Bei der Konstruktion dieses parkähnlichen Geländes hatte man wohl nicht bedacht, dass der Chinese längere Fußwege meidet und so ist nur der erste Teil des Areals gut gepflegt. So läuft man an den Affen, die zur Volksbelustigung angekettet ihr Dasein fristen, vorbei, immer tiefer in das Dickicht und ich sehe voller Freude, dass mittlerweile die Natur ihr Terrain zurückerobert hat. Das Tal ist noch schöner, als ich es in Erinnerung habe. Wir bewundern Flora und Fauna und freuen uns, dass wir das Tal und den Flusslauf praktisch für uns allein haben. Dainius lenkt meine Aufmerksamkeit auf einen Tausendfüssler, der in ein rotschwarzes Kleid gewandet elegant seines Wegs entlang trippelt. Je weiter wir kommen, desto mehr verändert sich die Vegetation. Auch die Tiere, die wir unterwegs sehen, ändern ihr Farbenkleid. Der nächste tausendfüßige Gevatter dem wir begegnen, trägt Pink. Bewundernd betrachte ich das Fashion-Victim. Sehr hübsch. Weiter geht der Weg. Wir machen einen kurzen Abstecher über einen verlockenden Treppenaufgang und landen in einer Tempelruine, die der Oster sich einmal als Alterswohnsitz ausgeschaut hatte. Von dort hat man einen herrlichen Blick auf die andere Seite des Tals und dort sitzen wir, nachdem wir unsere Vesper eingenommen haben und bestaunen einfach nur schweigend die bizarren Feldformationen. Die Kraft der Natur beeindruckt mich, wenn ich sehe mit welcher Beharrlichkeit manch ein Baum sich durch den Fels gebohrt und dort, mitten im Stein seine Wurzeln geschlagen hat. Unglaublich – wir sind mitten in diesem Riesenland mit seiner unfassbaren Menschenmenge. Ganz allein. Still machen wir uns zurück auf den Pfad. Nun merkt man, dass wirklich kaum ein Mensch den Weg hierhin findet: die liebevoll angelegten Pfade sind zum Teil völlig verrottet und machen die Überquerung zu einem echten Abenteuer. Viele Holzbalken sind herausgebrochen und wir balancieren nur noch auf den Trägern. Wir lösen die Aufgaben mit vielen, vielen Taiji-Pus. Unsere Lehrer wären stolz auf uns.
Für unsere Bemühungen werden wir aber reich belohnt: pittoreske Wasserfälle und sich ständig verändernde Vegetation. Ich gehe voraus und schleppe wahrscheinlich hunderte erboster Spinnen mit mir, weil ich ihre Netze mitschleife. Schon ziemlich lange her, dass jemand diesen Pfad eingeschlagen hat. Nach langer Wanderschaft gelangen wir zum letzten Wasserfall. Wir sind schon fast am Ziel und so beschließen wir eine letzte Rast. Der kieselige, leicht begehbare Strand ermutigt Dainius, eine kleine Dusche zu nehmen. Ich halte zögernd die Füße ins Wasser. Sehr erfrischend, so ein Gebirgsbach. Das hält einen harten Litauer natürlich nicht ab und er stürzt sich in die Fluten. Leider habe ich mein Badekleid nicht dabei, sonst würde ich mir es selbstverständlich nicht nehmen lassen, auch ins Wasser zu gehen. So verbietet es mir die Schicklichkeit, hier mitzutun.Ich wünschte, mein Bier hätte auch so eine Temperatur.
Nun ist es nur noch ein Stündchen bis zum Mitteltempel und wir steigen die letzten steilen Stufen hinauf. Als ich auf den letzten Metern den mit roten Bändern behangenen Baum, der den Einstieg signalisiert, erkenne, bin ich doch erleichtert. Die 25 Kilometer ziehen sich doch etwas hin. Dank der Umwege und Kletterpartien waren wir doch am Ende über sechs Stunden unterwegs und nun bin ich froh, gemütlich im Bus zurück zum Taizipo zu sitzen.
Nun ist es auch höchste Zeit: Meister Guan hat mich zum Essen eingeladen. Er wird selbst kochen in seinem derzeit verwaisten Haus. Die werte Gemahlin weilt zurzeit in der Heimat, um die Niederkunft des Erstgeborenen abzuwarten. Und so allein fühlt sich der Meister auch nicht wohl und haust deshalb momentan in der Akademie.
Ich schaffe es, leicht verspätet im Dorf anzukommen. Der Chef de Cuisine ist auch schon am Zaubern. Er hat einige Gäste eingeladen, die Lehrer sind da und auch Sonia aus dem Büro – wahrscheinlich damit ich jemand zu übersetzen habe. Als alle acht Personen an der reichhaltig gedeckten Tafel sitzen, steigt die Stimmung schnell. Ganz anders als in dem etwas steifen Tianlu-Hotel. Nach 10 Minuten fällt zum ersten Mal der Strom aus. Ohne ein Wort darüber zu verlieren, werden die Kerzen ausgepackt und es geht weiter. Plötzlich öffnet sich die Tür: Meister Zhong, der in der Nachbarschaft wohnt, schaut herein. Herzliches Willkommen und schon fängt er an zu erzählen. Was genau, weiß ich nicht, den Hubei-Dialekt kann ich kaum verstehen. Aber Zhong erzählt unter Zuhilfenahme von Händen und mutmaßlich auf Füßen so temperamentvoll, dass ich auch mitlachen muss, wenn er seine Geschichten erzählt. An dem Mann ist wirklich ein Erzkommödiant verloren gegangen. Zwischendurch schaltet sich immer mal wieder der Strom ein. Ich werde gefragt, ob es solche Ausfälle auch in Deutschland gibt. Klar, aber das steht dann auch am nächsten Tag in der Zeitung. Da lachen sie. Den Abend beenden wir bei romantischem Kerzenlicht. Es wird spät und nach soviel Tingli bin ich auch rechtschaffen müde. Ein wunderbarer Tag. Und morgen geht's wieder zur Sache.
1 Kommentare:
..Du solltest wirklich mal mit zu meinem See gehen um die Erfahrung zu machen, dass es ohne Badekleid geht. Da ärgert sich niemand aus "Schicklichkeitsgründen" - was der Freude am Schwimmen allerdings Abbruch tut ist der Umstand, dass das Wasser bei Nacht schon zemlich abkühlt. Der Sommer scheidet, es ist nicht zu übersehen, die Blätter färben sich und die Flachlandschwaben legen die Wanderkleidung an und sorgen an den Wochenenden für Verkehrschaos auf der schwäbischen Alb. Meine Angetraute bezeichnet den Herbst als die Jahreszeit, in der hinter jedem Alb-Wachholder ein Stutt-garter oder ein Waiblinger herumhängt.
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