Die Existenzform des Meisters


Der Mensch strebt nach Sinn und ohne Sinn verkommt er. Dazu muß er sich die Frage nach den Zwecken stellen und sie selbst beantworten. Der Lebensentwurf des Handwerkers bietet die Perspektive eines Berufes, der sich zum Teil selbst als Zweck genügt. Diese Option ist sicher nicht für jedermann, aber womöglich eine interessante Alternative zum zwecklosen Jobben im Hamsterrad. Und zumindest ein gutes Referenzbeispiel, um heutige Lebensentwürfe kritisch zu vergleichen und zu analysieren. Dazu wollen wir eine Essenz des Handwerkers destillieren: Die Existenzform des Meisters. Die Meisterschaft oder Meisterlichkeit soll als Lebenseinstellung aufgefaßt werden, die am besten durch die von ihr umfaßten Aspekte beschrieben werden kann:

1. Lehre


Der Weg zum Meister beginnt mit dem Lernen – und hört nie damit auf. Lernen hat freilich rein gar nichts mit Schulgebäuden oder Lehrplänen zu tun, sondern bedeutet die Suche nach einem Lehrer, der in der Regel bereits Meister ist und als Mentor und Vorbild dabei helfen kann, selbst Meisterschaft zu erreichen. Dieses Lernverhältnis hat allerdings etwas Hierarchisches und wirkt dadurch besonders anachronistisch.


2. Übung


Um ein Meister zu werden, braucht es in der Regel ungefähr 10.000 Stunden Übung. Hört sich viel an, aber entspricht ungefähr einem Jahrzehnt mit bloß 3 Stunden Übung pro Tag, etwa so viel wie Sportler trainieren und Musiker auf ihrem Instrument üben. Das Üben selbst ist ein Ritual und will als solches zelebriert werden. Der Lehrling auf dem Weg zur Meisterschaft beginnt die Wiederholung zu lieben und in der Übung einen Zweck an sich zu sehen. Wer darin nur ein Mittel sieht und stets auf die bezweckte Verbesserung der Fertigkeiten schielt, wird kaum die nötige Geduld aufbringen. Denn die Verbesserung verläuft nicht gleichmäßig; über lange Zeiträume scheint kein Fortschritt spürbar, bis man dann plötzlich und unvermutet bemerkt, daß man eine neue Schwelle passiert hat.


3. Hingabe


Der Weg zur Meisterschaft hat eine transzendente Komponente und weist über den einzelnen hinaus. Es ist ein Weg der Sublimierung des Egos zugunsten der ganzen Persönlichkeit. Bequem ist dieser Weg selten, doch je größer der Widerstand, desto bedeutsamer der Schritt. Die größte Gefahr auf dem Weg ist der Stolz – jener Stolz des Lehrlings über das Überwinden einer Schwelle, der ihn darin schwelgen läßt und sich dabei genügen läßt, sodaß er keine weitere mehr zu nehmen vermag. Der wahre Meister setzt das Üben auch nach dem Erreichen der Meisterschaft fort, mit derselben Bescheidenheit und Hingabe wie am ersten Tag. Unbeirrt wandert er dem Gipfel entgegen und am Gipfel angekommen, wandert er weiter. Denn sein Blick gilt nicht dem Ziel an sich, sondern dem Pfad. Diese Pfadorientierung, die Konzentration auf das Wirken im Hier und Jetzt, bringt ihn weiter und läßt ihn größere Ziele erreichen als die verbissenste „Zielorientierung“. Sein Pfad ist ein ewiger, ihn zu Wandern ist des Meisters Lust.


4. Selbstverständnis


Die Meisterschaft liegt also im Weg selbst, nicht im Zeitpunkt deren Erreichens. Man wird nicht zum Meister, sondern ist es – lebt es als Einstellung. Heute tragen wir die Vorstellung in uns, ein Beruf „werden“ zu müssen und zu können, etwa in dem wir viele Jahre in einer Black Box verbringen und dann „geworden“ hinauskommen. Noch niemand ist im Medizinstudium Arzt „geworden“, niemand im Mathematikstudium Mathematiker. Wer angestrengt auf das Werden wartet, wird es nie sein. Wer sich auf das Sein konzentriert hingegen, wird werden – ein immer besserer Arzt oder Mathematiker. In der Motivationsforschung nennt diesen Zugang manchmal „Visualisierung“; man komme dem Erfolg näher, indem man sich vorstelle, wie und wer man nach diesem Erfolg ist und sich fühlt. Tatsächlich gibt es nur einen Weg, etwas oder jemand zu sein, das oder der man noch nicht ist: Es zu sein. Wer nicht sein kann, kann nie werden. Der Weg zum Meister ist nur zu bewältigen in der tiefen, inneren Überzeugung, es schon sein – in jedem Moment, bei jedem Schritt meisterlichkeit zu leben und ihr so ganz unbewußt näher zu kommen. Freilich, auch der größte Meister macht Fehler, und auf dem Weg sind die Fehler stets zahlreicher als die Erfolgserlebnisse. Der Meister jedoch führt auch nach Hunderten Fehler den nächsten Schritt im vollkommenen Selbstverständnis aus, sein Bestes zu geben; irgendwann wird es ausreichen, um das Hindernis zu überwinden. Dieses zuversichtliche Selbstverständnis unterscheidet den wahren Meister von dem, der bloß davon träumt.

