Fremdenführung

Besuch aus Shanghai und Deutschland. 
Die Geschichte ging so, dass sich eine Tori in Deutschland bei mir meldete und nach Wudangshan wollte. Ich helfe dann gerne, damit die Interessenten auch wirklich hier oben landen und nicht am Bahnhof abgefangen werden und in einer anderen Schule in der Stadt landen. So gewitzt sind die Kerlchen schon und eine Langnase, die aus dem Bahnhof kommt, in Wudangshan, was wird die schon wollen hier. Kommt bestimmt nicht, um die nicht vorhandene Altstadt zu besichtigen. Geht man hin, stammelt :"You come wanna study taiji, yes bring you to academy. Yesyes, also go to mountain." Schon sitzt man in einer der kleinen Schulen, bekommt sicher ein für deutsche Verhältnisse gutes Training und besichtigt auch einmal die Berge, besucht irgendeinen der Tempel, was weiß man schon. Auf einer der Webseiten heißt es, die Schule befände sich direkt neben dem Haupttempel. Hä? Der Haupttempel, so es denn überhaupt einen gibt, befindet sich steil oben auf den Tianzhu und da ist nebenan kein Platz für eine Schule. Inzwischen ist mir das aber auch egal, denn ich glaube, dass jeder letztlich da landet, wo er oder sie auch hingehört. Und eigentlich will ich von meinem Besuch erzählen.
Eben diese Tori kommt mit meiner Hilfe hier in Wudang an und einige Tage später lande auch ich hier. So konnten wir uns auch persönlich kennenlernen. Das ist schon so um die zwei Jahre her, inzwischen hat sich ihr Mann nach Shanghai versetzen lassen und die Familie, sie haben zwei Söhne, ist dort ganz glücklich. Letztes Jahr im Herbst haben sie mich auch hier besucht. 
Diesmal ist Andy nicht dabei, aber eine Freundin von Tori, Isa, die dafür verantwortlich ist, dass Lilos und meine Blogeinträge der letzten Jahre nun als Buch* erschienen sind. Wir hatten bisher nur Emailkontakt und es ist eine große Freude, sie nun hier persönlich zu treffen. 
Gut, Gästen muss man etwas bieten und da sie günstig zu den trainingsfreien Tagen angereist sind -eigentlich war das anders geplant aber der  Eyjafjallajökull hatte Isas Abflug verzögert - kann ich doch etwas zeigen. Gingen wir gestern zum Nanyan und heute zum Taizipo und dem Tal des sorglosen Lebens. War das wieder schön. Isa kam aus dem Bewundern garnicht raus und kann nun verstehen, warum wir, Lilo, ich und einige andere, immer wieder hier hin wollen. Dabei kommen wir noch nicht mal in erster Linie wegen der unbeschreiblichen Schönheit der Berge, Tempel und Wälder, sondern wegen dem Taijiquan etc. in dem sich allerdings die Schönheit Wudangshans spiegelt. Nicht umsonst kommen hier seit über zweitausend Jahre Mneschen hin und nutzen diese besondere Energie, um sich selbst zu kultivieren. 
Gestern unterhielt ich mich mit einem chinesischen Touristen am Nanyan und er meinte, für Chinesen sei Wudangshan die Seele der Nation. Sag ich doch, in der Mitte des Reichs der Mitte ...
Hier bleib ich noch ne ganze Weile.

*Lilo Ambach, Yürgen Oster,  Keine Gnade - Leben und Lernen bei den Kampfkunstmönchen auf dem Wudangshan, Edition Sirius, Bielefeld und Basel 2010

Splitter

Wir waren gerade im Tempel eingetrudelt, jeder dehnte und streckte sich nach seiner Facon und meine schnellen Jungs von der 28er Form, Udo und Pit, wollten die neuen Schritte noch mal mit mir durchgehen. Die beiden fahren nämlich am Donnerstag wieder ab und wollten gerne die Form ganz lernen, Haben von Guan ein Instant - Programm aufgedrüchtr bekommen. Ja und mit denen wollte ich die Schritte durchgehen, gestern war das. Windig war das. Und genau deshalb saust plötzlich ein Stück Dachziegel mitten unter uns. Knallt auf den Boden und zerspringt in hundert Stücke. War jeder froh, dass er genau da gerade nicht gestanden hat.  Hat sich aber auch jeder gleich einen Scherben eingesammelt als Andenken. Wie man so mit dem Leben davon kommt.

Pit, unser Artist, hat heute Geburtstag. Was wünscht er sich? Dass er es schafft die halbe Treppe vom Weihrauchbrenner bis runter auf den Hof, in dem wir trainieren, auf Händen zu gehen. Er hat mehrere Anläufe genommen und er hat es nicht geschafft. Das will ich gleich vorneweg verraten. Aber er macht es großartig und die Stufen sind auch verdammt hoch. Wenn er merkt, dass er am Ende ist, dann fällt er nicht den Rest der Treppe runter, so wie es mir ginge, falls ich überhaupt auf meinen Händen gehen könnte und dann auch noch ein paar Stufen abwärts. Ich würd mir mörderisch die Fresse polieren, wenn ich das mal salopp ausdrücken darf. Bei mir bekäm der Zahnarzt wieder zu tun und der alte Doktor Wang dürfte mir sicher auch einiges an Nadeln und Kräutern verabreichen. Nein, der Pit senkt sich dann sanft ab und legt seinen Körper elegant auf der Treppe ab. Ach, und alle applaudieren, auch wenn er es nicht bis unten geschafft hat. Weil er der einzige ist, der es wagt und überhaupt schaffen könnte.
Es gab auch wieder einen unglaublich rosa-violetten Kuchen zum Geburtstag und einen dicken Blumenstrauss. 

