in einer Welt mit zwei Monden*


Beijing, wir besuchen den alten Hutong , der vor fünf Jahren ein recht beschauliches Viertel war. Inzwischen hat es sich zu einer Art Rüdesheimer Drosselgasse/Fressgasse/Oktoberfest entwickelt, überschwemmt von lustigen Touristen und modernen, albern vor sich hin hupenden Fahrzeugen, die den klassischen Rikschas den Rang ablaufen. Aus dem Gedränge weichend in eine ruhigere Gasse finden wir als erstes eine französische Patisserie, mit alten Möbeln barockgerahmten Gemälden und Kaffee. Wir sind in China, in Beijing und einem alten Stadtviertel in einer französischen Confisserie, mit France Gall Liedchen und einer Nussknackermännersammlung in der Vitrine. Fänden wir das, sagen wir mal in Ungarn vor, würden wir uns weniger wundern. In Tennessee schon eher.

Später, am Flughafen, habe ich vergeblich versucht, eine junge Frau zu fotografieren. Lange, glatte, schwarze Haare und ein T Shirt mit der fetten Schrift BLOND.

Wir so, laufen über den historischen Platz mit den alten Häusern auf dem Weg runter zum Fluss. Rund um uns natürlich Chinesen, nur Chinesen. Aber dann wird mir bewusst, dass wir in Frankfurt sind, am Römer, doch tatsächlich sind wir die einzigen La
ngnasen. Als wolle die Reise überhaupt kein Ende nehmen.

*die Überschrift bezieht sich auf den Roman 1Q84 von Haruki Murakami, den ich während der Reise gelesen habe.

Statt Tränen

Heute war das letzte Abendessen in der Akademie. Morgen laden wir alle ein in's Tian Lu Hotel (Himmelslohn) und übermorgen sind wir schon in Xiangyang. Alle Kreise haben sich geschlossen. Fast alle. Einer wird noch mal kommen müssen, entweder hierher oder zu mir. Letzteres würde erst mal genügen. Und alle anderen werden irgendwann in der Zukunft wieder auftauchen, um Vergessenes hervorzuholen. Wir danken Meister Zhong Xueyong für seine herzliche Aufnahme, die hilfreichen Details in den verschiedenen Formen und das leckere Essen. Wir lebten drei Wochen in einer familiären Atmosphäre. Wieviel man lernen kann, wenn der. Trainer das richtige Auge hat. Mein Baguazhang hat auf jeden Fall an Tiefe und Kraft gewonnen. Die drei mit dem Xuan Wu Schwert haben viel Schweiß gelassen. Von Blut und. Tränen weiß ich nichts. Zwei verschiedene Qigongformen finden den Weg in den Süden und eine Taijiquanform wurde präzisiert.
Für den Herbst suchen wir erfahrene Teilnehmer an einem Baguazhang Seminar und Interessenten für eine Qigonggruppe.
Mehr oben über die Menuleiste Reisen China.

Lauch, Rührei, Knoblauch, Kräuter

Die täglich drei Mal gelobte Köchin, diese kleine, pummelige Frau in der karierten Schürze mit dem komischen Affenkopf, ist seit einigen Tagen krank. So wird das Essen von der schon erwähnten Sandy und dem Meister persönlich gekocht. Ebenfalls drei mal täglich lobenswert. Heute Mittag gab es auf den mehrfachen Wunsch einer einzelnen Dame Jiao Zi, Teigtaschen in kochendem Wasser gegart. Ähnlich wie Ravioli, gefüllt mit Lauch, Rührei, Knoblauch und einigen Kräutern. Füllen und zusammenfalten müssten wir die Taschen selber, weshalb dann auch einige wieder auseinander fielen.
Seit dreiundzwanzig Jahren lebt Zhong Xueyong schon in Wudangshan, es ist seine Heimat, so sagt er und er möchte nicht wo anders leben. Mit vierzehn Jahren hat er sein Training begonnen und zum Beispiel Baguazhang bestand im ersten Jahr nur aus dem Gehen im Kreis. Mit einem Buch zwischen den Knien, oder einer Wasserflasche auf dem Kopf oder mit zwei schweren Steinen in den Händen bei ausgestreckten Armen. Wir sind uns einig, das eine gute Ausbildung zuerst gutes Jibengong erfordert. Die westliche Sucht nach Formen sammeln bringt letztlich nichts. Weswegen unsere Neulinge hier zwei mal täglich mindestens dreißig Minuten gestanden haben, Zhanzhuang.

