Niederwerfung

Yürgen 9. Okt. 2009

Diesen Begriff gibt es wahrscheinlich in der deutschen Sprache nur im Zusammenhang mit asiatischen Religionen. Es kommt diese Geste der Demut zwar auch in der katholischen und anglikanischen Kirche vor, dort benutzt man allerdings den lateinischen Ausdruck Prostration. Ich finde diese Übersetzung scheusslich. In China heißt es Koutou (Kotau), wörtlich Kopfanstoßen. Es geht um die zeremonielle Verneigung, Verbeugung. Ist in Tempeln üblich und war es auch am Kaiserhof. Die Daoisten haben sich das wahrscheinlich von den Buddhisten abgeguckt, wie so manches andere auch, zum Beispiel den Aufbau, die Anordnung einer Tempelanlage.
Bis zum 3. Jahrhundert gab es keinen religiösen Daoismus, bis dahin spricht man von einer Philosophie, die sich hauptsächlich in den Schriften von Laozi und Zhuangzi offenbart. Um diese Zeit tauchte in China der aus Indien stammende Buddhismus auf. Es kann gut sein, dass die ersten daoistischen Gruppierungen, die religiösen Charakter hatten, davon unabhängig entstanden sind. Aber beide Gruppen trafen aufeinander, befruchteten sich gegenseitig und heraus kam ein religiöser Daoismus mit Klöstern, Orden, Tempeln und Ritualen sowie eine gewandelte Form des Buddhismus, Chan oder auf Japanisch Zen.
So. Schön und gut. Vorgestern war ich im Taizipo, einer schönen Tempelanlage, die ungefähr auf halbem Weg steht zwischen dem Fuß der Berge und dem Gipfel des Tianzu. War deshalb Zwischenstation für die Pilger. In einem der Tempelräume hatte ich mich beim Eintreten leicht verneigt, woraufhin der diensttuende Mönch sofort die Glocke schlug. Also tat ich ihm den Gefallen und verneigte mich auch noch zwei weitere Male. Gehört sich so. Als ich vor den Mittelaltar trat, kam er eilfertig zu mir und erklärte mir genau, wie eine richtige Verneigung zu machen sei. Ihr daheim, die ihr in näherer oder ferneren Zukunft mal in einen daoistischen Tempel kommt, prägt euch das  Folgende genau ein.

Vor das Kissen stellen. Die Hände ineinander legen; Männer den linken Daumen in die rechte Faust und diese dann mit der linken Hand umfassen, Frauen umgekehrt. Die Hände vor die Stirn heben, dann die linke Hand auf's Herz, auf das Kissen knien, die rechte Hand aufstützen. Dann die linke dazu, über die rechte und sich tief verbeugen, heißt: Stirn auf die Hände. Aufrichten, aufstehen, zwei mal wiederholen. 

Na? Ausprobiert? Ich hab das drei Mal gemacht, dann fiel dem Burschen ein, dass er vergessen hatte, mir ein rotes Bändchen über den Nacken zu legen, deshalb durfte ich es noch mal durchziehen. Der rechte Altar ist Guanyin geweiht, gewidmet oder wie sagt man da? Es stand eine Statue von ihr drauf. Guanyin ist eindeutig aus dem buddhistischen Pantheon, heißt dort Avalokiteshwara und ist der Bodhisattva des Mitgefühls. In China weiblich, weil es eine ähnliche Gestalt im volkstümlichen Daoismus gibt.
Schon steht der Mönch neben mir und erklärt mir, dass es dort anders gemacht wird. Die Handflächen werden gegeneinander gelegt. Die Hände vor die Stirn, den Mund das Herz, dann knien, die Hände mit dem Handrücken auflegen, Fingerspitzen zueinander, Stirn drauf. Auch drei Mal. Hab ich gemacht. 
Danach sollte ich mich in eine Kladde eintragen, hab ich auch gemacht und dann 100 Yuan bezahlen. Altes Schlitzohr. Hab ich dann auch noch gemacht. Bisher hab ich mich darum immer gedrückt. Aber das Wetter ist derzeit schlecht, der Himmel ist zugezogen und Regen fällt gelegentlich. Vielleicht hilft es ja. Drei Räucherstäbchen waren im Preis auch mit drin. 

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