Gerade schaute mal Luca herein, weil seine fellgesichtige Freundin wieder einmal bei mir herumtobt. Ich habe mir bei der Gelegenheit von seiner Domestizierung berichten lassen: im Dezember letzten Jahres hörte er beim Training draußen ein kleines, halbverhungertes Würmchen jämmerlich klagen. Und weil er ein weiches Herz hat, hat er aus dem Schulshop eine abgepackte Wurst besorgt und das arme Tierchen gefüttert. Drei Tage lang. Immer vor der Schule. Und eines Nachts wurde die klagende Stimme laut vor dem geschlossenen Tor erhoben. Schließlich hatte das kluge Tier ja bemerkt, dass Luca immer hinter dieser Pforte verschwindet. Nun dauerte es nicht mehr lang, bis auch das Schlafgemach ausgekundschaftet war und nachdem die erste Pfote die Schwelle übertreten hatte war klar, dass Luca nun nicht mehr alleine wohnt. Ich habe ihn gefragt, ob er Gina mitnehmen werde, wenn er nach den geplanten fünf Jahren wieder nach Hause geht. Nein, wehrt er ab. Das wäre ja wohl ein bisschen zu viel des Guten. Immerhin hat er schon Geburtshilfe geleistet, eigenhändig die Nabelschnur entfernt, anschließend die Katze sterilisieren lassen...ich habe Luca mal meine Adresse gegeben, falls er sich anders überlegt. Bat hat gerade ihren Shanghai-Kater nach Deutschland verbracht und ich habe Lucas interessierte Augen bei meiner Erzählung sehr wohl bemerkt. Ja, diese kleinen Biester wissen schon genau, wie man Beute macht.
Heute morgen hat die offizielle „Winterzeit" begonnen. Das bedeutet, dass das Training schon um sieben Uhr beginnt, danach Frühstück, dann zwei Stündchen nächste Trainingsrunde, dann Mittag und Siesta, wieder zwei Stündchen, Abendessen, dann noch ne Stunde. Für die Kinder gelten natürlich andere Zeiten: da geht es gegen sechs Uhr los und endet abends um 21.30 h. Selbstverständlich sind die Erwachsenden auch herzlich dazu eingeladen, außerhalb der „offiziellen" Trainingszeiten zu üben – machen aber die Wenigsten. Ich habe es wenigstens ein paar mal geschafft, mich abends mit Niko oder Dainius zum Push-Hands zu treffen. Immerhin. Was sich am frühen Morgen so abspielt, davon kann ich aus eigener Anschauung nicht berichten. Auch wenn ich zu Hause daran gewöhnt bin, mich regelmäßig gegen 4.00 h aus dem Bett zu schälen um meinen über 200 Kilometer entfernten Arbeitsplatz anzutreten – hier schaffe ich es selten vor 7 h. Und ab heute halt 6.30 h. Unsere Lehrer scheinen wohl auch vom Frühmorgentraining ausgenommen zu sein, jedenfalls wirkte der Junge, der heute vor uns stand, um die Gymnastik anzuleiten, als sei er gerade aus dem Bett gefallen und habe sich gerade noch schnell eine Jacke über den Pyjama geworfen. Mehrfaches herzhaftes Gähnen unterstreicht diesen Eindruck. Kein Fühlender kann's ihm verdenken.
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