Leber

Am gestrigen Abend hielt uns Sandy, wie sich die gute Fee des Hauses nennt, eigentlich heißt sie etwas mit Yuan, sie hielt uns einen Vortrag über daoistische Ernährung. Schrittweise widmete sie sich den fünf inneren Organen, Leber, Herz,  Milz, Lunge und Nieren und welche Nahrungsmittel ihnen dienen und welche schaden. Wobei sie keine Rücksicht darauf nahm, dass wir aus einer anderen Gegend des Planeten kommen und so manches, was die chinesische Küche kennt, bei uns schwer zu haben ist.
Ziemlich zu Anfang, noch bei der Leber, kam der gute Rat, die Dinge, die Ereignisse des Lebens so zu nehmen, wie sie sind und nicht abzulehnen. Würde man mit der Welt in Unfrieden leben, dann schade man der Leber.
Nun kam heute beim nachmittäglichen Training ein kleiner Junge daher, zu wem auch immer er gehören mochte, der unablässig mit einem Basketball ditschte - täng, tängtäng,  täng, tängtäng,  täng, tängtäng, tängtäng, tängtäng, tängtäng, tängtäng... Wobei ich mir redlich Mühe gab, meiner Leber nicht zu schaden.

Schwert-Fluss

Hinter dem Yuxu Palast soll ein Weg beginnen, der am Jian He entlang führt und uns bis zum Stausee bringt. Zwei Versuche letztes Jahr, den Weg zu finden, endeten in Dornengestrüpp und einer steilen Kletterpartie. Dieses Mal haben wir Glück. Jian He bedeutet Schwert-Fluss und Herr Zhang in seinem Bus Nr. 53 erzählt diese Geschichte am liebsten. Als nämlich der junge Prinz schon eine Weile an jenem Platz gelebt und studiert hatte, an dem heute der Tai Zi Po steht, was ungefähr die Plattform des Prinzen bedeutet, da kam seine Mutter, die ihn fürchterliche vermisste und bitten wollte, doch wieder nach Hause zu kommen. Sie weinte so viel, das es noch heute dort einen Brunnen gibt, der von ihren Tränen voll ist. Als sie nicht aufhörte mit Bitten und Flehen, da zog der junge Prinz davon. Die arme Mutter aber schickte ihm ein ganzes Regiment Soldaten hinterher, die ihn halten sollten. Da blieb dem jungen Mann nichts weiter übrig, als sein Schwert zu ziehen und den Berg zu spalten, auf dass ein Tal entstünde mit einem Fluss, die Soldaten zurück zu halten. Weshalb der Fluss Jian He heißt. Während Herr Zhang davon erzählt, lässt er ganz leise Musik laufen:"My Guitar wants to kill you, Mama" von Frank Zappa.
Wir aber sind ohne muttermordende Gedanken oberhalb des Flusses spaziert. Gelegentlich kamen uns Leute entgegen, was immer ein gutes Zeichen ist. Eine Familie mit Kächern, die vielleicht Fischlein oder Froschlaich fangen wollten, ließen wir uns überholen. An einem Gehöft aus vier Häusern machten wir Rast und aßen eine Banane. Der Weg verläuft die meiste Zeit eben und lässt sich gut gehen. Dann gab es eine Stelle, wo man einen breiten Spalt in den Fels gehauen hatte, während der Pfad aber auch geradeaus weiter führte. Natürlich schauten wir nach, was dort zu sehen sei, aber offenbar führte dort der Weg wieder zurück in die Richtung, aus der wir kamen. Überrascht stellten wir aber fest, dass es dort noch einen zweiten Fluss gibt. Es muss der sein, der vom Wulonggong kommt, aber ich konnte mich nicht erinnern, auf einer Karte gesehen zu haben, dass die beiden Flüsse sich so nahe kommen. Wir gingen weiter an unserem Fluss entlang, der nach kurzer Zeit eine Kehre machte und bald waren wir an der anderen Seite des Felsspalts. Es war der gleiche Fluss. Nach dreistündiger Wanderung kamen wir an den Stausee, den sie nun den Xuanwu See nennen. Glatt wie ein Spiegel.