Es gibt dann auch die drei Damen aus einem osteuropäischen Land. Ehrlich gesagt, blick ich da allmählich nicht mehr durch in unserem europäischen Osten. Das zerfranselt doch immer mehr in eine mittelalterische Kleinstaaterei. Ich kann das alles nicht auseinander halten was auf wenien, lakien, lavien, oder ähnlichem endet, gerade mal so groß ist wie das Saarland und unabhängig.
Die drei kennen sich jedenfalls aus mit Gesundheit. Stimmt nicht. Die kennen sich aus mit Krankheit und probieren auch alles aus, was es so geben könnte. Eis zu essen hier in China, vor allem in den abgelegenen Bergen, sozusagen in der Wildnis, halte sie für absolut gefährlich. Dennscheress. Wo doch die Kühlkette jederzeit unterbrochen werden kann. Aber wir konnten erst heute Frau Qu klar machen, dass Bier kalt sein muss. (Qu, mit Q und nicht mit X, falls ich das in einem früheren Eintrag mal so geschrieben haben sollte) Und immer wollen wir auch kein Bier trinken und das ist sicher auch dennscheress. Die Damen müssen es wissen, denn sie haben auch immer was. Im Hals, an den Ohren, dem Rücken, Magen, Darm. Weswegen sie gerne zum Doktor Wang gehen. Der beguckt sie dann wahrscheinlich durch seine Glasbausteine und schreibt ihnen einen Kräutersud auf. Das macht sie glücklich und das ist doch die Hauptsache. 
Ich will übrigens nicht den Eindruck erwecken, ich halte es für zwingend notwendig, für diese Lebenshaltung aus einem zersplitterten ehemaligen Ostblockstaat zu kommen. Auch wiedervereinte Deutsche halte ich für dazu fähig.

Derzeit kommen ständig neue Leute, schneller, als ich fähig bin, sie kennen zu lernen. Wie jene Friederike, die letztes Jahr schon mal hier war. Auch irgendwie aus dem Osten aber eigentlich in Nordafrika zu Hause. Die hatte mir kaum zugeraunt wie toll sie es findet, wieder hier zu sein, da war sie auch schon wieder weg. 

Gestern hab ich den alten Jia besucht. Das ist der Bienendaoist (Suchbegriff für Youtube), naja, der lebt oberhalb des Zixiaogong in der Höhle des Prinzen - Taizitong - und ist der hiesige Vorzeigeeinsiedler. Aber wirklich ein lieber und kluger Kerl. Als ich ankam, hatte ihm seine Gouvernante frische Wäsche gebracht und er zog sich gerade um. Damit fertig, noch nicht mal ganz, erkannte er mich und lachte freundlich. Ich meine, als Vorzeigeeinsiedler lacht man berufsmässig freundlich, aber er erklärte seiner Gouvernante, ich sei schon oft da gewesen. Dann haben wir uns gegenseitig nach dem Stand der Gesundheit befragt, haben uns gegenseitig auf dei Knie gekloppt, ich hab nen Apfel, ein paar Kekse und noch eine Apfelsine bekomme, damit ich endlich wieder abhaue. Was hätten wir uns auch weiter sagen sollen, außer dass ich noch gerne etwas da oben gesessen hätte und die Stimmung genossen. Bin ich wieder runter, man will ja nicht stören.

Meister Propper

Hier im Policehotel hat jedes Zimmer Dusche und WC. Auf halber Treppe gibt es allerdings auch noch ein WC, ein Doppelhocker. Wahrscheinlich für's Personal. Der Raum ist groß genug, um dort auch eine Waschmaschine unter zu bringen. Nicht gerade ein Modell, wie ich es gewohnt bin; Deckel auf, Wäsche rein, Waschpulver in eine Klappe und Programmschalter einstellen - Start.
Nein, so etwas ist das hier nicht. Die genaue Funktionsweise hab ich noch nicht verstanden. Der große Chinese, dessen Frau bei mir Schwert lernt, hat es mir mal im Ansatz erklärt, aber so richtig verstanden hab ich es nicht. Heute Mittag steht Guan Shifu in der Kammer, mit hochgebundenem Kittel, macht Wäsche. Frag ich, ob ich meinen weißen Kittel noch dazu geben kann? No Problem. Zieh ich den Kittel aus und geb ihn dem Meister, denke der schmeißt den gleich in die Maschine. Ich hab noch ein Büttchen Buntes von heut morgen zum Trocknen auf dem Dach, das dürfte jetzt fertig sein. Das pflück ich erst mal von der Leine und brings in meine Stube. Jetzt könnte ich mir doch vom Meister erklären lassen, wie die Waschmaschine funktioniert. Sitzt der da über einem Eimer und wäscht meinen Kittel mit der Hand. "Nene", sag ich, "so war das nicht gemeint. Mit der Hand kann ich auch selber waschen. Komm lass mich mal machen." In seinem sympathischen gestammelten Engisch gibt er mir zu verstehen, dass er das sicher viel besser und schneller sauber bekommt als ich. Er braucht noch einen Kleiderbügel und eine Wäscheklammer, damit der Kittel nicht mit dem Wind spazieren fliegt und ich soll mich hinlegen und ausruhen. Nein, bestehe ich drauf, das kann ich selber waschen. "No! Go sleep!"  
Tja, nun sitz ich mit schlechtem Gewissen vorm iBook und tu es der Welt kund:
Meister Guan wäscht mir den Pelz, aber er macht mich nicht nass.

Was alles anders ist.

Akademie

Früher: Die Akademie war in einem ehemaligen Hotel untergebracht. Dort lebten alle Schüler, die dauerhaft an der Akademie sind, alle Lehrer und einige  der Gaststudenten. Dia anderen lebten im "Policehotel" 100 m weiter, das auch zur Akademie gehört.
Heute: Die dauerhaften Schüler und deren Lehrer leben und trainieren in einem Gebäude in der Stadt Laoying. Die Gaststudenten leben entweder in der "neuen" Akademie, einem Hof in traditioneller Bauweise, in dem aber auch -noch- Gäste des Tempels untergebracht werden. Derzeit werden weitere Räume umgebaut für Gaststudenten. Die anderen leben im Policehotel.

Unterricht

Früher: Vor Unterrichtsbeginn treten alle an und begrüßen die Lehrer. 
Heute: Alle fangen an, laufen, dehnen oder schwätzen

Früher: Findet der Unterricht im Tempel statt, gehen zuerst alle nach oben vor die Haupthalle und begrüßen Zhen Wu durch dreimalige Verneigung.
Heute: Manchmal gehen alle rauf wie früher, manchmal aber nur Guan Shifu, der dann wohl im Namen aller Guten Tag sagt. 

Früher: Findet der Unterricht im Tempel statt, treffen sich alle im Hof der Akademie, begrüßen die Lehrer und gehen in geordneter Zweierreihe, die sich langsam auflöst zum Tempel.
Heute: Findet der Unterricht im Tempel statt, trudeln nach und nach alle im Tempel ein.

Früher: Findet der Unterricht im Tempel statt,  gehen nach dem Unterricht alle in geordneter Zweierreihe, die sich langsam auflöst zur Akademie.
Heute: Findet der Unterricht im Tempel statt, gehen nach dem Unterricht alle zum Essen in die neue Akademie.

