Mittwoch, 14. September 2011

Die Heimkehr

 Nach stolzen 20 Stunden Fahrt von Shanghai nach Wudang versuche ich, die steif gewordenen Glieder vorsichtig wieder in Position zu bringen. Die Bezeichnung „Soft Sleeper" ist eher euphemistisch, erklärt sich nur in der Unterscheidung zum „Hard Sleeper", vulgo „Ikea-Regal" - habe ich auch schon ausprobiert, für Langstreckenreisen nur für deutlich jüngere Leute empfehlenswert. Bis zum Schluß bleibt es spannend; auf meinem Ticket steht zwar „WudangShan", das kann aber viel heißen – Wudang ist ein größerer Gebirgszug, da gibt es natürlich mehrere Bahnhöfe und welcher sich gerade mit der werbeträchtigen Bezeichnung schmücken darf, wird wohl jährlich ausgelost. Als ich zum ersten Mal hier war, war es noch Laoying, die schäbige kleine Stadt am Fuß des Berges, unmittelbar zu dem bekanntesten Einfallstor zu dem Weltkulturerbe. Dann, seit ein paar Jahren, wurde Laoying nicht mehr angefahren, der Wudang-Bahnhof wurde Liuliping – ein gutes Stück weiter in Richtung Kreishauptstadt Shiyan. Dies ist auch die Endstation dieses Zuges, er hat jede Stunde in einer etwas größeren Stadt angehalten, deshalb bin ich mir nicht ganz sicher, wo ich nun aussteigen muss. Gegen 10 Uhr flattert ein uniformierter guter Geist herein, um das Ticket wieder zu tauschen (ein Ritual, dessen Sinn sich mir immer noch nicht ganz erschlossen hat, wird aber grundsätzlich bei langen Zugfahrten gemacht. Ist halt so). Ich frage sie, wann wir ankommen. Sie antwortet „der nächste Halt" ich frage sie, welcher Bahnhof von Wudang Shan. Sie antwortet „Wudang Shan". Ich bedanke mich für die erhellende Auskunft und hoffe, dass meine Abholerin Judy etwas genauer weiß, wo sie mich in Empfang nehmen kann.

Und so ist es dann auch: der diesjährige Preisträger ist wieder einmal Liuliping und Judy wartet schon auf mich. Ich genieße den Luxus, mich chauffieren zu lassen, ein junges Mitglied der „Showtruppe" darf heute mal ans Steuer – ich kenne Dalin schon ziemlich lange, habe ihn als Kind in Erinnerung...nun hat er schon Führerschein....Kinder, wie die Zeit vergeht...er hat doch Führerschein?

Nun, die vielen hundert Kurven werden sehr souverän abgearbeitet, manchmal etwas sehr mutig, naja, in dem Alter bin ich auch nicht anders gefahren. Ich verspreche Zhenwu ein Extra-Kerzchen und wie immer ist der örtliche Schutzheilige...nun, natürlich nicht bestechlich aber immerhin sehr entgegenkommend. Wir kommen gerade nach dem Mittagessen an, eine Horde Kinder hechtet die Treppen vom Schulhaus nach oben. Das trifft sich wunderbar, Judy pfeift sie sofort herbei, Sondertraining: meinen schweren Koffer nach unten schleppen. Noch ein Kerzchen für Zhenwu.


Unten angekommen zeigt mir Judy das Räumchen, dass sie für mich vorgesehen hat. Erdgeschoss, eingezwängt zwischen Treppenhaus und Office, die Schimmelsporen ziehen sich kleidsam durch den ganzen Raum. Sie schaut mich nur kurz an, ok, heute nachmittag wird ein Zimmer im ersten Stock frei. Na, das klingt schon viel besser. Und meine hier gebliebene Tasche wird sie auch suchen gehen. Die ersten bekannten Gesichter, herzliche Umarmungen – ja, ich bin wieder zu Hause!


Nachdem alle Formalitäten erledigt sind, der Umzug von der Höhle in das hübsche Zimmer im ersten Stock bewerkstelligt ist, ist für das Training ein bisschen spät. Also nutze ich die Zeit um Hallo bei Frau Qu, dem kleinen Mann und natürlich Zhenwu zu sagen. Bei Frau Qu bleibe ich gleich etwas länger hängen – ein Jahr nicht dagewesen, das Update dauert natürlich schon eine Weile. Der kleine Mann – Xiao Wang – hat auch mitbekommen, dass ich wieder da bin, er drängt mir erstmal eine Zigarette auf, jaja, pssst, nicht dem Meister erzählen (er wird's ihm natürlich brühwarm tratschen, das ist mir schon klar) und so stehen wir mit den Ladeninhabern und erzählen, ich werde nach dem komischen großen Mann gefragt, mit dem ich oft zusammen hier bin. Ich erkläre, dass der nach Spanien umzieht und deshalb weder Geld noch Zeit hat, um diesmal dabei zu sein. Kein Geld, das versteht man hier gut – aber warum so weit wegziehen, bohren sie. Ein Frau? In seinem Alter?? Ich lächle nur, muss weiter zum Tempel, Zhenwu meine Aufwartung machen.


Achja das Wetter: eigentlich nicht schlecht, angenehme Temperaturen, nicht zu heiß, nicht zu kalt – und wenn jetzt noch jemand den Wasserhahn abstellt und die Wolkendecke aufschiebt, ist alles perfekt. Darüber werde ich mit dem alten Wassergott zu reden haben. Zielstrebig laufe ich zum Haupttempel, stoppe, als ich eine Truppe Touris sehe. Lieber warten, vor Europäern einen Kotau im Tempel machen, nee, das mach' ich nicht so gerne. Ich halte mich im Hintergrund und warte, dass die Gruppe weiterzieht. Da spricht mich jemand an „Das glaub' ich jetzt nicht!" Noch weiß ich nicht was und warte. „Mainz! Hier!!" Ja, doch, ich kann's nicht leugnen – ich trage noch mein Reise-Shirt aus dem Hause FSV Mainz 05 – damit bin ich natürlich sofort entlarvt. Es stellt sich heraus, dass die Leutchen aus Deutschland stammen (da war ich angesichts der versammelten einschlägigen Outdoor-Austatter-Stücke schon selbst drauf gekommen) und die Frau gebürtige Mainzerin ist. Das die Welt doch deutlich übersichtlicher ist als allgemein angenommen, habe ich schon früher festgestellt. Aber gerne erkläre ich, wer ich bin und was ich hier mache. Da möchte die Dame noch ein Beweisfoto von mir „das glaubt mir mein Mann nie!" - klar, soll sie haben. Posen bin ich hier im Zixiaogong nun wirklich gewöhnt. Und jetzt endlich der Kotau, ein paar Scheinchen, ein paar Kerzchen, jetzt lass' es knacken, alter Wassergott!





3 Kommentare:

Georg hat gesagt…

Super! Schön, dass du gleich schreibst, Lilo.

Babs hat gesagt…

Irgendwie musst Du mal eine bessere Verbindung nach oben aufbauen.... *ggg*

Ranzabuffer hat gesagt…

Glückwunsch zum schönen Zimmerchen -
man weiß wohl schon, was man einer Frau mit ganz speziellen Eigen-schaften schuldig ist. Geh' jedenfalls sanft mit ihnen um ! vielleicht klappen meine Versuche auf diplomatischem Wege die Versorgung mit Montagsschokolade sicher zu stellen. Z.Zt. suche ich allerdings nach einer chinesischen
Übersetzung für "Hexenbesänf-tigungsstelle"