Am Abend des 30. April 2011

ich sag mal so:"Ich schreib mal was."
Weil, draussen ist viel zu viel los, als zum Beispiel schlafen zu
gehen. Heute Nachmittag stellten einige aus der Gruppe anscheinend
mit Verwundern fest, dass die Schüler, also die Residents, die
dauerhaften, die Jungen, dass die mit Heften unterm Arm in den
Meditationsraum gezogen sind. Entschuldigung, liebe Gemeinde, aber
wieso sollen junge chinesische Menschen, die an einer Wushu Akademie
eingeschrieben sind, nicht auch Lesen und Schreiben lernen. Sollen
sie als tumbe Akrobaten in die Welt entlassen werden? Weil also am
Nachmittag irgendwas Intellektuelles gemacht wurde, ist heute Abend
Training. Waffengeklirre und Kommandos im Hof.
Heute war auch zwei Mal unabhängig von einander Sprache und
Denkstrukturen Thema. Inwieweit erzieht eine pictographische Schrift
wie die chinesische zu einem komplexeren Erfassen von Bewegungen als
die lineare lateinische Schrift? Macht euch eure eigenen Gedanken dazu.
Das Training der Residents unterscheidet sich elementar von unserem.
Ich beschreib mal letzteres.
Für gewöhnlich beginne wir vormittags mit ein paar Runden Laufen,
anschließendem Dehne, vor allem der Beine und anschließenden Kicks
(Kicks 'n Keks wär noch ein Thema für den T-Shirt Shop von Frau Qu;
es gibt ein anderes neues Motiv in Anlehnung an Kennedy*) sorry,
zurück zum Thema. Nach den Kicks gibt's Pause, dann Formentraining,
also jeder macht, was er/sie gerade lernt. Die Meisters gehen rum und
helfen auf Anfrage oder sichtbarer Notwendigkeit. Ich begnüge mich
damit, bisher gelerntes zu verbessern - Taijiquan Sanfeng Shisan,
Baguazhang, Taijijian (Schwert, wozu ich immer brav das passende T-
Shirt anziehe mit der Kaligraphie aus Hero*). Zugegeben, es bekommt
einen Aspekt der Langeweile, aber immerhin ist die 13er Form für mich
jetzt kein Rätsel mehr und einige Bewegungen im Zökeln (Bagua) sind
nun auch klarer.
Man muss sich das so vorstellen, das maximal gerade Mal zwei Menschen
vielleicht wenn's hoch kommt, gerade mal das Selbe üben und zwar auch
auf gleichem Niveau. Zum Besipiel übt auch ein dunkel gewandeter
Chinese die 13er Form. Wir beäugen uns auch gegenseitig, aber wir
üben nicht zusammen. Er lernt, ich werde korrigiert. Dazwischen
liegen Welten.
Jetzt wird schwierig, wenn ich den >Unterschied zwischen draußen
jetzt und uns am Nachmittag - ach soweit sind wir ja noch nicht.
Am Nachmittag findet meist sowas wie Taijibu statt. Taiji-
Grundschritte. Das ist immer schön ztu gucken. Weil das ist langsam.
Da kann man mal rumkucken. Eigentlich macht fast jeder was anderes
und man kann auch sehen, dass fast jeder glaubt, genau das zu machen,
was Pan-Shifu** uns vormacht. Ich bin auch davon überzeugt. Manchmal
gibt es im Anschluss daran noch 30 Minuten Stehen. (hatten wir schon
mal) Dann Formentraining.

So, jetzt ist aber gut. Draußen wird auch langsam ruhiger.

*http://frau-qu.spreadshirt.de
** Pan die Jüngste. Es gibt hier drei Schwestern, die gemeinsam
beschlossen haben, die Wudang-Ausbildung zu machen. Die beiden
älteren sind derzeit auf Tour und unterrichten sonst wo in China.