Früher: Wer sich für länger als einen Monat anmeldet, hat eine Schuluniform zu tragen.
Heute:  Wer eine Schuluniform trägt war entweder früher schon mal hier oder ist ein Streber.

Früher: Kommen neue Studenten, stellen diese sich bei der Begrüßung der Lehrer vor und alle anderen sagen ebenfalls ihre Namen und woher sie kommen.
Heute: Es sind wieder Neue gekommen. Eine junge Spanierin habe ich gestern Abend kennen gelernt, die anderen heute beim Training und beim Essen gesehen. 

Freizeit

Früher: Wer in seiner Freizeit die Akademie verlässt, trägt sich in einem Buch im Büro ein, wohin, wann weg, wann voraussichtlich wieder zurück
Heute: Wer in seiner Freizeit die Akademie verlässt, verlässt in seiner Freizeit die Akademie.

Früher: 22:00 Uhr Licht aus!
Heute: Wen juckt's?

Haare schön

Soviel passiert hier nun auch nicht jeden Tag, wenn das normale, ganz normale Trainingsprogramm durchgezogen wird. Jetzt am Wochenende gehen wir nicht in den Tempel, weil zu viele Touris drin rum laufen. Stören. Ich hab mich schon gewundert, warum es so viele sind. Klar, die Seilbahn fährt nicht, wer zum Tianzhu rauf will, muss das zu Fuß machen über Nanyan. Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen erklär ich dem Ortsfremden noch mal die lokale Situation. Das ist hier nicht ein Berg, wie ich früher auch mal gedacht habe, sondern ein Gebirge. Genau genommen ist es ein Teil eines größeren Gebirges welches wiedrum ein Ausläufer eines noch größeren Gebirges ist usw. bis zum Himalaya. Das was wir Wudangshan nennen, hat zweiundsiebzig Gipfel, größere und kleinere. Der größte wird Tianzhu genannt, Himmelspfeiler. Auf seiner Spitze steht ein kleiner, ehemals vergoldeter Tempel aus massivem Messing. Diese fünfundzwanzig Quadratmeter sind die Hauptattraktion hier. So, das bitte mal für eine Weile im Gedächtnis behalten. 
In diese Gebirge führt eine Straße hinein, die sich nach zirka icks Kilometern gabelt. Der eine Ast führt links zur Seilbahnstation, von wo man in zwanzig Minuten, Wartezeiten natürlich nicht eingerechnet, auf den Tianzhu gondeln kann. Der andere Ast rechts führt an unserer Akademie vorbei und unserem Tempel, dem Purpurwolkenhimmelspalast, zur südlichen Klippe, Nanyan, von wo man auf einem Fußweg über viereinhalb Kilometer achthundert Höhenmeter überwinden kann und auch auf dem Tianzhu ankommt. Da nun die Seilbahn außer Betrieb ist, macht es für Touristen keinen Sinn, links lang zu fahren und so kommen sie alle rechts rum und wenn sie schon mal hier lang kommen, dann besichtigen sie auch unseren schönen Purpurwolkenhimmelspalast, welches immerhin die größte Tempelanlage im Gelände ist. Und deshalb trainieren wir auf dem Hof der alten Akademie.
Wer bis hierhin durchgehalten hat. der soll auch noch mit einer kleinen Anektode belohnt werden. Aber dafür muss ich doch noch mal etwas ausholen. Die daoistischen Mönche und Nonnen tragen im Gegensatz zu den buddhistischen Kahlköpfen die Haare lang. So lang es geht.Wenn sie lang genug sind, werden sie zu einem kunstvollen Knoten oben auf dem Kopf zusammen gebunden.
Heute Nachmittag sollte ich die gerade gelernte Passage der Taiji-Schwertform einer jungen Nonne beibringen. Zum Abschluss des Trainings stand sie da, mit ihrem Schwert in den Händen. Unten am Knauf eines Schwertes hängen so zwei Bommel, wie man sie auch schon mal an Fünfzigerjahreschlafzimmerschrankschlüsseln oder Vorhangschnüren finden konnte. Greift sich Guan Shifu die Troddeln, die jetzt natürlich aus synthetischen Fasern sind, nimmt einen der Fäden und streicht sich damit über die nach oben gebundenen Haare, wodurch die kürzeren, nachwachsenden auf Grund der elektrischen Ladung an den andern anhaften und seine Frisur ordentlicher aussieht. 
Konnte ich mir nicht verkneifen, still vor mich hin zu singen:

Du hast die Haare schön, du hast die Haare schön du hast du hast, du hast die Haare schön 
Lass dir mal die Haare schneiden,
den Friseur sollst du nicht meiden,
keine Birne ist ihm einerlei
Waschen,schneiden,legen,föhnen,
lass dich doch von ihm verwöhnen
und das neuste hörst du nebenbei

Regen bringt Segen

Man kann zusehen, wie sich innerhalb eines Tages die letzten kahlen Bäume einkleiden. Der Boden stülpt sich in in vielformiges Grün, garniert mit Knospen und Blüten. Noch nie habe ich Wudangshan so farbig erlebt, noch nie ist mir die Vielfalt der Pflanzen so bewußt geworden, wie dieses Jahr. Dieses Stück Welt ist gesegnet, hierüber wacht ein besonderer Geist. Oder Spirit, wie der Eso sagt. 
Als der Yongle Kaiser vor sechshundert Jahren hier jede Menge Tempel, Paläste, Tore und Brücken errichten ließ, erklärte er gleich das Territorium zu kaiserlichem Forst, womit verboten war, Bäume zu fällen und zu jagen.
Jetzt, wo es zur touristischen Attraktion ausgebaut werden soll, verbietet der Status des Weltkulturerbes, die Landschaft mit Hotels voll zu klotzen. Sonst würde es passieren. Stattdessen wird unten in Laoying am Eingang zum Gebirge eine neue Touristenstadt errichtet, parallel zu der Gründung der Stadt, denn hier lebten die Handwerker und alles was zur Versorgung nötig war, als Yongle, der Größenwahnsinnige, Zhen Wu huldigte und sich gleichzeitig eine Fluchtburg bauen ließ, denn er fürchtete die Rache seines Onkels, den er entmachtet hatte.
Zhen Wu, der Beherrscher des nördlichen Himmels ist gleichzeitig ein Wassergott. Nicht so einer wie Neptun, der das Meer beherrscht, sondern des Wassers an sich. Das Wasser der Wudangberge ist heilig, aber nicht so wie Lourdes. Hier gibt es keine Spontanheilungen. Aber was weiß ich. 
Gestern konnte ich auf dem Tianzhu, dem Himmelspfeiler, vor dem Goldenen Gipfel, diesem Monstrum von massivem Messingtempel in 1600 Meter Höhe, dort konnte ich einer, ach was, mehrerer Trancesessions beiwohnen. Man machte das einfach. Geschmückt mit vielen bunten Ketten und Armbändern, bunten Stammtischfahnen oder einem okkulten Gerät, fummelten sich kleine Gruppen oder Einzelne durch eine Art Qigong mit Singsang in eine taumelnde, augenverdrehende Trance, warfen mit Orakelbohnen um sich, während Pit, unser Artist, auf einer Felsnase einen Handstand machte. Er machte das einfach. Wenn einer von der Aufsicht eingeschritten wäre - aber was hätte der auch tun können? ihn runterschubsen? - dann hätte ich behauptet, das könne er auch nur in Trance und mache das zu Ehren von Zhen Wu. Das wäre durchgegangen. Stattdessen aber fragt mich die junge Frau, die es beobachtet hat, wie alt Pit sei. Ob sie ihn als Heiratskandidat in Betracht gezogen hat?
Auch so könnte dann sich regen einen Segen im Schlepp haben.

