...beginnt sehr gemütlich, das Wetter hat sich nicht gerade gebessert. Wir werden also erst einmal zu einer Runde Stillsitzen eingeladen. Meditation ist nicht gerade mein Hobby, nach spätestens 10 Minuten kribbelt alles und im Sitzen ist es sogar noch schlimmer – vielleicht wäre das ein Übungsziel für diesen Aufenthalt? Ich habe immer noch keine genaue Vorstellung, was ich eigentlich machen will. Nur eines weiß ich: die Zeiten der geschmeidigen schnellen Kungfu-Bewegungen sind erst einmal vorbei. Und so sitze ich die angeordneten 20 Minuten gequält mit verknoteten Beinen, dann wird gründlich gedehnt und ich denke, es ist endlich vorbei, da kommt die Ansage „und jetzt noch einmal“. Bei näherer Überlegung: vielleicht doch lieber eine neue Taiji-Form...
Nun befragt mich der neue Meister Li, was ich gerne lernen möchte: 13er Form, finde ich, klingt gut. Die hat paarundzwangzig Einzelbewegungen, dass dürfte ich in knapp 3 Wochen hinkriegen und auch noch ein bisschen wiederholen, es gibt bei den gelernten Formen doch die eine oder andere kleine Ungenauigkeit, die sich eingeschlichen hat. Das meint auch Meister Li, der sich erstmal meine 28iger Form zwecks Eindruck hat vorführen lassen. Er murmelt zwar „Hen hao“, sein Gesicht sagt aber etwas anderes und ich verstehe leider, was. Er zeigt mir erst einmal ein paar „Ji ben“s, also Grundübungen. Mache ich. Nach einer guten halben Stunden Übung kommt er wieder. „Was machst du denn?“ Na, was mache ich wohl? Den Kreis falsch rum drehen, siehst du doch! Noch eine halbe Üben, diesmal richtig rum. Class over. Wochenende. Toller Start.
Ich entscheide, dass es höchste Zeit für einen kleinen Ausflug in die Stadt ist. Zusammen mit einer weiteren Deutschen geht es den langen Weg hinunter. Ein kurzer E-Mail-Check hat mir einen Auftrag eingebracht. Klamotten schneidern lassen. Ich bin zwar etwas angesäuert, weil der Auftrag gepaart war mit einer freundlichen Erinnerung an das Mitschleppen eines Mantels, den ich letztes Jahr habe schneidern lassen – als ob sowas nötig wäre! Hätte ich ja wohl sowieso gemacht – unter Murren zwar, das wäre aber deutlich leiser ausgefallen als jetzt. Aber er hörts ja nicht. Dafür liest er's jetzt. Gut, nachdem es das Schicksal so will, belohne ich mich für die Pantomime bei der Schneiderin mit dem Auftrag für ein Blüschen für mich. Oder sagen wir zwei. Es gibt wunderbare neue Stoffe – ich kann mich nicht entscheiden zwischen einem tief-dunklen violett und einem schimmernden blau-grün. Aber warum entscheiden? Und so freut sich die kleine Schneiderin über einen ordentlichen Auftrag. Ich hoffe, der Anzug wird so werden wie gedacht, weil doch ein paar Angaben nicht ganz so klar waren. Bin schon sehr gespannt.
Nun geht es weiter in den Supermarkt – nachdem wir uns bei köstlichen handgezogenen Nudeln gestärkt haben, ist die Gefahr, allzuviel Schnuckeleien, die dann auf den Berg geschleppt werden müssen, mitzunehmen, überschaubar. Aber irgendetwas von zweifelhaften Nutzwert finde ich eigentlich immer. Diesmal nehme ich neben den wirklich wichtigen Dingen noch eine Tasse aus dickem Glas, auf der mich eine dicke Winke-Katze anlächelt, mit. Ich trinke meinen Kaffee aus einem Plastik-Iso-Becher und hätte gerne für den Tee doch gerne ein anderes Gefäß. Putzig sieht das aus und hat sogar einen Deckel!
Auf dem Rückweg auf den Berg treffen wir Renato. Nach seiner Herkunft befragt, holt er tief Luft. Das sei kompliziert. Nach ausschweifenden Erklärungen komme ich schließlich zu dem Ergebnis, dass er Norweger ist und in Brasilien lebt. Er ist Mode-Fotograf und hat sich ein Sabatical verordnet. Kann ich bei dem Job verstehen. Ich hatte eigentlich gedacht, er sei Lehrer. Gestern habe ich beim Training zugeschaut und fand es sehr interessant, wie er einen chinesischen Mitschüler nach allen Regeln der Kunst verbessert und getriezt hat. Nichtdoch, nichtdoch wehrt er bescheiden ab, nein, eigentlich hätte er von der Sache wenig Ahnung, er hat hier erst angefangen zu lernen und beschäftigt sich entsprechend erst seit einigen Monaten mit Taiji. Achso. Lasse ich mal so stehen. Hier in der Stadt hat er einen Bäcker aufgetan, der nach seiner Anweisung einen speziellen Teig hergestellt hat, damit er sich eine Pizza backen kann. Und ein besonderes Brot, ohne Zucker. Weil das aus dem Supermarkt wäre ja ungenießbar. Das kann ich zwar nicht beurteilen, mir aber gut vorstellen. Von dem Brot, dass er nun stolz nach oben schleppt, gibt er uns eine Kostprobe. Ja, kein Zucker. Aber auch kein Salz. Ecklig. Naja, wer's mag. Für die kurze Zeit, die ich hier bin, schaffe ich es gerade noch, meine Pizza-Gelüste auf die Rückkehr zu vertrösten. Jedenfalls ist unser Überleben für die nächste Woche gesichert.
Oben angekommen ist schon fast wieder Zeit für's Abendessen. Die Küche ist nach der Talsohle, die wir letztes Jahr erreicht haben, deutlich besser geworden. Knackig-frisches Gemüse (zumindest die ersten Tage, eingekauft wird im Tal, einmal die Woche), sehr würzig angemacht – das kann man lassen. Die Erwachsenengruppe besteht aus etwa 20 Leuten, wie immer aus aller Welt, sehr angenehm. Besonders freue ich mich über das Wiedersehen mit Danius aus Litauen, ein junger Arzt, der hier in China studiert hat, fließend Chinesisch spricht und dem ich mein erstes (und hoffentlich auch letztes) Hundemahl verdanke. Aber das ist eine andere Geschichte...
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2 Kommentare:
Lilo, Du hast zwar Platz im Koffer - aber hast Du den auch zu Hause? Für das hübsche Teeglas mit Deckel und Winkekatze, den Mantel, die zwei Blusen und was Dir sonst noch so vor die Füße fällt?
Man merkt deiner Berichterstattung schon an, dass es noch an der nötigen Geschmeidigkeit fehlt. Aber vielleicht bekommt der neue Herr Li das hin. Was ist denn mit Guan? Nicht im Hause?
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