Nach dem anstrengenden Start habe ich mir nun einen Ruhetag redlich verdient. Dank Jetlag und leichter Erschöpfungserscheinungen war die Nachtruhe nicht ganz so prickelnd; der beruhigend plätschernde Niederschlag hat sich in der Nacht in Starkregen mit Gewitter abgewechselt. Bei einem kurzen nächtlichen Ausflug ins Bad haben meine kurzsichtigen Augen ein Wesen entdeckt, das verzweifelt versuchte, ins Trockene zu gelangen und immer wieder gegen das Fliegengitter flatterte. Was ich zunächst für eine Fledermaus hielt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen – so etwa Nase-zu-Nase – als etwas größer geratener Falter. Beeindruckend. Bei stetem Gießen scheint wirklich alles zu wachsen.
Es ist schon 9 Uhr, als ich langsam die Augen öffne – viel zu spät für's Frühstück in der Mensa, aber mir ist sowieso mehr nach einem „Continental Breakfast“ mit Joghurt, Vollkornkeks und Kaffee. Das hiesige Angebot von fettigem, gebratenem Brot, Eiern, Mantou, geschmackloser Reis- oder Meisbrühe nehme ich nur in begründeten Ausnahmefällen an.
Nachdem ich den Vormittag gemütlich vergammelt habe, lasse ich mich zum Mittagessen blicken. Es ist früh, noch herrscht Ruhe, bis ein älterer, kultivierter Mitschüler resolut zum Fernseher läuft und die gewünschte Beschallung startet. Sehr interessiert verfolge ich einen Bericht auf CCTV1. Mit ernster Miene berichtet eine junge, engagierte Reporterin über die Armut in Amerika. Es werden einige Beispiele gezeigt von Einpackern in Supermärkten, Türöffnern in den Appartmenthäusern der Reichen und besonders sprechend das Bild eines Obdachlosen auf einer Parkbank, neben dem ein mutmaßlicher Banker sein Mittags-Sandwich zu sich nimmt. Leider kann ich nicht alles verstehen, aber die Tendenz des Berichts ist so, dass wahrscheinlich am Ende ein Spendenaufruf für dieses notleidende Land stand.
Während ich hier friedlich bei offener Tür beim Verdauungsschreiben sitze, bekomme ich Besuch: ein kleines, harmlos aussehendes Schildpatt-Kätzchen hat hier in der Akademie sein Zuhause gefunden. Die Dame kommt mir gerade recht: wir haben zu reden! Sie maunzt mich leise an und tut so, als könne sie das nicht besser. Das kann sie aber sehr wohl – stundenlang hat sie gestern Nacht herumgeschrien. Wenn sie weiter so macht, sehe ich ihre Zukunft im Kochtopf. Das erkläre ich ihr mit ernsten Worten und sie schaut mich mit großen Augen an. Na, mal schauen, ob's hilft.
Nun will ich mir erst einmal einen Tee aufbrühen. Ich habe mir einen Weidenrindentee besorgt, der angeblich bei Gelenkproblemen helfen soll. Riecht auf jeden Fall schonmal sehr vielversprechend. Was so widerlich stinkt, das muss ja helfen. Ich packe die neu erworbene Tasse aus. Während ich noch überlege, ob kochendes Wasser auf Glas eine kluge Kombination ist, erhalte ich auch schon die Antwort. Schnell bringe ich Rechner in Sicherheit. Wenn also die Berichterstattung abrupt abbrechen sollte, wisst ihr, warum. Nun habe ich mein Teechen in Ramonas alter Iso-Tasse, die ich in unserer Hierbleibtasche neben vielen anderen wundervollen Dingen gefunden habe, zubereitet. Er schmeckt so, wie er riecht. Muss man durch. Achja, die Tasche: trotz intensiver Suche finde ich den dort verstauten Fön nicht mehr. Der war mal verschwunden, dann war er wieder da, jetzt ist er wieder weg...falls jemand hierzu sachdienliche Hinweise geben kann, wäre ich sehr dankbar.
Am Nachmittag schaut Niko auf einen Schwatz vorbei – er lebt mittlerweile in einem Zimmer, das – natürlich – von unserer geschäftstüchtigen Frau Qu vermietet wird. Es liegt direkt neben dem Zixiaogong, also in unmittelbarer Nachbarschaft. Darüber freue ich mich sehr, ich hatte ihn in einem der umliegenden Tempel vermutet, die alle etwas ab vom Schuss sind. So können wir uns öfter treffen und gemeinsam Tuishou üben. Das da erheblicher Handlungsbedarf besteht, stellen wir sehr schnell fest. Niko hat hier an der Schule zunächst das hiesige Bagua gelernt, nachdem man hier aber bald mit dem Latein am Ende war, hat er sich einen neuen Lehrer gesucht und der wohnt in Beijing. Also macht Niko sich alle paar Wochen auf nach Beijing, lässt sich für ein paar Tage knechten, bekommt Hausaufgaben auf, dann kommt er wieder hierher in die idyllischen Berge (und was dieser Ort sonst noch zu bieten hat, da muss ich glaube ich, nochmal nachhaken) und trainiert fleißig.Da gehört wirklich einiges an Disziplin dazu, jeden Tag einsam seine Kreise zu ziehen, mein aufrichtiger Respekt!
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1 Kommentare:
Föhn ist in der grau orangenen Tasche auf der groß Yürgen steht. (vielleicht auch Oster).
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