Downtown

Der Plan:
Wir fahren runter in die Stadt, suchen die Schule von Großmeister Zhong Yun Long, dem Lehrer unserer Lehrer, erledigen schnell alles, fertige Anzüge abholen bei der Schneiderin, zur Bank Geld wechseln, noch drei Schwerter kaufen und dann hoch und den Taizipo besichtigen, Tee trinken, Tee kaufen, evtl auch Kaligraphien.

Das Leben:
Um Geld zu wechseln sollte man wissen, wieviel man wechseln will. Dazu bat ich gestern im Büro um die Summe, die nun, nach den wechselnden Umzügen, noch zu zahlen sei. Hatte Judy noch nicht ausgerechnet, will sie aber sofort machen. Sie rechnet, und zwar auf die komplizierteste Methode, letztlich für jeden Einzelnen den genauen Betrag. Das lag dann etwas unter dem, was ich so per Daumen in der Hosentasche kalkuliert hatte. War aber eben ganz genau. 
Es ist eine durchaus liebenswerte Eigenart der Chinesen, jemanden, der gerade mit etwas beschäftigt ist darin zu unterbrechen, das eigene Anliegen vorzubringen und so wird in die Rechnerei noch schnell ein Telefonanruf getätigt oder die Klärung eines nicht funktionierenden Internetanschlusses veranlasst. Derweil warten die anderen geduldig mit den Fingern trommelnd. Demnach Abfahrt mit halbstündiger Verspätung. Kaum unten angekommen gehen die Mädels erst mal Pipi, dann suchen wir die Schule und finden sie auch, Aber der Meister ist nicht da, auch der Leiter der Schule nicht. Aber der käme in einer halben Stunde, in zwanzig Minuten in zehn Minuten. Nachdem wir die leckeren Äpfel gegessen hatten, sind wir dann wieder losmarschiert. Auf der Starße haben wir den Manager getroffen, der mich freundlich unser Begehr auf Chinesisch hat stammeln lassen, um mir dann ebenso freundlich in hervorragendem Englisch zu antworten. Der Meister ist zu Filmaufnahmen auf dem Golden Top, er möchte gerne alle Instructors unterrichten usw. usw.
Mit zwei Töfftöffs haben wir uns in die Stadt bringen lassen. Ein Abenteuer, dass sich kein Chinareisender entgehen lassen sollte.
Bei der Schneiderin wurden natürlich nicht nur die Kittel abgeholt, ich lebensunerfahrener Jüngling. Gehe mit vier Frauen in eine Schneiderei und glaube, in zehn Minuten wieder draußen zu sein. Nach einem vollständigen kosmischen Zyklus von 324.000.000 Jahren ziehen die ersten schon mal ab ins Restaurant, weil es sonst zu spät wird und wir nichts mehr bekommen. 
Dort werden wir Zeuge eines heftigen Streits, eines sehr heftigen Streits. Eines lautstarken, aggressiven und auf weiblicher Seite tränenreichen Streits. Unter Mitarbeitern. Öffentlich. Im Restaurant.

Um Geld zu wechseln braucht man seinen Pass, hier in China. Unsere Pässe liegen aber noch im Büro. Zum Glück ist unsere zugelaufene Chinesin aus Berlin dabei, eine überaus hilfreiche Einrichtung. Sie hat ihren Pass, füllt treulich die Formulare aus, auch zweimal, weil sie einmal was durchgestrichen hat. Geld gewechselt, auf zum Schwerterkauf. Damit das Geld in der Familie bleibt, kaufe ich Schwerter grundsätzlich nur im Laden der Tochter von Frau Qu. (weißt du schon, das es nun auch einen T-Shirt Laden von Frau Qu im Internet gibt? http://frau-qu.spreadshirt.de/) Weil wir letzte Woche schon drei Schwerter gekauft haben und nun noch vier dazu kommen, hoffen wir natürlich auf eine zusätzlichen Nachlass. Nichts zu machen. Absolut nichts. Auch dir Drohung, dann eben wo anders zu kaufen, bringt nichts. Es bleibt dabei, was bedeutet, wir sind ziemlich unten an der Grenze angekommen.

