es geht weiter

Xiaomo berichtet auf ihrem Kleine Welt Blog 
Yürgen hat auch sein altes Blog wiederbelebt
und neu dazu gekommen sind Susannas Berichte auf Spanisch.

Also bleibt uns treu und kommt das nächste Mal einfach selber mit.

Auf der Suche nach Taijiquan 1

Yang Chen Fus berühmte 10 Sätze über die richtige Ausführung des Taijiquan:


1) 
虛領頂勁
Den Kopf leicht und hoch halten, Bai Hui zum Himmel, damit der Geist den Körper durchdringen kann.

2) 
含胸胸背
Den Brustkorb sinken lassen und den Rücken strecken. 

3) 
鬆腰
Die Hüften entspannen. 

4) 
分虛實
Unterscheiden zwischen dem Wesentlichen und dem Unwesentlichen, zwischen Fülle und Leere. 

5) 
沉肩墜肘
Schultern und Ellbogen hängen. 

6) 
用意不用力 
Die Vorstellungskraft (Yi) statt Körperkraft einsetzen. 

7) 
上下相隨
Oben und Unten miteinander koordinieren. 

8) 
內外相合 
Innen mit Außen vereinen. 

9) 
相連不斷
Beständige Bewegung ohne Unterbrechung. 

10) 
動中求靜
Handle aus der Mitte und suche die Ruhe.

Schulmotto


Die Kampfkünste fördern für gemeinsamen Fortschritt


1. Das Dao der Kampfkünste soll Freundschaften fördern.


2. Respektiere die Meister und Kameraden und kümmere dich um sie. 


3. Übe die Kampfkünste und vervollkommne deine Fähigkeiten.

4. Lerne von jedem und miteinander.

5. Verwende den Gruß der Kampfkünste, sei höflich und freundlich, gib dein Bestes.

6. Verbessere deine Selbstkultivierung, sei aufrichtig und bescheiden, bewahre deinen Glauben.

7. Folge den Regeln und halte dich an die Gesetze, bewahre Gerechtigkeit und Ethik.

8. Schütze die Ressourcen und vermeide Müll, verhalte dich verantwortungsvoll.

9. Pflege öffentliches Eigentum, sei sparsam im Gebrauch von Wasser und Elektrizität und achte auf Hygiene.

10. Genieße dein Studium und lebe in Harmonie.

Mit Sicherheit


Taijiquan ist ein Begriff mit verschwommenen Rändern. Es fällt uns schwer zu bestimmen, warum ein Bewegungsablauf, den wir bei einem Mitmenschen beobachten, Taijiquan ist und nicht Ballett. Dennoch fühlen wir uns ziemlich sicher, zu wissen, wann wir Taijiquan sehen oder selber ausüben. Woher kommt diese Sicherheit, den Begriff Taijiquan richtig zu benutzen. Woher weiß man, dass der Bewegungsablauf nicht nur so aussieht wie Taijiquan, sondern auch Taijiquan ist?  Woher weiß jemand, dass er Taijiquan praktiziert, richtig und gut?

Zu glauben, man sei in einer Disziplin gut ist vielleicht hilfreich für das Selbstbewusstsein, für die persönliche Entwicklung ist es jedoch besser, daran zu zweifeln oder zumindest auch für sich eine weitaus bessere Performance für möglich zu halten.

Was wir glauben, halten wir für wahr und was wir für wahr halten, nehmen wir für die Wirklichkeit.

Woran aber kann ich die Qualität meiner Leistung messen? Vielleicht an dem, was ein anderer macht? Wenn  mir aber die Kriterien fehlen, um ich die Leistung eines anderen beurteilen zu können, bin ich auf darauf angewiesen, danach zu gehen, was mir gefällt und ließe mich vom Augenschein täuschen oder wie in der Mode von Tendenzen treiben.

Mit Sicherheit gibt es kein hundert Prozent richtiges Taijiquan, sowenig, wie es ein richtiges Schachspiel oder eine richtige Aufführung der Zauberflöte gibt.

