Lilos 9. Tag - Tischgespräche und Treffen der Meister

Unsere lustig kauderwelschende Runde bedient sich im großen und ganzen der englischen Sprache, die die meisten von uns zumindest im Ansatz beherrschen. Der eine mehr, der andere weniger verständlich, ob wir alle das gleiche Ergebnis aus unseren Unterhaltungen erhalten, ist mehr als fraglich, letztlich aber auch völlig unwichtig. Ich habe die Neigung, einfach draufloszureden ohne zu Bedenken, ob ich alle nötigen Vokabeln parat habe. Als heute wieder einmal die entscheidende fehlte, habe ich das mit einem sehr hässlichen deutschen Kraftausdruck bedacht. Eduardo aus Puerto Rico lacht: “Seissse” - das kennt er. Und damit ist das Tischgespräch gerettet. Jeder gibt aus seiner Muttersprache die übelsten Begriffe, die gerade noch gesellschaftsfähig sind, zum Besten, was natürlich für viel Gelächter sorgt,. Besonders, als die Runde versucht, nachzusprechen. Keine Frage, hier lernen wir wieder alle etwas fürs Leben. Nur Tatjana ziert sich etwas. Sie geht ganz in ihrer Rolle als “Mama” auf und möchte ihre “Kinderlein” nicht verderben. Da müssen wir wohl ihren Sohn Nat fragen, wie man auf Russisch ordentlich schimpft.

Beim Abendtraining stelle ich langsam gewisse Ermüdungserscheinungen fest. Meine Muskeln schreien nach einer Erholungspause. Glücklicherweise beginnt morgen das “Wochenende”, also nur am Vormittag Training, der Nachmittag und der Donnerstag sind frei. Ich schleppe mich in den Hof, mein Mitstreiter Xiaolong ist auch zu fast nichts mehr zu gebrauchen, als uns Li Shifu aufgibt, unsere Form zehn Mal zu laufen, fangen wir an zu schummeln, machen die Bewegungen schlapp und schlampig, die Sprünge werden nur noch angedeutet, beim Zählen entscheiden wir uns kurzerhand für die Variante aus eins mach zwei - wir haben einfach keinen Bock. Xiaolong setzt sich zwecks “Xiuxi” - neben “Xia Ke” (Unterrichtsende) eines der wichtigsten chinesischen Vokabeln, bedeutet Pause - kurz ab. Ich übe lasch den Ablauf, da steht plötzlich Meister Zhong vor mir. Er war ein paar Tage unterwegs und will jetzt natürlich wissen, welche Fortschritte ich so mache. Gerade heute. Wo ich kaum aus der Hocke springen kann. Ganz toll. Glücklicherweise komme ich gar nicht so weit, schon bei den ersten Bewegungen sieht er erheblichen Verbesserungsbedarf. Er schnattert auf mich ein, demonstriert und biegt an mir, holt am Ende in seiner Verzweiflung Lynn zum Übersetzen, die erklärt es mir noch mal - allein das Verstehen ist nicht das Problem - ich habe längst kapiert, was der Meister will. Ich kann’s nur nicht umsetzen. Besonders heute nicht. Li Shifu läuft vorbei und wird erst einmal von Zhong ordentlich zusammengestaucht - was bringt er mir überhaupt für Zeug bei? Das lässt Li natürlich nicht auf sich sitzen und ich werde detailgenau in allen Stellungen geknechtet. Wo ist eigentlich Xiaolong, der Verräter? Die Korrektur soll ich jetzt jedenfalls noch zehnmal einüben. Dann kommt zu allem Überfluss noch Guan vorbei, der hat natürlich auch noch ein paar Ideen, was ich heute, ausgerechnet heute, unbedingt besser machen soll.

Glücklicherweise heißt es auch heute irgendwann “Xia Ke” - danke, ich bin satt.

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