Lilos20. Tag – Meine Tage sind gezählt

Meine letzte Woche hat nun unleugbar begonnen. Es ist höchste Zeit, mich um die Heimreise zu kümmern. Das bedeutet zunächst einmal, mir ein Hotel in Wuhan, von wo aus ich am Samstag morgen nach Beijing zur Weiterreise nach Frankfurt fliegen will, zu besorgen. Dieses Procedere ist wieder einmal ein Lehrstück chinesischer Gründlichkeit. Ich finde ein passendes Hotel – wie passend, werde ich natürlich erst bei meiner Ankunft feststellen – und reserviere. Hierzu muss ich meine Kreditkartennummer angeben. Das ist nicht ungewöhnlich, auch wenn ich es nicht mag. Zur Sicherheit wird auch noch eine zweite E-Mail-Adresse erbeten, damit auch ja keine der kostbaren folgenden Informationen verloren geht. Nach einer Stunde habe ich die erste E-Mail: man bestätigt, dass ich um eine Reservierung gebeten habe. Das ist schön. Am folgenden Tage erhalte ich die hilfreiche Information, dass man sich mit meinem Kreditkarteninstitut in Verbindung gesetzt hat. Reserviert ist noch nix. Einen Tag später teilt man mir mit, dass noch keine Antwort vorläge. Irgendwann bekomme ich Nachricht, dass mein Kreditkarteninstitut bestätigt, dass Deckung besteht. Ich bin beruhigt. Wir sprechen immerhin von 23 EUR für die Übernachtung. Nun wird man sich mit dem Hotel ins Benehmen setzen um zu klären, ob ein Zimmer frei ist. Es bleibt spannend. Gestern nun die erlösende Botschaft: ja, man kann mir die Reservierung bestätigen. Und ich habe keinen Sekt zum feiern...

Heute kam der erste „friendly reminder“ - ich möge doch bitte nicht vergessen, dass ich von Freitag auf Samstag ein Zimmer in Wuhan gebucht habe. Das Ganze – wie auch der restliche Schriftwechsel – natürlich in doppelter Ausfertigung, für jede E-Mail-Adresse ein Exemplar. Eine leise Stimme sagt mir, wenn ich am Freitag an der Rezeption stehe, werde ich in große Augen blicken „Zimmer? Wir haben kein Zimmer für Sie!“.

Nachdem gestern das Training unter verschärften Bedingen auf dem Schulhof stattfand, durften wir heute wieder in den Tempel. Guan war nicht dabei, was eher ungewöhnlich ist. Er wird eher selten rausgelassen. Nun wird ihn Zhong ersetzen, wie er mit einem Augenzwinkern sagt. Na, das ist doch eine gute Aussicht. Meister Zhong ist ein hervorragender Lehrer, seine Korrekturen sitzen auf dem Punkt, auch wenn man vielleicht nicht immer alles mit einer solchen Klarheit um die Ohren gehauen bekommen möchte. Er hat die landesübliche Reibeisenstimme, kommt wahrscheinlich vom vielen Herumbrüllen. Einem Hobby, dem er gern und oft nachgeht. Man kann aber auch viel mit ihm Lachen und ich habe arbeite gern mit ihm. Auch wenn man als Schüler immer etwas weiche Knie hat, wenn er zur Vorführung kommandiert.

Der Unterricht ist mittlerweile sehr klar strukturiert, jede Lerngruppe hat ihren Lehrer, jeder übt seine Formen und wird auch korrigiert. Und Zhong läuft als Libero zwischendurch und pickt sich einzelne Schäfchen heraus. Nicht immer angenehm, aber auf jeden Fall hilfreich.

Am Abend konnten wir ein neues, wirklich niedliches kleines Schäfchen begrüßen: ein kleiner Mann, etwa 8 Jahre alt, ist neu zur Truppe der Schüler hinzugestoßen. Er ist schon sehr gut trainiert, wurde offensichtlich aufgrund seines Talents in diese Kaderschmiede geschickt. Meister Zhong hat ihn persönlich abgeholt, wie ich beobachten konnte. Heute Abend nun das erste Training mit der Gruppe. Er wirkt etwas verloren. Zu allem Überfluss hat ihn seine Mutti in Trainingkleidung in grellem Pink gesteckt. Ein echter Hingucker. Zhong beginnt, den Kleinen einzunorden. Lässt ihn mit uns – den ganz Großen (aber ziemlich Langsamen) die Kicks laufen. So zum Eingewöhnen. Bastelt ständig an ihm herum, korrigiert hier und da, der Kleine ist völlig eingeschüchtert und den Tränen nah. Obwohl Zhong für seine Verhältnisse richtig zärtlich mit ihm umgeht. Ein kleiner Junge aus der Schülergruppe, nicht viel älter, schaut hin, lächelt ihm ermutigend zu. Erinnert sich wohl an seinen ersten Tag. In der Pause kümmert sich wirklich jeder der Lehrer um den Jungen. Weil er so niedlich ist, wird er entsprechend getätschelt und zwangsgeknuddelt – wir sind auch ganz hin und weg. Irgendwann unterliegt er dieser Charmeoffensive – ein erstes Lächeln. Geht doch!

Nach der Pause beginnt eine Prüfung für die Schüler. Statt zu üben, schaue ich lieber zu und mache mir so meine Gedanken. Diese Kinder, die wirklich eine harte Schule hinter sich haben, körperlich und geistig höchste Ansprüche erfüllen müssen, ständig geprüft werden – was kann diese jungen Leute eigentlich noch schrecken? Das echte Leben vielleicht...
Ich weiß es nicht und es wäre anmaßend, unsere Maßstäbe anzusetzen. Das Leben hier ist ein völlig anderes, jeder Versuch einer Wertung kann nur scheitern.
Als der neue Junge vorführt, schaut dann wirklich jeder zu. Er hat sich für eine „Betrunkenen-Bewegung“ mit Stock entschieden. Diesen Kleinen zu sehen, wir er mit ernster Miene in der Form so tut, als würde er ein Glas Schnaps kippen – das haut uns fast um. Und so erhält er nach seinem Vortrag – was eher unüblich ist – richtig großen Applaus. Von allen.

1 Kommentar:

  1. Hallo Lilo, Gruß aus Mainz - habe heute die letzen Einträge von dir und Ramona gelesen, nachdem wir 6 Tage in Dublin waren und ich im Renovierungsstreß bin. Auch wenn ich die Wehmut verstehen kann - wir freuen uns, wenn Du wieder hier bist. War am Do trotz Rückenbeschwerden (vom Renovierungskistenpacken) zum QiGong. Hat gut getan, Ramona zu sehen, die diesen Aufenthalt genossen hat. Die Bilder habe ich mir auch im Schnellverfahren durchgeguckt - schön, Du musst mir noch erklären, wer wer ist.....

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