Lilos 24. Tag – Das Ende

Und wieder ist Mittwoch.. Traditionell die Abnahme des in der Vorwoche Erarbeiteten unter den strengen Blicken von Guan Shifu. Da so viele Leute heute gehen und gar nicht mehr an dem Vormittagstraining teilgenommen haben, hatte ich still gehofft, dass wir zur Feier des Tages und angesichts der Bruthitze vielleicht mal auf diese Maßnahme verzichten können. Aber nicht doch. Wie immer eröffnet Nat den Reigen, dann ruft Guan mich in den Ring. Diesmal sind es doch schon einige Bewegungen mehr als noch letzte Woche. Zu meiner eigenen Überraschung patze ich nicht, obwohl ich bei den extrem dynamischen Bewegungen ein paar Mal auf dem Gras rutsche. Beifälliges Nicken. Ist doch schon viel besser geworden – nur noch...es folgt eine Aufzählung von 8 oder 9 Punkten an denen ich unbedingt noch feilen muss. Dafür gibt es aber nur einen Stockschlag auf die Pfoten. Könnte schlimmer kommen. Allgemein ist der Meister heute äußerst milde gestimmt. Muss wohl das Wetter sein.

Nachdem ich mir einen ruhigen Nachmittag gegönnt habe, mache ich mich am Abend auf die Suche nach Gesellschaft. Die Akademie ist wie ausgestorben, die Gruppe der Älteren ist zu einer Vorführung nach Hunan abgereist und macht sich dort ein paar schöne Tage, wie mir berichtet wurde. Aber ich weiß ja, wo ich zuverlässig Leute finden kann. Bei den Händlerbuden am Zixiaogong ist eigentlich immer etwas los und auch heute höre ich schon von weitem Stimmen. Meine chinesischen Mitschüler feiern Abschied von Liu, einem sehr gepflegt auftretenden etwas älteren Herrn, der immerhin ein paar Brocken Englisch spricht und mit dem ich mich oft und gern unterhalte. Als ich um die Ecke biege, begrüßen sie mich freudig und laden mich in den Kreis ein. Nat und Igor sind auch da, so dass wieder einmal beste Voraussetzungen für fröhliche Missverständnisse sind. Ein besonderes persönliches Highlight, das mir den Abend versüßt, ist eine kurze Plauderei mit den Gastwirten. Sie wollen wissen, wie alt ich bin. Ich antworte wahrheitsgemäß, sie staunen, beide sind ein paar Jahre jünger als ich, sehen aber deutlich älter aus. Das ist mir schon mehrmals hier aufgefallen. Das Leben hier ist wirklich nicht leicht und das sieht man den Menschen auch an.
Da kommt Liu dazu und spricht mich an: da hätte es ein Missverständnis gegeben, die Leute hätten gesagt, ich wäre 44 und das könne ja wohl nicht sein. Dochdoch, bestätige ich, Neinnein insistiert er – triumphierend packe ich meinen Pass aus: da steht's! Liu kann es nicht fassen, behauptet, er habe mich auf zwischen 20 und 30 geschätzt. Da muss ich aber doch herzhaft lachen – Alter Charmeur! Aber gut tut es ja doch, mal nicht auf mein friedhofsblondes Haar angesprochen zu werden....

Am nächsten Tag mache ich mich noch ein letztes Mal auf zum Taizi Po, dem Tempel des Prinzen. Ich habe bei Aaron ein Gemälde gesehen, das mich begeistert hat und das möchte ich gerne kaufen. Annie, eine junge Chinesin, die vor ein paar Tagen zur Truppe gestoßen ist, und Michael begleiten mich. Ich finde das Bild tatsächlich und werde recht schnell handelseinig. Was natürlich bedeutet, dass ich wieder einmal zuviel bezahlt habe, dafür erwerbe ich den kostbaren Dao-Tee diesmal für 50 Yuan, ich glaube das ist bisher der niedrigste Preis, den ich bisher ausgehandelt habe. Bei der Rückkehr zur Akademie erwartet mich Guan bereits. Heute nachmittag 2 Stunden Einzelunterricht, weil ich heute Abend abreise. Prima. Genau das richtige bei dem Wetter.

Um 15.00 h treffen wir uns auf dem Hof. Die Luft kocht. Glücklicherweise erspart er mir das Aufwärmen, nur Vorführen. Ich laufe ein paarmal durch, dann geht es zur Sache – nun wird ziemlich schnell der kleine Unterschied zwischen der Einweisung von einem noch relativ unerfahrenen Junglehrer und einem Meister offenbar. Ich erkenne kaum etwas wieder von dem, was ich gelernt habe. So geschmeidig und kraftvoll kriegt Li Shifu das noch nicht hin. Von mir wollen wir gar nicht erst reden. Ich bewege Hände und Füße an der gleichen Stelle, das war es aber schon. Der Input, den Guan mir in der kurzen Zeit gibt, lässt mir fast den Schädel platzen. Er merkt mir meine Frustration an, lacht: bleib' nur immer mit dem Körper unten, nicht aus dem tiefen Stand hochkommen, achte auf die Haltung – der Rest wird schon. Wenn ermeint...Ich filme seine Bewegung sicherheitshalber ab, und hoffe, das ich das Gelernte zumindest soweit konservieren kann, dass Guan noch irgendetwas erkennt, wenn wir uns wieder sehen.