Zum Bus. Für den Taizipo ist es schon zu spät und wir wollen auch nicht die Einkäufe durch den Tempel schleppen. Ein anderer Tag muss dazu her. Aber! Es werden keine Tickets verkauft. Weishenme? Warum nicht. Because of a very heavy car acceress. Accident? Yes sorry? Wie lange das denn dauern könnte? Vier Stunden vielleicht? Zur Information, das spielt sich gerade so um 15:30 Uhr ab. Vier Stunden. Vielleicht. Kann auch bedeuten, dass wir übernachten müssen, unten irgendwo. Bis wieder Busse fahren. In drei Tagen. Vielleicht.
Zehn Minuten später werden wieder Tickets verkauft, wir werden erst einmal in einem großen Bus klimagekühlt, bis wir in einem kleinen Bus bis zur Unfallstelle gekarrt werden, dort einen umgekippten LKW bestaunen dürfen und dann an der Autoschlange vorbei wandern bis dort hin, wo ein anderer kleiner Bus zu wenden versucht. Was ihm, dem Fahrer, dann unter allgemeinem Beifall gelingt. Der soll uns dann zur Busstation am Taizipo bringen. Vorher aber gilt es noch, eine Strassenblockade zu erleben. Eine gemischte Gruppe von sechs Chinesen stehen nun unüberwindbar auf der Straße. Sie sind wohl an dem Unfall vorbeigewandert und werden nun von allen vorbeifahrenden, vollbesetzten Bussen ignoriert. Sie wedeln mit ihren Tickets und schimpfen laut, blockieren inzwischen auch den Gegenverkehr und demonstrieren uns die Macht des kleinen Mannes, wenn er auf die Straße geht. Natürlich haben sie in einer Wise Recht und wir signalisieren ihrem Anführer Solidarität. Hinter uns stauen sich weitere Busse, ein Bauer treibt ungerührt seine drei Kühe vorbei.

Endlich finden sich für die sechs Aufrechten Sitzplätze in einem Bus (stehend wird hier keiner transportiert) und wir können weiter. Vor dem Taizipo gibt es noch mal ordentliches Gedrängel, bis alle im richtigen Bus sitzen und damit neigt sich der Tag auch schon seinem Ende zu.

