Der letzte Trainingstag ist angebrochen. Punktgenau bekomme ich die letzten Schritte verabreicht und Meister Guan nimmt das Gesamtwerk ab. Leise knurrend, wie immer. Allerdings habe ich dieses Mal deutliche Veränderungen meiner Schritte festgestellt und ich bilde mir ein, dass ich tatsächlich langsam eine leise Ahnung von der Geschichte mit den kreisenden Hüften und dem Sinken in den Leisten bekomme. Mal schauen, was der Oster dazu meint, wenn wir uns wieder sehen. Es war auf jeden Fall die richtige Entscheidung, eine Taiji-Form zu wählen und an den Grundlagen zu arbeiten – vielleicht klappt's ja irgendwann wieder mit den schnellen Sachen. Etwas wehmütig hatte ich hin und wieder zu der jungen Norwegerin Agnes geschaut, die sich mit dem ersten Weg des Xuangong Quan abgemüht. Da hätte ich schon ganz gern hin und wieder mal was gesagt oder mal kurz mitgeübt – aber letztlich kenne ich meine Grenzen. Ein wenig zumindest.
Zum Abschied hat Guan nochmals zum Essen eingeladen. Ich nehme Dainius, den ich im Gegenzug für fleißiges Übersetzen (ich bin manchmal einfach zu faul, wenn jemand da ist, der es besser kann) in die Wudang-Gesellschaft eingeführt habe, mit. Wir sitzen im Hof zu Guans Häuschen und versuchen so zu tun, als hülfen wir beim Essen zubereiten, da öffnetet sich das Tor: ich schaue kurz auf von der Knoblauchzehe, die ich bearbeite, ach, Guan. Moment. Mit kurzen Haaren und Brille? Schaue nochmal. Doch. Genau das gleiche Lachen, die gleichen Gesten, die gleiche Stimme. Da fällt's mir wieder ein: der Zwillingsbruder. Guan stellt ihn aber stolz als „Didi", den kleinen Bruder, vor. Ich frage genauer nach. 15 Minuten. Die zählen natürlich. Ich bemühe mich, nicht hinzustarren, tue es aber natürlich trotzdem. So hätte Guan also ausgesehen, wenn er sich nicht dem Dao zugewandt hätte. Aber so ist es schon besser.
Nach dem gemeinsamen Essen sputen wir uns, zurück in die Schule zu kommen. Winterplan bedeutet nämlich auch, dass ab sofort wieder eifrig Theorie gepaukt wird. Fasziniert höre ich den Erläuterungen über Inhalt und Ausführung der Meditation zu und beschließe, der Sache doch noch eine Chance zu geben. Ernsthaft. Als ich hinterher Dainius zu ein paar Details befrage, schaut er mich entgeistert an: sagmal, das haben wir doch alles schonmal vor drei Jahren gehört. Schamesrot erinnere ich mich an die Veranstaltung, blättere in meinen Aufzeichnungen – ja, da sind sie – abgebrochen nach drei Zeilen weil ich überhaupt nichts verstanden habe. Aber man wird ja älter und manchmal sogar weiser. Nun wird es jeden Abend Dao-Lessons geben. Leider ohne mich. Schade.
Guans Bruder ist zusammen mit seiner Freundin anlässlich der Golden Week, die gerade angebrochen ist, hergekommen. Ab sofort herrscht hier im Land Ausnahmezustand, deutsche Reiseanbieter raten davon ab, in diesen Zeiten, nämlich jeweils die Woche nach dem ersten Mai und dem ersten Oktober, zu reisen. Der Chinese dagegen liebt „Renao" - Hitze&Lärm. Ich habe keine andere Wahl, als mich ins Getümmel zu werfen. Ein Zugticket nach Wuhan war nicht zu bekommen, es sei denn ich hätte die sechstündige Fahrt im Stehen zubringen wollen. Ein Transport vom Berg herunter mit dem Dao-Mobil ist auch nicht möglich, da es wohl auch währen der Feiertage weggefahren ist. Mittlerweile bin ich aber so entspannt, dass ich mich gar nicht mehr groß aufrege. Wird schon klappen, Zhenwu ist mit mir. Der Flug hat sich drei Stunden nach hinten verschoben, zur Not dürfte für wohlfeile 2000 RMB ein Fahrer aufzutreiben sein, der mich die 500 km fährt.
Am Ende organisiert mir die stets hilfsbereite Verwaltungsfee Sonia einen Fahrer nach Shiyan – der Bruder einer früheren Kollegin, man kennt sich – am Morgen tragen die Kids meine Koffer die 120.000 Treppen zur Straße hoch, Dainius verpackt mich in den Bus (ja, genau, um sich zu vergewissern, dass ich auch wirklich fahre und die Regenwolken mitnehme), sogar das Umsteigen am Taizipo entfällt, der Fahrer wartet unten schon auf mich, unterwegs wird noch dessen Bruder, der 2,5 Sätze Englisch spricht, aufgegabelt. Der füttert mich mit Apfel und probiert unterschiedliche Variationen seiner Englisch-Sätze aus, in Shiyan schaut man auf dem völlig überfüllten, unübersichtlichen Busbahnhof nach einem Fernbus nach Wuhan, wird fündig, in 5 Minuten ist Abfahrt, ich bekomme für 130 RMB ein Ticket gekauft und in die Hand gedrückt, mein Gepäck wird zum Bus getragen, ich hineinsetzt – ich bin sprachlos. Und weil d er Bus nicht wie angekündigt in Wuchang – das ist ein vom Flughafen ziemlich weit entfernter Stadtteil Wuhans – sondern direkt am Flughafen hält, habe ich soviel Zeit, dass es sogar für den regulär früheren Flug locker gelangt hätte. Jetzt warte ich halt 6 Stündchen und schreibe meinen letzten Post.
Im April geht's wieder weiter – und bis dahin: üben-üben-üben
Zaijian!
1 Kommentare:
Ich hab's notiert, liebste meimei - im April 2012 Urlaubssperre!
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