Sonntag, 25. September 2011

Knoten

Ich hatte die 13er Form gewählt in dem naiven Glauben, dass wenn andere Leute diese Form in zwei Tagen erlernen, ich es doch vielleicht in fast drei Wochen schaffen könnte. Ich habe die Form zwar immer noch nicht vollständig gesehen, aber die Tatsache, dass Guan mir mit ziemlich hoher Geschwindigkeit neue Bewegungen zeigt und sich auch schon erkundigt hat, wann ich abreise und stirnrunzelnd gehört hat, dass ich nur bis Anfang Oktober bleibe, hat mich schon etwas nachdenklich gemacht. Besonders weil dann gleich die Frage kam, wann ich ich denn wieder komme, so nach dem Motto „dann kriegen wir es vielleicht hin". Egal, ich nehme es wie es kommt, die Form ist sehr schön und der große Unterschied zu anderen Formen ist, dass die Übungen gleichmäßig links und rechts ausgeführt werden. Guan bringt mir also eine Seite bei und gibt mir die Umkehr als Denksportaufgabe. Prima Sache das. Bin ich aber heute grandios dran gescheitert. Er hat mir eine nicht ganz unkomplizierte Abfolge mit Blocks, Fauststößen und Drehungen eingetrichtert und ist dann entschwunden mit den Worten „die andere Seite bringst du dir selber bei, ich komme dann gucken". Toll. Ich habe sehr wohl bemerkt, dass er immer wieder rübergeschaut hat, was ich so treibe. Und natürlich hat er auch aufgepasst, dass ich einfach die anderen Lehrer frage.Die alte Geschichte von rinks und lechts, was man so gerne velwechsert, fällt mir wieder ein. Alles nicht so einfach. Und so stümpere ich stundenlang vor mich in, bis Guan sich endlich erbarmt und mir die Details zeigt. Die Stelle vergesse ich bestimmt nicht so schnell wieder.


Heute Abend stehen ausnahmsweise mal keine gesellschaftlichen Verpflichtungen an und so ist endlich, endlich Gelegenheit, der alten Tradition folgend ein Bier auf der Leitplanke zu mir zu nehmen, in die Berge zu schauen, den Zikaden zu lauschen und dumm' Zeug zu schwätzen. Herrlich. Nachdem das Bier getrunken ist, wollen wir die Flaschen bei Lao Wang, dem kleinen Mann, zurückgeben. In seinem kleinen Imbiss ist ordentlich Stimmung, dort ist einer der Gäste von Guan vom Vorabend beim Essen, erkennt mich und lädt uns zum Sitzen und Resteessen ein. Lao Wang ist auch nicht mehr völlig nüchtern, beim Bierkauf hatte er mir schon angedroht, dass ich bei nächster Gelegenheit einen Schnaps mit ihm trinken soll. Das Zeug legt er selbst ein mit vielen Kräutern und wird selbstverständlich nur aus gesundheitlichen Gründen kredenzt. Na gut, bringen wir es hinter uns.Aber schön ist es ja, wenn man langsam aber sicher zur Familie gehört.