Diese Haltung schildert keinen spezifischen Handwerker zu einer spezifischen Zeit oder an einem spezifischen Ort. Es handelt sich um den Versuch, einen Archetypus als Essenz zu destillieren – den Archetypus des mit eigener Hand Werkenden, dessen Arbeit unabhängig von anderen Zwecken sinnstiftend ist. „Mit eigener Hand“ ist nicht rein wörtlich zu nehmen, wenngleich es in der Regel wörtlich sein muß: Eine Tätigkeit, deren spezifisches Muster an Fertigkeiten uns „ins Blut“ übergehen kann und somit Teil von uns selbst wird. Diese Tätigkeit wird in der Regel Werkzeuge erfordern, in deren Einsatz wir Meisterschaft erlangen können. Das Werkzeug unterscheidet sich vom Automaten dadurch, daß es den Menschen nicht ersetzt, sondern ergänzt. An der Maschine ist nichts an sich Schlechtes, viele Maschinen können überaus nützliche Werkzeuge sein, andere sind Automaten. Auch der Automat ist nicht an sich schlecht, nur erlaubt er die Existenzform des Handwerkers nicht, außer dem Automaten-Konstrukteur. Wem die Arbeit Sinn stiftet, der verzichtet auf den Automaten – wie der Maler das Malen seiner Bilder nicht „auslagern“ wird. Welchen Anteil eines Werkes wir – angesichts der deutlichen Vorzüge der Arbeitsteilung – auslagern können, ohne daß es aufhört, unser Werk zu sein, ist eine schwierige Frage. Die Antwort darauf läßt sich wohl bloß spüren.

Auch der Eremit kann Meister sein; doch fehlt dem Eremiten ein ganz wesentlicher Aspekt des Werkes: anderen von Wert und dadurch von Bedeutung zu sein. Das Schöne ist auch schön, wenn es niemand sieht, doch niemals wird es Menschen etwas bedeuten. Das Werk, das nicht unter Menschen wirkt, soll man es überhaupt Werk nennen? Kann es Werken ohne Wirken überhaupt geben? Den tiefsten, am stärksten befriedigenden Sinn erhält das Werk jedenfalls erst dadurch, für andere Menschen wertvoll zu sein – erst dann hat der Handwerker einen Wert geschaffen, und kann zuversichtlich sein, auch ein Werk geschaffen zu haben, nicht bloß einer Täuschung erlegen zu sein.

Auszug aus dem Vortrag "Handwerk - die Seele des Unternehmertums?"von Rahim Taghizadegan am 10.03.2008 im Institut für Wertewirtschaft, Wien ©

Ich danke für seine freundliche Genehmigung zur Weiterverwendung.

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Im Jahre 2000 entschieden die deutschen Krankenkassen, Taijiquan und Qigong in den Katalog der zu fördernden Präventionsmaßnahmen aufzunehmen. Voraussetzung war ein von den Kassen anerkannter Grundberuf des Lehrenden und dessen nachgewiesene Ausbildung in Taijiquan oder Qigong über mindestens 250 Stunden.
Das bedeutete, Teilnehmer an einem Kurs, der von einem kassenanerkannten Kursleiter durchgeführt wurde, konnten sich 80% der Kosten von ihrer Kasse erstatten lassen.
Damit wurde der „Beruf“ des Taijiquan/Qigong Kursleiters geboren.
Ich habe schon damals in einem Leserbrief im Taijiquan und Qigong Journal davor gewarnt, sich auf diesen Deal mit den Kassen einzulassen. 
Trotzdem habe ich selber dann zusammen mit dem Sobi in Münster das Ausbildungskonzept der DAO akademie entwickelt. Ich glaubte, nur auf diesem Wege noch als Lehrer arbeiten zu können, denn natürlich wuchsen aus allen Ecken und Nischen plötzlich die Ausbildungsinstitute. 
Damit machte ich einen entscheidenden Fehler. Ich handelte gegen meine Überzeugung. 
Wir erweckten den Eindruck, die Kassen hätten mit ihrem Konzept recht und man könnte mit 250 Unterrichtsstunden die Qualifikation eines Kursleiters erwerben. Das ist falsch. Man kann es nicht. Man kann es vielleicht mit dem 10fachen. Vielleicht.
Aber in erster Linie sollte man Taijiquan und Qigong für sich selber machen und nicht, um es zu unterrichten.
Nun ist in Deutschland eine Generation von Kursleitern entstanden, die alle glauben, etwas zu können, weil ihnen in den meisten Fällen der Vergleich fehlt. Es ist eine ungeheure Arroganz, wenn wir uns anmaßen, etwas innerhalb kurzer Zeit beherrschen zu können, was tatsächlich eine lange Ausbildung erfordert und nur wenigen überhaupt möglich ist. Es ist ein kolonialistisches Denken. 
Wir haben nicht zur Verbreitung des Taijiquan und Qigong beigetragen, sondern zu seiner Verflachung. Wir haben es fast bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt und laufen herum und reden dummes Zeugs, als wüssten wir tatsächlich etwas. Wir wissen aber nichts. 
Natürlich habe ich mit meinem Angebot jene Menschen angezogen, die mir glaubten. Das darf ich ihnen nicht zum Vorwurf machen und ich darf nicht von ihnen enttäuscht sein. Ich muss mich entschuldigen. 

