wieso weshalb warum 2


Ein chinesischer TV Sender, der international zu sehen sei, dafür wollten sie einen Beitrag machen über ausländische Taiji Quan Studenten in Wudangshan. So sagten sie mir und warum soll ich ihnen nicht glauben. Sie haben ein paar Shots gemacht während des Trainings und danach ein Interview mit mir. Der junge Mann stellte mir einige freundliche Fragen. Man würde in China sagen, Taiji Quan zu erlernen sei sehr schwierig, was uns denn bewegen würde, diese Anstrengung auf uns zu nehmen.

Wenn etwas am Anfag leicht fällt, dann wird es mit der Zeit zu einer Last. Was aber anfangs Mühe bereitet, wird immer leichter und bereitet Freude. Es ist zum Beispiel leicht, mit Freunden ein Glas Wein zu trinken, fröhlich zu sein und das Leben für ein, zwei Stunden zu genießen. Verlässt man sich aber auf den Wein, um das Leben genießen zu können, dann wird es dich mit der Zeit abhängig machen und schnell bist du auf dem Weg zum Alkoholiker.

Besteigst du einen Berg auf einem beschwerlichen Weg, dann wird dich der Ausblick vom Gipfel belohnen. Diese Freude geht tiefer und berührt dein Herz mehr, als kurzfristige Lustigkeit. Machst du dich auf den Weg des Gong Fu, sind Mühen und Anstrengungen deine täglichen Begleiter, während dein Herz lächelt.

Taiji Quan lässt sich nicht mit dem Kopf verstehen. Nur durch beständige Wiederholung, durch Rezitation dringt es in dich ein. Gefällt dir ein Musikstück, so wirst du es immer wieder hören wollen und du wirst es immer besser verstehen. Nicht, indem du es analysierst.

Dao verbindet uns miteinander und mit der Natur. Die Natur ist unser bester Lehrer, von ihr bekommen wir alles. Wir sind selber Teil der Natur und wenn wir die Natur verstehen, verstehen wir uns selbst. Es ist unsere Natur.

Und so weiter, was man so sagt, was einem durch den Kopf geht, während man dort sitzt in der wunderbaren Umgebung und ein lächelnder Chinese ein Mikrophon hinhält. Er hat versprochen mir eine E-mail zu schicken, wenn es gesendet wird

wieso weshalb warum

Ob das alles so stimmt auf der Grafik, kann ich nicht beurteilen. Es kommt mir ziemlich küchenpsychologisch daher. Dennoch sollte sich jeder Gedanken machen, warum an welchen Stellen des Körpers die Schmerzen auch seelischen Hintergrund haben könnte. Dass ungeübte Muskeln, die über Jahre, Jahrzehnte nicht beansprucht wurden, bei intensivem Training sich bemerkbar machen, ist wohl eine andere Sache. Beobachte ich jedoch die Schwierigkeiten einiger Übenden (nicht nur hier in unserer Wuudang-Gruppe, sondern in allen Kursen und Seminaren) den unteren Rücken zu entspannen, das Steißbein hängen zu lassen, oder die Knie so zu beugen, dass sie nicht schmerzen, dann kommen mir die Angaben auf dieser Grafik durchaus folgerichtig vor.


Heute hat Lehrer Ming seinen freien Tag. Lehrer Zhong Xuehao, Cousin des Meisters, nimmt seinen Platz ein. Er ist noch sehr jung, gerade mal 18 Jahre (Ming ist immerhin 5 oder 6 Jahre älter). Ich bewundere diese jungen Leute, die scheinbar völlig unbefangen uns alten Säcken zeigen, was wir für steife Brocken sind. Obwohl ich wahrscheinlich von allen Anwesenden der Beweglichste bin, komme ich mir den Frischlingen gegenüber recht ungelenk vor. Ich werde mir die Grafik darufhin doch genauer anschauen.

Phänomene

Offenbar ist auch unseren Trainern das "Vierte Tag Syndrom" bekannt. So wurde nur geringes Jibengong angesagt, zwanzig statt der erwarteten vierzig Minuten gestanden (Zhan Zhuang) und auch beim Formentraining die Leine etwas locker gelassen. Aber der Tag ist noch nicht vorbei. 