Gibt es aber kein 100 % richtiges Taijiquan, dann auch kein 99% und ebenso wenig ein 10% richtiges. Wie soll ich es dann besser machen können?
Ein Fehler im Schach kann bedeuten, die Partie zu verlieren. Es kann aber auch ein Fehler sein, der den Regeln des Schachspiels zuwider läuft, in dem ich zum Beispiel mit dem Turm diagonal ziehen will. Entsprechend kann eine Aufführung der Zauberflöte deshalb daneben gehen, weil es den Protagonisten nur selten gelingt, den richtigen Ton zu treffen. Oder aber die Töne sind alle richtig, aber dem Spiel fehlte der Pep, es war langweilig.
Übertragen auf Taijiquan bedeutet es, dass uns Kriterien vorliegen müssen, die bestimmen, was Taijiquan ist, ganz gleich, in welchem Stil gespielt wird, und es muss Kriterien geben, die etwas über die Qualität des Spiels aussagen.
Erstere wären dann als objektiv zu bezeichnen wie die Regeln des Schachs oder die Noten auf dem Papier. Letztere sind eher subjektiv und haben mit der individuellen Zielsetzung zu tun und auch der persönlichen Urteilsfähigkeit. Für den einen muss es kämpferisch und für die andere spirituell zugehen.
Für Taijiquan gilt es also zunächst, dass überhaupt Taijiquan stattfindet und nicht etwas, das nur auf den ersten Blick so aussieht, dass der Turm nicht diagonal gezogen wird.
Diesbezüglich lässt sich die eingangs gestellte Frage, inwieweit die eigene Performance gut ist, leichter überprüfen, sofern man bereit ist, sich damit auseinander zu setzen, was Taijiquan überhaupt ausmacht.

Hier zumindest einige Anhaltspunkte zu liefern ist die Aufgabe der kommenden Beiträge in diesem Blog.

Oberfläche (Metall 2)

Vor dem Supermarkt sitzt ein alter Mönch, zumindest hat er die Haartracht eines Mönchs, und verkauft irgendwelche Knollen und Kräuter. Vielleicht hat er Ahnung, kennt sich aus. Drei Mal wird er von seinem Platz vertrieben, rückt ein paar Meter weiter und bietet wieder seine paar Waren feil. Nicht gerade mit viel Erfolg. Freundlich grüßt er zu uns rüber und wir wollen ihm etwas Geld zukommen lassen, irgendetwas werden wir ihm abkaufen. Anscheinend ist eines der Kräuter seines Angebots gut für die Haut, zumindest entnehmen wir das seiner Gestik, während er einem potentiellen Kunden die Produkte erklärt.


Wir wechseln zu ihm rüber und zeigen uns interessiert. Ja, das muss man als Tee zubereiten, vielleicht auch als Dekokt, trinken, ja, ist gut für die Haut und das Verdauungssystem. Er zeigt uns die Sporen unter den Blättern, die wohl reichhaltigen Wirkstoff haben sollen.


Inzwischen hat sich eine Gruppe interessierter Zuschauer um uns gebildet. Was passiert denn da? Ein Ausländer will was von dem Alten kaufen. Ein kleines Spektakel, das den Alltag bereichert, vielleicht bis zuhause schon wieder vergessen. Aber jetzt, im Augenblick, von höchstem Interesse.


Endlich sage ich zu, will kaufen. Der Alte packt umständlich einige Blätter in einen Beutel. Was er denn dafür will. Hundert Kuai (umgangssprachlich für Yuan), immerhin sei ich ein reicher Mann, habe ein Auto, komme aus dem Ausland. Pah, so geht das nicht, ich lache, alle anderen auch. Ich soll ihm ein Angebot machen, werde ich aufgefordert. Da mein Interesse eigentlich nicht so sehr den Blättern als der Unterstützung gilt, ich aber auch nicht über den Tisch gezogen werden möchte und als ein schlechtes Beispiel für die dummen Waiguoren dastehen möchte, die alles bezahlen, was man von ihnen verlangt. biete ich ihm fünfzig an.