Nachdem ich die auch für mich schmerzliche Entscheidung getroffen habe, unter meine bisherige Ausbildungstätigkeit einen Schlussstrich zu ziehen (Wandlungsphase Metall), befinde ich mich nun in der Phase der Sammlung (Wasser). Sie dauert länger, als ich erwartet habe. Es ist wohl nötig, und deshalb noch viel zu früh, von mir zu erwarten, dass ich wieder nach außen trete (Holz) und mit Begeisterung (Feuer) ein neues Projekt vorstelle (Erde).

Auf meiner Webseite steht, dass ich gerne weiterhin jeden als Schüler annehme, der ernsthaft den Weg daoistischer Selbstkultivierung gehen möchte. Wie das im Einzelnen aussehen kann, müssen wir rausfinden. 

Das E-Book


Das Buch Tai Ji Quan - Dao der Bewegung ist jetzt auch als E-Book erhältlich
Die Verfügbarkeit in weiteren E-Book-Shops wird sukzessive ausgebaut.

Das E-Book erscheint mit der ISBN 9783848224401 und wird zum Verkaufspreis von 9.99 EUR angeboten.

Mofang 2

Im Juni hatte ich schon das Mofang im Zusammenhang mit Bagua vorgestellt. Nun gibt es hier eine Version für Taijiquan im Yang Stil. 

9 Paläste 5 Elemente - 14 postures form by Master Feng Mei 
Auf diesem Video ist nicht unbedingt hohe Bewegungsqualität zu sehen, aber wir bekommen einen Eindruck davon, was gemeint ist.

Stand Richtung Süden 
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1, Ost, Peng: das Wildpferd schüttelt die Mähne; 
2, Süd, Pi: die Pipa spielen; 
3, Mitte, Lu: Zurückrollen; 
4, West, Ji: Pressen; 
5, Nord, An: Stoßen; 
6, Südwest, Cai: Die Nadel vom Meeresboden heben; 
7, Nordwest, Lie: Spalten; 
8, Nordost, Zhou: Ellbogen; 
9, Südost, Kao: Schulterstoß; 
10, In der Mitte ruhen (Gen): der weiße Kranich spreizt die Flügel; 
11, Vorwärts: Schlange; 
12, Zurück: Den Affen abwehren; 
13, Nach links: hoch auf dem Pferd, Hände kreuzen,kick links und mit beiden Händen auf die Ohren schlagen; 
14, Nach rechts: Wolkenhände, einfache Peitsche, Hände kreuzen und den Tiger in die Berge zurück schicken.; 
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Quelle: http://latcmwellnesscenter.com/364.html

Bunte Tiere

Die den Himmelsrichtungen zugeordneten Tiere sind der Drache im Osten, der Vogel im Süden, der Tiger im Westen und die Schildkröte, um die sich eine Schlange windet im Norden.
Für den Tiger des Westens wird die Farbe weiß angegeben und daran wurde bisher auch kein Zweifel angemeldet. Der Vogel des Südens ist rot. Scharlachrot, um genau zu sein. Aber es ist nicht, entgegen anders lautender Meldungen, der Phönix, sondern eben der Scharlachrote Vogel.

Der Phönix stiftet schon genug Verwirrung mit der dämlichen Übersetzung von Feng oder Fenghuang, dem chinesischen Namen des Fabeltieres, welches nichts, absolut nichts mit dem Phönix der hellenistischen Mystik gemein hat. Der chinesische Phönix erneuert sich nicht aus der Asche, weil er auch nicht vorher verbrennt, sondern wurde nur wegen des ähnlich klingenden Namens "Feng" von irgendwelchen Pseudosinologen so bezeichnet. Wahrscheinlich hat auch hier wieder mein Liebling Richard Wilhelm die Finger im Spiel.
Nochmal, der scharlachrote Vogel im Süden ist nicht Fenghuang. Die mit einer Schlange umwickelte Schildkröte heißt Xuan Wu und ist dunkel (Xuan), manchmal schwarz, manchmal auch dunkelblau genannt. Den Drachen im Osten habe ich in meinem neuen, wieder aufgelegten Taijiquan Buch* als blau bezeichnet. In dem von Richard Bertschinger übersetzten Cantong Jing, wird er ständig grün genannt. Das führt aufmerksame Leser natürlich in Verwirrung, sie mögen sogar denken, es handele sich um verschiedene Drachen, zumal er sich im Cantong Jing sogar in einen roten verwandelt. Des Rätsels Lösung liegt in der Originalbezeichnung Qing 青, dem Radikal 174, welches blau, grün, blaugrün, türkis bedeuten kann. 

Alles wieder klar?




* Tai Ji Quan, das Dao der Bewegung ISBN 978-3732252732
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