Grosses Hallo

abgesehen davon, dass es heute noch heisser war als gestern, war es
der Tag des großen Wiedersehens. Nach dem Frühstück haben A. und ich,
die wir noch nicht in der Akademie wohnen, das Hotel gewechselt. Viel
besser, sauberer, komfortabler und billiger. Auf dem Rückweg runter
zum Training, sind wir beim alten Jia vorbei, dem Vorzeigeeinsiedler.
Weil A. war gestern nicht dabei und U. auch nicht. Na da hat er sich
gefreut, als er mich schon wieder kommen sah. Heute war er auch
besser drauf als gestern, wo er über der Erklärung des Lao Lai Nan
eingeschlafen ist. A.mit seinem Rauschebarrt hat ihm auch gefallen
und gegen ihn sei er ja ein Zwerg. Oder ein Kind. Zumindest was
Kleines. Aber altersmäßig sei A. mit seinen 55 Jahren noch jung. Ist
ja auch wahr.
Also an dieser Stelle erkläre ich mal für Ortsfremde die Lokalität.
Du kannst dir das hier auch begleitend auf einer Karte ansehen.
Das Wichtigste, das Zentrum unseres Hierseins sei der Zixiaogong. der
Palast des Purpurwolkenhimmels. Es ist die größte Tempelanlage in
Wudangshan. Zixiaogong wächst über sechs Ebenen an der Südseite einer
Felswand hoch, die den Namen "Ausgebreitete Flagge" trägt. Dabei legt
er ca.40 Höhenmeter zurück. 200 Stufen unterhalb liegt der Daoyuan
oder Daoistenhof, in dem die Akademie und deren Gäste, das wären
eigentlich wir, sowie die 2 Klasse der Permanents untergebracht
sind. Weil aber nicht genug Plastz ist derzeit, bin ich in einem
Hotel am Nanyan, liegt ca 150 Meter oberhalb des Zixiaogong und ist
über die Serpentinenstraße drei Kilometer entfernt. Verstanden?
Von nun an erst mal normaler Tagesablauf. Wegen der Hitz ward am
Nachmittag ein wenig lazy aber schönes snaftes Training, Viel Taijibu
und Basics. halbe Stunde Stehen und dann Formentraining.
Nach dem langsam die Tempeltreppen runter. Ich erzähl gerade die
Geschichte, wie sich mein Exnachbar das Leben genommen hat, da steht
plötzlich Pei vor mir.
Pei ist ein Relikt aus jener Zeit, als wir die Reisen noch mit einer
Agentur gebucht hatten. Da gab es immer Dolmetscher. Zuerst Sissy,
dann Michaela und im dritten Jahr Pei. Über ihn bekommen wir immer
die Zugtickets von Beijing nach Wudang, denn die lassen sich nicht
übers Internet buchen.
Mit Pei verabredet auf ein Bier beim kleinen Mann, dann weiter runter
zur Akademie. Am Fuß der Treppe steht das kleine Springbällchen L.
Zum ersten Mal haben wir uns vor zwei Jahren getroffen. Sie war hier
mit ihrem Jeep Chirokee, mit dem Zhong Shifu dauern rumgurkte. Er
hätte es gerne gesehen, wenn sie den Wagen der Akademie gespendet
hätte. Zum Fest der Jugend führten L. und ich den Twist aus Pulp
Fiction vor. Also sie ist jetzt auch hier, in Begleitung eines
Chinesen, der auch letzten Herbst hier war und mir nun berichtete,
wie schwierig es war, für unseren Meister das Visum zu bekommen. Er
hatte ihn in Beijing begleitet und ihm geholfen. Wenn wir so einen
Aufstand machen müsssten, um ein chinesisches Visum zu bekommen, kein
Mensch würde dort hin reisen.