Quelle: brisbanechentaichi


Wie so oft, wenn ich eine neue Form lerne bzw. eine Form neu lerne, vergesse ich erst mal alles, was ich über Gong Fu weiß und missachte die eiinfachsten Regeln. Zum Dank darf ich mir dann alles das anhören, was ich selbst ununterbrochen meinen Schülern predige. Kennt einer von euch Experten eine wissenschaftliche Bezeichnung für dieses Phänomen?

Auch ein anderes Phänomen lässt sich schon nach wenigen Tagen beobachten, welches Meister Liu Yiming (1734 - 1821) in seinen Fünfzig Hindernissen auf dem Weg der Entwicklung unter "Falsches Verständnis" beschrieben hat: "Die Verfeinerung ist ein langer und langsamer Vorgang. Wenn ein wenig sichtbar wird, glauben manche, sie hätten alles verstanden und könnten anderen Menschen den Weg zeigen. Tatsächlich geben sie die eigene Entwicklung auf und täuschen andere, die guten Glaubens sind." Wenn ein Blinder die Blinden führt, fallen alle in die Grube.*

*Alle fünfzig Hindernisse finden sich in meinem Buch Sitzen in Vergessenheit - Daoistische Meditation nach Sima Chengzhen.

oben und unten

Unten am Eingang in das Wudanggebiet, wo vor zehn Jahren nur ein Tor stand mit einer Baracke davor, in der man seinen Eintritt zahlen konnte, ist inzwischen eine kleine Stadt entstanden. Immer mehr und dichter gedrängt stehen neue Gebäude, während die ersten schon langsam verfallen. Inmitten der Hotelklötze, die alle einmal bewohnt werden sollen, steht die erste International Wudangshan Wushu University. Meister Yang, bei dem ich vor zwei Jahren noch die fünf Tiere studierte, ist nun deren Leiter. Vor wenigen Tagen fragte er R. der auch schon seit Jahren immer wieder hier landet und seine Kentnisse erweitert, ob er als sein Assistent arbeiten wolle. Free training, room and acccomodation includet. Aber R. glaubt nicht, dass er das Angebot annimmt. Er mag nicht "dort unten" sein.  Es gibt einen gewissen Geist hier oben in den Bergen, der seit zweieinhalb tausend Jahren die Einsiedler und Alchemisten fasziniert. Den findest du da unten nicht. Ich kann R. gut verstehen.

Wenn eine Gruppe hier landet, dann überfällt sie zunächst der Kulturschock. Sie haben einige Videos gesehen und sich eine Vorstellung gemacht. Vielleicht haben sie auch ein paar lustige Reiseberichte gelesen und nun stehen sie vor der Wirklichkeit. Auch wenn icch in den Reisevorbereitungen darauf hinweise, dass wir nach China fahren, in die Berge, irgendwo mitten im Land, dann sind sie doch überrascht, was das bedeutet und fragen sich, ob sie das nun wollen. Sie wollen. Nach wenigen Tagen fühlen sie sich aufgehoben in der liebevollen, familiären Atmosphäre. Auch ist einem Auge, dessen Trägersubstanz sich sämtlicher Muskeln bewusst wird, ein Fleck an der Wand das kleinere Übel. Morgen ist der berühmte vierte Tag, von dem sie nichts wissen. Der Tag, an dem die Schallmauer durchbrochen wird, der Tag mit dem point of no return, der Tag, nach dem der Körper nichts anderes mehr kann als loslassen, als entspannen, als fallen.

Antrainieren

Drei Tage dauert die ruhelose Zeit, in der von morgens bis abends im Tempel gesungen, getrommelt und geflötet wird. Selbst wenn nur drei Menschen vor dem Seitentempel an der Zeremonie teilnehmen, werden Gesang und Musik über stadionreife Lautsprecher in den Hof übertragen. Unser erstes Training im Tempel wird darob vom Meister abgebrochen. Zu laut. Wir siedeln um in die neuen Anlagen, die in den letzten Jahren errichtet wurden. Das Refugium für verrentete Mönche und Nonnen, welches von außen eher bescheiden wirkt, bietet in seinem Inneren mehrere weiträumige Höfe, ideale Trainingsplätze, weitab vom touristischen Rummel.

