Montag, 19. September 2011

Ausgebrannt

Die nervöse Deutsche, die nur ganz kurz hier hereingeschnuppert und nach einem Tag schnell wieder das Weite gesucht hat, hat mich ziemlich nachdenklich gemacht. Sie war gleichaltrig, von Beruf Informatikerin und hatte sich ein Sabatical verschrieben, nachdem sie einen Burn Out Syndrom erlitten hatte, wie sie mir erzählte. Auch wenn bestimmt viele auf das Burn-out-Mode-Pferdchen aufgesprungen sind, die vielleicht einfach nur etwas bequem und antriebsschwach sind – es ist nicht wegzudiskutieren, das psychische Erkrankungen schwer auf dem Vormarsch sind und langsam aber sicher den Herz-Kreislauf- und Skelett-Erkrankungen in den Arbeitsunfähigkeits-Statistiken den Rang ablaufen. Ich erlebe selbst in meinem Arbeitsumfeld, dass immer mehr Arbeit auf immer weniger Menschen verteilt wird und letztlich keine Zeit mehr bleibt, seine Aufgaben mit Ruhe und Gelassenheit zu erledigen. Die Konsequenzen sind zwangsläufig Fehler, für die man sich rechtfertigen muss, was den Druck noch zusätzlich erhöht. Ein Teufelskreis. Kein Wunder, dass gerade Menschen, die ihre Aufgaben ernst nehmen, mit zunehmender Erschöpfung bis hin zu schwerwiegenden seelischen Erkrankungen auf diese Situation reagieren.


Das Problem ist, dass wir in aller Regel wenig an den äußeren Umständen verändern können. Also bleibt uns häufig nur die Möglichkeit, uns selbst zu verändern, an den inneren Stellschrauben zu drehen, um unsere Umwelt nicht nur zu ertragen, sondern sogar mit Spaß mitzumischen. Für so eine Neuprogrammierung kann ein gut genutztes Sabatical sicher ein probates Mittel sein. Und ich spreche keinesfalls davon, eine geistige Wurstigkeit zu entwickeln, die ja letztlich auch nur einer Resignation gleichkommt und in eine innere Kündigung mündet. Es geht vielmehr darum, die Fähigkeit zu entwickeln eben nicht aufzugeben, wenn sich erste Widerstände zeigen sondern durch Beharrlichkeit im Kleinen die eigenen Möglichkeiten immer wieder ein kleines Stückchen nach oben auszudehen. Es klappt. Ich weiß es!


Wenn mir hier mein Lehrer eine kleine Aufgabe gibt, oft nur eine einzige Bewegung, die ich zehnmal, hundertmal übe, ohne dass ich selbst einen Sinn dahinter sehe – beim zweihundertsten Mal passiert es plötzlich: der Kreis ist da, die Bewegung rund, der ganze Körper in Harmonie. Das ist es. Und das ist es, was man hier lernen kann: nicht aufzugeben, weiter zu üben, stundenlang, tagelang, bis es gelingt. Zeit ist nicht der Faktor, der beim Erfolg eine Rolle spielt, sondern das Einlassen auf die Übung. Dinge annehmen, wie sie sind. Keine Energie an Dinge zu verschwenden, die nicht zu ändern sind. Und so schaue ich meiner vor vier Tagen gewaschenen Wäsche beim Modern zu. Der Tag wird kommen, an dem die Sonne scheint. Nicht morgen. Wahrscheinlich auch nicht übermorgen. Aber irgendwann bestimmt. Vielleicht sogar, während ich noch hier bin. Das wäre schön.


Schade, dass die Frau sich keine Zeit geschenkt hat.




1 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Allerdings schade ! Vielleicht kommt sie wieder, nachdem sie ein Teil des Sabaticals mit herumreisen und suchen verbracht ist.

PS.: Nachdem der Föhn wieder da ist, wie wär's mit Wäsche föhnen? ;0) LG an alle Ramona