mit ins Grab nehme oder doch noch Schüler unterweisen würde. Er hat sich für letzteres entschieden und kam regelmäßig nach Wudangshan um dortige Kampfkünstler zu unterrichten, darunter Zhao Jianying und Yang Qunli, bei dem ich das Tai Yi Wu Xing Gong (Fünf Tiere) gelernt habe.
Zhao Jianying wurde sehr bekannt. Sie unterrichtete auch Zhong Yun Long, ein Onkel und Lehrer unseres Shifu, damals in den 80er Jahren.

Money money money...



Bei dem einen wurde eingebrochen, mir wurde Geld gestohlen, eine Freundin fühlt sich als Sklave des Geldes. Nun mal langsam. Zunächst denke ich, ist jener Mensch, der mir Geld gestohlen hat ein größerer Sklave des Geldes, wenn überhaupt. Gestohlen wird, was einen Wert darstellt, manchmal für den Bestohlenen einen größeren, als der Dieb dafür einlösen kann. Wert aber ist etwas sehr abstraktes. Wert kommt in der Natur nicht vor. Er existiert nur in unserer Vorstellung. Die folgende Belehrung stammt nicht von mir, ich habe sie in einem Buch gelesen, weiß nicht mal mehr, in welchem.


Ein Dollar hat einen bestimmten Wert, auf den sich die Gesellschaft im allgemeinen geeinigt hat. Es wurde zwar nicht jeder gefragt, wieviel ihm das Papier wert sei, das regelt der Markt. Früher war der Geldschein noch ein Garant für eine bestimmt Menge Goldes, die die Bank jederzeit bereit war, dem Besitzer dafür auszuhändigen. Diese Zeiten sind vorbei. Obwohl die Bundesbank, welche die Geldscheine ausgibt dafür nichts an echtem Wert bereit ist zu geben, ist es noch immer verboten, Geldscheine nachzumachen. Bei Strafe. Ein nachgemachter Geldschein ist nichts wert.
Als aber der Popkünstler Andy Warhol im Siebdruckverfahren ganze Notenbögen herstellte, und das recht schlecht, wurde er dafür nicht bestraft, sondern hoch gelobt. Seine Dollar-Bögen waren schnell mehr wert, als die darauf abgebildeten Dollars. Würde nun jemand hingehen und das gleiche machen, mit Andy Warhol signieren, also kein Geld, aber Kunst fälschen, dann wären die Bögen, spätestens wenn der Schwindel aufgeflogen ist, nichts mehr wert.


Also was ist ein Dollar? Wahrscheinlich würde man dir hier in China sogar etwas für den Dollar verkaufen. Einfach um einen Dollar zu besitzen. Jedoch umgekehrt wird dir in USA kein Ladenbesitzer etwas für die hiesigen Mao-Bildchen geben.


Weil wir angefangen haben, Dingen einen Wert beizumessen, wurde vor ca. 3000 Jahren das Geld erfunden. Es hat etwas durchaus Praktisches. Im reinen Tauschhandel hätte ich wohl große Probleme, an mein tägliches Essen zu kommen, wenn ich keinen Bauern finde, der an Taijiquan interessiert ist.
Du bist sowenig Sklave des Geldes, wie du Sklave der Atemluft bist. Beides brauchst du, um in dieser Welt, in dieser Zeit, in dieser Kultur zu überleben. Wenn du mehr willst, als du brauchst, dann wirst du Sklave. Wenn unser Atemluft immer dreckiger wird und Nestlé über dem Ozean saubere Luft auf Flaschen zieht, dann wirst du Sklave. Womit wir uns selbst und andere unterjochen, das ist nicht das Geld, es ist die Gier. Weil wir glauben und uns gegenseitig glauben machen, dieses oder jenes unbedingt besitzen zu müssen. Weil wir uns gegenseitig einreden, die Dinge hätten einen Wert.
Deshalb rät uns Laozi, Gewinn und Verlust gleichermaßen zu behandeln. Gleich gültig, gleich wert.