Nach Hause telefonieren

Wenn ich sechs Wochen hier bin, hab ich mir gedacht, sei es gut, eine chinesische Telefonkarte zu kaufen. Einmal natürlich, um günstig meine Familie anrufen zu können, mal wieder die Stimmen zu hören und nicht nur eine Email zu lesen. Aber auch, um innerhalb des Berges erreichbar zu sein. Falls es eine Änderung im Tagesablauf gibt oder sonstige Informationen, die mir andernfalls erst beim nächsten Essen mitgeteilt werden könnten. Auch um Bescheid zu geben, wenn sich die Rückkehr von einem Ausflug verzögert, naja alles, was vielleicht von gelinder Wichtigkeit sein könnte. Die Eingeborenen jedenfalls rufen sich gegenseitig ständig an für dieses und jenes zu klären. Administrative Arbeit wird vorwiegend von jungen Menschen zwischen zwanzig und dreissig ausgeübt. Nicht nur hier an der Akademie. Auch auf der Bank, in den Geschäften und Büros hat man es mit jenem frischen Elan zu tun, der der Jugend zu eigen ist, gepaart mit moderner Coolness und der landeseigenen Lässigkeit, die in meiner Heimatstadt beschrieben wird mit dem Ausspruch "küss de hück nit, küss de morje" (kommst du nicht heute, dann kommst du morgen). Diese jungen Menschen telefonieren ständig miteinander, holen Auskünfte ein oder geben Informationen weiter, stellen Fragen, die vom Gefragten nicht direkt beantwortet werden können, der selbst jemand anderes dafür anrufen muss und dann den Fragenden zurückruft. So breitet sich über das Land ein Netz von Informationen aus, die von gelinder Wichtigkeit sind, auf die man mit etwas gezieltem Nachdenken auch von selbst hätte drauf kommen können. Was nicht bedeutet, das Netz wäre nicht gefüllt mit Irrtümern, Missverständnissen und Fehlinformationen. Sie sind geradezu die Beute, die in diesem Netz gefangen werden. 
Ich hätte ja gleich bei unserer Ankunft, nach dem Frühstück, als wir noch zum Einkaufen im Supermarkt genötigt worden waren, auch nach der Telefonkarte fagen können. Aber ich wollte unsere Gruppe nicht noch länger aufhalten. Also bat ich am nächsten Tag unsere Betreuerin Coco, mir eine solche zu besorgen. Kein Problem, am nächsten Tag wollte sie sich darum kümmern, kostet vielleicht zweihunder Maobildchen. Am nächsten Tag hatte sie aber zu viel zu tun, dass dafür keine Zeit blieb. Aber am Samstag dann, ganz bestimmt. Leider hatte sie vergessen oder nicht gewusst, dass sie dazu meinen Pass braucht. Dann eben am Montag, aber ganz bestimmt. 
Am Montag, während des Trainings, wird Meister Guan angerufen. Er nimmt an, hört eine Weile zu, sagt auch etwas, vielleicht ist es auch eine Frage, dann reicht er mir sein Handy. Coco. Eine längere Ausführung über Telefonkarten im Allgemeinen, ihre Bereitschaft, mir eine zu besorgen und dass dem auch nichts mehr im Wege stehe, sie würde allerdings nicht zweihundert, sondern fünfhundert kosten. Naja, sag ich mir selber kurz und bündig, ich habe vor, noch öfter hierher zu kommen, so eine Karte wird nicht schlecht und will ihr sagen, dass es in Ordnung gehe, da bricht die Verbindung ab. Akku leer. Drei Minuten später kommt die junge Frau von der Rezeption geeilt, Anruf für mich. Nochmal Coco, der ja ein entscheidendes Wort meinerseits fehlt, die mir doch nun endlich die Simkarte besorgen will, unten in Laoying im Laden von China Mobile. Jaja, sage ich ihr, sie soll das Ding nun kaufen, was solls.
Am Abend halte ich meine Simkarte in der Hand und die Quittungen und erhalte dazu noch einen Vortrag über einen Vertrag den ich nun habe, ein Bag, mit dem meine Telefonte sehr viel preiswerter seien, aber wenn ich das nicht wolle, könne man es auch wieder kündigen und ich versteh es einfach nicht. Nein, keine weiteren Kosten. 
Sim Karte rein in mein iPhone, Meldung im Display: Neue Simkarte erkannt, bitte verbinden Sie ihr iPhone mit iTunes. Stecker rein, mit dem Laptop verbunden, Meldung: Die verwendete Simkarte wird von iPhone nicht unterstützt ...
Ich hätte es mir denken können. Dienstagmorgen Konferenz mit Coco. Was kann ich nun tun. Es dauert natürlich, bis sie dieses besondere Problem versteht. Sie will das selbst ausprobieren, aber ich bin jetzt auch nicht willens, mit ihr nach oben zu laufen, zweihundert Stufen bis zur Straße und weitere bis ins Hotel. Sie schlägt vor. mir ein günstiges Handy zu kaufen, kostet ein- zweihundert Yuan, kein Problem. Was ich denn gerne hätte. Mir sei alles recht, nur kein Hello Kitty Modell. Sie fährt gleich runter in die Stadt, kommt aber erst am Donnerstag abend wieder, weil sie ein paar Tage frei macht. Nein, entscheide ich, dann kauf ich mir am Mittwoch mein Handy selbst, dann fahr ich sowieso runter. 
Im Laufe des Tages entscheide ich um. Inzwischen bin ich eine Woche hier ohne ein mobiles Telefon zu brauchen. Gut, einiges an Kommunikation zur Beschaffung der Simkarte wäre mit Simkarte schneller gelaufen, andererseits befürchte ich, dass die Kosten dennoch noch weiter aus dem Ruder laufen werden. Aus Zweihundert wurden Fünfhundert und dazu käme noch ein neues Handy, was sicher auch keine zweihundert dann kostet und ich beschließe, die Karte muss wieder weg. Ich will mein Geld zurück. Ich spreche mit Sonia (braucht natürlich eine Weile, bis sie das Problem versteht, ich kürze jetzt ab), die telefoniert mit Coco. Sonia erklärt mir, wo der China Mobile Laden ist und schreibt mir einen kleinen Brief, in dem sie mein Problem kurz schildert, welchen ich dort vorzeigen soll . Am Mittwoch fahren wir, die ganze Gruppe, runter, einige wollen noch Geld tauschen. Auf der Bank treffe ich Grace, die auch für die Akademie arbeitet, die im letzten Jahr die Ausländer betreute. Ich erkläre ihr mein Problem, zeige ihr Sonias Brief. Grace telefoniert mit Sonia. Grace telefoniert mit Coco. Grace fährt mit mir im Auto ihres Freundes die dreihundert Meter zum Laden der China Mobile. Grace erklärt dort einer jungen Frau mein Problem. Die erklärt, nach einem Monat könne ich eine Abrechnung meines Verbrauchs machen und den Restbetrag zrück erhalten. Ich werde in diesem Monat keinen Verbrauch haben, ich will jetzt mein Geld. Grace telefoniert mit Coco. Coco ruft Grace zurück. Grace redet mit der jungen Frau von China Mobile. Grace telefoniert mit Coco. Coco ruft Grace zurück. Mich wundert, dass die junge Frau von China Mobile in der ganzen Zeit mit niemandem telefonieren muss. Sie und ich, wir stehen die ganze Zeit nur dabei. Nur, dass sie offenbar versteht, was da die ganze Zeit hin und her telefoniert wird. Ich nicht. Ich werde noch Äonen brauchen, bis ich diese Sprache einigermaßen verstehe.
Grace erklärt mir, der junge Mann, der meine Karte gekauft habe (ich dachte Coco habe sie gekauft, wer war da mit meinem Pass unterwegs?), sei bereit, die Karte zu übernehmen, sie brauche jetzt meinen Pass, damit der Vertrag gelöst werden könne. Nun habe ich immer ncoh diese Simkarte, die ich nicht brauchen kann und angeblich bekomme ich morgen von einem jungen Mann, mit dem ich ncoh nie telefoniert habe, mein Geld.
Liebe Familie, bitte habt Verständnis, wenn ich euch nicht anrufe, wir bleiben per Email in Kontakt. Vielleicht funktioniert ja Skype.

