Sonntag, 18. September 2011

Die Rückkehr des Meisters

Als ich mich gerade nach anstrengendem Training und Essen zur Mittagsruhe begeben habe, höre ich eine unverkennbare Stimme auf dem Hof. Schnell laufe ich die Treppe runter, um den Meister zu begrüßen. Freudige Umarmung. Er behauptet, er habe schon bei den Bürodamen nach mir gefragt, ob ich gut angekommen bin und nun auch fleißig übe. Von letzterem will er gleich mal eine Kostprobe haben. Er fragt, was ich lerne und nickt wohlgefällig, als er vernimmt, dass ich den Unfug mit den schnellen Sachen sein lasse und wieder eine Taiji-Form lerne. Aufgeschoben ist aber nicht aufgehoben, ergänze ich leise für mich.

Als ich ihm die beiden Bewegungen, die ich schon gelernt habe, zeige, lacht er ungläubig. Seit wann bist du da? Dienstag. Im Prinzip auch erst ganz spät. Und am nächsten Morgen war nur Kurztraining. Und dann war Wochenende.Und gestern....er schaut mich nur mitleidig an. Nun werden erstmal ein paar Details korrigiert, heute Nachmittag geht's dann richtig zur Sache.


Wie ein Lauffeuer hat es sich herumgesprochen, dass der Chef endlich wieder das Zepter in der Hand hat. Der neue Lehrer Li hat seine Sache zwar sehr gut gemacht, aber bis er Guans Klasse erreicht hat, da muss er doch noch ein paar Jahre üben. Nun tauchen wirklich alle, die trainingstauglich sind, beim Training auf. Selbst Marc, der ein paar Tage zuvor eine Treppe heruntergesegelt ist, humpelt auf Krücken heran. Ja, nun weht hier definitiv ein anderer Wind. Guan scheint wohl die verbummelte Zeit dringend aufholen zu wollen. Sobald ich eine Bewegung halbwegs kapiert habe, kommt sofort die nächste – solange, bis ich Einhalt gebiete. So schnell geht's nicht mehr in meinem Alter, und wir wollen doch nicht hudeln! Etwas ist neu: früher hat Guan mich immer auf so etwas wie Englisch korrigiert. Damit ist es vorbei – jetzt nur noch Chinesisch. Und wenn ich etwas nicht kapiere, zeigt er auf Dainius: der spricht so toll und versteht alles. Leider wahr. Ich weiß, dass Dainius hier studiert hat. Allerdings hat er – wie er mir gestern erzählt hat – nur ein halbes Jahr Chinesisch gelernt. Das hat mich doch etwas erschüttert. Wie lange ich an diesem Projekt herumarbeite, geht niemand etwas an. Mit meinen Mitstreiterinnen habe ich mich auf die Lesart „3 Jahre netto" geeinigt.


Als ich Dainius vor 3 Jahren hier getroffen habe, ging es ihm hauptsächlich darum, sein Wissen über die innere Alchimie zu vertiefen. Leider hat er damals keinen Lehrer dafür gefunden. Trotzdem ist er wieder gekommen und hat auch schon den alten Dr. Wang besucht, einen sehr berühmten Arzt, der mittlerweile leider nicht mehr hier lebt. Ich habe ihn auch schon einmal in dem etwa 70 km entfernten Kloster, in dem er nun lebt, besucht. Beiläufig fragt mich Dainius, ob ich vielleicht von Meister Hu gehört habe. Wie es der Zufall so will, habe ich ihn gestern hier in der Akademie gesehen. Dainius ist elektrisiert – im Internet hat er einige Ausarbeitungen von Lehrer Hu zur inneren Alchimie gelesen. Muss eine echte Kapazität auf dem Gebiet sein. Beschämt denke ich an die Dao-Lessons, die ich bei Meister Hu gehört habe und wie er darum gerungen hat, uns die Feinheiten des Neijing Tu beizubringen. Dainius hört mit leuchtenden Augen zu. Gibt es die Formulierung „Perlen vor die Säue" eigentlich auch auf Englisch? – jedenfalls hat er sehr gelacht. Und dass es sehr schöne Bilder des Neijing Tus hier gibt, entflammt ihn auch gleich. Sobald das Wetter besser ist, werde ich es ihm im Taizipo zeigen. Und mit Meister Hu wird er sich gleich ins Benehmen setzen – er hält gerade Seminare für ein würdigeres Publikum ab und wird sich sicherlich freuen, einen weiteren qualifizieren Studenten begrüßen zu dürfen.


Den Abend beschließen wir in gemütlicher Runde. Es hat sich hier, im Melting-Wok-of-Nations wieder einmal ein sehr lustiger Zoo zusammengefunden. Für mich der witzigste Vogel ist ein junger Mann, der nicht nur Krishna heißt, sondern auch so aussieht. Er ist nun seit 8 Monaten hier. Ich frage mich immer wieder etwas neidisch, wie die Leute solche langen Aufenthalte finanzieren. Bei ihm ist die Sache einfach, wie er mir erklärt: er hat sich in Amerika wie üblich vom Tellerwäscher zum Millionär hochgearbeitet und genießt jetzt seinen Lebensabend. Mit Anfang 30. Er hat ja immerhin 15 Jahre lang hart gearbeitet, wie er mir mit funkelnden Augen erklärt. Irgendwann muss ja schließlich Schluss sein! Funkeln kann ich auch. Vor Neid.


Gemeinsam stellen wir noch fest, dass alle Proxys versagen, wir sind also fast von der Außenwelt abgeschlossen, ich kann nur noch per E-Mail posten, Facebook geht erstmal nicht mehr...aber immerhin: Meister Guan ist wieder da – das entschädigt sogar für das bisschen Regen!