Blütenregen

Wir sind hier angekommen bei 28 Grad und nun ist es seit Tagen unter 10 Grad. Und feucht. Kein Wetter, um die schöne Landschaft zu genießen. Da bleibt man in den Trainingspausen im Haus und ist froh, ein Buch dabei zu haben.
Ich bin kein Freund von Richard Wilhelm. Man mag ihm anrechnen, dass er früh den Deutschen (und in der Folge der Übersetzungen auch anderen Völkern) ein Stück chinesischer Kultur nahe gebracht hat. Überraschend ist, dass nun, fast hundert Jahre später, seine Texte immer noch in vorderster Reihe stehen und neuere Werke offensichtlich an wesentlichen Stellen sich immer noch an ihm orientieren. Dabei wimmelt es bei Wilhelm nur so von Fehlern und Fehlinterpretationen. Nehmen wir nur den Titel seiner Zhuang Zi Übersetzung. Steht noch heute stolz drauf 
"Das wahre Buch vom südlichen Blütenland". 
Der Verlag wäre auch blöde, so etwas blumig phantastisches zu ändern. Im Allgemeinen wird das Buch in Fachkreisen und in China nach seinem Autor Zhuang Zi genannt. im Jahre 742 unter Kaiser Xuanzong den Ehrentitel „南華眞經", Nan Hua Zhen Jing.
Fangen wir hinten an: Jing = Klassiker, Zhen = echt, real, wahr. Nan ist auch noch einfach = Süden, dann müsste Hua Blütenland heißen. Tut es aber nicht. Es ist eine in früheren Zeiten gebräuchliche Bezeichnung für China gewesen. Das wahre Buch aus dem Süden des Landes. Oder einfach aus dem Süden. Klingt nicht so verkaufsträchtig und Herrmann Hesse hätte es womöglich auch nicht in die Hand genommen.
Nun gibt es zwar ein Schriftzeichen hua 花, welches in der Tat 'Blüte' bedeutet, aber das kommt in dem kaiserlichen Titel nicht vor. Da macht uns Herr Wilhelm was vor. Eine Stilblüte sozusagen. So geht es durch all seine Transkriptionen. Wenn ihm nicht genügte, was die Alten schrieben, dann machte er sich seinen eigenen Reim darauf. Einige Freiheiten des protestantischen Missionars hatte ich schon länger entdeckt. 
Hans Georg Möller macht in seinem Buch "In der Mitte des Kreises", das schon vor einigen Jahren erschien, auf die Feinheiten aufmerksam, wo Wilhelm bei seiner Zhuang Zi Bearbeitung knapp am Daoismus vorbei gedacht hat. So haben auch die Regentage ihr Gutes. Morgen soll es vorbei sein mit dem Nass.

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