Ein abgeschlossenes Kapitel wird wieder geöffnet

In den ersten Tagen bzw. Nächten hab ich es noch der Zeitumstellung, dem Befinden in einer anderen Zeitzone zugeschrieben, wenn ich um ein Uhr wach wurde und eine Stunde brauchte, bis die Augen die Nase voll hatten und wieder zu fielen. Aber die Wachphase wird von Nacht zu Nacht länger. Im Gegenzug bin ich schon um sieben, also nach dem Abendessen, träge wie ein Folivora. Logisch.
Zweimal trotzdem war ich heute morgen um sechs im Tempel. Trotzdem ich nicht ausgeschlafen war (Wachphase von eins bis vier) und trotzdem es nieselte. Inzwischen nieselt es nicht mehr, es gießt.
Wegen der zunehmenden Luftfeuchtigkeit fand das Training in der alten Akademie statt. Als ich erfuhr, dass die Schüler und das Personal schon ausgesiedelt worden waren, hatte ich damit gerechnet, den alten Bau schon nicht mehr vorzufinden. In meiner Phantasie wurde Schutt abtransportiert oder gar schon frischer Beton gemischt. Aber der Kasten steht noch. Nach neuesten Informationen aus gut unterrichteter Quelle soll sogar die wertlose Bausubstanz erhalten bleiben und nur die Dekoration aufgehübscht werden. Erklär mir einer die Chinesen.
Jedenfalls fühlte ich mich nicht wohl, als es wieder in dieses Gebäude ging. Nicht wegen des zu erwartenden Drecks und den durch die Gänge huschenden Ratten. Diese Ruine hatte ich bei einigen Aufenthalten von wenigen Wochen Dauer schätzen gelernt. Ein Zuhause, welches mir genommen wurde. Gut, damit hatte ich mich abgefunden. Wenn der Daoistenhof einmal fertig renoviert ist und mehr Zimmer zur Verfügung stehen, finde ich den Platz durchaus attraktiver als das alte, ehemalige Hotel, das zu einem neuen werden soll.
Aber jetzt wieder da hinein zu gehen, in ein abgeschlossenes Kapitel. Das schuf Beklemmung. Wie in Tarkovskys Stalker. Ein gekleisterter Himmel und eine Erde wie Schmirgelpapier. Die Luft dazwischen versalzen.
Vor der Wiederholung am Nachmittag habe ich mich dermaßen gefürchtet, dass ich es vorzog, zu verschlafen.

