Lilos 3. Tag - “An-Trainieren”

Nun ist auch meine Galgenfrist abgelaufen. Bevor ich mich neuen Dingen widme, soll ich erst einmal zeigen, was aus dem, was ich letztes Mal gelernt habe, geworden ist. Ich bekomme ein ziemlich baufälliges Übungsschwert in die Hand gedrückt, die Klinge wackelt - so kann ich nicht arbeiten! Also erst einmal das gute Leatherman-Multitool ausgepackt und die nötigsten Reparaturen durchgeführt. Jetzt geht’s. Zumindest was das Material angeht. Mir ist leider die Form ein wenig abhanden gekommen, mir fehlen ein paar Teile, obwohl ich noch vor wenigen Wochen eine Vorführung damit bestritten und die Woche zuvor - so zur Übung - meine Freundinnen mit einer Demonstration beglückt habe. Merkwürdig. Nach mehreren Anläufen erkläre ich Guan, dass mein Hirn eine großer, weißer Raum ist - ein sehr hübscher chinesischer Ausspruch, der von Guan beifällig quittiert wird. Nachdem es mir gelungen ist, die Form zu Ende zu stolpern, hat er den einen oder anderen kleinen Hinweis für mich, angefangen bei der Eröffnungsbewegung. Es gibt viel zu tun…

Nach zweieinhalb Stunden in der prallen Sonne werden wir ins Wochenende entlassen mit der Ermahnung, unsere Zimmer aufzuräumen und zu säubern. Ich halte das zunächst für einen Scherz, werde dann allerdings schnell eines besseren belehrt. Es wird berichtet von Stubengängen mit Sauberkeitskontrolle…naja, gehört halt auch irgendwie dazu, wenn man den Daoismus ernst nimmt - jedes Ding hat seinen Platz. Glücklicherweise sind wir ja bisher nur kurz da haben noch kein Chaos verbreitet, und so machen Ramona und ich uns zu einem Spaziergang ins nahe gelegene Nanyan auf, um dort die Aussicht zu genießen und ein Schlückchen Tee zu uns zu nehmen. Zum Teekauf selbst fühlen wir uns eigentlich noch nicht gewappnet, wir sind beide nicht gerade begnadete Händler, hier fehlt Yürgen uns ein wenig. Auf dem Weg begegnet uns Guo, eine junge Frau, die früher in der Akademie gearbeitet hat und die mittlerweile ein kleines Geschäft in ihrer Heimatstadt Zhengzhou in Henan betreibt. Ich freue mich riesig, sie zu sehen und lade sie zu einem Tee am Abend ein.
Nun muss ich wohl doch Tee kaufen…

Wir kommen in der wunderschönen Tempelanlage von Nanyan an, genießen die grandiose Aussicht. Es ist ein herrlich klarer Tag, wir haben eine phantastische Sicht und begeistert machen wir Bilder von Bergen. Wie jedes Mal. Man kann sich von dieser Szenerie einfach nicht satt sehen. Es herrscht Ruhe, keine Touristen unterwegs, es sind eigentlich nur die Vögel zu hören. Und wir mit unseren Begeisterungsstürmen. Was für ein herrliches Fleckchen Erde!

Die Teeverkäuferin im Tempel lädt uns geschäftig zur Teeverkostung ein, fixiert mich kurz, überschüttet mich mit einem Redeschwall aus dem ich die Worte “letztes Jahr”, “Taijiquan” und “Tee gekauft” herausfiltere, mir meinen Reim daraus mache und mit “duiduidui” - “jajaja” bestätige. Wir schlürfen uns durch die diversen Spezialitäten. Neben dem Dao-Tee - ein Grüntee mit einer Ginseng-Ummantelung, der hervorragend schmeckt (und nicht ganz billig ist) ist der Ganlun-Tee mein Favorit. Dies ist ein Wildtee, der extrem bitter schmeckt. Nach dem Genuss merkt man aber auf einmal, wie die amoklaufenden Geschmacksnerven regelrechte Süße im Mund fabrizieren. Ich liebe diesen Tee, besonders wenn ich etwas streng schmeckendes gegessen habe. Leider ist der richtig teuer und wird von mir auch nur sehr sparsam eingesetzt. Nachdem wir beide nun entschieden haben, welche Tees uns begleiten sollen kommt der unschöne Teil: die Preisverhandlung. Dass wir die Mondpreise nicht bezahlen ist klar, aber wie weit können wir gehen….am Ende zahle ich für 3 Dosen Dao-Tee und eine Dose Ganlun-Tee 480 Yuan und bin damit eigentlich recht zufrieden. Ramona hat sich zwischenzeitlich in ein Bild verliebt, wir betrachten es uns näher: auf Seide gemalte Pfirsiche - auch wieder ein Symbol für langes Leben - wirklich sehr schön. Mittlerweile sind wir ja gute Freunde, die Verkäuferin ruft kurz den Manager an und räumt Ramona ein ordentlichen Rabatt ein. Beschwingt machen wir uns auf den Heimweg.

Nachdem Abendessen kommt Guo wie verabredet. Ich biete ihr Tee und - mehr oder weniger spaßeshalber - Bier an. Zu meiner Verblüffung wählt sie Bier. Damit haben wir nun gar nicht gerechnet, glücklicherweise haben wir aber zwei Flaschen bei Frau Qu kalt stellen lassen und ich habe auch noch eine Flasche, allerdings natürlich nur warm. Trotzdem wird jetzt erstmal Tee getrunken, schließlich haben wir das Zeug extra gekauft! Nach dem Anstandstee wird dann aber stilvoll aus Plastikbechern und Teetassen Bier gebechert und wir haben einen sehr lustigen Abend.

Gottseidank ist morgen “Wudang-Sonntag”…

Kommentare:

  1. dem Chinaunkundigen und den Beutelteetrinkern sei hierzu etwas erklärt: Lilo redet hier von gutem Tee. Es handelt sich bei dem Dao Tee um wirklich sehr guten Tee. Der Preis von 120 Yuan die Dose (ca. 100 gr) entspricht ungefähr 12 Euro. Das mag viel erscheinen, aber es ist bei diesen Tees wie mit gutem Wein. Allerdings halte ich das dennoch für übertrieben viel. 80 Yuan wären ok.
    Tatsächlich nehmen die unsportlichen Verkäuferinnen, die mich erkennen, Reißaus und nur die Tapferen bleiben. Außerdem gibt es im Taizipo besseren Tee als im Nanyan-Tempel, und er ist insofern billiger, als mehr drin ist in der Dose. Die Halunken vom Nanyan packen den Tee in einen Plastikbeutel und stopfen den in die Dose,was noch viel Luft lässt.
    Was sie für das Bild bezahlt haben, will ich garnicht wissen und kommentieren. Die Mädels sollen doch beschwingt bleiben.

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  2. Wie so vieles im Leben ist auch dieser Tee Geschmacksache: mir persönlich schmeckt der Dao-Tee aus Nanyan besser und der Ganlung-Tee im Taizi Po scheint ein ganz anderes Gewächs zu sein. Ich war dann doch noch mal im Taizi Po und bin nicht umhin gekommen, noch etwas Dao-Tee zu erwerben. 50 Yuan. Du bist dran.

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