Wetterbericht

Lieber Leser, nichts liegt mir näher, als dich neidisch zu machen.
Ich habe gesehen, dass es in Deutschland nett warm ist dieses
Wochenende, aber der Trend geht Richtung Abkühlung und Regen. Nun,
hier ist es sehr sonnig und HEISS. Richtig lecker heiß. Ich weiß, es
gibt Leute, denen liegt Hitze nicht, aber mir, ich mag sie. Dennoch
hab ich es vorgezogen, im Schatten zu trainieren. Der Trend hier geht
zu noch mehr heiß. Heißer. An die 40 Grad. Und wir haben auch hier
noch April. Und das alles, ohne bisher Zhen Wu auch nur ein
Räucherstäbchen geopfert zu haben.
Gut, das reicht.
Erzähle ich was von anderen Wunderlichkeiten.
Gestern Nachmittag und heute hatten wir Training in der Akademie,
nicht im Tempel. Als ich am Abend den Berg hoch musste, wunderte ich
mich schon, dass noch Busse fuhren. Oben angekommen wunderte ich mich
über die vielen Menschen. Rund um die Busstation hat man einen
Wartelaufstall eingerichtet. Es gibt bestimmt einen Namen dafür, aber
er ist mir nicht geläufig. Es gibt natürlich für alles ein Wort.
Tochter A. wollte mal wissen, wie die Dinger heißen, die man im
Supermarkt auf dem Laufband vor der Kasse zwischen die eigenen
Einkäufe legt und die des Vordermanns, der Hinterfrau. Warentrenner.
Haben wir erfragt. Hier gibt es diese Laufgitter,
Warteschlangensortierer. Die standen rappelsvoll und noch darüber
hinaus die Straße hoch in Viererreihen, noch mindestens zwanzig
Meter. In der Schätzung von Menschenmassen ungeübt, würde ich
sagen:tausend Leute. Heute hatte man schon die Busse parat gestellt.
Die ganze Straße voll. Zwanzig Busse a vierzig Sitze macht Platz für
achthundert Leute. Lieg ich doch gut mit meiner Schätzung.
Das war jetzt Wochenendbetrieb. Wartet mal ab, wenn Anfang Mai die
Golden Week anbricht. Ferienzeit. Dann tanzt hier der Bär, boxt der
Papst.
Apropos - heute war ich oben beim alten Shang oder Zhang, dem
Vorzeigeeinsiedler, dem Bienendaoisten, den zu besuchen fester
Bestandteil meiner ersten Woche hier ist. Treffe ich eine junge Frau
aus Deutschland, lebt derzeit am Wulonggong. Trainiert bei Ismet Himmet.
Heute Mittag kamen ein paar ganz junge Menschen runter zur Akademie
und wollten mal schauen, was wir so machen. Ganz brav in blauen
Daoistenanzügen mit weißen Gamaschen und ganz jung. Ich hab mich
gefreut, dass anscheinend auch wieder die Jugend zum Taiji findet. In
den letzten Jahren waren die Teilnehmer mit einem selbst immer älter
geworden. Junge Menschen waren selten. Jetzt nimmt es wieder zu. Auch
in der Akademie sind viele jüngere Leute. Die haben zum Teil Zeit und
Geld ein halbes oder ganzes Jahr hier zu sein.
Am Abend fand ich die jungen Menschen von heute Mittag dann wieder in
einer Gruppe auf der Terrasse vor dem Hotel nebenan. Übten unter
Anleitung eines Lehrers, den ich kurz vorher auf der Straße getroffen
hatte. Wir hatten uns letztes Jahr schon kennen gelernt. Und auch ihr
Hometrainer, der sie wohl hierhin mitgenommen hat, ihr Meister von
daheim, lief mit ernstem Blick in seinem Anzug umher.
Man kann sich als Lehrer seine Schüler nicht immer aussuchen, aber
man kann sich seine Lehrer aussuchen. Heute kann man das. Als ich
anfing vor vierunddreissig Jahren, da war man froh, wenn man jemand
Gutes fand. Es gab nicht viele. Aber von den weniger Guten gab es
auch nicht viel. Heute schon. Nur die Guten sind nicht wirklich
bedeutend mehr geworden. Ein heißes Thema.

Heute

Stehen
bedeutet, in ungefähr schulterbreitem Stand die Arme zu heben, Ellbogen nach außen, Fingerspitzen zueinander. So bilden die Arme ungefähr in Höhe der Brustmitte einen horizontalen Kreis.
Heute bin ich beim Stehen nach ca 20 Minuten eingeschlafen.

Lüftung
Durch den Lüftungsschacht auf meiner Toilette kann ich die Musik und das Lachen der Menschen oben im Restaurant hören. Daraus lässt sich schließen, was die Leute im Restaurant riechen können. 

Essen
Zum Mittagessen war ich beim Meister eingeladen. Der kann auch lecker kochen.

Kulisse
entgegen der gestrigen Ansage war heute vormittag das Training doch im Tempel. Weil ein Parteifuzzi oder so vorbeigeschaut hat. Die bei uns im Haus lebenden Schüler der zweiten Klasse durften eine Performance machen und wir bildeten im Hintergrund die Kulisse der hart trainierenden Ausländer.
Es kann aber kein ranghoher Beamter gewesen sein, denn es gab keinen roten Teppich und keine Stühle. Der Bursche musste sich die Show in der prallen Sonne stehend ansehen.