Der Neue in der Küche

Wir, die wir die alte Akademie kennen, sind ja froh, das gewohnte Küchenpersonal weiterhin hier auf dem Berg zu haben. Man hätte sie ja auch mit nach unten in die Stadt nehmen können. Zwei der Frauen, die früher in der Küche mitgearbeitet haben, sind nicht mehr dabei, statt dessen gibt es einen Mann. Den Neuen. 
Wie wir drauf gekommen sind, weiß ich nicht mehr, aber Udo hatte herausgefunden, dass es in der Küche auch Bier zu kaufen gibt. Ja stimmt, hatte ich gesagt hier gibt es Bier und sogar billiger als beim kleinen Mann, allerdings nur eine Sorte. Ein Bier würde ich jetzt schon noch trinken. Ob Udo ihm jetzt ein Zeichen gegeben hatte, weiß ich nicht. Jedenfalls stand im Nu der Neue neben unserem Tisch mit einer Flasche Bier in der Hand. 
Von da an wollte er mir zu jeder Mahlzeit außer beim Frühstück ein Bier bringen.Wenn ich ein Bier will, dann bestell ich mir das. Selbst wenn ich gerne eines getrunken hätte, so aufdringlich habe ich jedes Angebot abgelehnt. Bis er es verstanden hat. Dann hab ich mir eines bestellt. Das war gestern abend. Heut Mittag kam er schon wieder an mit der Flasche in der Hand. Chinesen dressieren ist wirklich nicht einfach. Und Humor scheint auch keinen zu haben.
Er bringt uns auch das Essen an den Tisch und räumt den Tisch wieder ab. Bringen wir ihm schon mal einen Tellerstapel entgegen, findeter das nicht lustig. Im Gegentum, er ist regelrecht unerfreut. Was uns natürlich reizt. Heute Mittag haben wir nur die Teller zusammengestapelt, mehr nicht. 
Man hat uns im reichen Deutschland in den letzetn zwanzig, dreißig Jahren zu braven Selbstbedienern erzogen. Wir bringen die Kaffeetassen zurück im Stehcafe und suchen uns mühsam die Waren aus den Regalen zusammen. Das spart Arbeitsplätze und steigert die Rendite. Wer glaubt, im Dienstleistungsbereich läge die Zukunft, der irrt. Zukunft haben die Unternehmen, die erfolgreich Dienstleistung durch Selbstbedienung wegrationalisieren. 
Jetzt muss ich noch was nachtragen zum Bierpreis. Der kleine Mann nimmt 5 Yuan für die Flasche. Noch mal zur Erinnerung, das sind etwas mehr als 50 Cent. Manchmal hat auch Frau Xu Bier. Fragt sie uns, was der kleine Mann dafür nimmt, dann bietet sie uns das für 4 Yuan an. Sag ich: Unten in der Akademie gibt es die Flasche aber für 3 Yuan. Ok, dann auch bei ihr für drei. 

Vierter Tag

Wegen der hohen Feiertage trainieren wir im Hof der alten Akademie. Das Programm ist as usual. Ich hab mich von den Basics, die Meister Li mit wachsender Begeisterung  dominiert, etwas abgeseilt. Konzentriere mich auf meine Schwertform, während die Newbes auf einem Bein stehen und das andere nach vorne ausgestreckt halten. Zehn ... zwanzig ... dreißig Sekunden. 

Also Zhen Wus Geburtstag. Kann man vergleichen mit Weihnachten, auch wenn es keine Geschenke gibt. Im Herbst findet das Gegenstück statt, was ich bisher immer Zhen Wus Himmelfahrt genannt habe, aber von der Bedeutung kommt es wohl eher Ostern näher. Zhen Wu, eigentlich keine historische Gestalt sondern nur eine Legende, wird gleich gestellt mit Xuan Wu, dem Beherrscher des nördlichen Himmels. Er ist ein Wasser- und Kriegsgott. Nachdem er schon als Knabe sich von seinen Eltern getrennt hat und hier in die Berge gekommen ist, um sich als Kämpfer zu vervollkommenen, hat er nach 42 Jahren die vollkommene Selbstvergessenheit erlangt und wurde zu einem Unsterblichen. Das hat eine höhere Bedeutung als ein Heiliger in den christlichen Sekten. Vielleicht vergleichbar einem Erleuchteten im Buddhismus, aber so gut kenn ich mich da auch nicht aus. Wenn es soweit ist, werde ich euch, liebe geduldige Leser, darüber ausführlich informieren.




Dritter Tag, abends

Das Nachmittagstraining war überraschend früh zu Ende. Noch nicht lange auf meinem Zimmer, ruft mich Coco an, warum ich nicht zu der Dao-Lesson komme. Ja, Darling, ich hab es nicht gewusst. Dann soll ich doch meinen Freunden Bescheid sagen und auch den Damen im Erdgeschoss und so schnell wie möglich kommen.

Das Territorium

Damit du dir ein Bild machen kannst, zumindest von den räumlichen Ausdehnungen, eine kurze Beschreibung. Die alte Akademie, jetzt fast überhaupt nicht mehr im Gebrauch, aber auch noch nicht abgerissen, um einem neuen Fünfsternehotel Platz zu machen, liegt kurz hinter einer Kurve rechts auf der Straße zum Nanyan. Direkt neben der Akademie steht das Tian Lu Hotel. Danach macht die Straße eine sehr scharfe, haarnadelige Linkskurve. Direkt in der Kurve, aber ebenfalls rechts, befindet sich eine Polizeistation, dahinter das Hotel, in dem ich jetzt wieder untergebracht bin. Mit dahinter meine ich auch dahinter, also von der Straße weg, quasi im Hinterhof. Der Kurve folgend kommt noch ein Restaurant, wenn man es weiß und eine Treppe, die zu einem weiteren Restaurant führt, bei dem man niemals auf die Idee käme, es könnte eines sein.
Danach kommt nur noch Berg, eine Kurve nach rechts und kurz danach , wenn die Straße schon wieder nach links abbiegt, geht es rechterhand zum Zixiaogong, dem Palast des Purpurnen Wolkenhimmels. Da wo die Straße nach links abgebogen ist, geht es links, also talwärts auf 195 Stufen abwärts zur neuen Akademie. 

Weiter 

Ich sag also den Leuten Bescheid und mach mich auf den Weg: die Hoteltreppen runter, an der Polizei und dem Restaurant vorbei, immer bergan, den Zixiaogong lass ich rechts liegen, geh noch ein paar Schritte weiter und dann die oben schon erwähnten 195  Stufen runter. Im Hof angekommen werde ich gleich nach oben geschickt in einen sagen wir mal Meditationsraum. Es gibt einen Altar, dicke und weniger dicke Sitzkissen sonstiges Zeugs, was weniger zur Medittion gebraucht wird, allerdings auch noch nie dabei gestört hat. Die sich mir darbietende Szene ist äußerst grotesk. Etwa 20 Studenten, Chinesen und Ausländer hocken auf dicken Kissen vor dem Altar und bestaunen einen chinesischen Mitstudenten, der tagsüber Fuzhen übt (eine Waffe aus einem Pferdeschweif), wie er etwas über eine Meditationshaltung erklärt. Seine Ausführungen werden von Coco übersetzt. Sie hateigentlich sehr gute Englischkenntnisse und einen umfangreichen Wortschatz. Aber sie hat große Probleme mit der Aussprache. Während sie redet scheint sie eine ziemlich heiße Pellkartoffel im Mund zu wälzen. Dadurch entstehen laufend Versprecher, die auch durch zwei- bis dreimalige Korrekturversuche nicht besser werden, den gesamten Text aber noch unverständlicher machen. So klingt 'energie' meist eher nach 'engine' und Qi, die Lebenskraft übersetzt sie mit 'natural gas', wobei es mehr nach 'national gas' klingt. 
Der Vortrag geht dann weiter mit einer Geschichte über den legendären Kaiser Huang Di, der auf der Suche nach Unsterblichkeit von einem Berg zum  anderen geschickt wird. Es tauchen ständig neue Personen und Orte in dieser Erzählung  auf, natürlich alle mit chinesischen Namen, die Coco, wenn sie mit Übersetzen dran ist, meist wieder vergessen hat und nachfragen muss. Das ganze erzeugt ein wunderbar einschläferndes Genuschel und Gemurmel, dem ich auch bald erliege. Bevor ich ganz wegtrete frage ich mich noch, was um alles in der Welt sich Elisabeth so eifrig notiert.