Für Neulinge gebe ich einen kurze Überblick der historischen Entwicklung. Nachdem die von Mao Zi Dong angestiftete Kulturrevolution ihr Ende gefunden hatte, wurden im weiteren Verlauf der chinesischen Öffnung auch die ehemals verbotenen Religionen wieder belebt, die Klöster durften wieder Mönche und Nonnen aufnehmen. Einige der jungen Männer, die in den achtziger Jahren sich in Wudang meldeten, wurden hinausgeschickt ins Land, alte Meister aufzufinden und deren Kampfkünste wieder zu erlernen und zurückzubringen in die Berge. Mit Sicherheit sind nun einige Stile und Formen für immer verloren, andere Neuerungen aber wurden mit übernommen. Einer dieser jungen Mönche Zhong Yun Long, erhielt die Erlaubnis, eine Schule zu eröffnen, in der erstmalig für ein Jahr Wudang Gong Fu an Menschen unterrichtet wurde, ohne dass sie in ein Kloster eintreten mussten. Aus dieser Schule entstand Anfang des neuen Jahrtausends eine größere Akademie. Um 2005 wurde diese privatisiert. Der neue Eigentümer hatte wohl andere, kommerziellere Vorstellungen, als Zhong Yun Long, sodass dieser die Akademie verließ. Nach einer kurzen Phase unter seinem Schüler Yuan Xiugang übernahm sein Neffe Zhong Xue Yong die Leitung. Die Akademie hatte einen sehr guten Ruf und es waren ihre Mitglieder, die während der Expo in Shanghai chinesisches Gong Fu der Welt nahebringen durften. Die Qualität rief neue Investoren auf den Plan, die sich ein Geschäft versprachen, welches Zhong Xue Yong wohl nicht mitmachen wollte. Er verließ die Akademie und machte sich selbständig. Ende des historischen Überblicks.

Gleich von Anfang an machte Meister Zhong deutlich, was er unter einem guten und sauberen Training versteht. Wir wurden nicht lange geschont, sondern sofort ins volle Programm geworfen, welches immer noch sehr gemäßigt ist im Vergleich zu den jungen chinesischen Zöglingen. Unsere Gruppe teilt sich in Ba Duan Jin für Anfänger, Taijiquan für Mutigere, Wu Xing Qigong für Geübte und Xuan Wu Quan für die Kampfkünstler, wovon ich einer bin. Die Form habe ich schon einmal gelernt, aber die wirklich innere Arbeit habe ich nicht erfasst. Dafür bin ich jetzt hier.

Ankunft

Die lange schreckliche Zugfahrt war nicht so schrecklich wie befürchtet. Es gab gutes Essen auf Rädern und dann hatte man Zeit genug, den Jetlag wegzuschlafen. Pünktlich wie meistens bei den chinesischen Zügen erreichen wir den Bahnhof von Wudangshan. Der wurde verlegt in die Nachbarstadt Liuliping, 20 Fahrminuten von Laoyying, der eigentlichen Wudangstadt entfernt. Dafür hatte uns Meister Zhong ein Lastenkamel fürs Gepäck besorgt und drei PKW, die uns nach Laoying zum Frühstücken brachten. Der mir bekannte große Frühstücksraum hatte zwar geöffnet, aber Essen gab es erst in 40 Minuten. Zeit genug, durch die Umgebung zu bummeln und dann am alten Bahnhof
Foto Stephan Indermühle
von einem tüchtigen jungen Mann in sein Etablissement verführt zu werden. So gab es doch schon früher zu essen, Nudelsuppe, von seiner junngen Frau fleißig in die Schalen gefüllt. Mit Tofu und Gemüse, reichhaltig und nahrhaft. So unbeschwert, vom Gepäck beftreit, waren auch alle bereit, den Weg zum Wudangmen, dem Tor, durch das ein jeder muss, zu Fuss zurück zu legen.

Wir hätten auch nicht früher dort sein müssen, denn kaum angelangt, ertönte wohl ein Signal, welches einer überraschend großen Menge chinesischer Touristen sagte, die Schalter seien geöffnet. Jeder Chinese möchte überall wo es möglich ist, Erster sein. Wenn man das weiß, kann man sich geschickt von dieser Strömung ohne große Anstrengung in die vorderste Reihe tragen lassen. So hatten wir schnell das Tagestickett. Seine Umwandlung in ein Jahresticket, was zu verbilligtem Eintritt berechtigt, ist eine Geschichte für sich.

