Die Vermessung des Ichs



Es ist ein heiliger Berg, und so sieht er auch aus. Man muss gleich an Kung-Fu-Filme denken, in denen die Kämpfer von Gipfel zu Gipfel fliegen. Weißer Fels stürzt in schwindelerregende Abgründe, um wieder in sanften Wellen aufzusteigen. Auf Felsvorsprüngen reiten bizarre Kiefern. Mal frisst sie der Nebel, dann haucht er sie wieder aus.

Der Huashan, in der Provinz Shaanxi im Herzen Chinas gelegen, ist einer der heiligsten Berge des Reiches, eines seiner frühesten spirituellen Zentren. Berühmt für die abenteuerlichen Pfade, die einst daoistische Eremiten in seine senkrecht aufsteigenden Felswände hauten. Mal balanciert man auf rostigen Ketten, dann auf morschen Brettern, wer hier stürzt, hat sein Leben verspielt. Die Pfade gibt es zwar noch, aber längst drängen sich in der Gegend Touristen, zwei Millionen pro Jahr. Und doch, wer sucht, kann noch Einsiedler finden.


Da – an der Brücke scharf rechts abbiegen, beim Schild "Zutritt verboten". Man tritt durch ein Steintor, mächtig, uralt, durchquert einen Tunnel, von Menschenhand in den Berg gehauen, und steht vor einer blauen Tür, die in den Angeln quietscht. Hier auf dem Huashan lebt Shi Xiaohong, in der ältesten menschengemachten Einsiedelei der ganzen Gegend.

Shi sehnte sich nach etwas Namenlosem. Alle genossen die neue Freiheit, die sich für Shi gar nicht wie Freiheit anfühlte. "Die moderne Gesellschaft ist so flatterhaft. Ich spürte immer mehr, dass ich mich ihr nicht anpassen konnte." Damals habe er sich allein gefühlt, inzwischen habe er verstanden, dass es vielen so gehe. "Die moderne Gesellschaft hat ein Extrem erreicht, der Wunsch der Menschen nach Wohlstand, nach Luxus ist extrem. Die Welt der Objekte ist vom Geist getrennt. Die Seelen der Menschen sind leer, sie können ihr Inneres nicht mehr sehen, sie haben sich vergessen."

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