Der Torwart

Den Mann kenne ich nun seit fast zehn Jahren. Will man an der morgendlichen Andacht im Tempel teilnehmen, die so gegen sechs in der Früh beginnt, nimmt man nicht den Haupteingang, denn der ist noch geschlossen, sondern benutzt rechts die Rampe und geht durch eine Tür in dem großen rostigen Tor. Früher war die Tür um die Zeit manchmal noch geschlossen, dann zog ich enttäusch wieder davon, bis ich lernte, dass kräftiges und unbarmherziges Bollern hilft. Irgendwann hörte man gegrummelte Flüche, der Mann schiebt den Riegel zurück und ehe man die Tür geöffnet hat, ist er schon wieder auf dem Weg in seinen kleinen, erbärmlichen Kabuff, eine Kammer, für die selbst dieses schlichte Wort eine Schmeichelei ist. Rohe Steinwände, schmutzige rohe Steinwände, nicht jener Designer-Stil, in dem jede zweite Berliner Butike understated wird. Betonboden, ein Bett hinter Lappenvorhang und ein kleiner Fernseher auf einer Kiste. Meist sitzt er zusammengefaltet auf einem niedrigen chinesischen Stühlchen, die Beine verschränkt, die Arme nah am Körper, den linken vor dem Bauch und den rechten darüber gelegt, den Unterarm diagonal nach oben, mit einer Zigarette zwischen den Fingern.

                                

Sein Essen holt er sich im Kloster, dann steigt er langsam, gleichmäßig die zweihundert Stufen hinauf, mit seiner leeren Schale in der einen und einer Thermoskanne in der anderen Hand. Genauso kommt er mit gefülltem Geschirr wieder runter, langsam und gemächlich. Während seiner Abwesenheit schließt er die Tür und man muss warten, bis er zurück kommt. Dann trägt er Thermoskanne und Essnapf in seinen Verschlag, holt den Schlüssel und öffnet das Vorhängeschloß. Ohne ein Wort, ohne einen Gruß zu erwidern. Tagsüber fegt er den Platz vor dem Tempel mit weit ausholenden Bewegungen. In der letzten Zeit nickt er schon mal zurück, wenn ich ihm ein zao an zurufe. Lächeln hab ich ihn noch nie gesehen.

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