Die Menge war inzwischen angewachsen und es brauchte drei Busse, bis auch wir einenn Platz fanden, einen Bus, der uns ohne umsteigen am Tai Zi Po direkt in die Berge zum Zi Xiao Gong, unserem Haustempel brachte. Jetzt waren es nur noch wenige Stufen in Meister Zhongs Schule, wo wir mit großer Freude empfangen wurden. Sofort wollte ich wissen, wieso an einem Werktag lange vor der goldenen Woche, die es nach letzetn Informationen im Mai nicht mehr gibt, wieso an diesem Tag so viele Menschen in die Berge kommen. Zhen Wus Geburtstag, eines der größten Feste im Jahr. Also deshalb. Dann kehrt ja bald wieder Ruhe ein.

Bahnhof Beijing West


Landet man um 5:30 in Beijing, sollte man glauben, genug Zeit zu haben, den Zug um 10:03 am Westbahnhof zu erreichen. Sollte man besser nicht glauben. denn die Wege im Terminal 3 sind lag und die Busfahrt dauert anderthalb Stunden. Sollte man nicht glauben, wenn man sich noch einen letzten Kaffee gönnt, bevor man den Bus besteigt. Als die digitale Anzeige bei 9:00 angelangt war, aber der Bus sich noch immer im nördlichen Bezirk befand, wurde ich langsam nervös. Immerhin hatte man mir mitgeteilt, es sei ratsam, die reservierten Fahrkarten eine Stunde vor Abfahrt am Schalter zu holen. Aber der Bus hält an, der Verkehr staut sich, ein Bahnhof West ist nicht in Sicht und die Uhr springt eine Minute weiter, zwei Minuten, drei Minuten. Bitte, wir sollten fahren, bitte schnell zum Bahnhof. Was passiert, wenn die Karten nicht rechtzeitig abgeholt werden. Begehrte Fahrkarten für weiches Liegen. Wird man mich mitleidig belächeln, den Kopf schütteln und auf die Zeit verweisen. 
9:30 Bahnhof West, warum läuft jetzt diese Frau mit dem Fahrrad vorm Bus her, warum muss das Taxi anhalten, kann ich schon mal aussteigen? Nein natürlich nicht, jetzt noch die enge Kurve, 9:32 dann hält der Bus und jetzt wäre es gut, wenn ich schon wüsste, wo ich die Karten abholen sollte. An irgendeinem Schalter? Wärend die Gruppe sich ums Gepäck kümmert, stehe ich wieder mal in der verkehrten Reihe an. Da, wo alle eine Frage haben, mit der Antwort nicht zufrieden sind, noch mal fragen und dann zögerlich den Schalter frei machen für den nächsten Frager, der mit der Antwort nicht .. ich wechsel den Schalter, hier geht es zügiger, ich komme dran,stelle meine Frage und werde zurückverwiesen, falscher Schalter, ich stand vorher richtig und gerade wird auch de junge Mann abgefertigt, der vor mir stand. Aber hinter ihm hat sich eine Schlange gebildet. Verzweifelt (9:43) versuche ich meine Dringlichkeit verständlich zu machen, eine Aufsichtsperson versteht mein Leiden shi shi kwai kwai und lässt ihre Landsleute mir Platz machen. Dreizehn Fahrscheine müssen abgeholt werden, dafür gibt es aus viel zu umständlich zu erklärenden Gründen drei Abholnummern. Davon ausgehend, sie tippt diese Nummern ein, glaubte ich mich nun um 9:46 am Ziel. Aber sie tippt sämtliche dreizehn Passnummern ein und dann nochmal dreizehn mal den Zielbahnhof und den Zug und die Abholnummer und ich bewundere ihre Fingerfertigkeit, erhalte die dreizehn Tickets die auf die Pässe verteilt werden müssen und wir suchen einen Eingang, draussen wo das Gepäck erst gescannt wird und dann Rolltreppen rauf und natürlich ganz hinten durch den Warteraum 4 zum Bahnsteig und natürlich ist Wagen 8 nicht da, wo wir ankommen, da ist Wagen 13 oder 14 und wir laufen und steigen ein, endlich, die Türen schließen sich und der Zug rollt pünktlich aus dem Bahnhof West und wir sind an Bord. 