In diesem Moment drängelt sich eine Frau durch die Gruppe, zwinkert mir zu und gibt mir zu verstehen, ich solle nichts von dem Burschen kaufen. Unschlüssig will ich mich schon aus dem Handel entfernen, da heißt es mehrstimmig, er willige ein; fünfzig. Nun muss ich. Die Frau zuppelt an meinem Ärmel, will mich rausziehen. ich aber stehe jetzt zu meinem Wort, gebe die Fünfzig und erhalte den Beutel. Der ist aber inzwischen nur noch halb voll. Nein, so geht das nicht, sagen auch alle Umstehenden. Ja, sie greifen selber ein, als der Alte nur ein paar Blättchen dazu packen will und machen den Beutel wieder voll.

Nun habe ich die Kräuter von dem alten Schlitzohr, die ich wahrscheinlich im Hotelzimmer liegen lassen werde und die andere Frau am Hals, die mich regelrecht beschimpft. Ich versuche ihr zu erklären, das es für mich kein Problem sei, auch wenn es zu teuer war.


Hundert Meter weiter kaufe ich ein paar kleine Bananen und schon steht das Weib wieder neben mir. Jetzt holt sie einen Pillendose raus und will mir zwei Tabletten geben. Sie sehen nach Hefe aus. Drüben in der Apotheke könne ich sie preiswert bekommen, seien viel besser als das Gemüse von dem Alten. Ich will das nicht, ich brauche das nicht, es ist jetzt gut.


Wir spazieren weiter, zur Wudang Lu und rauf zum Theater, wo wir letztes Jahr so viele Menschen haben tanzen sehen. Aber es ist noch zu früh, Ein paar Mütter und Großmütter lüften ihre Kleinkinder, mehr ist nicht los. Wir beschließen, zurück zu gehen und ein paar Jaozi zu essen. An der Straßenecke sitzt sie schon wieder, als hätte sie auf uns gewartet, winkt, wir gehen vorbei. Die Frau macht nicht gerade einen vertrauenserweckenden Eindruck, eher wirkt sie etwas verstört, um es freundlich auszudrücken, obwohl wir gerade in dem Moment darüber reden, wie falsch es doch ist, die Dinge aus Höflichkeit nicht beim Namen zu nennen. Das Falsche muss auch als falsch bezeichnet werden. Das Böse als böse und das Dumme als dumm.

Wir sind inzwischen an unserer Jaozi-Stube und bei der Relativierung aller Verhältnisse in unserer Gesellschaft angekommen, bei der Frage, ob es damit angefangen hat, den zu suchen der ohne Schuld ist und den ersten Stein werfen darf. Da kommt die Hexe schon wieder an und drückt mir ein gefaltetes Papier in die Hand, spürbar mit ein paar Tabletten gefüllt. Ich lasse sie später zwischen den Essensresten liegen.



einäugig


Ein einzelnes Hirsekorn enthält die ganze Welt.
Berge und Ströme verschmelzen in einem kleinen Tiegel
Die Augenbrauen des weißhaarigen Laozi hängen herab zur Erde
Und der blauäugige fremde Mönch hält den Himmel mit seinen Händen.
Indem du das Geheimnis betrachtest, verstehst du das Geheimnis.
Außerhalb von diesem Geheimnis existiert kein weiteres Geheimnis.

Aus dem Neijingtu, die Textpassage 45, auf die der pflügende Eisenochse direkt zuläuft.



