Wandeln und Handeln (Dao De ...)

Die nette Schneiderin, mit der ich mich eigentlich verstehe, guckte ganz groß und erstaunt, als ich heute vormittag mit meinem Schrankkoffer in ihren Laden polterte. Nein, die Anzüge seien noch nicht fertig. Morgen, jaja, morgen seien sie fertig. Ich hätte doch gesagt... Nein nein, ich habe dir extra gesagt am Mittwoch komme ich. Morgen kann ich nicht kommen. Es tut ihr leid und sie telefoniert und es hat was mit einem Fahrrad zu tun, dass auch nicht da ist. Ich hab echt keine Böcke, morgen oder an irgendeinem anderen der verbleibenden Tage noch mal runter zu fahren in die verdammte, laute und dreckige Stadt. Laoying hat seinen Charme, durchaus, aber es nimmt mir gut und gerne drei Stunden Zeit und ein ganzes Gros Nerven, den Weg zu machen. Ausserdem kostet es mich mindestens 35 Kuai, fast 4 Euro Fahrgeld, denn der Local Bus nimmt unsereins nicht mehr mit und den Weg am Fluss entlang, über die Trittsteine und dann zu Fuß 15 Minuten den Berg rauf bis zur Straße, um die Fahrkarte zu sparen, das tu ich mir erst recht nicht an. Das mag was sein für Schweizer Eidgenossen, die den Weg vom Golden Top bis zum Nanyan in 35 Minuten zurücklegen, nur weil sie verrückt genug sind, das mal auszuprobieren.
Zurück in unsere Nähstube. Sie soll mir die Sachen morgen nach oben schaffen, wie ist mir egal und bei der Paketstation Qu abgeben. Nach langen hin und her und den unterschiedlichen Betonungen des Namens Qu Dao Rong ist klar, was bzw. wen ich meine. jajja, sie ist schon etwas älter und so groß, ich zeige noch ein Foto ihrer Tochter (die mit dem Schwerterladen) und langsam lichten sich die dunklen Wolken aller möglichen Missverständnisse und ich bekomme den Eindruck, morgen tatsächlich in den Besitz der schon bezahlten Ware zu gelangen. Jetzt fällt ihr noch etwas ein, sie telefoniert, drückt mir das Handy in die Hand und ich darf mit ihrer Nichte sprechen, die so viel Englisch kann wie ich Chinesisch. Um ja nicht noch mehr Verwirrung aufkommen zu lassen bestätige ich alles, was sie mir sagt mit einem vielsagenden haohao haohao haohao.
Meinen Koffer will ich gleich dort lassen, aber die gute Frau Min ist davon überzeugt, der sei zu klein. Das will ich aber nicht hoffen. Zuversichtlich gehe ich schnurstracks in jenes mir bekannte KofferRucksackTaschenGeschäft (Laden mag man ja nicht aussprechen in diesen Tagen) zum Erwerb eines Rucksacks. So war mein Plan von Anbeginn. Ich bin losgefahren mit dem Trolli, den ich letztes Jahr gekauft habe, ebenda, und in den sollen nun die Anzüge, mein eigen Hab und Gut muss in einen Rucksack, der sich auch für den Fahrradfahrer im Stadtverkehr eignet. Den habe ich auch sofort erspäht. Ich lasse mir also ein anderes Modell zeigen. Aber ehe es dazu kommt, erkennt der Verkäufer meinen Trolli als bei ihm gekauft, freut sich über den treuen Kunden und schweisst erst mal die sich lösenden Fasern am Trolli mit dem Feuerzeug fest. Jetzt bin ich schon in der richtigen Position um gleich auf das Objekt der Begierde zu zeigen. Diesen da ja, den Gelben. Was will er dafür? 180 Kuai (Yuan im Volksmund)? Ich biete hundert, er schüttelt mitleidig lächelnd den Kopf, 130. Na gut, ich könnte jetzt noch 110 sagen und er dann 120 aber ich lass ihm die Freude und schlage ein.
Die Rückreise in die Berge verläuft ziemlich ereignislos. Ich bin nur immer wieder auf's neue überrascht, wie schön es hier ist. Leute, die ihr da zuhause vor euren Monitoren sitzt. HIER IST ES SCHÖN!
Oben angekommen lass ich mir von Frau Qu eine Nudelsuppe aufgiessen und erkläre ihr, wozu ich sie erkoren hab. Jaja, sie kennt Frau Min, jaja, sie wird sie auch anrufen, blabla, Ich bin mir sicher, das wird schon alles gut gehen morgen.
Wir wollen nämlich morgen zum Golden Top, XinDing, Tianzhu ....
Heute Nachmittag waren wir aber erst im Tai Zi Po. Da haben wir auch wunderbar gehandelt beim Kauf von Bildern und Tee. Aber solange mich die junge Frau noch freundlichst begrüßt, ja mir strahlend entgegen kommt, weiß ich, es ist immer noch was drin beim Handeln. Zum Abschied wünscht sie mich jeden Tag wieder zu sehen. Wahrscheinlich bin ich so was wie ein kleiner Wohlstand bringender Buddha für sie.

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