Nächster Schritt

Heute ist es soweit. Flug nach Peking, mit dem Zug weiter nach Wudangshan. dann dort mindestens drei Monate oder vier, wenn das Visum verlängert wird. Ausgiebige Erkundigungen stehen an, wie ein längerer Aufenthalt möglich wird. Mehrmalige Einreise oder welches Visum wie beantragt werden kann und muss.
An einen geliebten, altbekannten Ort reisen mit der Absicht, dort lange und länger zu leben, ist etwas Neues. Von dort werden neue Aktivitäten ausgehen. Die Zeit auf Teneriffa war weniger mit Unterrichten, dafür mehr mit Publizieren gefüllt.
Was wird mit der Zeit in Wudang passieren. Schaun wir mal. Oder wie ich es immer beim Taijiquan sagen: Wenn du etwas machst, kann nichts passieren.

Es war ein Autounfall

Es war ein Autounfall. Nicht spektakulär, aber dennoch tödlich. Du hinterlässt eine Frau und zwei Kinder. Du hast nicht lang gelitten. Der Notarzt tat sein bestes dich zu retten, aber es war vergebens. Glaub mir, dein Körper war so sehr zerstört, es ist besser so für dich. Und dann triffst du mich.
„Was… was ist passiert?“, fragst du. „Wo bin ich?“
„Du bist gestorben.“, antworte ich dir knapp. Es zu beschönigen hätte keinen Sinn.
„Da war ein… Lastwagen… es hat geregnet…“
„Ja.“
„Ich… ich bin gestorben?“
„Ja. Sei deswegen nicht traurig. Der Tod gehört zum Leben.“
Du schaust dich um. Doch dort ist nichts. Nur du und ich. „Was ist das für ein Ort?“, fragst du. „Ist das… das Jenseits?“.
„Mehr oder weniger.“
„Bist du Gott?“, fragst du.
„Nicht wirklich.“, antworte ich. „Aber so etwas ähnliches.“
„Meine Kinder… meine Frau.“, sagst du.
„Was möchtest du wissen?“
„Werden sie zurechtkommen?“
Ich lächle. Gerade erst bist du gestorben, und du denkst nur an deine Familie. Du bist ein guter Mensch geworden. „Ja.“, antworte ich dir.

Fasziniert schaust du mich an. Für dich sehe ich nicht wie Gott aus. Ich sehe aus wie irgendjemand… oder wie jeder. Eine vage Autorität ist alles, was du an mir wahrnimmst. Ich erinnere dich eher an einen alten Lehrer als an den Allmächtigen.
„Sorge dich nicht.“, sage ich. „Sie werden traurig sein, sie werden dich vermissen, aber schlussendlich werden sie es verkraften. Deine Kinder werden sich an dich als einen guten Vater erinnern. Sie sind noch zu jung als dass sie Zweifel an dir hätten entwickeln können. Deine Frau wird weinen, aber ein Teil von ihr wird… erleichtert sein. Um ehrlich zu sein: Um deine Ehe stand es nicht besonders gut. Sie wird sich dafür schuldig fühlen, so zu empfinden.
„Oh.“, sagst du nur. Doch ich weiß, dass es dich trifft. „Was passiert nun? Was wartet auf mich? Der Himmel? Die Hölle?“
„Weder noch.“, sage ich. „Du wirst wiedergeboren.“
„Ah. Also haben die Hindus Recht.“
„Alle Religionen haben Recht. Jede auf ihre eigene Weise. Folge mir.“
Du folgst mir, als wir durch die Leere wandern. „Wohin gehen wir?“ „Nirgendwohin. Es ist nur schön zu spazieren, während wir uns unterhalten.“