Für einen modernen Physiker, oder wahrscheinlich besser Astrophysiker, da kenne ich mich nicht so aus, ist es keine Frage, dass das ganze Universum einmal auf einen einzigen Punkt konzentriert war, von wo aus dann per big bang alles auseinander flog und zu dem wurde, was wir heute als All wahrnehmen. Aber woher wusste das der Bursche, der uns das Neijingtu in den Stein graviert hat? Von ihm stammt jener Kommentar, der in der Fortsetzung davon erzählt, alles sei bisher geheim gehalten worden, weil es genug Deppen auf der Welt gebe, die es garantiert missverstehen. Recht hat er. Nichts ist einfacher und wird lieber getan, als sich in die Tasche zu lügen. "Ich kann das, ich weiß das, ich versteh das." Und wenn ich den ersten Schritt nicht verstanden habe, dann versuch ich es eben mit dem zweiten oder dritten. Ja wie blöd kann man denn sein. Das Schlimmste aber sind jene, die meinen etwas zu wissen und davon überzeugt sind, der Welt damit einen Dienst zu erweisen, dieses Missverständnis zu verbreiten. Für Geld.
Es ist unverantwortlich, es ist ein Verbrechen, wenn Blinde die Blinden führen. Der Einäugige wäre ja noch ein König, auch wenn ihm der Sinn für's Räumliche fehlt.

Heute hatte ich ein Gespräch mit meinem Meister und er sagte mir, ich solle jetzt auch Dao lehren, nicht nur Formen. Gerne. Wir sprachen in dem Zusammenhang auch über die erste Zeile im Daodejing von Laozi. Da wurde mir klar, er interpretiert das ganz anders, als wir es aus den Übersetzungen kennen. Da hat Richard Wilhelm, der protestantische Missionar und Goethe-Fan (nix gegen Goethe) auch wieder ein Ei gelegt, und alle anderen gackern mit.

道可道﹐非常道
dao ke dao, fei chang dao

Der SINN, der sich aussprechen läßt, ist nicht der ewige SINN. (R.Wilhelm)

Da muss man schon tief graben, um Dao auch die Bedeutung "reden, sprechen" zu entlocken. und "fei chang dao" das heißt aussergewöhnliches dao oder aussergewöhnlicher Weg. Für meinen Meister bedeutet es aber, das Dao und das wirkliche Dao sind zwei verschiedene. Er meint damit, es gibt das Dao der Leere und das Dao der Fülle. Das Dao der Leere ist vorher und darin entsteht das Dao der Wirkungen. Das ist die Welt in der wir leben. Yin und Yang, Xian Tian und Hou Tian.

Mein Meister ist ein aussergewöhnlicher Meister.


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DAO Tee

Mein ausgesprochener Lieblingstee ist der sogenannte Prince Tea oder Dao Tea. Dabei handelt es sicch um einen Oolong, also halbfermentierten Tee, dessen Blätter in einem Ginseng Puder zu kleinen, unregelmäßigen "Köttelchen" gerollt werden. Der Tee lässt sich gut bis zu sieben, acht Mal aufgießen und wird nicht bitter, selbst wenn die Blätter lange in
der Kanne bleiben.

Ich kaufe ihn gerne im Tai Zi Po, dem Tempel an jenem Platz, wo der junge Prinz des Jingle Königreichs studierte, ehe er, vor seiner nachstellenden Mutter* fliehend in die Höhle oberhalb des Zixiaogong zog. Andere Geschmäcker behaupten, der Tee aus dem Nan Yan Tempel sei besser, obwohl es meines Wissens und meiner Google Recherche nach nur eine Zentrale Teeproduktion in den Wudangbergen gibt. Es ist dies die Baxianguan** Tea Plantation of Wudang Mountain.
Sie besteht aus tausenden (eigene Webseite) bzw. hunderten (Augenschein) größeren und kleinen Teegärten, umgeben von dichtem Wald. Seit 2000 hat das Anbaugebiet eine EU Qualifizierung als organischer Tee. Seit 2009 gilt es auch als ein immaterielles Kultur- Erbe.***
Zunächst lässt man die Teeblätter nach der Ernte etwas trocknen, danach werden sie einige Zeit leicht gerieben und locker geschüttelt, so dass der austretende Saft in Verbindung mit dm Sauerstoff oxidiert. Im nächsten Schritt werden die Blätter erhitzt um ihre grüne Farbe zu erhalten. Der Oxidationsprozess, früher fälschlich als Fermentation bezeichnet, wird dadurch gestoppt. Der Oolong**** Tee tendiert mehr zum grünen als zum schwarzen Tee.
Dann werden die Blätter sehr fest gerollt und anschließend wird das Ginseng-Puder "einmassiert". Es dauert über 30 Stunden, diesen Tee herzustellen. Der Tee ist nach dem Aufguss golden und klar, hat einen angenehmen Duft, der auch nach dem siebenten Aufguss noch gleich stark vorhanden ist.
Dem Dao Tee wird eine besondere Wirkung gegen Übergewicht zugesprochen, auch sind seine Inhaltsstoffe sehr reichhaltig und der Gesundheit dienlich.