Nach dem Training führt Guan zwei neue Gäste zum Teetrinken ab, ich möchte verschwinden, um noch schnell zu duschen, gepackt habe ich auch noch nicht – nein, ich soll bitte den Tee zeremoniell für uns alle bereiten. Das ist zwar eine Ehre, aber erstens habe ich davon keine Ahnung und zweitens keine Zeit. Rührt natürlich niemand, geduldig weist Guan mich ein und als ich endlich den Gästen den Tee ordnungsgemäß eingeschenkt habe, entlässt er mich, als er meine Unruhe bemerkt. Nun passiert alles im Schweinsgalopp – Duschen, Essen, Packen, noch eine Extra-Kiste für Kraniche, die nach Wudang kommen, bereiten – es wird eine Punktlandung, als ich um 19.00 h unten in der Halle stehe um mich zu verabschieden. Fast alle sind da, sogar von den chinesischen Mitschülern. Ich bin gerührt. Li Shifu persönlich fährt mich zum Bahnhof. Als es mir endlich gelungen ist, ihn nach Hause zu schicken und nicht noch eine Stunde zu warten, bis mein Zug nach Wuhan kommt, habe ich viel Muße, mich gedanklich von diesem Ort zu trennen. Ich schaue mich um. Die Stadt putzt sich zwar wirklich heraus, allerdings ist der Bahnhof bei diesen Bemühungen irgendwie vergessen worden. Wenn man erwartungsvoll nach dem Anblick auf die recht gelungene Fassade nach innen kommt, trifft einen schon der Schlag. Alles wirkt dreckig und ungepflegt, obwohl das Gebäude sicher noch nicht alt ist. In der Wartehalle steht die Luft, es ist ziemlich viel los, offenkundig hat der Zug nach Beijing über eine Stunde Verspätung, was für ziemliches Murren sorgt. Das gibt es also auch hier.
Ich betrachte mir die Szene: selbstverständlich gibt es hier keine Klimaanlage, nur zwei Ventilatoren, von denen einer wegen Hoffnungslosigkeit bereits die Arbeit eingestellt hat, quirlen mühevoll die dampfige Luft durcheinander. Unter dem „Rauchen verboten“-Schild steht eine Gruppe leichtbekleideter Männer und qualmt genüsslich eine Kippe nach der anderen. Wie es hier Landessitte ist, haben sie ihre Oberbekleidung bis unter die Achseln nach oben gerollt. Oder die Hemden gleich ganz ausgezogen, um sich damit Luft zuzufächeln. Eine Gruppe hat sich zu einer gemütlichen Pokerpartie zusammengefunden, lautstark wird jedes Blatt von einer sie umringenden Menschenmasse kommentiert.
Irgendwann ist endlich der große Moment gekommen, an dem die verschlossenen Pforten zum Bahnsteig geöffnet werden, damit die Reisenden über den Schotter und die Gleise auf die andere Seite klettern können. Mit meinem schweren Rucksack ein echtes Vergnügen. Nun habe ich endlich mein Plätzchen im Schlafwagen gefunden, glücklicherweise sehr ruhige Mitreisende, die einfach nur Schlafen und nicht feiern wollen, so dass ich nun friedlich die letzten Zeilen meines Berichts schreiben kann.

Auf Wiedersehen Wudang Shan – Wo wei Wudang - 我为武当!

Kommentare:

  1. Keine Minute älter als 27!

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  2. Bitte bitte. Nimmst mich wohl nicht ernst, was?

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  3. Die Höflichkeit verbietet mir eine ehrliche Antwort...

    In diesem Fall würde ich aber gerne!

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  4. für katzen ist 27 ein sehr hohes alter

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  5. Das verbürgte Höchstalter einer Katze liegt bei 36!

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  6. Gildet das fürs erste Leben oder für alle sieben?

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  7. ...das Ende klingt ja wirklich als hättest Du eines der Leben gerade abgelegt. Mainz ist doch auch schön!

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  8. Also, zunächst einmal strebe ich ja Unsterblichkeit an - von daher ist es mir ziemlich schnurz, wieviel meiner 7 Leben ich schon verbraten habe. Jedes Einzelne hat sich auf jeden Fall gelohnt! Natürlich ist Mei-Yin-Ci ne geile Stadt - aber Wudang ist einfach geiler!

    Und bei nächster Gelegenheit geht's wieder hin. Heimat...

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