Mittwoch, 28. September 2011

Drumherum II

Am Morgen habe ich vor Trainingsbeginn erst einmal einen kleinen Spaziergang gemacht.Bisher bin ich immer so schnell an der Stelle, an der die alte Akademie stand, so schnell vorbeigehuscht, dass ich mir gar nicht betrachten konnte, was draus geworden ist. Nun betrachte ich das Bauwerk. Das neue Hotel hat alpinen Charme mit wahrscheinlich künstlichen Natursteinen und niedlichen Balkönchen. Wegen der Witterung das ganze mit Kunststoffpanelen verkleidet, die sehen aber immerhin fast aus wie Holz. Im künftigen Eingangsbereich stehen schon die ortsüblichen Kunststeine herum, mit der bereits unten im Tal das Städtchen verschönert wurde. Das gibt bestimmt wieder so einen hübscher Wandelgang, wie er schon in Laoying das Auge erfreut und zum Verweilen einlädt. Zauberhaft. Die Gäste werden begeistert sein.

Allerdings hat mir persönlich die Schöpfung von Oster und mir viel besser gefallen. Das Hello-Kitty-Hotel. Würde jetzt gerne verlinken, was ich meine. Vielleicht kann's ja jemand im Kommentar machen. Ja, du, Oster!


Heute steht das letzte Training im Tempel an. Die Vorbereitung für hohe Feiertage stehen an und der ehrwürdige alte Zixiaogong wird ordentlich herausgeputzt und auf Hochglanz gebracht. So stolpern wir zwischen den hilfreichen Geistern, die damit beschäftigt sind, Podeste, Pavillons, Altäre und weiteren Zierrat zu basteln, zwischen den Füßen herum. Wieder einmal werde ich bei den Festlichkeiten nicht dabei sein, aber wenn in diesem Tempo weitergebaut wird, werde ich zumindest noch den Tempel in seinem Festkleid sehen. Es sind schon einige Pilger, erkennbar an ihren gelben, übergeworfenen Latz-Kitteln, unterwegs und führen lautstark daoistische Rituale durch, deren Hintergrund sich mir leider völlig entzieht. Es gäbe noch so viel zu lernen.


Und wieder einmal ist ein bekanntes Gesicht heim in die Schule zurückgekehrt: Dou, der weltbeste Jaoziteig-Roller. Der hat auch schon einmal einige Monate oder sogar ein Jahr hier verbracht, viel gelernt und wieder vergessen...das übliche halt. Als ich zum ersten Mal hier war, war ich noch traurig, weil ich das Gefühl hatte, dass der Abschied von so vielen interessanten Menschen ein Lebwohl für immer wäre. Da habe ich mich aber gründlich getäuscht. Wir sind mittlerweile schon eine ziemliche große Gemeinschaft Süchtiger, die sich immer wieder über die Füße fällt. Manchmal hält der Kontakt zwischen dem Wiedersehen, mal trifft man sich unverhofft wieder. Klar ist aber: irgendwann gibt es ein erneutes Treffen und das hat so etwas unaufgeregtes, selbstverständliches, dass es mir mittlerweile gar nicht mehr schwer fällt, mich zu verabschieden und auf Wiedersehen zu sagen. Denn wiedersehen werden wir uns.


Gestern habe ich mir alte Bilder von meinem ersten Aufenthalt auf diesem einzigartigen Fleckchen Erde angeschaut. Es ist kaum zu glauben, welche Veränderungen in der Zwischenzeit stattgefunden haben. Die alte Akademie existiert nicht mehr; an dieser Stelle hat ein wahrer Monsterbau von einem Hotel Platz gefunden, in dem wahrscheinlich bald wohlhabende Gäste den wunderbaren Blick in die Berge genießen werden. Die alte und etwas verkommene Pilger-Unterkunft ist jetzt unser neues Zuhause und wird auch von Jahr zu Jahr wohnlicher – gerade wird eine neue Küche angebaut, damit der Speiseraum etwas mehr Platz gewinnt. Vielleicht wird man sogar eines schönen Tages den Trainingsplatz sanieren, damit man nicht immer über die Löcher im Beton stolpert. Eine neue Zugangstreppe (am besten als Rolltreppe) wäre auch sehr nett. Die ausquartierten Pilger, die ja nach wie vor aus aller Welt zu diesem bedeutenden daostischen Heiligtum kommen, werden wohl bald Unterkunft finden in dem Gebäude, das gerade neben dem Zixiaogong wächst. Und so ist es hier wie überall in China: auch wenn man nur ein halbes Jahr weg war, erkennt man manches überhaupt nicht wieder. Manches ist besser, vieles ist einfach nur anders. Ich jedenfalls bin froh, dass ich es noch kennen gelernt habe, das alte und nicht gerade anheimelnde Nest Laoying, das immer mehr aufpoliert und durch riesige Touristikzentren aufgemotzt wurde. Demnächst soll der nahe gelegene Taiji-Lake zum Freizeitparadies mit Wasserski und Ringelpitz ausgestaltet werden. Sollen sie alles nur ruhig machen. Ich muss ja nicht hingehen. Ich denke nur manchmal etwas wehmütig an die Zeit zurück, als nur ein unscheinbares kleines Portal den abgeschlossenen Eingang in das Weltkulturerbe öffnete. Die ganzen Häuser, Hotels, Restaurants und Verkaufsbuden, die heute auf Touristen lauern, gab es damals noch gar nicht. Unvorstellbar.




2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Rolltreppe ! Hihi.

...und wie sich alles so ändert, zieht die Schule ja vielleicht irgendwann wieder ins das jetzige Hotel. Was wohl mit dem schönen Kachelbild mit den 8 Unsterblichen geworden ist ?
LG Ramona

hermann hat gesagt…

Ich war erstmals im Herbst 1982 4 Tage im Wudang unterwegs, dann auch in Shaolin und Chenjiagou, sehr aufschlussreich, deine Schilderungen!