Gestern konnte ich endlich mein Versprechen einhalten und Niko zum Tianlu-Hotel zum Essen ausführen. Niko hat sich hier mittlerweile festgelebt und wohnt in einem Zimmer, das er von unser aller Frau Qu gemietet hat. Bei einer Monatsmiete von 600 RMB sind Annehmlichkeiten wie fließendes Wasser oder gar ein Bad nicht drin, aber wofür gibt es ein Flüsschen und immerhin ist Strom vorhanden. Meistens zumindest. Um den Winter unter solchen Bedingungen zu bestehen, muss man wirklich felsenhart sein. Da ziehe ich meinen Hut. Hier an der Schule wird zwar auch Baguazhang angeboten, allerdings nicht in der Art, die Niko es sich vorstellte. Und so hat er nach langem Suchen einen Meister in Beijing gefunden, den er regelmäßig besucht und der ihn korrigiert und Hausaufgaben gibt. Die kleinen Unannehmlichkeiten von 17-Stunden-Zugfahrten kann man gut auf sich nehmen um dafür nicht in einem stinkenden Moloch wie Beijing leben zu müssen. Von dem Preisgefälle von dort nach hier mal ganz zu schweigen.
Ich nutze jede Gelegenheit, der eintönigen Schulspeisung zu entgehen und genieße nun die gebratenen Kartoffeln, Auberginen, süß-saures Schweinefleisch, das mich geschmacklich sehr an die von mir geliebte Curry-Wurst erinnert und weitere Leckereien. Dazu noch ein kühles Bier und den neuesten Berg-Tratsch. Ein rundum gelungener Abend.
Nachdem wir am Vortag eine kräftige Portion Bauch-Beine-Po in Form von Stretching-Übungen genossen haben (Spagat geht immer noch **stolz**), meinte unser Chef-Instructor heute, auf die Aerobic-Nummer, vulgo Kicks, lieber zu verzichten und uns zu einem kleinen Spaziergang auszuführen. Bei solchen Bezeichnungen muss man immer sehr, sehr vorsichtig sein – ein „kleiner Spaziergang" mutiert gerne mal zu einer ausgedehnten 30-40 Kilometer-Wanderung. Und bei den örtlichen Verhältnissen ist alpine Ausrüstung auch kein Fehler, jedenfalls eine ordentliche Ration Wasser und was zum Knabbern muss sein. Habe ich gelernt. Als ich Guan gegenüber mein begründetes Misstrauen formuliere, meint er, dass wir diesmal wirklich, ehrlich nur ganz kurz spazieren und dann Kiwis pflücken wollen. Mal sehen, der Einstieg kommt mir sehr bekannt vor. Ich frage Guan also zur Sicherheit, ob wir vielleicht am Wulong Gong pflücken gehen wollen? Der ist ja glücklicherweise nur rund 20 Kilometer entfernt...nein, nein gewiss nicht, nur das erste Stück ist gleich. Und tatsächlich, nach einer guten halben Stunde strammen Aufstiegs finden wir die Kiwi-Bäume, gut versteckt, hätte ich nie im Leben erkannt. Aber wie nun ernten, die Dinger hängen ziemlich hoch? In affenartiger Geschwindigkeit und Manier erklettert Guan einen der Bäume und fängt an, kräftig zu schütteln. Die ersten Früchte fallen und die ersten Sammler stürzen sich auf die Kiwis. Schlaue Idee, denn Guan schüttelt natürlich weiter. Da hört man es schon „Auauau" - ja, die Dinger sind steinhart. Dainius, der neben mir steht und auch eine Daumenprobe macht, meint trocken, wer die isst, weiß hinterher wofür er seinen Hintern hat. Das klang natürlich im Original natürlich etwas drastischer, aber dieses Blog bleibt sauber.
Nach erfolgreicher Beute ziehen wir weiter. Hätten wir sonst ja gar nicht erst aus dem Haus gehen müssen. War ja klar. Wir laufen einen riesigen Halbkreis in grober Richtung Nanyan. Alte Wegmarkierungen weisen uns den Weg, der sonst als solcher kaum noch zu erkennen ist. Nein, hierzulande läuft man wirklich nicht gern – wozu auch, wenn es Busse gibt! Der Weg ist noch schlechter als im Affental, wobei dort wenigstens das zauberhafte Flüsschen und die Landschaft lockte. Aber so kommen wir wenigstens zu unserem Training. Unterwegs albere ich ein wenig mit Asa herum, wir versuchen, so etwas ähnliches wie Gesang anzustimmen. Mein kleiner Freund Ming Zengling ruft nach vorne, ob ich noch dieses hübsche chinesische Lied, das ich damals beim Mondfest zusammen mit dem Oster vorgetragen hatte, kann. Ich hatte eigentlich gehofft, dass zwischenzeitlich dieser Einsatz unter dem gnädigen Mantel der Geschichte abgelegt und längst vergessen wäre. Weit gefehlt. Dann erzählt mir der junge Lehrer noch, dass er sich noch genau erinnert, als ich zum ersten Mal in der Akademie angekommen bin. Meine Güte, da war er noch ein Kind! Ich drehe mich zu Asa, die nach eigenem Bekunden etwa mein Alter haben dürfte, um: „sie werden erwachsen und wir werden alt!" Da lacht sie „Quatsch, wir werden nicht älter, wir werden immer besser". Da hat sie recht, bestätige ich ihr. Wie guter Wein. Jawoll, so lassen wir das stehen.
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