Mittwoch, 21. September 2011

Lehrmethoden

Als ich am Morgen den Trainingsplatz betrete – der Regen hat seine Arbeit für ein paar Stunden eingestellt – sehe ich Dainius mit einem unserer weltgewandten Mitschüler erzählen. Oder besser der erzählt und Dainius hört höflich mit leicht gerunzelter Stirn zu. Neugierig trete ich dazu. Mit großer Geste erzählt der Mann, dass er ja nur wegen der tollen Umgebung hier ist, aber die Lehrer? Pffff....Das möchte ich jetzt etwas genauer wissen. Nun berichtet der Mann mit empörter Stimme, wie wenig Beachtung er hier findet. Da hat es Zeiten gegeben, da hat ihn der Lehrer jeden Tag vertröstet, wenn er eine neue Bewegung lernen wollte. Jeden Tag nur üben! Einmal hat er die Zeit genommen, die sich sein Lehrer ihm gewidmet hat: in einem Monat waren es gerade mal 4,5 Minuten – er hat es gestoppt! Und als Guan kurz vor der Abreise nach Deutschland stand, da hat er ihn aber festgenagelt. Und die 13er-Form, die ich nun lerne, in zwei Tagen geschafft, schließt er stolz.


Den Bericht finde ich nun wirklich spannend. Als Guan in Deutschland war, hat er erzählt, von Studenten, die einfach nicht die Geduld aufbringen, ausdauernd an sich zu arbeiten, die Details ständig zu verbessern und sich auf das Urteil der Lehrer zu verlassen, wann es Zeit für eine weitere Bewegung ist. Er findet es ungeheuer ermüdend, dieses Ringen um das richtige Lernen und er hat gestanden, dass ihm auch manchmal die Lust fehlt, sich solchen Schülern mit voller Aufmerksamkeit zu widmen. Denen bringt er dann auch mal eine Form in zwei Tagen bei. Das ist dann halt kein Taiji, sondern Gymnastik. Aber wenn's der Kunde wünscht...


Als Krönung berichtet mir dann noch mein Mitschüler, dass er sich bei der Verwaltung beschwert hat – das tut er gern – dass kein qualifizierter Lehrer während Guans Abwesenheit da sei. Von wem er denn jetzt lernen soll? Und weißt du, was sie dann gesagt haben? Die Nasenflügel beben vor Empörung „Hast du nicht das Video?" Dann hätten sie ihm eine DVD in die Hand gedrückt. „Selfpractice".


Das ist natürlich ein starkes Stück, wenn es denn so gewesen ist. Für völlig abwegig halte ich die Geschichte nicht, ich greife auch manchmal zu drastischen Methoden, wenn mir jemand ständig auf den Wecker geht.


Das Training beginnt. Eigentlich bin ich ja „Meisters Liebling" (das hatte zumindest der unzufriedene Mitschüler neidisch bemerkt) und werde in der Regel von ihm betreut. Heute kam zum ersten Mal einer der Junglehrer, mit dem ich am Vortag Bruder- und-Schwesternschaft getrunken habe, zutraulich auf mich zu. Zunächst fragt er nochmal schüchtern nach meinem Namen. Den hat er gestern nicht mitbekommen. Ich spreche es ihm vor. Er fragt nach meinem chinesischen Namen. Xiaomo. Er fragt dreimal nach. Doch. Ist so. Nein, die große Schwester „Kleiner Teufel" zu nennen, dass traut er sich nicht. Auch wenn die Übersetzung meines deutschen Namens (ein chinesischer Freund hat sich da mal ein Späßchen erlaubt) soviel wie „Schöner Morgentau" heißt, nicht so wirklich zu mir passen will. Muss man einfach mal so sagen.


Der junge Mann selbst heißt Mingzen Ling, schreibe ich hier mal nieder, um es selbst nicht wieder zu vergessen. Der druckst nun etwas herum, meine Bewegungen seien, nun ja, nicht völlig falsch, aaaaber – ich müsse doch bitte locker bleiben und nicht so steif drehen und die Haltung, und der Kopf...er schaut mich ganz traurig an. Ich beruhige ihn. Wir Deutschen sind halt so – ich stelle einen Roboter pantomimisch dar – da lacht er – ja, ich glaube, genau das wollte er mir eigentlich sagen. OK, ich notiere geistig: gerade Haltung, locker bleiben. Werde ich mal so als Idee mitnehmen.




4 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Gerade halten, locker bleiben - endlich mal etwas neues gelernt ! (schmunzel)
Das ist sicher etwas schwierig zu verstehen, wenn man rein die Worte betrachtet. Die Umsetzungsmöglichkeiten in Körper, Geist und deren Haltung und Bewegung lässt dann doch noch ein bisschen Spielraum und kann locker zwei Tage ohne Langeweile überschreiten... Viel Spaß noch und ich drücke die Daumen für besseres Wetter! Grüßle, Ramona

Anonym hat gesagt…

Ach ja:
Schlimmer als die Tauf- und Waschbeckenpisser
sind die Immer- und Allesbesserwisser!
Gelle???
Liebe Grüße,
Gabi

Oster hat gesagt…

es tut mir leid in all den Jahren vergessen zu haben, dir diese schlichten Wahrheiten des Taiji vorenthalten zu haben. Aber manchmal weiß auch ich nicht, wo mir der Kopf steht. Naja, jetzt hast du ja die nette junge Frau im Team, vielleicht kann sie es dir ja vermitteln. Würdest du diese Entschuldigung auch bitte an den Herrn Guan und den neuen jungen Lehrer übermitteln?

Anonym hat gesagt…

Ach Ja: So ist das mit den Worten :0)