Wagen 53

Herr Zhang Jian Ming fährt den Bus Nummer 53 im Wudanggebirge. Es ist der Wagen mit der Nummer 53, nicht die Linie 53. Es gibt nicht so viele Strecken. Regulär fährt ein Bus vom Eingang, dem sogenannten Tourist Information Center, bis zum Tai Zi Po. Dort kann man wahlweise umsteigen in einen Bus zum Nanyan, der südlichen Klippe, oder auf der anderen Seite des Tales zum mittleren Tempel, wo sich die untere Station der Seilbahn findet. Ich sage regulär, weil abends die letzten Busse direkt durchfahren vom Eingang zur Seilbahn oder zum Nanyan. Dann stehen immer Ein paar Leute an der Abzweigung, die in den falschen Bus gestiegen sind.
Herr Zhang fährt den Wagen mit der Nummer 53 und da legt er Wert drauf, Nicht einen Tag möchte er einen anderen Wagen fahren. Herr Zhang pflegt seinen Wagen. Spätestens an den Endstationen, wenn die anderen Fahrer sich zusammenstellen, rauchen und immer über irgendetwas zu reden haben, macht Herr Zhang seinen Bus sauber. Er leert die kleinen Mülleimer und wischt mit einem Lappen über die Sitze und Haltestangen. Er fegt kurz durch den Mittelgang, vor allem achtet er darauf, dass keine Reste etwaiger Übelkeit eines Passagiers im Wagen bleibt. Als Fahrer kann er nicht verstehen, dass es einigen seiner Landsleute im Bus während der Fahrt übel wird. Er nimmt die kurvenreiche Strecke so sanft wie möglich. Herr Zhang hält überall an, wo jemand steht, der mitgenommen werden möchte und dort, wo jemand aussteigen will, obwohl die Busgesellschaft das nicht gerne sieht. Zu seiner Reinigung an den Endstationen gehört auch ein Spray, welches er in der Lüftungsanlage verteilt. So duftet es immer der Jahreszeit entsprechend nach Jasmin, Maiglöckchen, Rosen oder Kiefern. In seinem Bus lässt keiner der Fahrgäste den Kopf hängen und dumpf dösend hin und her pendeln. Alle sitzen aufrecht, genießen die Landschaft, auf deren Schönheiten Herr Zhang immer wieder hinweist. Auch kennt er die Geschichte des Prinzen aus dem Jingle Königreich, der hier in den Bergen sein Selbst kultivierte und zum Unsterblichen Zhen Wu wurde. Zum Dank binden die Touristen rote Glücksbänder an die Haltestangen.
Leider gibt es Herrn Zhang und den Wagen 53 nicht.

I do it mei wei

Am Wulonggong konnten wir unseren Meister Zhong schon als Erntehelfer beobachten. Es wächst dort ein wildes Jiang Cai, ein kleinblättriges Gemüse, welches säckeweise mitgenommen wurde. Es hat auch gestern schon, von unserer bewundernswerten kleinen Köchin schmackhaft zubereitet, den Weg in unsere Mägen gefunden.
Heute hat die gute Frau wohl einen verdienten freien Tag, weshalb dasTraining auch nicht im Tempel stattfand, sondern auf der Terrasse und im Hof. Weil nämlich der Meister kocht. Da kann er immer zwischen den etwas rauhen Korrekturen in die Küche springen und wieder was in den Wog werfen. Er kocht ganz lecker, mei wei auf Chinesisch.

Beim Arzt

Die beiden Schulen sind sich nicht ganz grün. Wenn man in der einen von der anderen redet, dann tun sie jeweils so, als wüssten sie nicht, was wir da meinen. Oder sie sagen, das sei schon in Ordnung, kein Problem. Wir aber tun so, als sei es das Selbstverständlichste von der Welt, in der einen zu wohnen und zu trainieren, und in der anderen einzukaufen oder eben einen Termin beim Arzt zu machen. Der erste Termin wurde wegen ungenauer Absprachen von uns verpasst, was nicht gut angesehen wurde. Heute nun waren wir pünktlich, hatten dafür ein Teil unseres Trainings ausfallen lassen und wissen noch nicht, wie Meister Zhong darauf reagiert.
Die junge Frau, welche uns empfängt und wissen will, woran es denn fehlt, wie sich später herausstellt ist sie die Tochter des Doktors, spricht nur Chinesisch. Deshalb wird ein freundlicher kleiner Mann in kurzen Hosen herbeigerufen, eine chinesische Ausgabe von Woody Allen, der ständig nervös nickt beim Sprechen und  übersetzen kann. Nachdem der Fall geklärt ist, besser, einmal in einer Version vorgetragen, gehen wir mit dem zwischenzeitlich erschienenen Doktor in das kleine Behandlungszimmer. Der Arzt, dessen Gesicht mich an die Sun Zi. Mio Briefmarke erinnert, redet, der Übersetzer stockt und bittet ihn, seine Tochter zu rufen. Er kann den Mann nicht verstehen, er spreche einen Henan Dialekt, aber die Tochter sei des Mandarins mächtig. So erklären wir noch einmal Woddy Allen den Fall, der spricht nickend zur Tochter, welche dann den Vater verständigt. Die Antwort des Vaters geht über die Tochter zu Woddy Allen, dessen englische Interpretation mitunter von mir noch einmal an die Patientin verdeutscht werden muss. Ob das alles dem Verständnis geholfen hat, wage ich zu bezweifeln. Aber letztlich besteht die Diagnose ja aus dem Fühlen der diversen Pulse und der Betrachtung der Zunge.
Nach der chinesischen Medizin sind an beiden Handgelenken je sechs verschiedene Pulse zu fühlen, drei oberflächliche und drei tiefe. An ihrer unterschiedlichen Art zu schlagen, die klassischen Beschreibungen kennen zitternd, zögernd, wie Hammerschläge oder wie auf Wasser treibender Bambus, erkennt der Arzt die Zustände des Qi in den einzelnen Meridianen, woraus er auf den Allgemeinzustand schließen kann. Die Diagnose kann dann zum Beispiel ein Mangel oder eine Fülle an Qi, im Yang oder Yin der inneren Organe sein.
Nun wird nach Rezept des Arztes ein Dekokt erstellt, welches aus vierzehn verschiedenen Zutaten besteht, darunter auch ein aus fossilen Knochen geriebenes Pulver, wie uns Woddy Allen nickend erklärt. Auf meine Frage nach der Bezahlung wird die Diagnose als kostenlos geführt und für die Medizin bekommen wir einen Freundschaftspreis.
Als ich in den Neunzigerjahren meine erste Reise nach China unternahm, besuchten wir die obligatorischen Produktionsstätten, an denen die produzierte Ware direkt erworben werden konnte. Später fuhren wir auch in einen sogenannten Freundschaftsladen, Einkaufsstätten für Ausländer, in denen die Ware aus den Produktionsstätten zum dreifachen Preis angeboten wurde.