Simon
aus Norwegen ist heute wieder gekommen. Bleibt aber leider nur ein paar Tage. Nico müsste auch bald auftauchen. Schön, so alte Freunde wieder zu sehen.

Feindin
im Bus hat mich eine Chinesin auch wiedererkannt. Ich sie auch. Vor Jahren beim Fest zu Zhen Wus Himmelfahrt, hat sie wütend an meinem Kittel gezupft, weil ich mir auch bei der kostenlosen Speisung der Armen ein Schälchen Reis abgeholt habe. Dabei hatte man es uns regelrecht aufgezwungen.

Bier 
kostet hier im Hotelchen 8 (acht) Yuan. Beim kleinen Mann zahle ich 3 (drei), aber weil der Bus kam und zu befürchten war es könne der letzte sein, bin ich dort nicht noch mal vorbei.

es geht so

wir Ausgesiedelten haben Zimmer in dem Ort am Nanyan Tempel. Der Ort
selbst heißt so was wie Krtähennest. Das hat wahrscheinlich damit zu
tun, dass der Legende nach Zhen Wu (googeln) von Krähen hierhin
hinauf gelockt wurde, in der Höhle lebte, die jetzt der weltberühmte
Bienendaoist bewohnt und sich nahbei, eben an der südlichen Klippe
(Nanyan) wegen einer Göttin-als-Zicke beinah in den Tod gestürzt
hätte. Würde die Geschichte heute passieren, dann träte die Göttin-
als-Zicke bestimmt so auf, wie die jungen chinesischen Dinger, die
zur Arbeit sich rausputzen wie deutsche soziale Randgeschöpfe, wenn
sie zur Ladysnight in die Disko gehen. In glitzernden Mänteln und
Jeans, die enger sitzen als Strumpfhosen, auf Stöckelschuhen, die
ihnen nicht nur die Hüftgelenke auf ewig demolieren, aber auf
männliche soziale Randgeschöpfe anscheinend ungeheuer erotisch
wirken, machen sie in der großen Halle des Ticketverkaufs mit XXXL-
breiten Mobs den Boden feucht. Also ungefähr so würde ich mir das
vorstellen, nur ohne Mobs, wenn die Göttin-als Zicke heutzutage
versuchen wollte, den fast erleuchteten Zhen Wu zu versuchen.
Wahrscheinlich würde er sich heute davon genauso wenig beeindrucken
lassen wie damals, obwohl auch er einer sozialen Randgruppe
entstammt, aber eher vom gegenüber liegenden Rand, nämlich den
Royals. Obwohl, wenn ich mir anschaue, was sich die Prinzen in
Britannien so abschleppen, egal.
Das kleine Hotel liegt in einer Reihe mit anderen kleinen Hotels.
Unseres hat vielleicht 10 Zimmer. Sie liegen so unübersichtlich, dass
ich sie noch nicht zählen konnte. Sie bieten Komfort von Standard
bis deluxe. Der Unterscheid ist marginal. Deluxe ist heller, hat eine
richtige Duschkabine, nicht so wie mein Standard eine das ganze Bad
einnässende Dusche und sie haben bei ansonsten gleicher Ausstattung
noch einen Computer.
Wir laufen morgens steil bergab und querbeet auf dem holprigen
Trampelpfad, die langen Serpentinen abkürzend, an den Teegärten
vorbei zum Purpurwolkenpalast. Weil noch keine Busse fahren um die
Zeit. Abends laufen wir auch wieder rauf, je nach Helligkeit den
Trampelpfad, im Dunklen auf jeden Fall die Straße, weil dann keine
Busse mehr fahren. Soll ja ganz gesund sein, so wandern und kraxeln
in den Bergen.