Nachrichten aus der Goldgrube April 2010

vor einigen Tagen musste ich ein Gespräch am Nebentisch im Restaurant mit anhören. Eine Geschichte, die zunächst merkwürdig klang, dann aber immer mehr offenbarte, dass die Erzählerin wohl etwas verrückt war. Der Ausdruck ist nicht unbedingt sozial korrekt, aber treffend. Sie war aus unserer Realität herausgerückt, ihre Beschreibung entsprach nicht dem common sense.
Wir haben eine stillschweigende Übereinkunft, wie weit eine Beschreibung der Wirklichkeit von der eigenen Wahrnehmung abweichen darf. Wer aber davon spricht, dass in einem Polizeifahrzeug der Funkverkehr mittels eines Schlauchsystems aufrecht erhalten wurde, dem testieren wir einen mangelnden Tassenvorrat. Dabei können weit abstrusere Geschichten geglaubt und ernst genommen werden.
Um herauszufinden, was wirklich wirklich ist, dafür ziehen sich Menschen in die Einsamkeit zurück oder bauen für viele Millarden Euro einen Teilchenbeschleuniger. Manche finden das eine oder andere Extrem verrückt.
Um in dem ganzen Trubel des Geschehens für sich selbst den Boden unter den Füßen oder den Verstand nicht zu verlieren, haben wir verschiedene Methoden. Einen Augenblick Abstand nehmen durch Innehalten, sich nicht im Äußeren verlieren durch Ein-Sicht.
Manchmal muss man einen weiten Weg gehen, um dort hin zu kommen, was am nächsten liegt. In diesen Nachrichten wieder ein paar Hinweise auf Möglichkeiten. Ich verschicke sie an Euch mittels einer Technologie, welche ich ehrlich gesagt nicht verstehe. Es ist komplizierter als ein Schlauchsystem, aber ich halte es für realistisch.
in wenigen Tagen mache ich mich wieder auf den weiten Weg nach Wudangshan. Für sechs Wochen . Mein Tagebuch könnt ihr wieder mitlesen.
Ich wünsche euch allen einen erfrischenden Frühling

Yürgen Oster

in diesem Brief

• Für Mainzer
• Sommerakademie
• Das Baguazhang Projekt
• Ausbildungen zum Kursleiter
• Literatur
• Film
• Kunst
• Zum Schluss


Für Mainzer

In der Woche nach Ostern ist noch normales Training
Der erste Trainingstag nach meiner Reise ist der 31. Mai, ab da wieder alles ganz normal weiter bis zur Sommerpause Ende Juni.
In der Zwischenzeit wollen sich einige Gruppen weiter treffen.
Montag vormittags 11:00 Uhr in Gonsenheim, abends 18:30 Uhr Qigong mit Wolfgang Frömelt in der Schillerschule.
Mittwochs um 18:00 in Bretzenheim

Neue Kurse wieder ab 16. August 2010


Elbsandstein
3. - 6. Juni 2010
18 Wege vom Berg Wudang
ausgebucht



Sommerakademie

Das umfangreiche Programm der Sommerakademie findest du als PDF Datei.
Es gibt Qigong an den Vormittagen, 18 Wege Qigong abends während der ersten beiden Wochen, Taijiquan für Anfänger und Geübte, sowie Baguazhang


Das Baguazhang Projekt

In der DAO akademie wird von mir ein einmaliges Bagua - Projekt angeboten. Es ist nicht vorgesehen, dieses Projekt in absehbarer Zeit zu wiederholen. Baguazhang ist bisher noch sehr selten vertreten in Deutschland, findet aber derzeit ein gesteigertes Interesse.
Die Ursprünge des Baguazhang sind nicht genau zu klären. Als eine der inneren Kampfkünste soll es sich aus einer im Kreis gehenden Meditation um Weihrauchbrenner in den daoistischen Klöstern der Wudang-Berge entwickelt haben. Auch heutzutage wird in Wudangshan Baguazhang praktiziert. Gesichert ist das Auftreten von Baguazhang und die Verwendung des Namens seit der Mitte des 19. Jahrhunderts von Dong Hai Chuan in Beijing.
Eine ausführliche Beschreibung und alle Termine



Ausbildungen der DAO akademie

die DAO akademie ist Mitglied des DDQT (Deutscher Dachverband Qigong und Taijiquan). Alle angebotenen Ausbildungen entsprechen im Inhalt und Umfang dessen Leitlininien und sind anerkannt.

Im Herbst beginnt die neue 3 jährige Ausbildung zum Kursleiter Qigong in Münster. Eine umfangreiche Beschreibung der Ausbildung kann als pdf Datei geladen werden unter
http://www.dao-akademie.de/img/Qigong_Ausb.pdf

In Planung ist eine weiterführende Ausbildung zum Lehrer, die 2011 beginnen soll. Interessenten melden sich bitte bei SOBI Münster, Frau Ulla Peeters
Tel.: 0251-40328
Email: sobi@muenster.de

Ende des Jahres beginnt eine ebenfalls 3jährige Ausbildung zum Kursleiter Taijiquan in Mainz
Eine umfangreiche Beschreibung der Ausbildung kann als pdf Datei geladen werden.

Literatur

vielleicht habe ich auch früher schon mal auf dieses beachtliche Werk hingewiesen. Es ist genauso beachtlich teuer, aber es ist ein echtes Arbeitsbuch. Sicher nur etwas für Leute, die es ganz genau wissen wollen. Die Rede ist vom Cantong Qi, aus dem Chinesischen übersetzt und kommentiert von Richard Bertschinger (deutsch von Ingrid Fischer-Schreiber) erschienen 1994 bei Wofgang Krüger Verlag.