Historie:

Vor ungefähr 5000 Jahren, als sich der heilige Bauer und Herrscher Shen Nong um Kranke kümmerte, da untersuchte er die verschiedenen Pflanzen und entdeckte in den Wudangbergen den Tee.
Vor etwa 2800 Jahren schrieb ein Gelehrter der Zhou Dynastie das Buch der Lieder, in dem sieben Verse über Qinbas Wudang Tee vorkommen.
59 v.u.Z. wurde Tee als Getränk zum ersten Mal schriftlich erwähnt, wurde schon als Ware auf dem Markt angeboten und zeremoniell zubereitet.
Dem Cha Jing, dem klassischen Buch vom Tee zufolge, von Lu Yu um 780 veröffentlicht, wurde wilder Tee zuerst in der Gegend um Ba-Shan gefunden.

Im Tai Zi Po hat mein ein Zwischengebäude, welches den Tempelbezirk mit der ehemaligen Pilgerherberge verbindet, zur Teestube umgewidmet. Früher war hier auch ein fleißiger Maler und Kaligraph zu Hause, der aber inzwischen wieder in seine Heimat zurück gegangen ist. Eine junge Chinesin, die vielleicht den Rang einer Geschäftsführerin hat, begrüßt mich dort schon seit Jahren. Sie ist immer geschäftsmäßig freundlich, obwohl sie weiß, dass kein großes Geschäft zu machen ist. Ich habe sie ebenfalls vor Jahren weit unter den angeschriebenen Preis gehandelt.
Entsprechend gekürzt ist das ganze Verköstigungs- und Verkaufsritual. Es ist jedenfalls immer sehr erfrischend, dem lustigen Geplantsche zuzuschauen, in dem sich die daoistische Teezeremonie von der ach so manieriert japanischen unterscheidet.


*because your mother's gonna love you till you don't know what to do (F. Zappa - Motherly love)
**Acht Unsterblichen Tempel