Liebe chinesische Zensurbehörde,

wenn ihr, warum auch immer einige Portale sperrt, wie zum Beispiel Facebook, Youtube oder Blogger, wo ich diesen Text gerade veröffentliche, ich dann mit einem Proxy die Sperre umgehe und ihr in der letzten Zeit den Proxy aufgespürt und ebenfalls gesperrt habt, kann ich das mit einigem sportlichen Ehrgeiz verstehen und bewundern. Immerhin kann ich per Email dennoch hier bloggen. Bitte lasst mir dieses Hintertürchen, ja, ich berichte doch eigentlich nur darüber, wie gut es mir in eurem Land gefällt. Auch wenn mir die Zunahme der Touristen hier auf dem Berg ehrlich gesagt auf den Senkel geht. Da sollten wir uns mal zusammensetzen und diskutieren, welche Freiheiten sinnvoll sind und welche letztlich jenen Strick herstellen, an dem der Kapitalismus sich angeblich selbst aufhängt. Hier wird gerade durch den Verkauf des Produktes "friedvolle Ruhe und unberührte Natur" eben dieses zerstört. Vor allem dadurch, dass die Massen, die hierher kommen, genau dieses nicht wollen.  Baut ihnen woanders ein hübsches Disneyland, nennt es auch Wudangshan und hier wäre wieder Ruhe. 
Aber ich schweife ab. Ich möchte doch nur einfach und unkompliziert meinen Freunden davon berichten, dass wir dann heute doch noch mal runter sind in die Stadt, wo sich fast alle kräftig eingekleidet haben in ordentliche Kittel und Hosen, weil sie mit mir einer Meinung sind, zum Taiji oder Qigong gehe man nicht wie Hartz IV Empfänger zur Trinkhalle (Lieber Sturm der berechtigten Empörung, ich weiß, nicht alle Hartz IV Empfänger gehen in Jogginghose und T-Shirt zur Trinkhalle).
Und dann hab ich der netten Schneiderin noch 20 Anzüge für Daheimgebliebene ins Auftragsbuch diktiert. Es war ein schöner Tag für sie. Siehst du, liebe Zensurbehörde, wir kurbeln die freie Marktwirtschaft an. Wenn auch nur in kleinen Schritten. 
In dem Zusammenhang wollte ich auch noch erzählen, dass ich ein paar Schwerter gekauft habe, ziemlich trotzig auf meinem Preis bestanden habe und letztlich, schon 50 Meter vom Laden entfernt wieder zurück gerufen wurde und mein Deal galt. Vielleicht. liebe Zensurbehörde, sollten wir beide auch mal auf dieser Ebene miteinander handeln, damit ich zumindest meine Freundin und meine Familie über Skype anrufen kann. Ich hab hier in eurem schönen Land das Handeln ganz gut gelernt. Es macht Spaß und letztlich sind ja auch alle Beteiligten zufrieden. Da sag ich auch nichts anderes, als was ich über Handy sagen würde, wenn es mir nicht zu teuer wäre. Ehrlich, ich tu nix, ich will nur spielen. Was meinst du, das sagen die Hundebesitzer auch alle und trotzdem gibt es bei uns eine Maulkorbpflicht für Kampfhunde? Na, da denkt aber noch mal drüber nach, ich geh derweil langsam aus dem Laden, bleib aber in Rufweite.
Dennoch werde ich mir von meinem Freund M. morgen zeigen lassen, wie er Euch umgeht. Auch den kleinen J. den ich über Facebook kennen gelernt und jetzt im Supermarkt leibhaftig getroffen habe, würde sich freuen, wieder auf fb berichten zu können. Und wenn noch jemand anderster als die angesprochene Behörde diesen Beitrag gelesen hat und so nett wäre, den Freunden auf Facebook von dem Blog hier zu berichten, dann danke ich schon mal im Voraus.