„Welchen Sinn hat das alles?“, fragst du. „Wenn ich wiedergeboren werde, werde ich ein leeres Gefäß sein, richtig? Ein unbeschriebenes Blatt. Ein neugeborenes Kind. Alle Erfahrungen und Erlebnisse meines Lebens werden verloren sein.“
„Nein!“, sage ich. „Alle Erinnerungen deiner vielen vergangenen Leben, alles was du je gesehen und gehört hast, trägst du in dir. Sie sind dir nur nicht zugänglich… noch nicht.“
Ich bleibe stehen und halte dich an den Schultern wie einen Sohn. „Deine Seele ist größer, vielfältiger und schöner als du dir vorstellen kannst. Eine menschliche Seele kann nur einen kleinen Teil von all dem tragen, was du bist. Sie ist eine Sonde, die du mit einem Teil deines Selbst füllst. Du schickst sie ins Leben, und wenn sie aus dem Leben zurückkehrt, nimmst du alle ihre Erfahrungen und Erlebnisse in dich auf.“
„34 Jahre lang warst du ein Mensch. Du hast dich noch nicht davon erholt. Noch kannst du dein unendliches Bewusstsein gar nicht spüren. Aber das musst du auch gar nicht tun. Nicht nach jedem Leben.“
„Wie oft wurde ich denn schon wiedergeboren?“, fragst du.
„Unzählige Male. Und Jedes Leben war anders.“, sage ich. „Dieses Mal wirst du ein armes chinesisches Mädchen sein, zur Zeit der Jin-Dynastie.“
„Wie bitte? Du schickst mich zurück in eine andere Zeit?“
„Ja. Und nein. Die Zeit, wie du sie kennst, existiert nur in deinem Universum. Wo ich herkomme, ist es anders.“
„Wo kommst du her?“, fragst du verwirrt. Das alles ist dir noch absolut unbegreiflich.
„Ich komme von einem anderen Ort. Ein ganz anderer Ort, und dort gibt es andere wie mich. Du wirst mehr über diesen Ort wissen wollen… aber ich kann es dir nicht erklären. Du würdest es nicht verstehen.
Du wirst ein wenig niedergeschlagen. „Aber… wenn ich in anderen, vergangenen, Zeiten wiedergeboren werden kann, könnte es nicht passieren, dass ich mir selbst begegne?“
„Natürlich. Das passiert immer wieder. Und in den beiden Leben bist du dir nur deiner jeweiligen Lebensspanne bewusst. Du merkst nicht einmal, dass es passiert.“
„Was soll das alles? Welchen Zweck hat das?“
„Ernsthaft?“, frage ich. „Du fragst mich nach dem Sinn des Lebens? Ist das nicht ein bisschen sehr einfallslos?“
„Es ist die sinnvollste Frage, die ich stellen kann.“, erwiderst du. In dir wächst das Selbstbewusstsein.
Ich sehe dir in die Augen. „Der Sinn des Lebens, der Sinn dieses ganzen Universums, ist, dass du wächst. Dass du erwachsen wirst.“
„Du meinst die Menschheit? Du willst, dass wir uns entwickeln?“
„Nein. Nur du. Ich habe dieses ganze Universum nur für dich erschaffen. Mit jedem neuen Leben wird dein Geist größer und weiser.“
„Du hast das alles nur für mich erschaffen? Was ist mit allen anderen Menschen?“
„Es gibt keine anderen Menschen.“, antworte ich dir. „In diesem Universum gibt es nur dich und mich.“
Verwirrt schaust du mich an. „Aber all die Menschen…“
„Alles du. Verschiedene Inkarnationen, versteht sich.“
„Warte… ich bin jeder Mensch?!“
Ich lächle. „Du verstehst es. Gut.“ Ich lege dir ermunternd meine Hand auf dir Schulter.
„Ich bin jeder Mensch, der jemals gelebt hat?“
„Und jeder, der jemals leben wird.“
„Ich bin Abraham Lincoln?“
„Du bist auch John Wilkes Booth.“
„Ich bin Hitler?“ Du wirkst ein wenig aufgebracht.
„Und die Millionen, die durch ihn gestorben sind.“
„Ich bin Jesus?“
„Und jeder, der ihm folgte.“

Du wirst still.

„Jedes Mal, wenn du jemanden verletzt hast,“, sage ich, „hast du dich selbst verletzt. Jeder Akt der Fürsorge kam dir selbst zugute. Jeder glückliche oder traurige Moment, der je von einem Menschen erlebt wurde oder erlebt werden wird, ist deiner.“
„Warum?“ Du ahnst, dass das noch nicht alles ist. „Warum ist das alles nötig?“
„Nur so kannst du eines Tages so werden wie ich. Denn das ist es, was du bist. Du bist von meiner Art. Du bist mein Kind.
Ungläubig siehst du mich an. „Das soll heißen, dass ich ein Gott bin?“
„Nein. Noch nicht. Du bist ein Kind, ein Fötus. Du musst noch wachsen. Erst, wenn du jedes mögliche Leben gelebt hast, kannst du geboren werden.“
„Also ist das ganze Universum…“, sagst du.
„… eine Art Ei.“, vervollständige ich deinen Satz. „Doch nun musst du weiterziehen. Ein neues Leben beginnen.“, sage ich, und schicke dich auf die Reise.