Einnahme der Medizin

Das fertige Medikament befindet sich ein einer anderthalb Liter Colaflasche und sieht aus, als habe man die Restbrühe einer Speißwanne hinein gegeben. Ein dunkles Graugrün mit Tendenz zu faulig. Davon soll zwei mal täglich ein Viertel der Flasche erwärmt werden und zusammen mit einem etwa gleichfarbenen Pulver, dem Zement, getrunken werden. Nachdem wir in unserer provisorischen Bleibe den Vorgang zunächst gut durchgeplant haben, gehen wir über zur Realisation.
Das erwärmte Getränk wechselt in ein Trinkgefäß, jedoch allein der Gedanke, es über die Lippen bringen zu müssen, löst bei der Patientin ein widerwilliges Schütteln aus. Zwischen den einzelnen Schlucken werden hypothetische Verschlimmerungen diskutiert. Schließlich und endlich bringen wir den allergrößten Teil die Medizin von außen nach innen, spülen alle Gerätschaften gut aus und hoffen, den morgigen Tag unbeschadet zu erleben.

Wulonggong

Als es eine große Dürre gab, bat der Herrscher die am Wudangshan lebenden Daoisten, doch einen Regenzauber zu veranstalten. Wenn es denn gelänge, gäbe es auch einen Tempel zu ergattern. Die Jungs hatten Glück oder echt was drauf und als die Ernte eindeutig gerettet war, ließ sich der Herrscher auch nicht lumpen und baute den Daoisten den Wulonggong, was bedeutet, Palast der fünf Drachen.
Zunächst lässt sich daraus lernen, dass Daoisten jener Zeit durchaus auch einem Zauber nicht abgeneigt waren, wenngleich es dem daoistischen Prinzip des Nichteingreifens ja widerspricht, mittels eines Hokuspokus den Lauf der Dinge zu beeinflussen. Schon Laozi, der damals wie heute als der große Vorsitzende galt und gilt und dessen rotes Büchlein Daodejing neben jedes Daoisten Kopfkissen zu liegen hat, war der Wahrsagerei und magischem Tand abgeneigt. Dennoch, als sich die Lehre von der reinen Philosophie auch in ein religiöses Gewand kleidete, womit ja beim einfachen Volk leichter ein Groschen zu machen ist, da nahmen sie alles mit und hinein, was nicht niet- und nagelfest war. Wie man an der Geschichte sieht, hatte es der Wudang-Fraktion schon früh einen schönen Tempel eingebracht.
Warum er den fünf Drachen geweiht wurde hatte seine Bewandtnis darin, dass wohl schon zu jener Zeit der Zhen Wu Kult gepflegt wurde. Dieser Herr, von Geburt her ein Prinz, der Prinzenrolle aber abgeneigt, erlangte nach über 40jähriger  Kasteiung und Selbstkultivierung die Unsterblichkeit. Zur Verleihung dieser Würde trugen ihn fünft Drachen auf den Himmelspfeiler, wie der höchste Berg im Wudanggebirge genannt wird.
Wir waren gestern mal da, im Wulonggong. Man hat in den letzten Jahren dort, wo bei meinem ersten Besuch nur zwei Giebelwände und eine verbindende Rückwand stand, einen nagelneuen Tempel errichtet. Hat wohl mal wieder geregnet.