Nach dem Abendtraining spricht Guan mich an: Lust auf Abendessen auswärts? Was für eine Frage! Endlich mal wieder was Gescheites zwischen die Zähne– da würde ich einiges für tun. Er gibt mir fünf Minuten bis zum Abmarsch. Ich schaffe es in drei. Unterwegs zum Tianlu-Hotel, dem Besten am Platze, erzählt er mir, dass sein Schüler aus Wenzhou ihn eingeladen hat. Ist mir völlig egal, und wenn es der Kaiser von China ist – Essen! Im Tianlu hat man uns den „Bankett-Saal" bereitet, mit der riesigen, automatisch drehenden Tischplatte. Der ominöse Freund ist der Geschäftsmann, der mich bei meiner Rückkehr so freundlich begrüßt hat. Auch ein alter Wudang-Veteran. Ansonsten anwesend: das gesamte Lehrpersonal. Anwesende Nicht-Chinesen: Eine. Das wird lustig. Zunächst einmal werde ich gefragt, ob ich alkoholische Getränke zu mir nehme. Ich ziere mich, vielleicht ein Schlückchen Bier...nein, er meint natürlich Schnaps. Seufzend willige ich ein, alles andere wäre unhöflich. Ich werde neben Guan, der den Ehrensitz mit einer besonders drollig gefalteten Servierte bekommt, platziert. Prima, der kann mir etwas Hilfestellung geben und mich vielleicht daran hindern, Blödsinn zu machen. Guans Glas wird als erstes mit Schnaps befüllt. Ein Weinglas. Randvoll. Ich schlucke und erkläre, dass es für mich nicht ganz so üppig ausfallen muss. Seitenblick von Guan, jaja, im Biertrinken schlage ich dich um Längen, aber das hiesige Teufelszeug mit weit über 50 Umdrehungen – der brennt mir jedes Mal den Magen aus, deshalb meide ihn, wann immer es geht. Heute geht es nicht.
Nun wird aufgetischt vom Allerfeinsten und das auch nicht zu knapp. Ich kann nicht alle Gerichte eindeutig einordnen, nehme mir aber vor, zumindest fast alles zu probieren. Hühnerfüße hatte ich schon, die muss ich nicht nochmal. Die Tischreden beginnen. Unser Gastgeber erklärt wie beglückt er ist, dass alle gekommen sind, sogar eine „waiguo pengyou" - das bin ich, die ausländische Freundin. Darauf die erste Runde Schnaps. Dann werden Zigaretten verteilt. Zu meiner Überraschung rauchen doch ziemlich viele. Auch da will ich nicht unhöflich sein. Ich erzähle, dass man bei uns in einem Restaurant nicht rauchen darf und deshalb meist raus vor die Tür geschickt wird. Und dass ich das so ja viel gemütlicher finde. Da lacht er. Eigentlich darf man das wohl in China auch nicht so wirklich – aber wen interessiert das, Peking ist weit. Jedes chinesische Wort das ich spreche, findet ungeteilte Aufmerksamkeit. Den ungläubigen Blick „Es kann sprechen" kann ich sehr wohl einordnen. Darauf erstmal einen Schnaps. In China ist es unüblich, alkoholische Getränke allein zu trinken. Für den Durst ist der Alibi-Tee da, aber zu Bier oder Schnaps greift man erst, wenn man einen Partner zum Anstoßen gefunden hat. Die freundlichen jungen Lehrer wollen mir zeigen, dass ich auch dazugehöre, und so fordern sie mich auch zum Anprosten auf. Einer nach dem anderen. Und dann gibt es die Gymnastik, wenn jemand was besonders schlaues gesagt hat – da stehen dann alle auf, das Glas in beide Hände, auf die runde Glasplatte geknallt statt anstoßen, Schluck, setzen. Auch dieses Ritual üben wir mehrmals. Nun bin ich wirklich so weit, dass ich alles probiere. Ich stelle fest, dass hundertjährige Eier gar nicht so schrecklich sind, wie ich immer dachte. Alles eine Frage der Grundlage.
Mittlerweile ist die Sprache zu Brei geworden, immer öfter muss ich auf Guans Hilfe zurückgreifen, der aber auch nicht mehr wirklich klar und deutlich spricht. „Prost" geht aber noch ganz gut, und das haben die anderen auch schnell gelernt. Aber egal, wen interessiert es, wir haben jedenfalls viel Spaß und als wir zu für chinesische Verhältnisse nachtschlafender Zeit, nämlich deutlich nach 22 h bei stockfinsterer Nacht und strömendem Regen noch die baufällige Treppe ins Mutterhaus hinunter stolpern, denkt sicher keiner daran, dass wir morgen nicht nur früh aufstehen, sondern auch noch ordentlich trainieren müssen. Und heute brauche ich auch keine Wärmflasche mehr.
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