***wenn das nicht wieder Fragen von Georg aufwirft

**** Oolong, eigentlich Wulong = Schwarzer Drachen

Die kleinen Dinge

Als ich zum ersten Mal den alten Jia besuchte, jenen Mann in der Höhle oberhalb des Zixiaogong, der inzwischen als Bienendaoist bekannt geworden ist, fragte ich ihn, was er den Tag über so mache. "Die kleinen Dinge" war seine Antwort und ich glaube, ich war etwas enttäuscht darüber, nichts zu hören von Meditation, Gebet oder sonstigem heiligen
Zeugs.
Heute waren wir noch einmal unten in der Stadt, um lecker zu essen, Kleinigkeiten einzukaufen und einfach das zu genießen und zu bewundern, was anderen zu laut, zu dreckig oder zu chaotisch ist. Es ist die Gesamtheit der kleinen Dinge, um die sich niemand kümmert, die aber in den nächsten Jahren verschwinden werden. Die kleinen Läden mit der alten Nähmaschine vor der Tür und die verfallenden Werkstätten, in denen Schrott zu Brauchbarem zusammengeschweißt wird. Die Nähmaschinen werden von Modefilialisten und die Werkstätten von Computer-shops ersetzt werden. Die Löcher im Asphalt werden verschwinden und genauso die alten Leute, die vor der Bank of China Karten spielen oder Majong. Es werden Leute kommen, die viel Geld in diese Stadt stecken und noch viel mehr
rausholen wollen. Sie werden sich um die kleinen Dinge kümmern. Weil sich bis jetzt niemand darum gekümmert hat.
Eines Tages wird auch der alte Jia verschwinden und die Leute mit dem vielen Geld werden einen Schauspieler dort hinsetzen, der aussieht wie der alte Jia oder wie man sich den alten Jia vorstellen soll. Der Schauspieler wird sich nicht um die kleinen Dinge kümmern, sondern nur mit den Touristen posieren für die Fotos in den elektronischen Geräten aus den Shops unten in der Stadt. Wenn wir Glück haben, dann ist die Höhle des Schauspielers aber auch unten in der Stadt und die Touristen können sich den mühsamen, kurvenreichen und Übelkeit verursachenden Weg rauf in die Berge sparen und wir können uns hier oben in Ruhe den kleinen Dingen widmen.

Lausche der Musik

太乙

Wir hatten das Yi von Xing Yi schon. Es ist jenes, was den geistigen Aspekt der Vorstellungskraft meint. Xing heißt Form oder Gestalt und so wird mit befreitem Denken auch schon mal "Körper und Geist" übersetzt. 
Wenn man so will, kann man das auch stehen lassen. Richtig falsch ist das nicht. Besser wäre vielleicht Form und Absicht und das Ziel ist es absichtslos zu werden. Ich will mich nicht weiter darauf einlassen, weil ich auch noch nicht sehr viel Erfahrung mit Xing Yi habe.

Das andere Yi, das von Tai Yi, ist ein Radikal mit der ursprünglichen Bedeutung "Sichel". Aber wir sollten es nicht alleine betrachten, es gehört zu dem Tai (das Höchste) und gemeinsam ist es das Universum vor der Schöpfung.
Es kommt vor Taiji und deshalb finde ich es schon sehr interessant.
Das Schriftzeichen 'Tai' bedeutete ursprünglich Firstbalken, das Höchste am Haus. Wenn einer hochgestellt ist, nennen wir ihn einen Fürst und er ist der Erste, was im Englischen noch immer first heißt.

TaiYi (in der gleichen Schreibweise (太乙) wird auch als Bezeichnung für den Polarstern genommen, ws zu zu einem noch umfangreicheren Thema führt. Vor einiger Zeit habe ich an dieser Stelle meinen Artikel aus dem Taijiquan und Qigong Journal über die Sieben Sterne veröffentlicht. In der chinesischen Astromythologie wurde das gesamte Universum aus dem Nördlichen Scheffel, was bei uns der Große Wagen ist, ausgeschüttet.

Zuerst die Sieben Sterne und davor, vor der Erschaffung des Universums, kam der Polarstern.
Wenn demnach Taiyiquan eine Kampfkunst vor dem Anfang von allem ist, dann wundert es mich nicht, dass es so merkwürdig aussieht.