Eine Schale

Du hast eine Schale, eine, die groß genug ist, eine Portion Reis mit Gemüse zu fassen oder aus der du eine Suppe trinken kannst. Für unsere Betrachtung ist es völlig irrelevant, aus welchem Material die Schale ist. Sie kann aus Keramik, Glas, Blech oder Plastik sein. Was uns interessiert ist das Potential der Schale. Wenn sie leer ist, kann sie mit allem möglichen gefüllt werden: mit Nahrung, Sand, kleinen Souvernirs aus dem letzten Urlaub, du legst deine Schlüssel hinein, was auch immer. Alles was nicht zu groß ist, kann in der Schale Platz finden. Solange nichts anderes darin ist, solange sie leer ist. In dem Moment, in dem du sie mit etwas füllst, gibst du ihr eine Bestimmung. Ihr Potential verändert sich. Solange sie leer ist, ist sie aufnahmebereit. Gibst du ihr eine Bestimmung, wird sie definiert. Sie wird zur Schlüsselschale, oder zur Suppenschale.
Vielleicht hast du die Schale aber gekauft, oder geschenkt bekommen, weil sie eine besonders schöne Schale ist. Sie ist aus so herausragendem Material, von solch hoher Handwerkskunst, dass selbst klares Wasser ihre Schönheit mindern würde. So ist sie eigentlich keine Schale mehr, nur von der Form her, aber sie wird nie eine andere Bestimmung haben, als sie selbst zu sein. Sie ist leer und nur in ihrer Leerheit ist sie zu ertragen.
Ich kannte einen Mann, der sich nach einer erfüllenden Arbeit sehnte. Er bekam auch die verschiedensten Angebote, gute Angebote. Aber er lehnte stets ab, weil er dann ein anderes Angebot ja nicht mehr bekommen oder annehmen könnte. Eines, dass ihn vielleicht mehr erfüllen würde. So blieb er ständig unerfüllt, schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch und wartete auf die große Erfüllung, die er nie erkennen würde. Denn nur wenn er eine Arbeit annehmen und ausführen würde, könnte er davon erfüllt sein. Nicht, wenn er nur ihre Möglichkeit in Betracht zog.
Nun denke wieder an deine Schale. Lässt du sie für immer leer, hat sie immer das Potential, etwas aufzunehmen. Erst wenn du ihr eine Bestimmung gibst, ist sie er-füllt.

Oh my darling

Bei meinem letzten Aufenthalt in Münster Ende September lernte ich jenen Straßenmusiker mit den Rumbarasseln und seinem "Oh my Darling" Sprechgesang kennen. Ja, ich nenne ihn einen Musiker, ein echtes Genie der Minimal Art, ein John Cage hätte seine helle Freude an ihm gehabt. Ein Wunder, dass er noch nicht ein umjubelter Youtube Star ist. (http://youtu.be/2SVQaH5BiVw)
Nun schickt mir mein Freund aber eine Zeitungsglosse nach China, in welcher dieser Mensch verhöhnt, mit jenem glücklosen Troubadix aus den Comic Heften verglichen wird. Dieser Mann hier aber ist aus Fleisch und Blut, ein Mensch. Wer sich von seiner Darbietung gestört fühlt, und jeder Laubbläser ist um ein vielfaches störender, soll sich bewusst machen, dass man im Vorübergehen den monotonen Gesang höchsten 20 Sekunden ertragen muss. Dieser Mann aber erträgt es den ganzen Tag. Jeden Tag. Dafür gebührt ihm Respekt und vielleicht auch eine kleine Anerkennung.

Love is in heaven

Selbst wenn die Tage neblig waren, zeigte sich abends der Himmel klar. Ich kann mich regelrecht berauschen an der Fülle der Sterne, die hier zu sehen sind. Dazu die Stille. Direkt über dem Purpurwolken Palast steht derzeit das Bild des Schwan. Von Schwänen sagt man, wenn sie sich als Paar finden, was selten ist, dann bleiben sie zusammen ein Leben lang.


Direkt neben dem Schwan aber sehen wir das bekannte chinesische Liebesdrama. Der Knabe und das Jademädchen, von der himmlischen Mutter getrennt durch einen reißenden Fluss, den sie nur einmal im Jahr überqueren können auf der Elsterbrücke.


Es sind die Sterne Wega in der Leier und Atair im Adler, zwischen denen die Milchstraße strömt.
Jeder Stern ist an seinem Platz, jedes Sandkorn.