Lilos 14. Tag – Touristenfutter

Unter der Woche herrscht in „unserem“ Tempel Zixiaogong normalerweise himmlische Ruhe, nur selten verirrt sich der eine oder andere Ausflügler dort hin. Die Mönche und Nonnen gehen friedlich ihren Verrichtungen nach, während wir im Hof herumtoben. Natürlich erst, nachdem wir Zhenwu offiziell mit einem Kotau begrüßt haben. Das gehört dazu.

Heute allerdings brummte es wieder einmal wie in einem Bienenschwarm: Offensichtlich machte eine größere Firma ihre Klassenfahrt, jedenfalls ergoss sich plötzlich ein Menschenschwall von über 100 Leuten, alle – Männlein und Weiblein – in ein rosa Polo-Shirt mit Firmenaufschrift gewandet, über den Tempel. Megaphone ertönen, so dass wir das Gemecker des Shifu kaum noch hören konnten.

Eine Weile hält die Meute ehrfürchtig Abstand zu uns Trainierenden, bis der erste bierbäuchige und mit Bermudas, passend zu den weißen Socken in Slippern, gekleidete Genosse sich direkt neben mich stellt, um meine Bewegungen zu imitieren. Ganz schön anstrengend, stellt er schnell fest. Und zur Belohnung, dass er das so schön gemacht hat, hat er sich doch ein Foto mit der germanischen Walküre verdient, nicht wahr? Als das erste Foto im Kasten sitzt, bricht auf einmal ein Damm: plötzlich wollen sie alle mit mir fotografiert werden, besonders die jungen Damen, halten stolz das „Victory“-Zeichen in die Kamera und lassen es sich nicht nehmen, mich zu umarmen, nassgeschwitzt und verklebt wie ich bin. Keine Gnade. Erst als wirklich jeder sein Bild mit mir gemacht hat, zieht die Meute wieder von dannen und ich kann weiter trainieren. Über die schadenfrohen Kommentare meiner geschätzten Mitschüler brauche ich kein Wort zu verlieren. Aber wartet's nur ab – ihr kommt alle dran! Neuer Sonntag – neues Opfer!

Es ist so dampfig heute, dass schwer zu entscheiden ist, ob wir vom Schweiß nass sind oder eher vom Kondenswasser. Jedenfalls träumen wir alle von einer kleinen Runde schwimmen in einem abgelegenen Waldsee vielleicht...ich kann kaum schwimmen und tue es höchst ungern – wenn also sogar ich mich solchen Träumen hingebe, sagt das einiges aus. Ersatzweise plündern wir die Kühltruhe von unserer Lieblingsverkäuferin Frau Qu, die bereitwilligst ihre Eisvorräte zur Verfügung stellt. Über solche Kleinigkeiten wie „Unterbrechen der Kühlkette“ macht sich hier kein Mensch Gedanken, wir am allerwenigsten. Ich vertrage hier eigentlich alles. Außer dem Essen im Tianlu-Hotel. Auf dem Rückweg zur Akademie sehe ich den Koch meines Herzens, er lacht mich an und winkt mir mit einem Fisch zu. Macht er bestimmt auch sehr lecker. Wenn die Viecher nur nicht immer so furchtbar viele Gräten hätten, käme ich schon in Versuchung.

Kommentare:

  1. Gibt's da kein Messer-Fisch-Form?

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  2. Noch nicht - aber es scheint mir auf jeden Fall eine Anregung wert zu sein!

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