Yi vs. Yi

 Letztes Jahr hatte ich den Meister Yang hier kennen gelernt. Zum Abschied gab er mir einige DVDs, auf denen er das Tai Yi Quan erklärt. Er macht das sehr klar und sauber. Andererseits ist Tai Yi etwas völlig anderes, als alles, was ich bisher geübt habe. Es hat nun wirklich nichts mit dem zu tun, was man sich landläufig unter Taijiquan oder Kungfu vorstellt. Nichts mit dem, was uns Jackie Chan an schönen Choreografien vorturnt oder inzwischen auch in jedem sonstigen Genre, wo sich mal zwei Menschen miteinander kloppen. In den Filmen meiner Jugend, da haben sich die Männer noch ordentlich eins reingehauen und nach ein paar klassischen Kinnhaken ging der Böse ko. Wenn sich die Gelegenheit
bietet, dann schau dir mal eine alte Edgar Wallace Verfilmung mit Joachim Fuchsberger an. Da machen Pistolen noch "peng". Heute ist das anders. Erstens können sie alle mörderisch was wegstecken und zweitens beherrschen sie alle eine Mischform asiatischer Kampftechniken, vom einfachen Karate über Ninja bis zum Shaolin auf der Basis eines soliden Thai-Kick-Boxing.
Tai Yi sieht anders aus. Eher wie mein alter Märklin-Baukasten. Geradlinige, fast eckige Bewegungen, hin und wieder wird der Fuß nach hinten gehoben wie Jacques Tati und die Hände machen eher beschwörende Gesten, als dass sie zupacken. Zumindest sieht es auf den ersten Blick so aus. Schau mal bei Youtube.
Alleine nach einem Video hätte ich da nichts machen können. Deshalb hatte ich mich darauf eingestellt, Tai Yi hier zu lernen. Zu guter Letzt habe ich dann Bammel bekommen und mich mit dem Tai Yi Wu Xing Gong begnügt, was schon genug zu lernen ist, wenn man sowieso noch die lange Schwertform übt.
Jetzt stellt sich immer deutlicher raus, dass sie hier gerade sehr mit Xing Yi beschäftigt sind und wir müssen uns auch damit auseinander setzen. Gehört ins Trainingsprogramm.
Die beiden Yi haben übrigens nichts miteinander gemein. Sind zwei völlig verschiedene Schriftzeichen.

Macht nichts

Wenn du etwas machst, kann nichts mehr passieren. Da ist kein Platz mehr für "geschehen lassen". Drehst du deine Hand, wie soll sie sich dann von alleine bewegen, du hast schon die Führung übernommen. Da kann nicht kommen, was Dao will. Warten, dass etwas von selber kommt, das ist eine hohe Kunst. Vor allem, wenn man lernen will. "Ich will das jetzt
wissen:" Wozu? Was weißt du dann.

Heute haben wir davon gesprochen, wie wenig uns die Säue fehlen, die derzeit durch irgendwelche Dörfer getrieben werden. Wenn wir zurück sind, haben wir einige Säue nicht mitbekommen, aber ab der nächsten sind wir wieder dabei. Dann wollen wir wieder alles wissen. Wozu? Was wissen wir dann?

Wenn das Wasser in deinem Glas trüb ist, wie kannst du klares Wasser bekommen? Nicht, indem du darin rührst, sondern indem du wartest, bis das Trübe sich gesetzt hat. Dann hast du klares Wasser in deinem Glas.
Wenn du nichts machst, dann kann etwas passieren. Dann kann passieren, was schon angelegt war. Sehr schwer.

Mittags ist Meditation. Wir sitzen und atmen. Einige sind ungeduldig, weil man ihnen nicht erklärt hat, was sie in der Meditation machen sollen. Ja, Nichts.
Nichts sollt ihr machen, das ist doch Meditation. Auch nicht gegen den Schmerz im Rücken oder in den Beinen ankämpfen. Nicht versuchen, keine Gedanken zu haben. Nichts sollt ihr machen. Ist das denn so schwer?
Ja!