Das Original, dessen Titel noch nicht einmal eindeutig übersetzt werden kann, stammt von einem Wei Boyang, der im zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung gelebt hat. Es ist ein durchweg esoterischer Text im Sinne der verschlüsselten Sprache. Bertschinger nimmt sich zwei historische Kommentatoren zur Hilfe, den siebenten Patriarchen der nördlichen Schule des Daoismus, Meister Shangyan und Yuyan, einen Autor der Yuan Dynastie.
Das Cantongqi ist ein wichtiges Buch des daoistischen Kanons, einer Schriftsammlung von rund eintausend Texten, von denen die meisten noch nicht übersetzt wurden. Es behandelt das philosophische Konzept der Unsterblichkeit. Sie existiert, weil es keinen Tod gibt. Wenn es aber keinen Tod gibt, kann es auch kein Leben geben! Es existiert nichts außer einer alles durchdringenden Energie (Qi), die alle Erscheinungen und Ereignisse entstehen und vergehen lässt. Diese Energie ist letztlich die grenzenlose Leere und in der grenzenlosen Leere ist alles enthalten. Um diese Wahrheit zu vermitteln bedient sich das Cantong Qi der Konzepte von Yin und Yang sowie der 64 Hexagramme des Yijing. Die Auflösung und Verfestigung der mit diesen Symbolen bezeichneten Zustände bilden jenen alchimistischen Prozess, der das Elexier des ewigen Lebens wirkt.

Cantong Qi
Das Dao der Unsterblichkeit
direkt erwerben in der Bibliothek der DAO akademie




Film

The Karatekid 2

an die Erfolgsreihe Karate Kid I - IV aus den 80er Jahren knüpft ein neuer Film an, der nur teilweise als Remake bezeichnet werden kann.
Der junge Dre Parker (Jaden Smith) zieht mit seiner Mutter von Detroit nach Peking. Die kulturellen Unterschiede und die Missgunst eines Mitschülers, der ein geübter Kungfu-Kämpfer ist, machen es ihm schwer, Freunde zu finden. Der Hausmeister Mr. Han (Jackie Chan), der insgeheim ein berühmter Kungfu Meister ist, wird zu seinem Mentor. Von ihm lernt Dre, dass es nicht nur um das Austeilen von Schlägen geht, sondern um Reife und innere Ruhe.

Ohne diesen Hintergrund wäre das dümmliche Muster, die Chinesen sind die Bösen und die guten amerikanische Jungs sind nach ein paar Wochen die besseren Kungfu Kämpfer, sicher nicht auszuhalten. Als besonderes Bonbon findet ein gut Teil von Dres Ausbildung in den Wudangbergen statt. Hoffentlich wird es nach dem Filmstart (in Deutschland ab 22. Juli) dort noch auszuhalten sein.

Trailer



Kunst

Meditieren ist immer noch besser als rumsitzen und nichts tun

Seit Mitte März kann man im New Yorker MoMA der Performance-Künstlerin Marina Abramović stumm in die Augen schauen. Sie wird die nächsten drei Monate jeden Tag während der Öffnungszeiten des Museums an diesem Tisch sitzen, regungslos und schweigend.
Guardian-Autor James Wescott berichtet von einem unheimlichen Augenblick.



Zum Schluss

Wenn der Mond bei klarer Nacht nahe am Horizont so groß erscheint, ist das eigentlich ein neurologisches Phänomen. Betrachtet man ihn dann kopfüber durch die Beine, sieht alles wieder ganz normal aus.


Anhang

weil versprochen noch ein Anhang. Es geht um eine Petition zum Erhalt des Nachtflugverbots in der gesetzlichen Nacht, weil, irgendwann muss ja auch mal Ruh sein.

Xinxinming 19

欲知兩段  元是一空  一空同兩 

die beiden Aspekte verstehen:
erst ist das Eine Leere
das Eine, die Leere
gemeinsam sind zwei



Die beiden Aspekte, das sind Yang und Yin, Objekt und Subjekt, die wir voneinander trennen. Jenes, das wir innerhalb der Begrenztheit und außerhalb der Begrenztheit sehen. Wir sehen es und wir akzeptieren es, das ist unser Leben. Weil wir aber trennen und nicht fähig sind, die Einheit zu sehen, erleben wir Leiden und Lust, Verlangen und Abscheu. Dieses wollen wir, jenes lehnen wir ab.
Zuerst, da sollte es besser heißen: Bevor die Welt in Erscheinung tritt, ehe wir es sehen und erleben, ehe wir mit unseren Zweifeln darüber herfallen können, also zuerst, da ist das alles, wovon die Rede ist, alles, was der Fall ist, wie Wittgenstein es ausdrückt, das ist alles Eins. Eine Einheit, ein großes, unendliches, grenzenloses Ganzes, so wir etwas grenzenloses als Ganzes akzeptieren wollen. Es ist das reine Sein, nichtseiend, formlos, vollkommen leer.
Gleichzeitig, völlig ungetrennt, ist es das seinende Sein, die Erscheinung der Welt, unbarmherzig uns, wir Teilhabende, in die Teilung stürzend, Grenzen ziehend, Subjekt und Objekt trenned.
Im Ganzen gibt es den Tod nicht und nicht das Leben, darum auch keine Fragen. In der Auflösung von Einheit und Leere entstehen die zehntausend Wesen, vergehen die Zehntausend Wesen. Wo die Zwei auftaucht, da ist der Wandel aufgetaucht. Leere zu Fülle, Einheit zu Vielfalt.

欲1知2两3段4  元5是6一7空8  一空 仝9两 

1 欲  yù:  mögen, wollen, wünschen; Begierde, Lust, Wunsch, Verlangen; werden, im Begriff sein etw. zu tun
2 知  zhī:  wissen
3 两 liǎng: zwei
4段  duàn:  Aspekt, Phase (eines Prozess), Abschnitt
5 元  yuán:  ZEW für Geld; Yuan, zuerst, Kopf
6 是  shì:  sein; ja, richtig; sein: bin, bist, ist, sind, seid (Kopula, verbindet Subjekt mit Prädikat, nie mit Adjektiv)
7 一  yī:  eins (1); Radikal Nr. 1 = eins (1); sobald
8 空  kòng:  freie Zeit, Muße, Lücke; Himmel, Luft; leer, leerstehend, hohl, nichtig, haltlos, nichtsagend; vergebens, vergeblich, erfolglos, umsonst, für nichts
9 仝  tóng:  gemeinsam, zusammen