zwanzig vier elf

Das war eine lange Anreise. Wir waren ja früh genug in Beijing, um
dort direkt mit der Frühmaschine weiter zu fliegen nach Xiangfan. Nur
wusste ich damals, vor 8 Wochen, als ich die Buchungen vorgenommen
hatte, noch nichts von dieser Frühmaschine. Bisher, also früher, da
gba es nur einen Anschluss abends. Aber noch früher gab es selbst
diesen Abendflug nur alle drei Tage. Ich hätte also schlau sein
können und mir das denken. War ich aber nicht. Deshalb sind wir mit
dem Zug weiter, wie gehabt. Aber weil wir so früh waren, früher als
früher, hatten wir sehr viel Zeit, bis der Zug kam und die haben wir
mühsam totgeschlagen, während wir immer müder wurden. Mit lecker
essen gehen und tatsächlich auch einem richtigen Kaffee beim KFC. Ich
hab dann, endlich im Zug, auch nicht lange Gesellschaft geleistet und
mich schmerzfrei auf's Ohr gehauen. Um 23 Uhr Ortszeit war ich wieder
wach, konnte aber nach anderthalb Stunden Irving weiterschlafen. Bis
zum frühen Morgen.

Mit ca. 30 Minuten Verspätung, was gemessen an einer Gesamtfahrzeit
von 15 Stunden und rund 1200 km Strecke angemessen ist, kamen wir in
Shiyan an. Vor der Tür unser Abholengel Judy mit einem kleinen Bus,
in den wir alle gerade so reinpassten. In Laoying, auch Wudang-Stadt
genannt, gab es das obligatorische Ankommerfrühstück, in den
Supermarkt bräuchten wir nicht, meinte Judy weil es nun einen Laden
in der Akademie gäbe. Gibt es in der Tat,ist aber bei weitem nicht so
gut bestückt wie unser Alimentari Qu,erst recht nicht, wie der
Supermarkt. Was zur Folge hat, dass wir heute wieder runter fahren in
die Stadt. Aber der Reihe nach.
Der Eintrittspreis ist wieder ein paar Yuan angezogen, ebenso das
einfache Busticket. Endlich oben auf dem Berg geht es gleich los mit
dem großen Hallo. Natürlich auch artiges Begrüßen der Fremden. Mich
hat das immer irritiert, wenn ich her kam und von Anwesenden, die ich
nicht kannte, quasi ignoriert wurde, wie auch, von Neuankömmlingen
als schon Anwesender nicht begrüßt wurde. Ich finde, dass gehört sich
so, "Aha, der berühmte Yürgen." bemerkt aber einer. Möchte mal
wissen, wofür ich bei ihm berühmt bin. Muss ich mal fragen,
unaufgefordert hat er es nicht gesagt.
Es gibt nicht genug Zimmer. Das Police-Hotel ist bis Anfang Mai voll
mit Militärs, was die auch immer hier wollen. Wir sollten deshalb zu
zweit auf die Zimmer. Nö, geht nicht. Weil Judy sich schon auf der
Fahr in dieser Hinsicht als hartnäckig erwiesen hatte, schnapp ich
mir Sonja, tue so als sei es das selbstverständlichste von der Welt
und beginne mit der Zimmerverteilung. Vier müssen rauf zum Nanyan.
Für die Ortsunkundigen; das ist der nächste Ort, ca drei Kilometer
weiter bergauf. Das bedeutet auch, abends, wenn keine Busse fahren,
die drei Kilometer rauf laufen. Aber die ersten beiden dürfen schon
in drei Tagen umziehen in den Dao Yuan, weil dann Platz wird.
Angeblich. Das ganze muss natürlich auch preislich verhandelt werden,
was einige Zeit in Anspruch nimmt, weswegen ich zu spät zum
Mittagessen komme. Hauptsache, wir zahlen nicht drauf. Ich bin
freiwillig mit rauf, auch wenn ich es bedauere, nicht im Hof zu
leben. Aber es befreit mich auch etwas von der Gruppendynamik, von
der ich tagsüber genug abbekommen werde.