Die Schlange

Kaum waren wir von der Straße auf den schmalen Bergpfad abgebogen, da flüchtete eine Schlange vor uns. Gut anderthalb Meter lang, gelbgrün, verschwand sie flink im Unterholz. Erstaunlich, wie solch ein Viech sich durch Pflanzen und Geäst bewegen kann, ohne sich zu verletzen, während ich gewöhnlich schon am ersten Dorn hängen bleibe.
Die Schlange ist das Tier der Phase Metall, wird verkörpert von Lunge und Dickdarm und erzeugt die Empfindungen von Kummer und Sorge.
Standardmäßig wird in der Literatur an dieser Stelle von 'Trauer' gesprochen, was ich aber als einen Aspekt von Mangel im Feuer, der Abwesenheit von Freude bezeichnen würde. Kummer und Sorge sind zwei Erscheinungsformen der selben Empfindung. Kummer entsteht über Vergangenes, Sorge vor Zukünftigem. Beides ist demnach nicht notwendig,
da das eine schon Geschichte ist und nicht geändert werden kann, ganz gleich, was wir dazu im Nachhinein fühlen und denken, das andere ist noch nicht erschienen und muss auch nicht in jener Form auftreten, wie wir es befürchten oder erhoffen. In dem Film Kungfu Panda macht der Meister dazu eine schöne Bemerkung. Ich habe den Film im englischen Original gesehen und er sagt "the past is history, the future is mystery but the moment is a gift, that's why it is called present". (aus der Erinnerung zitiert) Gerne wüsste ich, wie man das auf Deutsch synchronisiert hat.*
Est ist etwas anderes, sich um jemanden zu kümmern oder für jemanden zu sorgen. Das hebt die Trennung zwischen uns Menschen auf, es verbindet. Den geistigen Aspekt von Metall nennen wir auch Körperbewusstsein. Das vegetative System, das Instinktive, verbinde ich damit. Zu schlafen, wenn man müde ist, zu essen, wenn sich der Hunger meldet. Das Blut zirkuliert, ohne dass wir einen Gedanken daran verschwenden, wir
verdauen, spalten Nahrung auf, verteilen die Nährstoffe im System, während wir in Gedanken ganz wo anders sind. Das ist Metall, dargestellt in der Schlange.

*Mein Angebot lautet: Was hinter uns liegt, ist Geschichte und was uns die Zukunft bringen wird, liegt im Geschick. Die Gegenwart bildet die Grenze. Im Augenblick sind wir präsent, er ist ein Geschenk.

Stufen


Es gibt viele Treppen in Wudangshan. Nicht nur die ca. 300 Stufen von der Akademie zur Straße hoch, nicht die weiteren 300 Stufen in unserem Haustempel, dem Zixiaogong, der an einen Berg gebaut wurde und über mehrere Ebenen reicht. Es gibt noch die ca 3 km lange Strecke vom Nanyan hinauf zum Tianzhu, bei denen rund 800 Höhenmeter überwunden werden. Es gibt sie überall, auf kleinen Pfaden, halb verfallen und überwuchert, die zu ebenso verfallenen und überwucherten ehemaligen Tempeln führen.
Kleinen Tempeln, weit entfernt von den prächtigen Ausmaßen des Zixiiao-Palast. Heute kamen wir an einer Ruine vorbei, vielleicht fünfzehn auf zehn Meter. Überall aber Stufen, seien sie in den Fels gehauen oder mühsam hingeschaffte Blöcke.
Da haben sich Menschen eine Mühe gemacht, um nachfolgenden Generationen Mühe zu ersparen. Solche Leistungen hat man nicht nur hier erbracht. Der ganze Mittelmeerraum besteht doch aus nur einem einzigen Bauwerk, aus unendlichen und endlosen Natursteinmauern, aufgeschichtet um Terrassen zu schaffen, auf denen Wein oder Oliven wachsen.
Wo und wofür werden heute solche Projekte angelegt, wird sich bemüht, für die Zukunft. Wo geht es nicht um den sofortigen Benefit, wer will nicht selber ernten, was er gesät hat.
Wenn wir uns dem Gongfu widmen, dann müssen wir Leistung erbringen, um einen Nutzen daraus zu ziehen. Wir können diese Künste erlernen und Gewinn erzielen, weil sie uns über Generationen weiter gereicht wurden. Wenn wir sie selber weiterreichen wollen, sollten wir sie zunächst sauber und erfolgreich meistern. Erfolgreich bedeutet, dass etwas daraus
erfolgt, Eines folgt dem anderen. Wie die Stufen in den heiligsten der heiligen Berge.